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Ausstellung zum Marinejubiläum im Warleberger Hof
zeigt "Kiel als Marinestadt 1865-1914"

156/13. März 2015/fre-ari

„Die Marine-Station der Ostsee ist von Danzig nach Kiel zu verlegen“ – mit diesem Befehl König Wilhelms I. vom 24. März 1865 begann die moderne Geschichte der Stadt Kiel, die sich bis 1914 von einer mittleren Landstadt zu einem Industriestandort mit mehr als 200.000 Einwohnern entwickelte. Dieser Prozess bedeutete für die Stadt eine rasante und enorme Veränderung, die sich unter anderem im Zuzug zahlreicher Soldaten und Arbeiter äußerte und das bauliche Gesicht der Stadt vollständig veränderte.


 
Zum 150. Jahrestag der Verlegung der preußischen Flotte nach Kiel zeigt das Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum die Ausstellung „Kiel als Marinestadt 1865-1914. Von der preußischen Flottenstation zum Reichskriegshafen“. Sie ist vom 15. März bis zum 20. September im Warleberger Hof, Dänische Straße 19, zu sehen und wird von einer internationalen Fachtagung zur Kieler Marinegeschichte (24. bis 27. März) begleitet.

Eröffnet wird die Ausstellung am Sonntag, 15. März, 11.30 Uhr, von Kiels Stadtpräsident Hans-Werner Tovar, Dr. Doris Tillmann (Direktorin des Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseums), Professor Oliver Auge (Historisches Seminar der Christian-Albrechts-Universität) und dem Ausstellungskurator Julian Freche.

Die Ausstellung stellt die sozialen, baulichen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Marinestationierung auf Kiel und seine Bevölkerung in den Mittelpunkt. Sie zeigt, dass Kiel in einer von Bevölkerungswachstum und Industrialisierungsprozessen geprägten Zeit zu den dynamischsten Städten im Deutschen Reich gehörte.


Mittlere Landstadt in Randlage: Kiel vor der Marinestationierung

Vor 1864 gehörte Kiel zum Deutsch-Dänischen Gesamtstaat und fungierte als Transithafen für den Handel zwischen Dänemark und Norddeutschland. Infolge des Deutsch-Dänischen Krieges 1864 kam Schleswig-Holstein unter preußische und österreichische Verwaltung und Kiel drohte, eine mittlere Landstadt in Randlage zu bleiben. Mit der Verlegung der Marinestation an die Kieler Förde ergab sich eine neue Funktion für die Stadt.

Die Stationierung der Flotte erfolgte dabei vor der Annexion Schleswig-Holsteins durch das Königreich Preußen und damit zu einer Zeit, als die Stadt noch von Österreich verwaltet wurde. Für Kiel sprach, dass der Hafen natürlichen Schutz bot und der geplante neue Kanal durch Schleswig-Holstein hier seinen Endpunkt haben sollte. Bereits kurz nach der Verlegung begann die Marine, Gebäude und Grundstücke in Kiel und entlang der Förde aufzukaufen.

Die Verlegung der Flottenstation nach Kiel wurde von König Wilhelm I. am 24. März 1865 angeordnet und der Flotte eine Woche später durch den Befehlshaber der Marine, Prinz Adalbert, befohlen. Beide Dokumente sind als Reproduktionen in der Ausstellung zu sehen.


Soldaten, Werften und Kasernen

Dem einleitenden Teil der Ausstellung mit Schiffsmodellen aus der Zeit bis Ende des 19. Jahrhunderts folgt die Betrachtung der wachsenden Marine, Architektur und Bevölkerung in Kiel nach der Flottenstationierung.

In der Stadt fand sich zu dieser Zeit eine sozial gemischte Wohnbevölkerung. Im Süden und Osten Kiels lebten vor allem Arbeiter. Kasernen und Soldatenwohnungen gab es schwerpunktmäßig in Brunswik und der Wik. Bürger, Kaufleute und Professoren wohnten im Bereich der Altstadt oder den angrenzenden Stadtteilen, hochgestellte Offiziere und Bürger in Düsternbrook. Mit der Eingemeindung Brunswiks 1869 begann die Stadt, sich weiter nach Norden auszubreiten. Dort entstanden zahlreiche Kasernen und Wohnungen.

Auf dem Ostufer, das erst im 20. Jahrhundert zu Kiel kam, entwickelte sich eine rege Bautätigkeit für die Arbeiter, vor allem zwischen 1895 und 1914 entstanden dort Tausende Wohnungen. Anhand von zwei Stadtplänen zeigt die Ausstellung, wie Kiel von einem kleinen Zentrum zu einer auch flächenmäßig großen Stadt wurde, die 1910 vom Kaiser-Wilhelm-Kanal bis zur Schwentine reichte.

Schiffbau existierte in Kiel schon zuvor, nun wuchs aber eine große Industrie heran. 1867 wurde die Kaiserliche Werft als Marineetablissement in Ellerbek eingerichtet. Die Werft unterstand dem Reichsfiskus, wurde von einem Marineoffizier geleitet und war deutlich größer als die privaten Werften in Kiel. 1882 arbeiteten hier 3.500, 1910 bereits 10.000 Personen.

Die Werft wurde im Laufe der Zeit erweitert und reichte schließlich von Ellerbek/Wellingdorf bis zur Germaniawerft. Diese war als Norddeutsche Schiffbau AG gegründet worden und gehörte seit 1896 zur Friedrich Krupp AG. 1913 arbeiteten dort 7.000 Personen. Mit der Fusion der Howaldtschen Eisengießerei und der Schiffswerft Georg Howaldt entstand 1889 die drittgrößte Werft in Kiel, der 1913 insgesamt 3.900 Personen angehörten.

Der Schiffbau und die Entwicklung der Kaiserlichen Marine nach 1898 werden in der Ausstellung durch Modelle illustriert. In einem digitalen Bilderrahmen sind Fotografien von in Kiel gebauten Schiffen zu sehen.

In Folge der Marinestationierung wurde in Kiel der Neubau von Kasernen notwendig, da nicht alle Soldaten auf den Schiffen untergebracht werden konnten. Die wichtigsten und größten Kasernen entstanden in Brunswik entlang der Karlstraße (heute Gelände UKSH).

Neben den Kasernen entstanden auch eine Marineschule und eine Garnisonkirche. Die Marineschule, später erweitert um die Marineakademie, war für die Ausbildung von Seekadetten und Offizieren verantwortlich. Zunächst in der Muhliusstraße untergebracht, erhielt sie 1888 einen repräsentativen Neubau an der Förde.

Da entlang der Strandstraße (später Hindenburgufer, heute Kiellinie) nicht weiter gebaut werden konnte, kaufte die Marine Gelände in der Wik und baute dort einen neuen Stützpunkt. Die Gebäude waren dringend notwendig, da die Kaiserliche Marine durch das Flottenbauprogramm von Alfred von Tirpitz sprunghaft anwuchs. Die Anordnung der Kasernenneubauten in der Wik wird in der Ausstellung anhand der Reproduktion einer Handzeichnung aus dem Bundesarchiv-Militärarchiv illustriert.

Die Marine plante auch den Kriegsfall akribisch und die Stadt musste regelmäßig mitteilen, wo Soldaten einquartiert werden konnten. Dies bildete die Grundlage für den Einquartierungsplan, von dem im Warleberger Hof eine Version als Reproduktion zu sehen sein wird.


Matrosenanzug, Tourismus und Soldatenleben

Einen weiteren Schwerpunkt legt die Ausstellung auf das Thema Tourismus. Die Flotte war äußerst populär und ein Ausdruck nationalen Prestiges. Damit wurde auch der Reichskriegshafen Kiel als Ausflugsort beliebt. Die Begeisterung für die Flotte äußerte sich etwa in dem gesellschaftlichen Ansehen der Marineoffiziere oder daran, dass der Matrosenanzug fest in der öffentlichen Kultur verankert war.

Besonders die Schiffe selbst, aber auch der Kanal und die Werften waren für Touristen in Kiel die wichtigsten Reiseziele. Es galt, den technischen Fortschritt zu bewundern. Einige Hotels oder Ausflugslokale warben mit der besonders guten Sicht auf Flottenmanöver oder Fahrten durch den Kieler Hafen. Illustriert wird der beginnende Massentourismus in der Ausstellung anhand von Postkarten und Souvenirs mit beliebten Motiven wie dem Kieler Hafen, der Flotte oder dem Kaiser.

Die Ausstellung macht zudem deutlich, welche Folgen die Marinestationierung für die zivile Wirtschaft in Kiel hatte und wie das Leben der Marinesoldaten aussah.

Von den 211.000 Einwohnern Kiels im Jahr 1911 waren mehr als 32.000 Soldaten. Auf den Werften waren etwa 20.000 Arbeiter tätig, indirekt von den Werften abhängig waren etwa 100.000 Menschen. Die Mehrheit der Kieler war damit auf die Kaiserliche Marine angewiesen. Gleichzeitig war Kiel eine dynamische Stadt – alleine 1911 wurden 80.000 Umzüge gezählt.

Auch die Wirtschaft abseits der Werften war auf die Marine angewiesen. Größere lokale Unternehmen und eigens eingerichtete Großbetriebe der Marine versorgten die Soldaten, kleinere Betriebe die zivile Bevölkerung. Die Soldaten im Hafen, die auf den Schiffen einquartiert waren, durften die Stadt nur mit Genehmigungen betreten und waren auf Transitboote angewiesen.

An Bord selbst gab es wenige Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung. Die Mannschaften hatten jedoch auch wenig Gelegenheit für Aktivitäten, da sie stets einen hohen Ausbildungsstand halten mussten und die Schiffe instand gehalten werden sollten.

Wie der Dienst an Bord eines Schiffes aussah, wird im Warleberger Hof anhand eines Berichts von der SMS „Neptun“ beschrieben. Das Boot diente im Sommer 1902 in der Inspektion des Torpedowesens und war zu Ausbildungszwecken eingeteilt.


 
Das Offizierkorps bestand, anders als beim Heer, nicht nur aus Adeligen sondern auch aus Bürgerlichen. Die Trennung zwischen Mannschaften, Unteroffizieren und Offizieren war aber ebenfalls sehr streng. Heizer und Matrosen kamen oft aus der Arbeiterschicht, Kleinbürger stellten die Unteroffiziere, Großbürgertum und Adelige die höheren Offiziersränge. Die meisten Soldaten waren Wehrdienstleistende. Anhand von authentischen Kleidungsstücken wird in der Ausstellung illustriert, wie die persönliche Ausstattung der Soldaten aussah.

Die Freizeitgestaltung in der Stadt wird ebenfalls aufgegriffen, dabei dient eine Biergartenszene als Aufhänger. In Kiel wurden zahlreiche Kneipen eröffnet – besonders in Gaarden-Ost entstanden viele Lokale, vor allem entlang des Heimwegs der Werftarbeiter.

Auch in der Innenstadt und in der Wik gab es viele Kneipen, aber auch Bordelle, die zumindest geduldet wurden. Allerdings waren Geschlechtskrankheiten ein großes Problem für die Einsatzfähigkeit der betroffenen Soldaten und deshalb wurde versucht, zumindest die Straßenprostitution einzudämmen. Der große Anteil von jungen Soldaten und Arbeitern führte wohl auch zu Streitigkeiten zwischen diesen Gruppen, etwa um die Gunst junger Frauen oder aufgrund von Alkoholkonsum. Hieraus ein gestörtes Verhältnis zwischen Soldaten und Zivilisten abzuleiten, ginge aber zu weit, da es solche Streitigkeiten auch in anderen Städten gab.


Stadt gegen Marine

Besonders für Kiel war hingegen der Streit zwischen der Stadt und der Marine auf politischer Ebene. Die Marineleitung kümmerte sich nicht um die Belange der Stadt und der Magistrat sah sich dadurch zurückgesetzt.

Zwar waren die vielen positiven Effekte der Marinestationierung nicht zu übersehen – immerhin kam es zu einem starken Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum – aber es gab auch negative Folgen. Der Handelshafen etwa konnte nicht mehr erweitert werden, weil die Marine die meisten Gebiete kontrollierte. Außerdem mussten die Fischer auf dem Ostufer den Werften weichen. Auch kam es der Marineleitung nicht in den Sinn, bei der Umgestaltung des Hafens mit der Stadt zusammenzuarbeiten.

Der Wiker Hafenprozess war Ausdruck dieses Missverhältnisses. Kiel wollte in diesem die Kontrolle über die Förde zurückerlangen. Dies scheiterte aber: Die Interessen des Militärs wurden höher bewertet als die der Stadt. Der Magistrat wiederum weigerte sich, der Marine zuzuarbeiten und führte beispielsweise die Einquartierungslisten jahrelang nur ungenügend, was sich bei Kriegsausbruch 1914 negativ auswirkte.

Diese Aspekte werden in der Ausstellung ebenso betrachtet wie der hohe gesellschaftliche Rang des Militärs im Deutschen Reich. Reservisten wurden hoch geachtet, diese standen in der sozialen Hierarchie stets über den Nichtgedienten. Dies zeigt sich auch in einer großen Zahl von Reservistika und Memoralia. Vor allem Fotografen wie Wilhelm Schäfer profitierten davon, dass die meisten Soldaten Erinnerungen an ihre Dienstzeit haben wollten und dabei auf Fotos und Souvenirs zurückgriffen.

Die Ausstellung „Kiel als Marinestadt 1865-1914. Von der preußischen Flottenstation zum Reichskriegshafen“ wurde von dem Historiker Julian Freche kuratiert und entstand in Zusammenarbeit mit dem Historischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität.

Zu den weiteren Veranstaltungen anlässlich des Marinejubiläums gehört die internationale Fachtagung „Kiel und die Marine 1865-2015. 150 Jahre gemeinsame Geschichte“ vom 24. bis 27. März. Diese beschäftigt sich intensiv mit den militärischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Auswirkungen der Marinestationierung. Organisiert wird die Tagung von der Professur für Regionalgeschichte an der Christian-Albrechts-Universität, dem Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum, dem Deutschen Marinebund sowie dem Stadtarchiv Kiel.


 

Kiel als Marinestadt 1865-1914
Von der preußischen Flottenstation zum Reichskriegshafen

15. März bis 20. September
Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum Warleberger Hof
Dänische Straße 19
24103 Kiel
Telefon 0431/901-3425
www.stadtmuseum-kiel.de
twitter@StadtmuseumKiel


Ausstellungseröffnung:

15. März, 11.30 Uhr.

Es sprechen:
Stadtpräsident Hans-Werner Tovar, Dr. Doris Tillmann (Direktorin des Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseums), Professor Oliver Auge (Historisches Seminar der Christian-Albrechts-Universität) und Ausstellungskurator Julian Freche

 
Öffnungszeiten:

15. März bis 14. April: dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr
vom 15. April an: täglich 10 bis 18 Uhr

Eintritt: 3 Euro, ermäßigt 1 Euro

Öffentliche Führungen: sonntags 15.30 Uhr
Gruppenführungen nach Vereinbarung unter Telefon (0431) 901-3488


Begleitprogramm:

Historischer Rundgang zu wichtigen Schauplätzen der Kieler Marinegeschichte
Auf den Spuren der Marine in Kiel
mit Ernst Mühlenbrink

Die Museumstour beginnt im Stadtmuseum Warleberger Hof mit einer Kurzführung durch die Ausstellung „Kiel als Marinestadt 1865-1914“, streift die Fischhalle mit Schifffahrtsmuseum und führt entlang der Kieler Förde – vorbei an der „Seeburg“ und der „Villa Rudolf Karstadt“ - bis zur ehemaligen Marineakademie (Landtag), wo die Tour endet.

Termine:

Donnerstag, 30. April; Donnerstag, 28. Mai; Donnerstag, 9. Juli; Donnerstag, 20. August; jeweils 16.30 Uhr

Treffpunkt: Stadtmuseum Warleberger Hof, Dänische Straße 19
Dauer: circa zwei Stunden
Kosten: Sechs Euro pro Person


Internationale Fachtagung
„Kiel und die Marine 1865-2015. 150 Jahre gemeinsame Geschichte“

24. bis 27. März 2015

Anmeldungen (bis 22. März) unter Telefon (0431) 901-3426 oder per Mail unter Stadt-undSchifffahrtsmuseum@kiel.de

Die Tagungsgebühr beträgt 20 Euro, Studierende haben freien Eintritt. Die Teilnahme an der Exkursion in Kiel und nach Laboe kostet 20 Euro inklusive Transfer- und Verpflegungskosten.

Die Teilnahmegebühren sind vor Ort zu entrichten.

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