Landeshauptstadt Kiel Kiel.Sailing.City

Kieler Erinnerungstag: 1. Oktober 1954

Am 1. Oktober 1954 verstarb Andreas Gayk - der bedeutendste Kieler Oberbürgermeister der Nachkriegszeit

Zurück zur Liste

Am 1. Oktober 1954 verstarb Andreas Gayk - der bedeutendste Kieler Oberbürgermeister der Nachkriegszeit

Gayk – ein Kieler

Andreas Gayk ist auch heute noch, 50 Jahre nach seinem Tode, für viele Kieler und Schleswig-Holsteiner ein Begriff. Mit seiner Person verbindet sich der Wiederaufbau Kiels nach 1945.

Kiel war die Heimatstadt von Andreas Gayk. In Gaarden wurde er am 11. Oktober 1893 geboren. Sein Vater war als Tischler auf der Werft tätig und Mitglied der SPD. Nach der Volksschule kam Gayk zunächst in die kaufmännische Lehre beim Konsum, aber die Tätigkeit sagte ihm wenig zu. Er wechselte zum Journalismus und wurde Redakteur bei der sozialdemokratischen Parteizeitung in Lüdenscheid.

Jugendbild
Jugendbild

Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges mußte auch Gayk an die Front. Bis 1918 kämpfte er in Galizien und Frankreich. Heimgekehrt arbeitete er in Kiel für die sozialdemokratische Volks-Zeitung, deren Lokalredakteur er 1926 wurde.

Einige Jahre war er auch Stadtverordneter. Nach dem Verbot der Volks-Zeitung im Februar 1933 wurde Gayk vorübergehend verhaftet. Er tauchte in Berlin unter. Hier gab er bis zum Mai 1935 die Zeitschrift „Blick in die Zeit“ heraus, in der durch geschicktes Zusammenstellen ausländischer und deutscher Presseberichte die Lügen, Phrasen und die Gefährlichkeit der nationalsozialistischen Politik aufgedeckt wurde. „Blick in die Zeit“ wurde das bedeutendste Berliner Oppositionsblatt mit einer Auflage von 120 000 Exemplaren in der Woche.

Titelseite
Titelseite

Nach dem Verbot der Zeitschrift schlug sich Gayk als pharmazeutischer Vertreter durch, dann wurde er 1943 zur Berliner Hilfspolizei eingezogen. Kurz vor der Eroberung Berlins gelang es ihm, nach Eiderstedt zu kommen und wenige Wochen nach Kriegsende wieder in Kiel zu sein.

Schon Anfang August 1945 gehörte Gayk zu den führenden Sozialdemokraten auf Orts- und Bezirksebene. Er wurde 1945 Mitglied der Kieler Stadtvertretung, die von der britischen Militärregierung ernannt worden war, dann Stadtrat, im Februar 1946 zum Kieler Bürgermeister, im Oktober zum ehrenamtlichen und 1950 zum hauptamtlichen Oberbürgermeister gewählt. Gleichzeitig war Gayk Mitglied des schleswig-holsteinischen Landtages, von 1947-1950 Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion und bis Oktober 1950 auch Oppositionsführer. Hinzu kam der Vorsitz der sozialdemokratischen Bezirksorganisation im Land Schleswig-Holstein und die Mitgliedschaft im Parlamentarischen Rat, der das Grundgesetz ausarbeitete.

Andreas Gayk war also ein über Kiel hinaus bedeutender SPD-Politiker. Sein größtes Verdienst aber war sein Engagement für den Wiederaufbau seiner Heimatstadt. Anfang des Jahres 1946 schrieb er an die englische Besatzungsmacht: „Mein Leben hätte keinen Sinn mehr, wenn ich es nicht für überpersönliche Aufgaben einsetzen könnte. So habe ich mich denn in die Reihe derer gestellt, die den verzweifelten Versuch machen wollen, die Stadt Kiel wieder aufzubauen.“

Kiel bei Kriegsende

Kiel, die Stadt der Marine und Rüstungsindustrie, war im Zweiten Weltkrieg besonderes Ziel der alliierten Luftangriffe gewesen. 80% der Stadt waren zerstört, darunter Kirchen, Schulen, die Universität, das Theater, zahlreiche Verwaltungsgebäude und Versorgungseinrichtungen. Ganze Stadtteile lagen in Schutt und Asche, etwa 50% der gesamten Industrie waren vernichtet oder sehr stark beschädigt. Außerdem lebten in der Stadt Tausende Flüchtlinge, die unter erbärmlichen Umständen in Baracken und Lagern hausten. Dazu kamen die Demontagepläne der britischen Besatzungsmacht.

„Kiel ist keine sterbende, Kiel ist eine kämpfende Stadt“

So rief Andreas Gayk in einer Rede im Mai 1946, kurz nach seinem Einzug ins Rathaus, den Kielern zu. Mit Mut, Engagement, Tatkraft und einem unbändigen Willen zum Wiederaufbau packte er die große Fülle der Aufgaben in Kiel an.

Protestmarsch gegen Demontagen
Protestmarsch gegen Demontagen

Gayk wehrte sich mit Leidenschaft gegen die Demontagepläne der Engländer. Unzerstörte Maschinen sollten abgebaut, Produktionsanlagen und Kaiflächen gesprengt werden, um Rüstungspotential zu vernichten. Gayk erklärte, dass diese Absichten katastrophale Auswirkungen für Kiel hätten und das noch Vorhandene für den Aufbau einer Friedensindustrie genutzt werden müsse. Er rief die Bevölkerung zu großen öffentlichen Kundgebungen gegen die Politik der Zerstörung auf. In zähen Verhandlungen konnte die Stadt immerhin erreichen, dass 18 Gebäude und 915 m Kaifläche aus dem Demontageplan herausgenommen wurden.

Gayk setzte sich dafür ein, dass die Stadt wirtschaftlich wieder lebensfähig wurde. Als neue Landeshauptstadt, als neuer Seefischereihafen und wieder als Universitätsstadt hatte Kiel eine Zukunftsmöglichkeit. Außerdem erfuhr die Wirtschaft eine Umstrukturierung. Die einseitige Ausrichtung auf Großwerften und Marine wurde zugunsten einer Friedenswirtschaft ersetzt. Neue Industriebetriebe - Maschinenindustrie, feinmechanische- und elektromechanische Betriebe und Textilindustrie – konnten angesiedelt und die Zahl der Arbeitslosen allmählich gesenkt werden.

„Bürger bauen eine neue Stadt“

Am meisten jedoch verbinden die Kieler mit dem Namen Andreas Gayk den Wiederaufbau ihrer Stadt. Er rief die Bürger zur freiwilligen, ehrenamtlichen Trümmerräumung an Sonn- und Feiertagen auf. Kiel galt bald als eine der am besten aufgeräumten Städte in Deutschland. Die von Trümmern befreiten Grundstücke wurden als Gemeinschaftsaufgabe der Kieler mit Bäumen und Büschen bepflanzt, wozu Gayk in mitreißenden Reden Jung und Alt aufforderte. Durch die Begrünung sollte die deprimierende Wirkung der öden Flächen gemildert, der aus den Ruinenfeldern wehende Kalkstaub wirksam bekämpft und die Flächen für den Wiederaufbau freigehalten werden. Die „Gayk-Wäldchen“ symbolisierten das neue Leben in Kiel. Aber auch beim Wiederaufbau zeigten die Kieler viel Privatinitiative. Kurz vor seinem Tod im Jahre 1954 verfügte Gayk in seinem kommunalpolitischen Testament, dass den Bürgern der Stadt für ihre Aufbauleistungen in einem Wandrelief im Flur des Rathauses ein Denkmal gesetzt werden sollte.

Neubauten
Neubauten

Schon 1946 verabschiedete die Stadtvertretung einen Generalbebauungsplan, der auf Ideen beruhte, die der Stadtbaurat Herbert Jensen schon in den 30er und 40er Jahren entworfen hatte. Die Stadt sollte schöner werden als sie vorher gewesen war.

Die Innenstadt wurde zur Verwaltungs- und Geschäftsstadt umgestaltet, der Verkehr um sie herum geleitet, die Holstenstraße 1953 zur reinen Fußgängerzone ausgebaut. Insgesamt realisierten die Planer durch Straßenführung und Bebauung eine neue Gliederung der Stadt, wobei der Blick auf die Förde das Charakteristikum sein sollte. Außerdem wurden um die Innenstadt herum zwischen den einzelnen Stadtteilen viele Grünanlagen geschaffen. Kiel entwickelte sich nach dem Willen ihrer Bürger, des Oberbürgermeisters und der Stadtplaner zu einer hellen, modernen Stadt.

Andreas Gayk – Schöpfer der neuen „Kieler Woche“

Auf Gayks Initiative ist zurückzuführen, dass die „Kieler Woche“ wieder stattfand. Zunächst wurde 1947 die „Septemberwoche“ als eine Woche der Kultur mit Kunstausstellungen, Theateraufführungen und Vorträgen veranstaltet, 1948 im Juni eine Segelregatta vom Kieler Yachtclub und im September die „Septemberwoche“ ausgerichtet.

Programm 1949
Programm 1949

1949 fand dann eine gemeinsame, neue „Kieler Woche“ statt, deren Schöpfer Andreas Gayk war. Die „Kieler Woche“ sollte nicht nur eine Segelregatta sein, sondern den Schwerpunkt auch auf Kultur und Politik setzen und zur Völkerverständigung beitragen. „Jede einzelne Veranstaltung und damit die Woche als Gesamtheit sollen dazu dienen, den Aufbau unserer Stadt mit dem Gedanken der Völkerversöhnung und der Völkerverständigung zu verknüpfen“ (Gayk). In die „Kieler Woche“ wurde von Anfang an die Bevölkerung einbezogen. Sie konnte an Veranstaltungen teilnehmen, das „Fest auf grünem Rasen“ feiern und das Feuerwerk zum Abschluss der Woche bewundern. So ist die „Kieler Woche“ seit 1949 bis heute ein Fest des Gemeinsinns, der Sport, Kultur und Politik vereint.

„Gesellschaft der Freunde Coventrys“

Der Gedanke der Völkerversöhnung war für Andreas Gayk ein großes Anliegen. Um die Jahreswende 1946/47 erschien sein Presseartikel „Gruß an Coventry“, in dem er aufforderte, das berüchtigte Goebbelsche Schandwort vom „Coventrieren der englischen Städte“ in sein Gegenteil zu verwandeln und die „Gesellschaft der Freunde Coventrys“ zu gründen. Eine Verständigung von Mensch zu Mensch, ein gegenseitiges Kennenlernen und Verstehen sollte einen dauerhaften Frieden vorbereiten. Zwei zeitlich zusammenfallende Begebenheiten waren es, die Gayk zur Gründung der „Gesellschaft der Freunde Coventrys“ anregten. Einerseits war es die Tatsache, dass anläßlich des Abschieds von Mister Williams bekannt wurde, dass er, der Bauoffizier der Militärregierung für Kiel war und großes Verständnis für den Aufbau der Stadt hatte, in Coventry wohnte. Zum anderen war es die gleichzeitig über den Rundfunk gehende Meldung, dass Kinder der Stadt Coventry Schokolade für deutsche Kinder gesammelt hätten.

Am 2. April 1947 fand die konstituierende Versammlung der Gesellschaft im Gewerkschaftshaus statt, an der Vertreter der Landesregierung, der Stadtverwaltung, der Universität, der Kieler Schulen, der Parteien, der Gewerkschaften, der Wirtschaft, der Geistlichkeit, der Jugendverbände und englische Gäste teilnahmen. Die Freundschaft mit der Stadt Coventry, die von deutschen Bombenflugzeugen zerstört worden war, sollte zum Symbol einer geistigen und moralischen Erneuerung werden, die innere Umkehr des deutschen Volkes versinnbildlichen. Gayk betonte in seiner Rede am 2. April 1947: „Ich wollte Ihnen zeigen, dass auch das Gute eine Macht in der Welt ist, und dass nicht nur brutale Gewalt das Antlitz und die Seele des Menschen zu verändern vermögen. Aber ich wollte Ihnen gleichzeitig sagen, dass wir uns unausgesetzt gegen die Kraft der barbarischen Instinkte zu wehren haben.“

Gayk - der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Obwohl Gayk auf Landes- und auch Bundesebene, er war seit 1946 im Bundesvorstand der SPD, eine entscheidende Rolle spielte, lehnte er es ab, Ministerpräsident in Schleswig-Holstein oder zweiter Vorsitzender der Bundes-SPD nach dem Tod von Kurt Schumacher zu werden. Er war der geborene Kommunalpolitiker, deshalb blieb er Kiel treu und widmete sich mit Rastlosigkeit und unermüdlicher Hingabe den vielfältigen Aufgaben der Stadt nach dem Krieg. „Andreas Gayk war der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, urteilte sein Amtsnachfolger, der Oberbürgermeister Dr. Hans Müthling.

Christa Geckeler

Literatur:

Bürger bauen eine neue Stadt, Kiel. Hrsg. vom Magistrat der Stadt Kiel, o. J.

Jensen, Jürgen: Kieler Zeitgeschichte im Pressefoto. Die 40er/50er Jahre auf Bildern von Friedrich Magnussen, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 16, Neumünster 1984

Jensen, Jürgen und Karl Rickers (Hrsg.): Andreas Gayk und seine Zeit. 1893-1954. Erinnerungen an den Kieler Oberbürgermeister, Neumünster 1974

Martens, Holger: Zur Rolle von Andreas Gayk in der Kommunal- und Landespolitik 1945-1954, Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 79, Kiel 1999

Weitere Dokumente im Stadtarchiv u. a. in den Beständen "Büro des Oberbürgermeisters" und "Stadtplanungsamt"

Weitere Infos:


Nach oben