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Kieler Erinnerungstag: 4. Mai 1945

Vor 60 Jahren - im Mai 1945 Kriegsende und Besetzung Kiels durch die Briten

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Vor 60 Jahren - im Mai 1945 Kriegsende und Besetzung Kiels durch die Briten

Kiel – die Stadt der Trümmer

Der Zweite Weltkrieg, der von Deutschland 1939 entfesselt worden war, endete am 8. Mai 1945 in der totalen Niederlage des Deutschen Reiches.

Kiel, die Stadt der Marine und der Werften, wurde durch den Krieg besonders schwer betroffen. Luftangriffe waren die ständige Bedrohung der Bewohner. Die ersten Bombenabwürfe fanden am 2. Juli 1940 statt. Von 1943 an steigerten sich die Luftangriffe und nahmen an Dauer und Intensität zu. Die Angriffe am 14. Mai und 13. Dezember waren die schwersten des Jahres mit etwa 500 Toten und großen Zerstörungen in der Innenstadt. Wohl der schlimmste des Zweiten Weltkrieges überhaupt war für Kiel der Nachtangriff am 26. August 1944.

Detlef Boelck, der Alarmposten auf dem Kieler Rathausturm notierte in seinem Tagebuch:

„Ich war im Rathaus, als circa 800 Bomber einen schweren Nachtangriff auf Kiel unternahmen. Dieser Angriff brachte besonders schweren Sachschaden durch die vielen Brandbomben, die, durch den Wind begünstigt, verheerende Brände verursachten. Es wurden rund 1000 Spreng- und 100 000 Brandbomben sowie 300 Luftminen abgeworfen.

Der Bombenabwurf dauerte ungefähr von 22.55 bis 23.20 Uhr. Nach der Entwarnung bot die Stadt ein schauriges Bild. Der Waisenhofbunker war von Flammen eingeschlossen, die Ausgänge versperrt. Die Feuerlöschpolizei wurde eingesetzt. Das Rathaus war in Gefahr, total vernichtet zu werden, schwer getroffen wurden das Beschaffungsamt, die Stadthauptkasse sowie das Gehalts- und Lohnamt...Die Schäden sind zu umfangreich, um sie alle einzeln aufzuzählen. Ein Munitionszug auf dem Kleinbahnhof explodierte.

Seit ein paar Tagen gab es Gas, das ist nun auch wieder vorbei. Die Licht- und Wasserleitungen sind ebenfalls wieder zerstört. Straßenbahnen und Omnibusse fahren nicht. Viele Menschen sind in große Not geraten, haben alles verloren und stehen vor einem Nichts. Ungefähr 10 000 Menschen sind evakuiert worden. Dazu kommen noch schätzungsweise 15 000 bis 20 000 Menschen, die von sich aus nach außerhalb gezogen sind. Ca. 140 Todesopfer sind zu beklagen.“

Der letzte Angriff erfolgte in der Nacht vom 2. zum 3. Mai 1945. Dabei schlug eine Bombe bis zum Keller in den Mittelbau des Rathauses und vernichtete die Repräsentationsräume. Der Rathausturm aber ragte unbeschädigt über die Trümmerberge der Stadt hinweg.

In den letzten Kriegswochen konnte nicht mehr wie üblich Alarm gegeben werden, denn viele Luftsirenen waren zerstört oder funktionierten nicht, weil kein Strom vorhanden war. Sirenenwagen jagten dann durch die Stadt, um das Herannahen feindlicher Flugzeuge anzukündigen. Auch wenn es keine Angriffe gab, blieb in den letzten Kriegstagen kaum einer zu Hause. Gegen 20.00 Uhr machte sich die Bevölkerung der Stadt auf den Weg in die Bunker. Müde und deprimiert verließ sie morgens die Räume, um abends erneut zurückzukehren. Manche blieben Tag und Nacht.

Auf Kiel fielen insgesamt bei 90 Luftangriffen 44 000 Sprengbomben, 900 Minenbomben und rund 500 000 Brandbomben. Fast 3000 Zivilisten verloren ihr Leben, über 5000 wurden verletzt, 167 000 Einwohner wurden obdachlos. Die Zahl der Toten wäre höher gewesen, wenn nicht während des Krieges zahlreiche Luftschutzbunker gebaut, über 150 000 Kieler evakuiert und nicht Schulkinder im Rahmen der Kinderlandverschickung in weniger gefährdete Gebiet gebracht worden wären. Am 1. Januar 1945 hatte die Stadt nur noch 143 000 Einwohner, vor allem Frauen und Alte. Vor dem Krieg hatten in Kiel 261 000 Menschen gelebt.

Über 5 Millionen Kubikmeter Schutt bedeckten die Stadt. Denn 35% der Gebäude waren zerstört, 40% beschädigt, 25% unbeschädigt. Noch schlimmer war es um die Wohnungen in Kiel bestellt. 40% waren zerstört, 40% beschädigt und nur 20% unbeschädigt.

Die Altstadt, die Brunswik und Ellerbek hatte es am schwersten getroffen. Nur 3-4% der Gebäude blieben hier vom Krieg verschont. Stark zerstört war auch das Gebiet nördlich der Brunswik zwischen Holtenauer- und Feldstraße.

Groß war die Zahl der öffentlichen Gebäude, die dem Krieg zum Opfer gefallen waren: Kirchen, darunter die Nikolaikirche am Alten Markt, Schulen, das Hauptgebäude der Universität im Schlossgarten, das alte Rathaus, die Persianischen Häuser am Alten Markt, der Buchwaldtsche Hof in der Dänischen Straße, das Landeskirchenamt am Sophienblatt. Schwere Schäden trugen der Bahnhof, das Rathaus und die Werften davon, aber auch alle öffentlichen Versorgungseinrichtungen.

Die Stadtarchivrätin Hedwig Sievert ( siehe Literaturangaben) beschreibt ihre Eindrücke:

„Gegen Kriegsende konnte man weite Flächen überblicken, die vorher dicht bebaut gewesen waren. So sah man z.B. von der Holtenauer Straße beim Lemberg bis zur Pauluskirche am Niemannsweg, und wer die Altstadt vom Bootshafen oder auch von anderen Seiten her betrachtete, konnte die natürliche flache Hügelform der Altstadt erkennen, so wie sie etwa in den Tagen der Gründung Kiels ausgesehen haben muss.“

Kriegsende und die Besetzung der Stadt durch die Briten

Am 2. Mai 1945 um 21.30 Uhr teilte das Marine-Oberkommando Ostsee mit, dass Kiel nicht verteidigt werden sollte. Aber am Morgen des 3. Mai hörte man überall Schießen in der Stadt. Doch keine kampflose Übergabe? Nun, es war der Befehl gegeben worden, alle noch vorhandene Munition und alles Kriegsmaterial zu vernichten, denn nichts davon sollte dem Feind in die Hände fallen.

„Wieder lief die Bevölkerung in die Bunker, und es stellte sich nun heraus, dass es sich um ein Verfeuern der noch vorhandenen eigenen Munitionsvorräte zu Wasser und zu Lande handelte. Stundenlang wurde geschossen, und ab und zu erschütterten schwere Detonationen die Luft, Geschütze wurden gesprengt und Schiffe zerstört, darunter der Schwere Kreuzer „Admiral Hipper“, der schon beim unmittelbar vorhergehenden letzten Bombenangriff im Trockendock der Deutschen Werke getroffen worden war, ebenso der Leichte Kreuzer „Emden“, der bereits in der zweiten Aprilhälfte auf den Deutschen Werken durch Bomben beschädigt und dann von der Besatzung in die Heikendorfer Bucht auf flaches Wasser geschleppt worden war, sowie alle nicht fahrklaren U-Boote... Alle diese gesunkenen und zerstörten Schiffe lagen noch lange nach Kriegsende im Kieler Hafen“ (Hedwig Sievert).

Weil zu erwarten war, dass die Briten bald einmarschieren würden, gab das Wirtschaftsamt am 3. Mai die Erlaubnis, die Bestände an Lebensmitteln und Bekleidung aus den Verpflegungsämtern und Lagerhäusern ohne Lebensmittelkarten und Bezugsscheine zu verkaufen. Zunächst verlief alles in geordneten Bahnen. Aber weil die Menschen hungerten und schlecht gekleidet waren, wurde von einem Teil der Bevölkerung alles aus den Lagern herausgeschleppt, was zu holen war. Bald lagen Bekleidungsgegenstände auf der Straße und wurden in dem allgemeinen Ansturm zertreten und zerrissen. Überall war etwas zu holen: auf dem Arsenal, den Werften, in den Militärbaracken. Zuerst trug man die Sachen in Körben und Taschen davon, dann mit Blockwagen und Pferdefuhrwerken und schließlich mit Lastautos.

In der Nacht vom 3. auf den 4. Mai dann der 633. Fliegeralarm in Kiel, der letzte des Krieges. Einige Sprengbomben in Holtenau und am Kanal wurden abgeworfen.

Am 4. Mai um 16.00 Uhr erschien eine kleine britische Abordnung bei Oberbürgermeister Behrens im Rathaus und übergab ihm erste Befehle für das Verhalten der Bevölkerung. Die kampflose Übergabe der Stadt geschah unauffällig, die Bevölkerung bemerkte davon zunächst nichts.

Der Zweite Weltkrieg endete in Nordwestdeutschland mit der Kapitulation aller deutschen Streitkräfte, die der von Feldmarschall Montgomery geführten 21. Heeresgruppe gegenüberstanden. Am 4. Mai 1945 wurde die Kapitulationsurkunde in Lüneburg, im Hauptquartier der Heeresgruppe, unterzeichnet und am 5. Mai wirksam. Damit trat in Holland, Friesland, Schleswig-Holstein und Dänemark Waffenruhe ein. Der Krieg war hier beendet. Bis zur Gesamtkapitulation am 8.Mai konnten sich daher noch viele Flüchtlinge aus dem Osten in diese westlichen Gebiete retten.

Am Vormittag des 5. Mai erreichten erste britische Truppen Kiel. Es handelte sich um Marinesoldaten, die den Auftrag hatten, die weitgehend unzerstörten Walter-Werke (U-Boot-Motoren), die Elac (Elektroakustik) und die Deutschen Werke Friedrichsort (Torpedobau) ohne weitere Beschädigung in britische Hände zu bringen.

Am 6. Mai kam Henderson, der spätere stellvertretende Gouverneur von Schleswig-Holstein, nach Kiel und übernahm zwei Tage später die 312. Provinzial-Militärregierung.

Erst am 7. Mai wurde Kiel vollständig besetzt. Ununterbrochen rollten schwere Panzer durch die Stadt, erste Häuser wurden beschlagnahmt.

Am 7. Mai um 2.41 Uhr unterzeichnete die deutsche Wehrmacht die bedingungslose Kapitulation in Reims. Die Waffenruhe trat in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai um 0.01 Uhr in Kraft. Um 0.16 Uhr wurde im sowjetischen Hauptquartier in Berlin- Karlshorst die Unterzeichnung der Gesamtkapitulation durch Marschall Shukow und hohe Repräsentanten der deutschen Wehrmacht wiederholt. Der Zweite Weltkrieg hatte sein Ende gefunden.

Die Lebensbedingungen nach Kriegsende

Der Krieg, die Bombennächte und Terrorherrschaft der Nationalsozialisten war vorüber. Kaum einer war aber in der Lage, sich mit der Nazizeit und der deutschen Schuld am Krieg und den begangenen Verbrechen auseinander zu setzen. Ein Verdrängungsprozess setzte ein. Die Bewältigung der Not nach dem Krieg und der Wiederaufbau traten an vorderste Stelle im täglichen Leben. Viele waren froh, dass sie überlebt hatten, davon gekommen waren. Einige erfasste angesichts der Zerstörung und der Not totale Hoffnungslosigkeit. Andere fanden Kraft und Mut, „aus dem materiellen, geistigen und seelischen Trümmerfeld wieder aufzubauen.“

Zunächst galt die Hauptsorge der Bevölkerung, Unterkunft, Nahrung, Kleidung, Heizmaterial zu beschaffen. Nur ein Viertel der Wohnungen war unbeschädigt geblieben. So hausten die Menschen in zerstörten Häusern, in zerstörten Wohnungen, in Kellern, Fluren und Baracken. Die Bürger wühlten in Schutt und Asche nach Holz und Eisenteilen, um die Häuser und Wohnungen abzudichten gegen Kälte und Regen. Dass sich mehrere Familien eine Wohnung und eine Küche teilen mussten, war der Normalfall. Strom wurde aus Energiemangel oft abgeschaltet, so dass man abends im Dunklen saß. Auch die Wasserversorgung war ausgefallen. Daher mussten die Kieler zu Zapfstellen in der Stadt gehen, um Wasser in Eimern nach Hause zu tragen.

Ebenfalls funktionierte die Gasversorgung nicht. Das war ein Problem bei der Zubereitung des Essens. Froh war derjenige, der eine „Brennhexe“ besaß, einen kleinen provisorischen Kochherd. Brennmaterial für ihn zu beschaffen, war eine mühevolle Arbeit. Holzbalken und Bretter wurden aus den Trümmern geborgen, Chausseebäume gefällt, in den Wäldern der Umgebung Holz gesammelt und natürlich Kohlen geklaut. Die Eisenbahnwagen mit Kohle standen am Hafen und am Kraftwerk in der Wik. Jungen kletterten auf die Waggons, warfen die Kohlestücke herunter, andere sammelten sie auf. Beliebt war es auch, an den Stellen zu warten, wo die Züge, die sich Kiel näherten, langsam fahren mussten, dann aufzuspringen und Kohle abzuwerfen.

Die Zubereitung der Mahlzeiten war ein weiteres großes Problem. Es gab auf Lebensmittelkarten zwar einige Zuteilungen, aber diese reichten nicht aus. Daher hielten sich viele Kieler Haustiere. Hühner, Kaninchen und sogar Ziegen waren keine Seltenheit auf Balkons oder in Gartenlauben. In Gärten oder auf freien Flächen und Grünanlagen der Stadt bauten die Menschen Kartoffeln, Gemüse und Obst an. Aus Brennnesseln, Wegerich, Giersch und Löwenzahn wurden Mahlzeiten zubereitet. Die Kieler fuhren auch aufs Land, um etwas zu organisieren. Wertgegenstände wie Teppiche, Gemälde, Schmuck oder Porzellan waren Tauschobjekte für Lebensmittel.

Trotz allen Erfindungsreichtums waren viele Menschen unterernährt oder durch mangelhafte und unzureichende Ernährung erkrankt, insbesondere Kinder. Mehr als in anderen Städten wurde die Bevölkerung von der Tuberkulose befallen. Bei den Sterbefällen lag Kiel vor allen vergleichbaren Großstädten prozentual an der Spitze.

Noch schlimmer war es um die Flüchtlinge und Heimatvertriebene bestellt, die in Kiel lebten. Sie waren in den ersten Monaten 1945 auf überladenen Schiffen, auf offenen Güterwagen, auf Schlitten und Planwagen vor den Russen aus den ostdeutschen Gebieten geflohen. Sie konnten nicht alle in Kiel bleiben, das wäre sinnlos gewesen bei den täglichen Bombenangriffen und der schwer zerstörten Stadt. Man gab ihnen zu essen und leitete sie weiter in die Landgebiete Schleswig-Holsteins, die von den Bomben kaum betroffen waren. Aber trotzdem blieben Flüchtlinge in Kiel. 1946 waren es 22 000, das waren 9,8% der Bevölkerung.

Manche lebten wochenlang eingepfercht auf den Schiffen oder in Sälen der Gasthöfe und Versammlungslokale, auch in Baracken. Sie besaßen manchmal nur das, was sie auf dem Leib trugen. Wertsachen zum Eintauschen gegen Lebensmittel hatten die wenigsten. Jeder vierte Flüchtling lebte in Kiel in einem Lager.

Befehlsempfang bei der Militärregierung
Befehlsempfang bei der Militärregierung

Die Nöte der Kieler Stadtverwaltung

Die oberste Gewalt in der Stadt übte der britische Stadtkommandant Oberst Murehead aus. Der nationalsozialistische Oberbürgermeister Behrens, der Kiel am 4. Mai kampflos übergeben hatte, wurde am 14. Mai verhaftet, einen Tag später der Rechtsanwalt Dr. Max Emcke zum kommissarischen Oberbürgermeister und der Rechtsanwalt Dr. Peter Jeschke zum kommissarischen Kämmerer ernannt. Der österreichische Sozialdemokrat und Marinerichter Dr. Otto Tschadek leitete das Kriegsschädenamt, im Sommer wurde er nach der Abberufung Emckes Bürgermeister.

Der Handlungsspielraum der Stadtverwaltung war zunächst sehr begrenzt. So beschränkten sich die Aufgaben des Oberbürgermeisters am Anfang darauf, Eingaben der Kieler an die Militärregierung oder an die Fachoffiziere weiterzuleiten. Aber Emcke und Tschadek vertraten erfolgreich die Interessen der Kieler Bürger.

Auf eindrucksvolle Weise geschah dies, als die Briten beabsichtigten, die Einwohner Kiels zu evakuieren. Die Stadt war ein Ruinenfeld, durchsetzt von Kloaken, die Wasserversorgung funktionierte nur teilweise, die Abwasseranlagen waren zerstört oder undicht. Es bestand daher Seuchengefahr. Das britische Ingenieurkorps erwog, die Bevölkerung zu evakuieren und den Kleinen Kiel als Seuchenherd zuzuschütten. Emcke reagierte darauf mit der Bildung eines „Antiseuchenstabes“. Von Fachleuten der städtischen Verwaltung ließ er einen Plan zur Seuchenbekämpfung erarbeiten, den die Militärregierung akzeptierte. Ein aus Danzig vertriebenes Ingenieurbüro leistete dem Tiefbauamt, das personell unterbesetzt war, wertvolle Hilfe. So gelang es in bewundernswert kurzer Zeit, das Schlimmste zu verhüten. Die Kieler konnten in ihrer Stadt bleiben.

Allgemein standen die Briten vor der Aufgabe, das Überleben der Deutschen in ihrer Besatzungszone zu sichern. Am 4. Juni, in der ersten Nummer des „Kieler Kurier“, der als Nachrichtenblatt der Militärregierung erschien, wandte sich Montgomery mit folgenden Worten an die Bevölkerung: „Mein unmittelbares Ziel ist es, für alle ein einfaches und geregeltes Leben zu schaffen. In erster Linie ist dafür zu sorgen, dass die Bevölkerung folgendes hat: a) Nahrung b) Obdach c) Freisein von Krankheit.“ Vordringliches Ziel müsse es sein, die Ernte einzubringen und das Verkehrswesen aufzubauen.

In derselben Ausgabe machte Oberbürgermeister Emcke den Kielern Mut: „Wir sind eine Notgemeinschaft, wie nie zuvor. Die Not aber werden wir überwinden. Nachdem die geistige Knechtschaft ihr Ende genommen hat, hat das Leben wieder einen Sinn bekommen...Lassen Sie uns arbeiten und nicht verzweifeln.“

Besonders schwierig gestaltete sich die Versorgung mit Lebensmitteln und Heizmaterial. Vordringlich war es auch, die weniger beschädigten Gebäude winterfest zu machen und die unvorstellbaren Trümmermengen zu beseitigen. Daher befahl die Militärregierung, alle Frauen zwischen 15 und 45 Jahren, die keine Beschäftigung nachweisen konnten, täglich vier Stunden im Trümmerräumdienst einzusetzen. Anderenfalls gab es keine Lebensmittelkarten.

Die politischen Ziele der Besatzungsmächte

Neben den kurzfristigen Besatzungsaufgaben verfolgten die Siegermächte jedoch noch weiter gehende Ziele. Auf der Potsdamer Konferenz (17. Juli bis 2. August) hatten sie folgende politische Grundsätze für Deutschland festgelegt: völlige Abrüstung und Entmilitarisierung, Ausschaltung und Überwachung der gesamten Industrie für Kriegsproduktion, Umgestaltung des politischen Lebens auf demokratischer Grundlage und Entnazifizierung.

Diese Vereinbarungen hatten für Kiel, die Stadt der Rüstungsindustrie gewesen war, existenzbedrohende Folgen.

Die Demontagen

Das deutsche Kriegspotential sollte vernichtet und Industrien, die an der Kriegsproduktion beteiligt gewesen waren, sollten demontiert werden. Sieben wichtige Industriebetriebe in Kiel wurden daher ganz oder teilweise demontiert, darunter die Elac (messtechnische Produktion), die Walter-Werke (U-Boot-Motoren) und Anschütz (Kreiselkompass). Auch die Holmag (Holsteinische Maschinenbau-AG) sollte vollständig demontiert werde. Sie war im November 1945 auf dem Gelände und in den Gebäuden der Friedrichsorter Deutschen Werke entstanden und produzierte für zivile Zwecke Motoren, Lokomotiven, Getriebe etc.. Die Demonstration der Belegschaft beantwortete die Militärregierung mit Besetzung des Geländes durch Truppen. Oberbürgermeister Gayk rief zu öffentlichen Kundgebungen auf, die von der Landesregierung, den Wirtschaftsverbänden, den Gewerkschaften und den Kirchen unterstützt wurden. Die Proteste erreichten, dass die Holmag nur teilweise demontiert wurde und die Fundamente für einen Friedensbetrieb, die Maschinenbau Kiel AG (MaK), erhalten blieben.

Die Germaniawerft und die Deutschen Werke wurden geschlossen, die Howaldtswerke blieben als Reparaturbetrieb erhalten.

Sprengung der Werftanlagen
Sprengung der Werftanlagen

Im Oktober 1948 gab die Militärregierung dann die Demontagepläne für das Ostufer bekannt. Von 264 nach vorhandenen Werkhallen sollten 152 vernichtet werden. Die Kieler, allen voran Oberbürgermeister Gayk, protestierten viele Male gegen diese Absichten. Sie befürworteten die Demontage und den Aufbau einer Friedensindustrie, verurteilten jedoch die sinnlose Zerstörung von Betrieben, die einem friedlichen Aufbau dienen könnten. Diese Zerstörungen müssten zwangsläufig zur Massenarbeitslosigkeit und zur Gefährdung des demokratischen Prozesses führen.

Trotz dieser Mahnungen begannen am 28. Februar 1949 auf dem Ostufer die Sprengungen, deren Detonationen die Stadt täglich ab 15.00 Uhr erschütterten. Die Proteste erreichten nur, dass 18 Gebäude aus dem Zerstörungsplan herausgenommen wurden. Am 5. Mai 1950 fanden die Sprengungen ein Ende. Am 11. September wurden in der britischen Zone die Demontagen und Entmilitarisierungsarbeiten eingestellt. Oberbürgermeister Gayk urteilte 1953:

„Die Gründlichkeit, mit der die Werkstätten und Industrieanlagen demontiert und zerstört wurden, finden kaum ihresgleichen im Bundesgebiet.“

Durch Krieg, Demontage und Entmilitarisierung waren in Kiel insgesamt 60 000 Arbeitsplätze vernichtet worden.

Friedenswirtschaft in Kiel

Für Andreas Gayk, seit1946 Oberbürgermeister der Stadt, war die Sachlage klar. Dort, wo früher für den Krieg produziert worden war, sollte nun für den Frieden gearbeitet werden. Kiel sollte die Stadt des Friedens werden und sein Hafen nie mehr der Kriegsmarine dienen. Die Briten beabsichtigten ohnehin, den Kriegshafen zu beseitigen. Gayk äußerte 1949: „Schleswig-Holstein ist das ärmste Land der Bizone und Kiel die ärmste Stadt dieses ärmsten Landes. Es ist eine gigantische Aufgabe, das Gesicht der Stadt so zu wandeln, und Kiel über den Aufbau einer neuen Wirtschaft zu dem zu machen, was es sein soll: Eine Stadt an einem guten 'Friedenshafen'.“

Trotz Demontage und Blockierung des Ostufers gab es in den ersten Nachkriegsjahren aber Erfolge in der Umstrukturierung der Wirtschaft.

Auf dem Kasernengelände Eichhof siedelte die Stadt ab 1947 Bekleidungsindustrien an, die schon ein Jahr später 2500 Bekleidungsstücke produzierten. Auch Kunstblumen und Brautsträuße, hauptsächlich für den Export, wurden dort hergestellt. Auf dem Gelände der ehemaligen Kolbewerft entstand 1948 der florierende Seefischmarkt, der 1960 an vierter Stelle hinter Hamburg, Cuxhaven und Bremerhaven in der Bundesrepublik stand. In den früheren Walter-Werken in Tannenberg arbeitete nach dem Krieg die Firma „Mimosa“, die Fotopapier herstellte. Zeiss-Ikon zog 1948 in das Wiker Sperrwaffenversuchskommando und fertigte hier Tonfilmanlagen und Schmalfilmprojektoren, die früher im Dresdner Ernemann-Werk hergestellt worden waren.

Dr. Rudolf Hell, aus Berlin kommend, errichtete im Verwaltungsgebäude der Howaldtswerke in Dietrichsdorf die Fabrikation seines 1929 erfundenen „Hell-Schreibers“, der Buchstaben in elektronische Zeichen umsetzt. Nach Dietrichdorf zog auch die orthopädische Werkstatt, die mit der Reparatur und Anfertigung chirurgischer und elektromedizinischer Instrumente begann.

Alteingesessene Firmen, wie die Hagenuk und die Elac, produzierten nun ausschließlich zivile Waren mit der Herstellung von Rundfunkgeräten, kinotechnischen Ausrüstungsanlagen und anderen elektronischen Geräten. Die Hagenuk fertigte darüber hinaus Taucherausrüstungen und Maschinentelegrafen.

Als Nachfolgefirma der demontierten Holmag gründeten die Stadt Kiel und das Land Schleswig-Holstein wie erwähnt die MaK, die zunächst von Waggonreparaturen der Reichs- und Bundesbahn lebte. Hinzu kam dann die Produktion von Diesellokomotiven und -motoren und der Aufbau einer eigenen Gießerei. Für die Konstruktion von Textilmaschinen wurde zunächst eine Umsatzbegrenzung festgesetzt. Textilmaschinen stellte auch die Firma Hertel & Richter her, zuerst in Holtenau, dann in der Lagerhalle des ehemaligen Munitionsdepots in Dietrichsdorf.

Die Howaldtswerke waren erhalten geblieben und begannen nach 1945 mit Schiffsreparaturen, dann kamen bedeutende Exportreparaturen und Umbauten hinzu. Schließlich wurden auch Neubauten genehmigt. In Friedrichsort entstand eine zweite Seeschiffswerft, die Lindenau-Werft. Der Firmenbesitzer war aus Memel gekommen und hatte ein Schwimmdock mitgebracht.

Viele der neuen Betriebe stammten aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten oder aus der sowjetisch besetzten Zone. Es waren Flüchtlingsbetriebe, die auch viele Flüchtlinge beschäftigten.

Im August 1948 waren auf 270 000 qm Fabrikfläche, die früher der Rüstung gedient hatten, 98 „Friedens“betriebe mit 4000 Beschäftigten angesiedelt.

Nach dem Ende der alliierten Beschränkungen begann erst Anfang der 1950er Jahre auf dem Gelände der Germaniawerft und der Deutschen Werke die Umstellung auf Friedenswirtschaft. Wichtige Zeit war verloren gegangen, denn Großbetriebe, die gern nach Kiel gekommen wären, hatten sich inzwischen andere Standorte gesucht.

Nun siedelten sich zumeist kapitalschwache Flüchtlingsbetriebe an. Ihre Produktion reichte von Möbeln, Registrierkassen, Fernseh-und Radargeräten bis zu Garnen, Textilien, Strümpfen, Dosen, Marmelade und Marzipan. Die Geldbeschaffung war für die Firmen nach der Währungsreform schwierig, Absatzmöglichkeiten kaum gegeben. Die meisten Firmen scheiterten daher schnell und mussten aufgeben.

Die Umstellung auf Friedenswirtschaft war auf dem Ostufer nur in Ansätzen geglückt. Endgültig aufgegeben wurde sie, als die Bundesrepublik 1955 im Zeitalter des Kalten Krieges Mitglied der NATO wurde und die Bundeswehr aufbaute. Erneut bestimmten die Werften und die Marine die Wirtschaft Kiels.

Aufbau der Demokratie

Ziel der Besatzungsmächte war, dass von Deutschland nach den beiden Weltkriegen keine aggressive Bedrohung mehr in Zukunft ausgeht. Dazu bedurfte es neben der Reduzierung des Kriegspotentials auch einer politischen und gesellschaftlichen Erneuerung des Landes. Die Deutschen sollten geistig umorientiert werden, lernen, nach demokratischen Prinzipien zu handeln. „Re-education“ war das Schlagwort.

Für die Verwaltung Kiels bedeutete dies, wie oben beschrieben, dass 1945 Oberbürgermeister und Bürgermeister von der Militärregierung eingesetzt wurden und nach ihrer Weisung handeln mussten. Eigenen politischen Spielraum hatten sie nicht.

Aufruf der SPD, Anfang 1946
Aufruf der SPD, Anfang 1946

Als am 15. September 1945 die Gründung von Parteien auf Kreisebene genehmigt wurde, entstanden schnell nacheinander die SPD, KPD und die CDU, später kam die FDP dazu. Dr. Tschadek bat den Stadtkommandanten, eine provisorische Stadtvertretung zu berufen, damit Oberbürgermeister und Bürgermeister ihre Amtsgeschäfte im Einvernehmen mit der Bevölkerung führen könnten. Die Briten entsprachen dem Wunsch und ernannten am 6. Dezember 1945 eine Stadtvertreterversammlung, die aus 22 CDU-, 16 SPD- und 11 KPD-Mitgliedern bestand.

Sie beauftragten die Stadtvertretung, eine neue Verfassung nach den Prinzipien der britischen Gemeindeordnung auszuarbeiten, die am 13. Dezember einstimmig von der Stadtvertretung angenommen wurde.

Nach deutschem Recht war der Oberbürgermeister einer Stadt sowohl politischer Repräsentant als auch Chef der Verwaltung. Nach britischem Kommunalrecht gab es eine strikte Trennung zwischen der gewählten Stadtvertretung und der Verwaltung. So geschah es nun auch in Kiel. Der Oberstadtdirektor, ein unpolitischer Beamter, wurde Verwaltungschef. Hierzu wählte die Stadtvertretung am 27. Dezember 1945 Regierungsrat Walter Lehmkuhl, der von der Militärregierung bestätigt wurde. Dr. Max Emcke blieb Oberbürgermeister als Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung. Diese Gemeindeordnung konnte sich jedoch in Schleswig-Holstein auf Dauer nicht durchsetzen. 1950 trat die alte preußisch/deutsche Magistratsverfassung wieder in Kraft.

Die Erziehung zur Demokratie war den Briten sehr wichtig. Im März 146 veranlasste die Militärregierung daher, dass Gemeinden und Kreise Beauftragte für den Aufbau der demokratischen Selbstverwaltung benannten. Diese sollten erreichen, dass der Bürger „sich für ein gesundes politisches Leben und für seine eigene Selbstverwaltung interessiert“. Diese Verbindungsleute der Militärregierung, in Kiel war es Albert Witte, hatten die Erlaubnis, an allen Ratsversammlungen teilzunehmen, Gespräche mit Vorsitzenden von Parteien und Beiräten zu führen, Schulen, Vereine und Klubs zu besuchen und Lesungen und Diskussionen zu veranstalten.

Im Oktober 1946 fand dann die erste frei gewählte, also demokratische Wahl der Stadtvertretung statt. In einer feierlichen ersten Sitzung im Ratssaal unter Anwesenheit von Vertretern der Militärregierung wurde Andreas Gayk (SPD) zum Oberbürgermeister gewählt. In seiner Einführungsrede bekräftigte er:

„Ich werde es auch als meine erste und heiligste Aufgabe ansehen, die alten Freiheiten unserer Stadt wieder herzustellen und eine echte, demokratische Selbstverwaltung in Kiel aufzubauen.

Sollte sich die Verwirklichung dieses Zieles als unmöglich erweisen, so würde ich nicht lange Oberbürgermeister dieser Stadt sein. Sollte uns seine Verwirklichung gelingen, so werde ich diese schwer erkämpften und teuer bezahlten demokratischen Freiheiten unserer Vaterstadt mit dem Einsatz meiner ganzen Person zu verteidigen wissen.“

Nicht vergessen werden darf, dass nach wie vor die Militärregierung in Geschäfte der Gemeinden eingreifen konnte. Ihr Einfluss auf die Gestaltung des politischen Lebens in Schleswig-Holstein nahm aber kontinuierlich ab und wich einer ausgesprochen pragmatischen Handhabung der Kompetenzen.

Noch an einen zweiten Beispiel, an dem der Schulen, soll verdeutlicht werden, wie auf verschieden Ebenen nach der Zeit der Diktatur ab 1945 demokratische Strukturen aufgebaut wurden.

Im September 1945 nahmen die ersten Schulen den Unterricht wieder auf. Entnazifizierung und Demokratisierung sollten den Beginn des schulischen Lebens bestimmen. Das führte dazu, dass im Frühjahr 1946 die Lehrer „entnazifiziert“ wurden. Nach Ausfüllen eines großen Fragebogens stufte man sie, wie andere auch, in fünf Kategorien ein. Nur wer „Mitläufer“ oder „entlastet“ war, durfte gleich wieder unterrichten. So blieben statt 806 Lehrkräfte im Jahr 1939 bei 23% höheren Schülerzahlen 1946 nur 565 im Amt.

Sie hatten außerdem die Verfügung des Regierungspräsidenten vom 10. September 1945 zu unterschreiben:

„...Ich weiß, dass ich in meinem Unterricht alles zu unterlassen habe,was geeignet ist, den Militarismus zu verherrlichen, die Lehre des Nationalsozialismus zu propagieren, wiederzubeleben oder zu rechtfertigen oder Heldentaten nationalsozialistischer Führer zu verherrlichen, eine Haltung der Verdächtigmachung in Rasse- und Religionsfragen zu begünstigen.

Ich weiß, dass ich meinen Unterricht so zu gestalten habe, dass nicht der Eindruck einer feindlichen Einstellung gegenüber den Vereinten Nationen entstehen oder die Absicht gefolgert werden kann, deren Beziehung zueinander zu stören. Ich werde in meinem Unterricht nicht eingehen auf die Praxis des Krieges, der Mobilisierung und Kriegsvorbereitung, weder in wissenschaftlicher, wirtschaftlicher und industrieller Hinsicht und nicht das Studium der militärischen Geographie fördern. Ich werde den Unterricht in den Leibesübungen nicht soweit ausdehnen, dass er zu einer militärgleichen Ausbildung führt.“

Die neuen Bildungsziele waren Ehrlichkeit, Toleranz, Menschlichkeit, Erziehung zum Frieden, Entwicklung der Fähigkeit, in Frieden zu leben und kritisch zu denken.

Natürlich waren bei diesen Erziehungsgrundsätzen die alten Schulbücher nicht mehr zu gebrauchen. Die Militärregierung gab eine Liste „unerwünschter Werke“ heraus und legte fest, welche Lesestoffe und Unterrichtsbücher erlaubt waren. Britische Offizieren besuchten die Schulen und kontrollierten die Lehrer-und Schülerbüchereien. In der Humboldtschule sollte sogar das Nibelungenlied wegen seines blutrünstigen Charakters aussortiert werden.

Um demokratisches Verhalten auch in der Schule einzuüben, wurde die „Schülerselbstverwaltung“ (SSV) wieder eingeführt. In ihr trafen sich die demokratisch gewählten Klassensprecher, um Mitverantwortung und Mitgestaltung im Schulleben zu übernehmen. Die Briten förderten diese Schülerselbstverwaltung, aber auch Debattier-, Theater- und Laienspielgruppen und den Schülerbriefwechsel mit dem Ausland.

Ebenso wurden die Eltern wieder am Schulleben beteiligt. 1948 entstand der Elternbeirat als gesetzliche Vertretung der Elternschaft. Und 1949 fand eine Diskussion darüber statt, Schüler und Eltern an Konferenzen teilnehmen zu lassen.

Die Entnazifizierung in Kiel

Der Aufbau einer demokratischen Gesellschaft musste einhergehen mit der schnellen Zerstörung aller nationalsozialistischer Organisationen und der Ausschaltung von Nationalsozialisten aus staatlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Schlüsselstellungen. Man nannte diesen Vorgang „Entnazifizierung“, der zu unterscheiden ist von den Nürnberger Prozessen gegen Kriegsverbrecher.

Die Entnazifizierung lag bis 1947 vollständig in der Verantwortung der britischen Besatzungsbehörde. Zunächst verhafteten die Briten ohne Unterschied alle Angehörigen der Gestapo, der SS, der SA sowie leitende Parteifunktionäre. Parteiangehörige im öffentlichen Dienst wurden entlassen. In der Kieler Stadtverwaltung mussten bis Juli 1945 fast 500 Beamte und Angestellte ausscheiden. In Schleswig-Holstein wurde die gesamte Gauleitung entlassen, alle 21 Landräte, 80% der Bürgermeister und Gemeindevorsteher, alle führenden Polizeioffiziere und etwa 3000 Lehrer, d.h. ein Viertel der Lehrerschaft. Viele von ihnen kamen ins Internierungslager Neumünster-Gadeland.

Ende 1945 wurden in Kiel Entnazifizierungsausschüsse eingerichtet, die zwar von Deutschen besetzt waren, die aber nur beratende Funktion hatten. Zunächst verlief die Arbeit schleppend, kam zeitweise ganz zum Stillstand, wenn neue Richtlinien vom Kontrollrat in Berlin oder der britischen Zonenverwaltung herausgegeben wurden. Erst im Frühjahr 1947 übernahm die britische Zone die Grundsätze der Kontrollratsverordnung Nr. 38 und damit die übliche Eingruppierung in fünf Kategorien, die in den anderen Zonen schon seit Anfang 1946 Geltung hatten. Die Kategorien lauteten:

I. Hauptschuldige

II. Belastete (Aktivisten, Militaristen, Nutznießer)

III. Minderbelastete (Bewährungsgruppe)

IV. Mitläufer

V. Entlastete.

Durch Ausfüllen der Fragebögen, Belege, Berichte vor dem Ausschuss und Zeugenaussagen wurden die Kategorien ermittelt. Doch die Maßnahmen richteten sich vor allem gegen die kleinen Parteimitglieder, denn die aktiven Nazis waren untergetaucht oder saßen in Internierungshaft. Die Landwirtschaft und fast ein Großteil der Wirtschaft waren von der Entnazifizierung ausgenommen.

Ingesamt wurden in Kiel 49 000 Personen entnazifiziert und dabei nach Schätzungen folgenden Gruppen zugeordnet: 41 000 „Entlastete“, 8000 „Mitläufer und 250 „Minderbelastete“.

Im Laufe der Zeit geriet die Rehabilitierung durch „Persilscheine“, d.h. das Reinwaschen durch Ehrenerklärungen, die schamlos gehandelt wurden in den Vordergrund.

Für Straftaten gegen Deutsche während der NS-Herrschaft war nach Wiedereröffnung der Justiz ab Herbst 1945 das Landgericht Kiel zuständig. Die Prozesse erregten in der Öffentlichkeit viel Interesse, das Ergebnis war jedoch eher mäßig. Z.B. bekamen zwei SA-Leute, denen vorgeworfen wurde, den jüdischen Kieler Rechtsanwalt Schumm am 1. April 1933 ermordet zu haben, nur 12 bzw. 20 Monate Haft wegen Demolierung jüdischer Geschäfte an diesem Tag. Der Mord konnte ihnen nicht nachgewiesen werden.

Seit Frühjahr 1947 wurden in der britischen Zone Spruchgerichte eingerichtet. Dies waren deutsche Gerichte zur Aburteilung von Angehörigen der NSDAP, SS, SA und Gestapo. Für Kieler Nazis war überwiegend das Spruchgericht in Bielefeld zuständig. Der ehemalige Gauleiter von Schleswig-Holstein, Hinrich Lohse, wurde hier zu 10 Jahren Haft verurteilt, aber 1951 begnadigt. Der frühere Ortsgruppenleiter von Elmschenhagen,Walter Lienhart, bekam 15 Monate Haft.

In der zweiten Hälfte des Jahres gaben die Briten plötzlich unter dem Druck der USA die Entnazifizierung in ihrer Zone auf und legte die Fortführung in die Hände der Deutschen. Im Zeichen des Kalten Krieges war nicht mehr der Antinationalsozialismus gefragt, sondern der Antikommunismus. Das Ziel war, die westlichen Besatzungszonen politisch, wirtschaftlich und auch militärisch in die westliche Staatenwelt zu integrieren. Dazu brauchte man die alten nationalsozialistischen Führungskräfte.

Auch konservative Kreise machten Stimmung gegen die Entnazifizierung, wobei sie von der Justiz unterstützt wurden. Gerade in der Justiz fanden viele ehemalige Nazis bald wieder Beschäftigung.

Im Februar 1948 verabschiedete der Schleswig-Holsteinische Landtag ein neues, stark abgemildertes Entnazifizierungsgesetz, und zwar zu einem Zeitpunkt, als die Verhandlungen gegen schwer belastete Nazis vor den Ausschüssen anstanden. Rund 60% kamen aus den Verfahren als „Entlastete“ heraus. Walter Behrens, Oberbürgermeister in Kiel 1933-1945, hatte angeblich von den Tötungen im „Arbeitserziehungslager Nordmark“ „nichts gewusst“, in der Progromnacht im November 1938 „fest geschlafen“. Er wurde als „Minderbelastet“ eingestuft und musste 1500 DM Buße zahlen. Außerdem legte der Ausschuss ihm nahe, seine Einstufung in die Gruppe IV (Mitläufer) zu betreiben.

Theodor Steltzer (CDU), Oberpräsident und dann Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, stellt in seinen Erinnerungen resigniert fest:“...und es trat gerade das ein, was ich von Anfang an befürchtet hatte: Die Mitläufer wurden strenger behandelt als frühere führende Nazis. Diesen gegenüber wurden bald die Augen zugedrückt, weil man sie ungeachtet ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit für tüchtige Experten hielt.“

Die Entnazifizierung war gescheitert, an den Deutschen und den Besatzungsmächten. Viele menschenverachtende Verbrechen blieben ungesühnt. Obwohl Millionen Deutsche aus dem Dienst entlassen und auch inhaftiert wurden, waren fast alle Personen, bis auf die Führungsspitze der Nationalsozialisten, wieder in Amt und Würden, in der Justiz, im Polizeiapparat, in der Wirtschaft, und in der Politik.

Literatur

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Emcke, Max: Ein Rückblick und Auszug aus meinem Leben. Zum 70. Geburtstag am 22. 7. 1962, Manuskript im Stadtarchiv Kiel

Geckeler, Christa (Hg.): Erinnerungen der Kieler Kriegsgeneration, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Bd. 45, Husum 2003

Jensen, Jürgen: Alt-Kiel und die Kieler Altstadt, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Bd. 31, Heide 1998

Jensen, Jürgen: Kieler Zeitgeschichte im Pressefoto. Die 40er/50er Jahre auf Bildern von Friedrich Magnussen, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Bd. 16, Neumünster 1984

, Jürgen und Karl Rickers (Hg.): Andreas Gayk und seine Zeit. 1893-1954. Erinnerungen an den Kieler Oberbürgermeister, Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Bd. 61, Neumünster 1974

Jensen, Jürgen und Peter Wulf (Hg.): Geschichte der Stadt Kiel, Neumünster 1991

Jürgensen, Kurt: Die Briten in Schleswig-Holstein 1945-1949, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Bd. 22, Neumünster 1989

Kiel. Bürger bauen eine neue Stadt, hrsg. vom Magistrat der Stadt Kiel, Kiel 1955

Mohr, Hermann und Olga Konarske: Die Volksschulen in Kiel. Von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Bd. 78, Neumünster 1992

Otto, Solveig: Die Deutschlandbilder der britischen Besatzungsmacht 1945-1950,Seminararbeit, Kiel 2000, Stadtarchiv Kiel

Rickers, Karl: Erinnerungen eines Kieler Journalisten 1920-1970, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Bd. 24, Neumünster 1992

Sievert, Hedwig: Kiel vom Beginn der nationalsozialistischen Zeit bis zum Ende des II. Weltkrieges, Kieler Adressbuch 1959/60

Stüber, Gabriele: Kieler Hungerjahre 1945-1948, Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Bd. 69, 1983-1985

Tschadek, Otto: Erlebtes und Erkanntes, Wiener Neustadt, o. J.

Verwaltungsbericht der Stadt Kiel 1946

Wir sind das Bauvolk. Kiel 1945 bis 1950, hrsg. vom Arbeitskreis „Demokratische Geschichte“, Kiel 1985

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