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„Lokales 1948-1970“: Warleberger Hof
zeigt Kiel-Fotos von Friedrich Magnussen

113/28. Februar 2014/Dan-ari

Der Bildreporter Friedrich Magnussen (1914-1987) prägte mit seinen Aufnahmen die Kieler Presselandschaft über Jahrzehnte. Sein Nachlass bietet einen Überblick über Kieler Lokalgeschichte von der schwierigen Lebenswelt in den Ruinen der Nachkriegsjahre über die Zeit des Wirtschaftswunders bis zum Umbruch der Studentenbewegung. Die Ausstellung „Lokales. 1948-1970. Der Bildreporter Friedrich Magnussen in Kiel unterwegs“, die vom 2. März bis 9. Juni im Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum Warleberger Hof zu sehen ist, gibt mit über 300 Aufnahmen Einblick in das Lebenswerk von „Fiete“ Magnussen. Darüber hinaus befasst sie sich auch mit den Problemen der Konservierung dieses umfangreichen Bildbestandes im Kieler Stadtarchiv.

Ausstellungslogo MagnussenVor 100 Jahren, am 22. Januar 1914, wurde Friedrich Magnussen in Kiel geboren. Mit 13 Jahren bekam er von seinen Eltern die erste Plattenkamera geschenkt. Magnussen begann, seine Umgebung zu fotografieren und die Aufnahmen selbst zu entwickeln. 1932 kaufte er sich seine erste Leica-Kamera. Er begann eine Lehre bei der Provinzial-Versicherung, konnte daneben 1934 erste Bilder in den Kieler Neuesten Nachrichten veröffentlichen. Auch als Soldat im Zweiten Weltkrieg hatte er stets die Kamera dabei.

Nach Kriegsende verdiente Magnussen Geld mit Privataufnahmen, doch er konnte auch Fotos in den Kieler Nachrichten und der Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung platzieren. Als sich nach der Währungsreform 1948 die Wirtschaftsverhältnisse zu normalisieren begannen, erschienen auch die Zeitungen wieder werktäglich. In Kiel teilten sich die Kieler Nachrichten und die Volkszeitung den lokalen Markt. Friedrich Magnussen arbeitete zunächst für beide Blätter freiberuflich, denn festangestellte Bildreporter gab es nicht. Ohnehin wurde mehr Wert auf den Text als auf das Bild gelegt, denn durch Verzögerungen bei den technischen Klischiervorgängen waren die Fotos in den Zeitungen nie tagesaktuell. Das ist auch der Grund dafür, dass Magnussens Bilder oft vom Zeitgeschehen unabhängige Impressionen des Stadtlebens waren, die die Lokalseite illustrierten.

Von 1952 an arbeitete Friedrich Magnussen fest für die Kieler Nachrichten, erst auf Honorarbasis, später für eine feste Pauschale. Er nahm vor allem Termine für die Lokalredaktion wahr, zeitweilig arbeitete er auch für die Sportredaktion. Einen Namen als „rasender Reporter“ machte er sich, weil er als einer der Ersten in Kiel einen Motorroller besaß und damit zu seinen Einsatzorten in der Stadt fuhr.

1977 – im Alter von 63 Jahren – gab er seine hauptberufliche Tätigkeit als Fotograf auf. Zu dieser Zeit galt der Pressefotograf „Fiete“ Magnussen in Kiel als Institution. Seine Bilder haben 25 Jahre lang die Kieler Nachrichten geprägt. Damit hat Magnussen auch das Bild bestimmt, das die Kielerinnen und Kieler sich von ihrer Stadt machten. Er verstarb 1987 im Alter von 73 Jahren. Sein Nachlass ist eine Fundgrube und ein einzigartiges Dokument der Stadtgeschichte.


Im Fokus des Bildreporters: Wirtschaft, Marine und Freizeitleben

Friedrich Magnussen wurde als Lokalreporter zum Bildchronisten des Kieler Wiederaufbaus. Sein Bildarchiv reicht bis ins Jahr der Währungsreform 1948 zurück, als die Trümmerräumung in der schwer kriegszerstörten Stadt schon erste Erfolge zeigte.

Stück für Stück belegen seine Bilder, wie das neue Kieler Stadtbild aus den Schuttbergen wuchs: Jede Grundsteinlegung, jedes Richtfest und jede Einweihung wurde in der Zeitung mit Fotos dokumentiert. Die Bilder zeigen zugleich den Stolz der wieder aufstrebenden Stadt auf die modernen Wohn- und Geschäftshäuser, die mit Hilfe des Marshallplan-Programms entstanden, und die neuen Straßenzüge, die sich zunehmend mit Autoverkehr füllten.

Der ebenfalls mit ausländischen Krediten angeschobene Wirtschaftsaufbau – zunächst getragen von der Bau- und der Ernährungswirtschaft – mündete in den 1950er Jahren in das bundesdeutsche Wirtschaftswunder mit seiner lohnintensiven Konsumgüterindustrie. In Kiel lagen die Schwerpunkte in der Elektrobranche, aber bald auch wieder im Schiffbau und dessen Zulieferindustrie.

Kiel wurde zugleich zu einer modernen Einkaufsstadt mit Ausstrahlung auf das Umland und mit der ersten Fußgängerzone Deutschlands. Friedrich Magnussen dokumentierte mit seinen Fotos die Eröffnung neuer Geschäfte, die Kunden beim Weihnachtseinkaufsbummel und beim Andrang auf die Sonderangebote beim Schlussverkauf.

Besonderes Augenmerk legte er auf die maritimen Seite Kiels mit Marine, Werften und Handelshafen. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte Deutschland zunächst entmilitarisiert werden, der Schiffbau war von Seiten der Alliierten verboten oder stark eingeschränkt. Doch mit dem Kalten Krieg wurde die Bundesrepublik wieder aufgerüstet. In Kiel wurden wieder Schiffe gebaut.

1950 wurden die Demontagen der Werften beendet und die einzig am Ort verbliebene Werft HDW erlebte in den Folgejahren ein rasantes Wachstum. 1953 gehörte sie zu den produktionsstärksten Schiffbaubetrieben der Welt und beschäftigte über 10.000 Menschen. Magnussens Bilder zeigen, wie arbeitsintensiv der Schiffbau seinerzeit war und geben Einblick in Arbeitstechnik und Arbeitsalltag.

Von 1956 an war Kiel wieder Marinestützpunkt und die „Blauen Jungs“ prägten nicht nur zur Kieler Woche das Stadtbild. Die Festwoche hatte inzwischen internationales Flair bekommen: Neben Seglern aus der ganzen Welt bekam Magnussen hochrangige Gäste aus Politik und Kultur vor die Kamera. Dass Kiel sich allmählich ein Image als moderne, weltoffene Stadt erarbeitet hatte, wird auch in der Pressefotografie deutlich.

Auch das Freizeitleben der Kieler spielte sich am oder auf dem Wasser ab. Fördefähren brachten die Ausflügler an die nahen Strände. Und wer in der Stadt die Nähe zum Wasser genießen wollte, dem bot sich an der Kiellinie der Blick über die Förde und auf die florierende Werft, die zu Magnussens beliebtestem Fotomotiv gehörte.

Einer der Nachfolger Magnussens als Pressefotograf bei den Kieler Nachrichten wurde Jan Köhler-Kaeß, der am Dienstag, 15. April, 19.30 Uhr, im Warleberger Hof über seine Berufserfahrungen berichten wird.


„Fiete“ Magnussens Nachlass: Ein Fall fürs Kieler Stadtarchiv

1988, ein Jahr nach Friedrich Magnussens Tod, verkaufte Margarete Magnussen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte den fotografischen Nachlass ihres Mannes. Diesen Bestand zu sichern, wurde zur Aufgabe des Stadtarchivs mit seinem historischen Fotoarchiv – mit etwa zwei Millionen Aufnahmen eine der größten kommunalen Fotosammlungen Deutschlands.

Gerade in Kiel ist es wichtig, historische Fotos zu sichern. Durch das massive Wachstum der Stadt um 1900, durch die Kriegszerstörung in den Jahren 1942 bis 1945 und den Wiederaufbau veränderte sich das Stadtbild ständig. Diese Veränderungen dokumentiert das Fotoarchiv des Kieler Stadtarchivs in eindrucksvoller Form.

Der Nachlass von Friedrich Magnussen ist der größte Bestand im Fotoarchiv. Sein Lebenswerk umfasst 258 Mappen voller Negativserien. Fast jeden Tag hat Magnussen einen oder mehrere Filme mit Bildern von Kiel belichtet. Nach fast 30 Berufsjahren waren über 500.000 Aufnahmen zusammen gekommen.

Diese Aufnahmen muss das Stadtarchiv für die Zukunft erhalten und für die Nutzung erschließen. Die Herausforderung ist immens: Magnussen hat seine Negative seinerzeit in handelsüblichen säurehaltigen Folien verpackt. Diese Verpackungen vergilben nicht nur, sie schädigen auch die empfindliche Fotoschicht der Negativstreifen.

Auch fehlte Magnussen im schnellen Tagesgeschäft die Zeit, seine Negative nach der Entwicklung und Fixierung sorgfältig zu wässern. Chemikalienrückstände zersetzen daher noch immer die Bildsubstanz. Die Ausstellung zeigt an verschiedenen Beispielen, wie sehr die Negativbeschichtungen inzwischen geschädigt sind und welche aufwendigen konservatorischen Maßnahmen zum Erhalt nötig sind.

Das Archiv verpackt seit 2009 Magnussens Negative konsequent in archivgerechte Folien und in säurefreie Kartons um. Es lagert die Negative seit 2012 in einer Klimakammer. Bei geringen Temperaturen und geringer Luftfeuchte kann die Zersetzung massiv verlangsamt werden, gestoppt oder gar rückgängig gemacht werden kann sie nicht.

Die einzige Möglichkeit, die Bildmotive derzeit zu erhalten, ist die Digitalisierung. Dafür werden die Negative in mühsamer Handarbeit eingescannt. Doch die Bestände des Stadtarchivs sollen auch eingesehen und von Interessierten benutzt werden können. Dem Einscannen folgt also ein aufwendiger Erschließungs- und Auswahlprozess. Es ist das Ziel, aus den 500.000 Magnussen-Negativen etwa 50.000 Scans auszuwählen, um einen repräsentativen Bildfundus bereitzustellen.

Berücksichtigt wird dabei die historische und kulturgeschichtliche Bedeutung des Motivs, die Bildästhetik, aber auch die technische Qualität und der Erhaltungszustand der Aufnahme. Die Bilddateien werden dann in eine Datenbank eingespielt, datiert, beschrieben und klassifiziert. Die Bestimmung der historischen Bildinhalte ist dabei die schwierigste Aufgabe. Oft gelingt dies nur durch einen Blick in die alten Zeitungen, in denen Magnussen seine Bilder veröffentlicht hat.

Das Digitalisierungsprojekt des Magnussen-Bestandes wird vom Stadtarchiv seit gut vier Jahren verfolgt und wird noch mehrere Jahre andauern. Der größte Teil ist jedoch inzwischen bewältigt, und so präsentiert die Ausstellung im Warleberger Hof, die von Stadtarchiv und Museum gemeinsam konzipiert und kuratiert wurde, das vorläufige Ergebnis dieser Bemühungen.

Mehr Informationen zum Thema Bildarchivierung bietet der Tag der Archive am Sonnabend, 8. März. Das Stadtarchiv im Rathaus öffnet an diesem Tag von 11 bis 17 Uhr seine Türen für interessierte Besucherinnen und Besucher. Der Tag der Archive steht in diesem Jahr unter dem Motto „Frauen im Fokus: Dokumente zur Kieler Frauengeschichte“. Gezeigt werden unter anderem auch zahlreiche Magnussen-Fotografien.

  

„Lokales. 1948-1970. Der Bildreporter Friedrich Magnussen in Kiel unterwegs“

2. März bis 9. Juni 2014; Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum Warleberger Hof, Dänische Straße 19

Eröffnung: Sonntag, 2. März, 11.30 Uhr
Öffnungszeiten: bis 14. April dienstags bis sonntags 10-17 Uhr, ab 15. April täglich 10-18 Uhr
Eintritt: 3 Euro, ermäßigt 1 Euro

Öffentliche Führungen: sonntags 11.30 Uhr (Gebühr: 1 Euro zzgl. Eintritt)
Gruppenführungen nach Vereinbarung unter Telefon 901-3488

Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum Warleberger Hof
Dänische Straße 19
24103 Kiel
Telefon 0431/901-3425
www.stadtmuseum-kiel.de
twitter @StadtmuseumKiel

  

Begleitprogramm im Warleberger Hof

Sonderführung

Sonntag, 16. März, 11.30 Uhr: Sonderführung mit dem Fotoarchivar Christoph Freitag

Vorträge mit Bildpräsentationen zu Kieler Beispielen der Pressefotografie:

Donnerstag, 27. März, 19.30 Uhr: Der Pressefotograf Hermann Nafzger und seine Aufnahmen vom Kieler Arbeitsleben 1950-1970. Vortrag von Dr. Doris Tillmann, Museumsdirektorin

Dienstag, 15. April, 19.30 Uhr: Berufserfahrungen mit der Pressefotografie. Vortrag von Jan Köhler-Kaeß, Kieler Pressefotograf

Donnerstag, 15. Mai, 19.30 Uhr: Die Pressefotografie in der Fotografiegeschichte. Vortrag von Bernd Renard, Kieler Fotograf

 

Begleitprogramm im Stadtarchiv Kiel
Rathaus, Fleethörn 9

Tag der Archive

Sonnabend, 8. März, 11 bis 17 Uhr: Frauen im Fokus: Dokumente zur Kieler Frauengeschichte (unter anderem mit vielen Magnussen-Fotografien).

Begleitend zur Ausstellung wird an diesem Tag außerdem gezeigt, wie im Stadtarchiv Fotos gesichert, archiviert und zur Benutzung aufgearbeitet werden.

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