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Kieler Erinnerungstag: 31. August 1945

Vom 31. August bis 4. September 1945 Kieler Woche für die britischen Besatzungssoldaten

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Vom 31. August bis 4. September 1945 Kieler Woche für die britischen Besatzungssoldaten

Kieler Woche 1945? Nein, nicht in der gewohnten Weise, denn die Stadt der Marine und Werften war durch den Zweiten Weltkrieg besonders schwer betroffen. 90 Luftangriffe hatten Kiel zu 80% zerstört, 5 Millionen Kubikmeter Schutt bedeckten die Stadt. Viele öffentliche Gebäude, fast alle Versorgungseinrichtungen und vor allem Wohnhäuser lagen in Schutt und Asche. Die Werften und Kaianlagen waren vernichtet, der Hafen lag voller zerstörter Schiffe. Hunger und Elend herrschten in der Bevölkerung, die um das tägliche Überleben kämpfte. In dieser Situation dachte keiner im Sommer 1945 an die Kieler Woche.

Vorerst durften Deutsche auch keine überregionalen Sportveranstaltungen durchführen. Außerdem war der „Yacht-Club von Deutschland“, der ehemalige Kaiserliche Yacht-Club, von den Briten aufgelöst, das Klubhaus und die meisten Boote beschlagnahmt worden, so dass den englischen Seglern etwa 45 Segelschiffe zur Verfügung standen.

„Kiel Week“

Die Wiederbelebung der Kieler Woche ging daher zunächst von der britischen Besatzungsmacht aus. Bereits am 20. Mai 1945 wurde „The British Baltic Sailing Association“ als Dachorganisation der britischen Segelvereine an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste mit Hauptsitz in Kiel gegründet. Die in Kiel stationierten Angehörigen der britischen Besatzungstruppen schlossen sich dem „British Kiel Yacht Club“ und dem „Victory Sailing Club“ an.

Die erste „Kiel Week“ der Briten fand vom 31. August bis zum 4. September 1945 unter Ausschluss der deutschen Bevölkerung statt. Eingeladen aber waren britische Segler aus Plön, Eckernförde, Schleswig, Kappeln und Flensburg. Es wurden Regatten in mehreren Wettkampfklassen durchgeführt.

Britische Regatta vor dem Hindenburgufer 1946
Britische Regatta vor dem Hindenburgufer 1946

Daneben fanden sportliche Wettkämpfe in den Bereichen Leichtathletik, Fußball, Cricket, Hockey, Reiten und Schwimmen statt. Zum gesellschaftlichen Programm gehörten ein Symphoniekonzert, drei Tanzveranstaltungen und zwei Feuerwerke.

Die Briten hatten den Namen „Kiel Week“ ganz bewusst in Erinnerung an die bisherigen Kieler Wochen gewählt „an old established and well-known social and sporting event in Germany“, sich jedoch gleichzeitig kritisch darüber geäußert, dass die Woche von den Nationalsozialisten zu Propagandazwecken missbraucht wurde.

Die „Kiel Week“ wurde vom 1. bis 5. August 1946 wiederholt. Die sportlichen Aktivitäten blieben auf diverse Yachtrennen beschränkt, aber es gab wieder Festbälle und ein großes Feuerwerk. Auch im Juli 1947 fand eine „Kiel Week“ statt, die wiederum nur eine Segelveranstaltung war und keine größeren gesellschaftlichen Ereignisse aufwies.

Die „Kiel Week“ 1945 bis 1947 waren geschlossene Veranstaltungen der britischen Besatzungssoldaten, die deutsche Bevölkerung war nicht beteiligt. Diese zeigte auch wenig Interesse an diesem Ereignis, das auch in der Berichterstattung der deutschen Zeitungen keinerlei Beachtung fand.

Kiel veranstaltet die Septemberwoche

Die Kieler aber begingen 1947 wieder eine Festwoche. Vom 15. bis zum 20. September veranstaltete die Stadt die „Septemberwoche - Kiel im Aufbau“. Die Idee stammte von Oberbürgermeister Andreas Gayk. Danach sollte die Septemberwoche den Rang einer Kieler Woche haben, nicht aber ihren Namen und ihren Stil übernehmen. Gayk knüpfte dabei an die Erfahrungen der Herbstwochen für Kunst und Wissenschaft aus den 1920er Jahren an. Die Bevölkerung sollte in dieser Woche 1947 ein Bild davon bekommen, was bisher an Aufbauleistung in der Stadt erreicht worden sei und was in Zukunft noch getan werden müsse. Die Stadtverwaltung nahm außerdem „zu den Themen Frieden, Humanität und Völkerverständigung Stellung.“ Oberbürgermeister Gayk macht deutlich, dass es nicht nur um die Beseitigung des Trümmerschutts auf den Straßen gehe, sondern nicht weniger „auch in den Menschen selbst die Hinterlassenschaft der letzten 12 Jahre beseitigt werden müsse. Dieser Reinigungsprozess ist genauso wichtig, ja vielleicht noch wichtiger, als die Beseitigung des sichtbaren Schadens.“

Die Septemberwoche war eine Kulturwoche, die mit der Ehrung der Toten beider Weltkriege in Anwesenheit der britischen Militärregierung und einer Abordnung aus Coventry begann. Studenten veranstalteten eine Kundgebung unter dem Motto „Pax optima rerum“, die Deutsche Friedensgesellschaft rief ebenfalls zu einer Kundgebung auf. In einer Festveranstaltung wurde der Physiker Max Planck, gebürtiger Kieler, zum Ehrenbürger der Stadt ernannt. Im Rathaus gab es eine Ausstellung über Aufräumung, Planung und Wiederaufbau Kiels, ebenso eine Ausstellung mit Aquarellen von Hans Rickers zum Thema „Aus den Trümmerstätten Kiels“. Die Kunsthalle repräsentierte Werke von Ernst Barlach. Daneben fanden Opern-und Theateraufführungen statt, auch einen Staffellauf „Rund um den Kleinen Kiel“ gab es und einen Laternenumzug für die Kinder.

1948 wurde eine zweite Septemberwoche durchgeführt, die unter dem Motto „Kiel stellt sich um“ stand und bereits die Bezeichnung „Kieler Woche 1948“ trug.

Andreas Gayk beschrieb den neuartigen Charakter der Kieler Woche: „Über alle Grenzen der Nationen und Parteien hinweg soll die 'Kieler Woche' uns ein Gemeinsames geben: Das Bekenntnis zur Humanität, das Bekenntnis zur Menschlichkeit und das Bekenntnis zum Frieden.“ Und die Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung schrieb in ihrem Leitartikel :“Der Name 'Kieler Woche' war einst mit einem glänzend frohen und unbeschwerten Segelsport verknüpft. Nun fängt die 'Kieler Woche' an, sich mit einem anderen Begriff zu verbinden: dem einer Kundgebung des Lebens- und Aufbauwillens der Stadt und des Gedankens der Völkerverständigung...“.

Gäste aus Großbritannien, Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland besuchten die Stadt. Wieder gab es ein umfangreiches kulturelles, politisches und sportliches Programm, auch ein Volksfest auf der Krusenkoppel und zum Abschluss ein Feuerwerk über dem Kleinen Kiel.

Schon vom 18. bis 21 Juni 1948 hatte der Kieler Yacht Club (KYC) eine traditionelle Kieler Woche für Segler veranstaltet. Die Mitglieder des Clubs waren darüber verstimmt, dass auch die Herbstwoche den Namen Kieler Woche trug, denn das verunsichere das In-und Ausland, weil allgemein unter der Kieler Woche eine Segelveranstaltung verstanden werde.

Die neue Kieler Woche ab 1949

Andreas Gayk hatte 1948 gegenüber der Presse erwähnt, dass er es für möglich halte, schon im kommenden Jahr die neue Kieler Woche mit den Segelregatten zu verbinden. Vom 19. bis 26. Juni 1949 fand die erste derartige Woche statt als „Fest des Gemeinsinns“, das Sport, Kultur und Politik vereinigte. Wie ursprünglich wurden wieder Segelwettkämpfe ausgetragen, wenn zunächst auch noch in bescheidenem Umfang. Daneben gab es wie in den Vorjahren ein Programm der Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Politik und der Kirche. Neu waren eine zentrale Vortragsveranstaltung, diesmal mit dem Atomforscher Otto Hahn, der Abend der Stadt Kiel für Kieler-Woche-Gäste und „das Fest auf grünem Rasen“, auf dem die Kieler Schuljugend sportliche Wettkämpfe austrug.

Kieler Woche 1952: Fest auf grünem Rasen
Kieler Woche 1952: Fest auf grünem Rasen

Den Abschluss der Kieler Woche bildete wieder ein Volksfest und ein Feuerwerk über dem Hafen, an dem Tausende Kieler teilnahmen.

In den folgenden Jahren kamen immer mehr Segler nach Kiel. Auch das Ansehen der Kieler Woche als internationales Ereignis wuchs, sicher trug dazu auch der häufige Besuch des ersten Bundespräsidenten, Prof. Theodor Heuß, ab 1950 dazu bei. Ebenso nahmen die Massenveranstaltungen für die Bevölkerung zu. So entstanden 1966 der Holstenbummel, 1974 die Spiellinie, um Besucher der Kieler Woche zum kreativen Mitmachen anzuregen. Und seit vielen Jahren gibt es den Europamarkt und zahlreiche Musikbühnen in der Stadt mit einem großen Open-Air-Festival. So ist die Kieler Woche heute ein Sport-, Kultur und Volksfest.

Kieler Woche 1951: Gästefahrt in See. Von links: Der dänische Staatsminister Hedtoft, Bundespräsident Heuss (mit weißer Mütze), Oberbürgermeister Gayk
Kieler Woche 1951: Gästefahrt in See. Von links: Der dänische Staatsminister Hedtoft, Bundespräsident Heuss (mit weißer Mütze), Oberbürgermeister Gayk

Das Kieler-Woche-Büro warb für 2005 mit folgenden Worten: “Herzlich willkommen zur Kieler Woche, größtes Sommerfest im Norden Europas und größtes Segelsportereignis der Welt. Neun Tage volles Programm mit über tausend Veranstaltungen für drei Millionen Gäste aus aller Welt. Feiern Sie mit. Erleben Sie an neun Tagen die maritime Atmosphäre von Kiel. Sailing City.“

Damit hat sich die Kieler Woche seit 1949 vielfältig weiterentwickelt und ist nicht mehr die Kieler Woche der Weimarer Republik mit ihren nur sportlichen Wettkämpfen aller Art, auch nicht die Kieler Woche während des Nationalsozialismus, in der sich die Partei ihrer zu Propagandazwecken bemächtigt hatte, auch nicht die Kieler Woche des wilhelminischen Deutschlands.

Die Kieler Woche im Kaiserreich

Die Kieler Woche war zur Kaiserzeit 1882 entstanden, als Kieler und Hamburger Segler eine gemeinsame Wettfahrt auf der Kieler Förde verabredet hatten. Es sollte eine überregionale Veranstaltung sein, zu der Segler aus dem Ost- und Nordseeraum eingeladen wurden. 20 Anmeldungen, vorwiegend aus Hamburg, lagen schließlich vor für die sogenannte Regatta in Kiel, wie sie zunächst hieß. Sie dauert nur einen Tag. Der Start der Boote lag in der Höhe von Düsternbrook, von dort wurde bis zur Wendeboje auf der Höhe Stein – Bülk gesegelt.

Kieler Woche 1911: Der Kaiser an Bord seiner Yacht
Kieler Woche 1911: Der Kaiser an Bord seiner Yacht

Die Kieler Zeitung berichtete: “Kiel den 23. Juli... Der gestrige Tag war dem maritimen Sport gewidmet. Schon in den Frühstunden herrschte in den Straßen und besonders in der Hafengegend ein bewegtes Leben. Die Bahnen von Hamburg, Lübeck und Flensburg brachten zahlreiche Sportfreunde... Fremde äußerten staunend, dass wohl ganz Kiel auf den Beinen sei... Es bleibt noch die angenehme Pflicht zu erwähnen, dass Se. kgl. Hoheit Prinz Heinrich und seine erlauchte Schwester,... die Frau Erbprinzessin von Sachsen-Meiningen, an Bord des Dampfers 'Notus' den Verlauf der Regatta mit sichtlichem Interesse verfolgten.“

Nach der Regatta fand die Preisverleihung statt, dann ein Dinner im Bellevue und abends ein Fest im Offizierskasino. Damit waren 1882 schon alle Merkmale der späteren Kieler Woche vorhanden: die große Beteiligung der Bevölkerung und der kaiserlichen Familie, die feierliche Preisverleihung und eine Abendgesellschaft.

Das Wettsegeln in Kiel wurde zu einem attraktiven sportlichen Ereignis, an dem bald auch Segler aus den nordischen Staaten, Großbritannien, Frankreich, Holland, Belgien, Österreich, Russland, Spanien und den USA teilnahmen. Die Veranstaltung blieb auch nicht mehr nur auf einen Tag beschränkt, und 1894 tauchte das erste Mal der Name Kieler Woche auf.

Die Seeoffiziere gewannen im Segelsport zunehmend an Bedeutung, was verständlich war bei der Vorliebe des Kaisers Wilhelms II. für alles Militärische, insbesondere für die Flotte.

1887 entstand der Marine-Regatta-Verein, eine Vereinigung der aktiven Marineoffiziere, aus dem 1891 der Kaiserliche Yacht-Club hervorging. Der Kaiser wurde Kommodore des KYC, sein Bruder, Prinz Heinrich, Vizekommodore. Dieser zählte schon seit 1885 zu den aktiven Teilnehmern der sommerlichen Regatten, auch der Kaiser nahm seit 1894 regelmäßig an der Kieler Woche teil.

Diese wurde entscheidend durch die Person des Kaisers geprägt. Er stiftete Wanderpreise, nahm die Preisverleihung vor, empfing auf seiner Dampfyacht „Hohenzollern“ seine Minister oder andere bedeutende politische Persönlichkeiten des In- und Auslandes, ebenso ausländische Staatsoberhäupter wie Zar Alexander III., Leopold II. von Belgien und König Eduard VII. aus Großbritannien. Natürlich bot die Kieler Woche auch eine Möglichkeit, die kaiserliche Flotte zur Schau zu stellen und ihre Macht zu demonstrieren.

Selbstverständlich war die Kieler Woche zur Kaiserzeit auch ein gesellschaftliches Ereignis von höchstem Rang. Für bedeutende ausländische Gäste, hohe Marineoffiziere, Mitglieder des KYC, die höhere zivile Beamtenschaft und einige wenige Honoratioren der Stadt wurden Festessen, Damentees, Herrenabende und Frühstücke an Bord der kaiserlichen Yacht, im Kieler Schloss des Prinzen Heinrichs, an Bord der Kriegsschiffe und im Yacht-Club veranstaltet.

Die Mehrzahl der Kieler-Woche-Besucher aber, die Kaufleute, Handwerksmeister, Beamten und Arbeiter, waren nur Zuschauer, Zaungäste und nicht beteiligt an den Segelveranstaltungen und Feierlichkeiten. Die Kieler Woche war dennoch in den breiten Bevölkerungskreisen beliebt, denn es gab viel zu sehen und eine Menge zu bewundern: die prächtigen Segelyachten, die große Zahl der Kriegsschiffe, die abends illuminiert waren, das vornehme Publikum, den Blumenkorso und das Feuerwerk. Natürlich fanden auch Platzkonzerte statt, und die Gastronomie bot Gartenkonzerte und Tanzveranstaltungen.

Die Sozialdemokratie lehnte die Kieler Woche als „Narrheit der Reichen und Satten“ ab und appellierte an die Arbeiterklasse fernzubleiben, hatte damit aber wenig Erfolg, denn als Zuschauer wollte man zumindest dabei sein.

Christa Geckeler

Literatur

Danker, Jörn: Die Neugründung der Kieler Woche nach dem Zweiten Weltkrieg, Dissertation, Kiel 1988, Stadtarchiv Kiel

Erdmann, Karl Dietrich: 100 Jahre Kieler Woche – 100 Jahre deutscher Geschichte, in: Karl Dietrich Erdmann, Träger des Kulturpreises 1982 der Landeshauptstadt Kiel, Kiel 1982

Jensen, Jürgen: Die Kieler Woche, Deutschland und die Welt, in: Geschichte der Stadt Kiel, Neumünster 1991

Jensen, Jürgen und Renate Jürgens: Kiel in der Geschichte der Malerei. Kiel im ersten Jahrhundert der Kieler Woche, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 14, Neumünster 1982

Jensen, Jürgen, Karl Rickers (Hg.): Andreas Gayk und seine Zeit. 1893-1954. Erinnerungen an den Kieler Oberbürgermeister, Neumünster 1974

Jürgensen, Kurt: Die Briten in Schleswig-Holstein 1945-1949, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 22, Neumünster 1989

Kiel. Bürger bauen eine neue Stadt, hrsg. vom Magistrat der Stadt Kiel, Kiel 1955

Kiel Week, Kieler Woche, Hg.: Editor, Stampe bei Kiel 2002

Kieler Kurier vom 2. Juni 1982

Segeln in Kiel. Ausstellung anlässlich der 100. Kieler Woche, Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum, Warleberger Hof 1994, Schriften des Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseums, Neumünster 1994

Sievers, Kai Detlev: Die „Kieler Woche“ im wilhelminischen Deutschland. Ihre nationale und soziale Bedeutung, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 67, 1980

Sievert, Hedwig: 75 Jahre Kieler Woche, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 48, 1957

Weißner, Gunter: Das Alltagsleben der britischen Besatzungsmacht in Kiel 1945-1949, Examensarbeit, Kiel 1994, Stadtarchiv Kiel

Fotos:

„British Kiel Yacht Club“: Nordmarkfilm, Landesarchiv Schleswig-Holstein

„Britische Segelregatta vor dem Hindenburgufer 1946“: Nordmarkfilm, Landesarchiv Schleswig-Holstein

„Kieler Woche 1952: Fest auf grünem Rasen“: Weyh


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