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Kieler Erinnerungstag: 28. August 1972

Eröffnung der olympischen Segelwettbewerbe in Kiel

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Eröffnung der olympischen Segelwettbewerbe in Kiel

Nachdem Kiel schon 1936 Austragungsort der olympischen Segelwettbewerbe gewesen war, fanden hier 1972 zum zweiten Mal die olympischen Segelregatten statt.


Kiel und Lübeck als Konkurrenten
Kiel bewarb sich 1965 beim Nationalen Olympischen Komitee (NOK) um die Austragung der olympischen Segelwettbewerbe für den Fall, dass die Olympischen Spiele in einer deutschen Stadt stattfinden würden. Im April 1966 vergab das Internationale Olympische Komitee (IOC) die XX. Olympischen Sommerspiele nach München. Aber fast ein Jahr dauerte es, bis der Austragungsort für die Segelregatten entschieden war. Denn auch Lübeck-Travemünde als ernst zu nehmender Konkurrent hatte sich neben Kiel für die Segelolympiade beworben.
Für Travemünde sprach, dass bereits eine Infrastruktur vorhanden war, in Kiel-Schilksee aber außer dem Hafen alles neu gebaut werden musste. Hinzu kam, dass Travemünde historisch unbelastet war im Gegensatz zu Kiel, wo die Olympischen Spiel 1936 mit großem Propagandaaufwand veranstaltet worden waren. Negativ für Lübeck wirkte sich dagegen die Randlage zur DDR-Grenze aus. Der Einsatz der Marine, die zur Organisation der Segelwettbewerbe als notwendig angesehen wurde, war daher riskant. Außerdem ging man davon aus, dass Kiel mit jahrzehntelanger Erfahrung bei der Ausrichtung der „Kieler Woche“ auch die olympischen Segelregatten gut organisieren konnte. Daher entschied sich die Vollversammlung des Organisationskomitee am 18. März 1967 mit deutlicher Mehrheit (15 : 6), dass Kiel der Austragungsort der Segelwettbewerbe sein sollte.


Olympiazentrum Schilksee
Nicht der Olypiahafen von 1936 am Hindenburgufer sollte Mittelpunkt der Segelregatten werden, sondern Schilksee, wo 1968 bis 1972 auf dem ehemaligen Gelände eines Marinedepots das Olympiazentrum entstand.

Ein 465 Meter langer gestaffelter Betonbau ist der Kern der Anlage. Im Sockelgeschoss befinden sich die Bootshallen, eine Schwimmhalle, Räume für die Verwaltung und die Presse. Darüber liegt die Promenade mit Geschäften und Restaurants. Nach oben schließen sich über drei Stockwerke 4oo terrassierte Appartements an. Ergänzt wurden diese Unterkünfte für die Sportler durch Wohnungen in zwei Hochhäusern südlich davon, ebenso durch eine kleine Siedlung von 32 Flachdachbungalows. Auf der nördlich Seite des lang gestreckten Betonbaus entstand mit 11 Geschossen und 500 Betten für die Sportfunktionäre ein Hotel und ein Freizeitzentrum. Finanziert wurde die gesamte Anlage durch mehrere Wohnungsbaugesellschaften, die nach 1972 versuchten, Wohnungen und Häuser zu verkaufen.

Olympiazentrum
Olympiazentrum


Der Schilkseer Hafen, der von 1962 bis 1966 ausgebaut worden war, musste in seiner Größe verdoppelt werden, um genügend Liegeplätze für die Segler anzubieten. Für den Ansturm der Besucherboote wurden in den Yachthäfen Düsternbrook, Strande, Wik, Laboe und Möltenort noch zusätzlich 600 Liegeplätze geschaffen.


Jahrhundertchance für Kiel
Im Abschlussbericht der Kieler Ratsversammlung vom 28. September 1972, vorgelegt von Oberbürgermeister Günther Bantzer und Bürgermeister Hans-Joachim Barow, heißt es: „Die Hauptaufgabe der Stadt war die Schaffung der baulichen Voraussetzungen für die Durchführung der Segelwettbewerbe. Gerade hierin lag der eigentliche kommunalwirtschaftliche Impuls, sich für die Ausrichtung der Olympischen Segelwettbewerbe zu bewerben. Die Investitionen sind - das scheint mir entscheidend zu sein - von bleibendem Wert.“
Kiel bekam den ZOB, die Bühnen ein vollständig wiederhergestelltes Opernhaus mit dem Kubusanbau für Proben und Werkstätten. Der Alte Markt wurde neu gestaltet, ebenso die Kiellinie vom Yachthafen Düsternbrook bis zum Oslokai als Uferpromenade. Auch der Ausbau des internationalen Jugendlagers Falckenstein mit dem Gemeinschaftshaus gehörte zu den Maßnahmen im Rahmen der Vorbereitungen auf die olympischen Segelwettbewerbe.

Wichtig für die Verbesserung der Infrastruktur Kiels wurde der Ausbau der Verkehrswege. Als letzte Landeshauptstadt der Bundesrepublik bekam die Stadt endlich Anschluss an das Autobahnnetz. Von Hamburg wurde die Autobahn nach Flensburg verlängert mit einer Abzweigung bei Bordesholm nach Kiel. Pünktlich zu den Olympischen Spielen wurde das Autobahnteilstück am 4. August 1972 eingeweiht. Als ein großes Nadelöhr von der Kieler Innenstadt nach Schilksee erwies sich schon seit langem die Holtenauer Hochbrücke. Eine zweite Hochbrücke mit einem umfangreichen Rampennetz entstand. Auch die B 503, die Fördestraße und der Barkauer Kreisel existieren erst seit 1972.

Für Oberbürgermeister Bantzer war klar: „Kiel hat seine Jahrhundertchance wahrgenommen.“

Olympische Flamme in Schilksee
Olympische Flamme in Schilksee

Investitionen von bleibendem Wert waren für die künftige Entwicklung der Stadt von entscheidender Bedeutung. Auch Bürgermeister Barow war der Meinung, dass die Bewerbung für die olympischen Segelregatten „im buchstäblichen Sinne goldrichtig“ gewesen sei. Denn Kiel hatte nicht alles allein finanzieren müssen. Die Sportanlagen in Schilksee und Umgebung hatten 82, 2 Mio. DM gekostet, die sich Bund, Land und Stadt im Verhältnis 50 : 25 : 25 teilten. Durch den Verkauf von Olympia -Sondermünzen und die Olympia Lotterie reduzierte sich der Kieler Anteil auf 2,2 Mio. DM. Auch an den Ausbaukosten für das Theater und den Rathausplatz beteiligten sich Bund und Land je zu einem Drittel. Kiel hatte von den 12,8 Mio. DM nur 4,3 Mio. DM zu tragen. 110 Mio. DM gab der Bund für den Autobahnanschluss, die neue Hochbrücke und den Ausbau der B 503.


Segelwettbewerbe auf der Außenförde
Am 26. August wurden die XX. Olympischen Spiele in München eröffnet. Einen Tag später entzündete der Mittelstreckenläufer Wulf Kock von der „KSV Holstein“ in Anwesenheit von
40 000 Zuschauern auf dem Rathausplatz das olympische Feuer.

Olympiahafen
Olympiahafen

Am nächsten Tag, dem 28. August, begann die Eröffnungsfeier der olympischen Segelwettbewerbe in Schilksee. Persönlichkeiten aus Politik, Kultur, Sport und Wirtschaft aus dem Lande, der gesamten Bundesrepublik und Gäste aus dem Ausland sind anwesend. Dabei sind auch Avery Brundage, der Präsident des IOC, Willi Daume, Präsident den NOK, Berthold Beitz, der Vorsitzende des „Ausschusses für olympische Segelwettbewerbe“, und Otto Schlenska, der Wettfahrtleiter.

Segler aus 42 Nationen marschieren mit ihren Fahnen ein, voran Griechenland, zum Schluss die Bundesrepublik Deutschland. Willi Daume und Avery Brundage sprechen zu den Gästen und Sportlern. Acht Segler bringen die olympische Fahne, die von Marinesoldaten gehisst wird. Inzwischen haben elf Läufer das olympische Feuer vom Rathausplatz nach Schilksee gebracht. Der Segler Philipp Lubinus entzündet mit seiner Fackel den Feuerkranz. Von den im Hafen liegenden Schiffen ertönen die Typhone, Feuerlöschboote schleudern Wasserfontänen in die Luft, Fallschirmspringer zeichnen mit farbigen Rauchwolken die olympischen Ringe an den Himmel.

Am folgenden Tag begannen die Regatten der 318 Segler, die in sechs Bootsklassen antraten. Das für Kiel untypische Wetter wurde für die Sportler zum Problem. Nur an wenigen Tage herrschte Wind, meist wehte er nur schwach. Am siebten Tag gab es Flaute, dazu Dunst und Nebel, so dass Wettfahrten abgebrochen werden mussten.

Die bundesdeutschen Segler konnten insgesamt nur wenig Medaillen erringen. Willi Kuhweide und Karsten Meyer erreichten Bronze im Starboot, Uli Libor und Peter Naumann im Flying-Dutchman. Die Segler der DDR holten eine Silbermedaille in der Drachenbootklasse. Gold gewannen die Crews aus Frankreich, den USA, der Sowjetunion. Am erfolgreichsten war Australien mit zwei Goldmedaillen.


„Heitere Spiele“?
Die XX. Olymischen Spiele standen unter dem Motto der „heiteren Spiele“. Aber die so fröhlich begonnenen Wettkämpfe wurden überschattet. Am 5. September überfiel eine palästinensische Terrorgruppe im olympischen Dorf in München die israelische Mannschaft. Bei dem Attentat und dem Befreiungsversuch kamen elf israelische Sportler, ein deutscher Polizist und fünf palästinensische Terroristen ums Leben. Sämtliche Wettkämpfe wurden abgesagt und am 6. September in einer schlichten Feier, auch in Schilksee, der Opfer des Attentats gedacht. Dadurch verschob sich der Ablauf der Wettkämpfe bis zum 8. September. An diesen Tag fand eine einfache Abschlussfeier in Schilksee in Anwesenheit des IOC-Präsidenten statt ohne Pop- und Show-Nummern.


Sailing City
Die olympischen Segelregatten 1972 in Kiel begründeten Kiels Ruf als „Weltstadt des Segelns“. Die hervorragende Wettfahrt-Organisation ließ unter den Seglern das Motto entstehen: “Do it like in Kiel“. Wie sehr die Stadt mit dem Segeln verbunden ist, zeigt der 2001 geprägte Begriff: „Kiel. Sailing City“, mit dem die Stadt im Bereich des Segelsports und des Tourismus wirbt und versucht, das Segeln in breiten Bevölkerungskreisen, vor allem unter Jugendlichen, zu fördern.

Trotz der Reklame für Kiel als Stadt des Segelns favorisierte das NOK bei der Olympiabewerbung Leipzigs für die Olympischen Spiele im Jahre 2012 Rostock- Warnemünde als Ort der Segelregatten. Aber das IOC entschied schon 2004 bei der Vorauswahl gegen Deutschland. Sieger ist Großbritannien, wo 2012 die Olympischen Sommerspiele zum dritten Mal stattfinden.


Christa Geckeler


Literatur
Abschlussbericht von Oberbürgermeister Günther Bantzer und Bürgermeister Hans-Joachim Barow zu den olympischen Segelwettbewerben in Kiel in der Ratsversammlung am 28. September 1972, Pressedienst der Landeshauptstadt Kiel, 633/28. Aug. 2002/GM-ds, Stadtarchiv Kiel
Danker Uwe: „Großkampftag auf der Kieler Förde“. Olympische Segelwettbewerbe in Kiel 1936 und 1972, in: Ders.: Die Jahrhundert-Story, Band 3, Flensburg 1999, S. 128-147
Fleischhauer, Carsten: Die Olympischen Spiele 1972, in: Carsten Fleischhauer und Guntram Turkowski: (Hg.): Schleswig-holsteinische Erinnerungsorte, Heide 2006, S. 114-119
Sievert, Hedwig: Kieler Ereignisse in Bild und Wort, Kiel 1973, Nr. 94, 95 und Nr. 100-107
Zeitungen
Kieler Nachrichten vom 20. Juni 1966, vom 9. September 1972, vom 26. und 27. August 1997


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