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Kieler Erinnerungstag: 1. September 1905

100 Jahre Produktion von Anschütz-Kreiselkompassen in Kiel

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100 Jahre Produktion von Anschütz-Kreiselkompassen in Kiel

Nur ein Schild mit dem Namen Anschütz und dem Firmenlogo hoch über der Eingangstür des Verwaltungsgebäudes in der Zeyestraße in der Wik lässt erkennen, dass sich hier die Firma Anschütz befand, das älteste Kreiselkompasswerk der Welt. Denn am 1. Januar 1995 ging das Unternehmen in die Raytheon Company, USA, über, deren Name an dem Fabrikgebäuden sichtbar ins Auge fällt.

Dr. Hermann Anschütz-Kaempfe – ein genialer Erfinder

1905 hatte Hermann Anschütz-Kaempfe die Fabrik in Kiel gegründet. Bis dahin aber war es ein weiter Weg.

Hermann Anschütz wurde am 3. Oktober 1872 in Zweibrücken in der Pfalz geboren. Nach dem Abitur begann er ein Medizinstudium, das ihn aber wenig befriedigte. Im Hause seines Onkels in Salzburg lernte er den wohlhabenden österreichischen Kunsthistoriker Dr. Kaempfe kennen, der ihn überredete, das Medizinstudium aufzugeben und sich der Kunstgeschichte zuzuwenden. Er lud den jungen Anschütz zu Reisen nach Griechenland und Italien ein, und so nahm dieser das Studium der Kunstgeschichte auf, das er mit der Promotion über venezianische Malerei im 16. Jahrhundert abschloss. Der kinderlose Kaempfe adoptierte Anschütz und setzte ihn zum Erben seines beträchtlichen Vermögens ein.

Anschütz-Kaempfe, wie er nun hieß, sich aber im Freundeskreis nur Anschütz nannte, ging nach dem Studium nach Wien, wo er „jung, charmant, reich und großzügig“ sich in teure Vergnügen stürzte und dabei viele Freunde fand. Hier begegnete ihm auch der Maler und Polarforscher Julius von Payer, der zu einem neuen Wendepunkt im Leben von Anschütz wurde. Denn von nun an beschäftigte er sich mit Schriften über Polarexpeditionen, schloss sich selbst einigen an, studierte die Eisverhältnisse im Nordpolarbereich und äußerte 1901 in Wien vor der K. K. Geographischen Gesellschaft seine Absicht, den Nordpol mit einem Unterseeboot zu erreichen.

Aber da gab es Probleme. Bei seinen Expeditionen in den hohen Norden war Anschütz aufgefallen, wie unzuverlässig der übliche Magnetkompass reagierte. Hinzu kam, dass der eiserne Körper eines U-Bootes den Magnetkompass gegen das schwache erdmagnetische Feld abschirmen und unbrauchbar machen würde.

Anschütz begann zu suchen, zu studieren, zu forschen. Es musste ein vom Erdmagnetismus unabhängiger Richtungsweiser gefunden werden. Diese Aufgabe nahm ihn so gefangen, dass er seinen ursprünglichen Plan - die Polfahrt – nicht weiter verfolgte. Ausgangspunkt seiner Überlegungen waren die Arbeiten des französischen Physikers Foucault, der 1852 ein Kreiselinstrument - Gyroskop genannt- beschrieben hatte. Seine theoretischen Erkenntnisse hatte jedoch keiner in die Praxis umgesetzt. Viele hatten es versucht. Alle waren gescheitert.

In mehrjährigen Versuchen gelang Anschütz 1904 die Konstruktion eines elektrisch angetriebenen Kreiselrichtungshalters, des „Gyros“. Er fußte dabei auf den beiden Kreiselgesetzen:

„1. Ein sich schnell drehender Kreisel hat das Bestreben, seine Richtung im Raum beizubehalten.

2. Wenn eine Kraft die Richtung der Kreiselachse zu ändern sucht, so folgt die Achse dieser Kraft nicht, sondern sie weicht seitlich aus“ (Der Große Brockhaus, 1931).

Im Januar 1904 stellte er sein Gerät der Kaiserlichen Marineakademie in Kiel vor, im März lief es auf einem Hafendampfer in der Kieler Förde, eine Woche später auf einem Kreuzer der Kaiserlichen Marine. Die Ergebnisse waren günstig, aber nicht zufrieden stellend. Der Kreisel reagierte sogar bei leichtem Schlingern und Stampfen des Schiffes sehr empfindlich. Dennoch meldete Anschütz am 27. März 1904 seine Erfindung als Patent an, das 1907 erteilt wurde. Die Marine verhielt sich skeptisch und war nicht bereit, die Entwicklung eines Kreiselkompasses zu unterstützen.

Gründung der Firma Anschütz in Kiel und die Verbesserung des Kreiselkompasses

Um mit der Verbesserung des Kreisels fertig zu werden, hielt Anschütz es für angebracht, in Kiel in engem Kontakt zur Schifffahrt und Marine weitere Versuche vorzunehmen. Um die Weiterentwicklung seiner Erfindung voranzutreiben, entschloss sich Anschütz, der seit 1901 in München wohnte, eine eigene Firma in Kiel zu gründen. Am 1. September 1905 bezog er in der Dammstraße 20, jetzt Lorentzendamm - hier ist heute eine Gedenktafel angebracht - zwei Werkstatträume, die die Keimzelle der Firma Anschütz & Co., Kommanditgesellschaft bildeten.

Bei der Aufgabe, einen bordtauglichen Kreiselkompass zu entwickeln, half ihm sein Vetter, der Dipl.-Ing. Max Schuler. Gemeinsam fanden sie einen Weg zum nordsuchenden Kreiselkompass, den ersten der Welt, den Anschütz 1907 vorstellte.

Sofort gab es umfangreiche Borderprobungen. Kaiser Wilhelm II. und seinem Bruder, Prinz Heinrich, wurde die Erfindung in Wilhelmshaven vorgeführt, von der Marine kamen die ersten Aufträge. Die Werkstatträume in der Dammstraße reichten bald für die Produktion des Kompasses nicht mehr aus, so

Der Neubau der Firma Anschütz an der Schwentinemündung, 1937
Der Neubau der Firma Anschütz an der Schwentinemündung, 1937

wurde im Dezember 1909 ein neues Fabrikgebäude in Neumühlen-Dietrichsdorf an der Schwentinemündung bezogen. Weitere Erfindungen folgten. Anschütz konstruierte einen Bohrlochneigungsmesser für den Bergbau und Schuler einen Vermessungskreisel. Als Spezialgerät für die Schifffahrt entwickelte die Firma 1911 den Koppeltisch, der, mit einem Kompass und einer Fahrtmessanlage verbunden, beständig den Schiffsort aufzeichnete. Vor allem aber musste man versuchen, die Kompassfehler beim Schlingern der Schiffe zu beseitigen. Schuler gelang es, das Problem theoretisch zu lösen, und so konnte 1911 der Dreikreiselkompass als Patent angemeldet werden. Weitere Aufträge der Kaiserlichen Marine und nun auch der Handelsschifffahrt und des Auslandes folgten. Die Firma musste 1912 ihr Werk erweitern. Der Erste Weltkrieg verstärkte dann noch die Nachfrage nach dem Kreiselkompass.

Anschütz schied 1914 als persönlich haftender Gesellschafter aus der Geschäftsleitung aus und kehrte 1916 als „Privatgelehrter“ nach München zurück, behielt aber weiter die technische Oberleitung der Firma in Kiel. Die Geschäftsleitung lag jetzt in den Händen seines Vetters Max Schuler und von Wolfgang Otto.

Einstein und Anschütz

Im Zuge der verstärkten Flottenrüstung vor dem Ersten Weltkrieg traten auch andere Anbieter von Kreiseln auf den Markt. So der Amerikaner Elmer Ambrose Sperry, der 1909 mit Anschütz in Kiel zusammentraf. Bereits zwei Jahre später stellte Sperry einen eigenen Kreiselkompass vor. Obwohl die Kaiserliche Marine diesen nach Vergleichsversuchen als unterlegen erklärte, führte die Firma Anschütz einen Patentprozess gegen Sperry. In dessen Verlauf wurde Albert Einstein, wegen der komplizierten Materie, 1914 als Gutachter bestellt. Er war Leiter des Berliner Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physikalische Chemie. Am 5. Januar 1915, dem zweiten Verhandlungstermin in Berlin, traf Albert Einstein mit Hermann Anschütz-Kaempfe das erste Mal zusammen. Und am 10. Juli 1915 war Einstein das erste Mal in Kiel, um den Sperry-Kreisel auf dem Gelände der Kaiserlichen Marine eingehend zu untersuchen. Den Prozess gegen Sperry gewann Anschütz, was für die junge Firma einen großen Erfolg bedeutete. Wenig später trat Einstein als Gutachter für die Firma Anschütz in einem Patentprozess auf, und zwar gegen die Kreiselbau GmbH wegen der Erfindung des künstlichen Horizonts, der den Blindflug im Flugverkehr ermöglichte. Weil die Verbindung von Anschütz und Einstein immer enger wurde und sich zur Freundschaft entwickelte, bat Einstein 1918 das Gericht um Entlassung als Gutachter in diesem Prozess. Dennoch riss die Verbindung zwischen den beiden Männern nicht ab.

Anschütz versuchte eine weitere Verbesserung seines Kreiselkompasses vorzunehmen. „Ich kann das verbockte Instrument nicht mehr sehen“, äußerte er und war von der Idee gepackt, eine völlige Neukonstruktion zu entwickeln. Er suchte einen Weg, das Kreiselsystem möglichst reibungsfrei in einem umgebenden Gehäuse zu lagern. Der nordweisende Kreisel sollte in einer hermetisch geschlossenen Kugel untergebracht werden, die reibungsfrei in einer Tragflüssigkit schwimmt. Das war das Ziel der Laborversuche von Anschütz und seinen Mitarbeitern. Aber es traten unerwartete Reibungseffekte auf. Hier nun kam Einstein zur Hilfe. Er hatte die Idee, die in der Flüssigkeit schwimmende Kugel durch eine ringförmige Magnetspule, die „Blasspule“, zu zentrieren, damit der Kompass dadurch an jedem Punkt denselben Abstand zur Aluminiumhülle hält. Für dieses Patent erhielt Einstein noch viele Jahre Lizenzgebühren von der Firma Anschütz, auch dann noch, nachdem er 1933 das nationalsozialistische Deutschland verlassen hatte und in die USA emigriert war.

Das Ergebnis der langen Versuche war der Kugelkompass, der 1925 in die Produktion gehen konnte und dessen Grundprinzip bis heute Anwendung findet. Er wurde zur Standardausrüstung der Schiffe fast aller Nationen. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, fuhren alle Kriegsschiffe der Welt – außer der angelsächsischen - mit Anschütz-Kreiselkompassen. Der alte „Graf Zeppelin“, das Luftschiff „Hindenburg“ und amerikanische Zeppeline umkreisten die Welt sicher mit dem Kugelkompass. Ebenso waren Riesenpassagierdampfer, wie z. B. die „Bremen“ und die „Europa“, mit dem Anschütz-Kreiselkompass ausgerüstet. Hermann Anschütz-Kaempfe hatte als Erfinder den Höhepunkt seines Schaffens erreicht.

Einstein in Kiel

Dem ersten Besuch Einsteins in Kiel 1915 folgten weitere, oft begleiteten ihn seine Frau oder seine beiden Söhne Hans Albert und Eduard. Es waren meist Arbeitsbesuche, bei denen es u. a. um die Entwicklung des Kreiselkompasses oder um Gutachtertätigkeit ging. Für den begeisterten Segler Einstein war Kiel aber auch als Sommerfrische attraktiv.

Hermann Anschütz-Kaempfe und Albert Einstein beim Segeln auf der Kieler Förde
Hermann Anschütz-Kaempfe und Albert Einstein beim Segeln auf der Kieler Förde

Am Schwentineufer lag für ihn eine Jolle bereit, die er jeder Zeit zu Fahrten auf der Förde benutzen konnte.

Wenn Einstein sich in Kiel aufhielt, war er Gast im Hause Anschütz in der Bismarckallee 24. Als Anschütz aber das Schloss Lautrach bei Memmingen als Gästehaus und Sommersitz erworben hatte und das Haus in Kiel 1922 aufgab, beabsichtigte Einstein sogar, in Kiel ein eigenes Haus zu kaufen, auch weil er sich nach der Ermordung des jüdischen Außenministers Walter Rathenau in Berlin nicht mehr wohlfühlte. Es entstand der Plan, in Düsternbrook eine Villa zu erwerben, in der der berühmte Chirurg Friedrich von Esmarch gewohnt hatte. Erbaut worden war das Haus von Herzog Friedrich von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, dessen Tochter, die spätere Kaiserin Auguste Victoria, hier einige Kindheitsjahre verbracht hatte. Aber Einstein verzichtete. Er schrieb im Juli 1922 an Anschütz:

„Lieber Herr Anschütz!

Das war eine schöne und hoffnungsfrohe Woche in Kiel in Ihrem Märchenhause. Die Aussicht auf ein geradezu normales menschliches Dasein in der Stille, verbunden mit der willkommenen praktischen Arbeitsmöglichkeit in der Fabrik entzückt mich. Dazu die wundervolle Landschaft, das Segeln – beneidenswert. Nur von dem Ankauf der romantischen Villa Esmarch müssen wir leider Abstand nehmen. Denn die Kieler Bürger würden den Ankauf eines historisch so schwer belasteten Gebäudes durch einen Juden als provokatorischen Akt empfinden und sich irgendwie an mir rächen; es gibt immer Möglichkeiten, wenn man nur will. Es ist meine feste Überzeugung, dass der Ankauf der Villa zu schweren Komplikationen führen würde. In so aufgeregten Zeiten sind die Menschen überhaupt sonderbar... Sie und Ihre Frau grüßt herzlich Ihr A. Einstein.“

Da Einstein sich jedoch inzwischen entschieden hatte, in Berlin zu bleiben, wurde nicht weiter nach einem Haus in Kiel gesucht. In unmittelbarer Nähe der Kompassfabrik, im Heikendorfer Weg 23, bekam er von Anschütz in einem großen Wohnhaus eine Parterrewohnung, liebevoll „Diogenes-Tonne“ genannt. Die Wohnung hatte direkten Zugang zur Schwentine, wo sein Segelboot lag.

Im April 1923 hat Einstein wahrscheinlich hier das erste Mal gewohnt, als er zu einem Arbeitsbesuch nach Kiel gekommen war. Einsteins letzter Ferienaufenthalt an der Förde war vermutlich im Jahre 1926. Im selben Jahr riss offensichtlich auch der Briefkontakt mit Anschütz ab. Dieser übertrug 1930 seinen Mehrheitsanteil an der Kreiselkompassfabrik auf die Carl-Zeiss-Stiftung, weil deren Statuten seinen eigenen sozialen und unternehmenspolitischen Vorstellungen entsprachen. Am 6. Mai 1931 verstarb Dr. Hermann Anschütz-Kaempfe, noch nicht sechzigjährig, in München.

Die Firma Anschütz in der Kriegs- und Nachkriegszeit

Im Zuge der Angliederung an die Carl-Zeiss-Stiftung wurde die Firma 1931 in eine G. m. b. H. umgewandelt, Wolfgang Otto blieb alleiniger Geschäftsführer. Trotz der Weltwirtschaftskrise hatte die Fabrik geschäftliche Erfolge. 1931 waren im Betrieb 150 Personen beschäftigt, 1936 schon 250. Obwohl die Werkstätten 1934 erweitert wurden, entstand 1937 ein großer vierstöckiger Werksneubau. Die Produktion von Kreiselkompassen und Zusatzgeräten hatte sich wegen der deutschen Aufrüstung unter den Nationalsozialisten und wegen der starken Auslandsnachfrage stark erhöht. Im Zweiten Weltkrieg expandierte die Firma weiter, sie hatte nun 2000 Mitarbeiter.

Der große Bedarf an Luftfahrtgeräten führte zur Ausgliederung dieses Fertigungszweiges. Es entstanden 1941 als Tochterfirma die „Feinmechanischen Werkstätten“ G. m. b. H. (FWN) in der Schönkirchener Straße in Neumühlen-Dietrichsdorf. Dieser Betrieb wurde 1944 durch Luftangriffe so schwer zerstört, dass hier eine Produktion nicht mehr möglich war. U.a. hatten Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in diesem Werk gearbeitet, wie auch in vielen andern Kieler Betrieben während des Krieges. Die Produktion der FWN wurde nach Hohwacht auf das Gelände eines ehemaligen FLAK-Schießplatzes ausgelagert. Gleichzeitig mit den Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern aus Kiel kamen in das Zwangsarbeiterlager Howacht auch Häftlinge aus dem KZ Buchenwald, wo Anschütz in den Gustloff-Werken ebenfalls Kreiselkompasse fertigen ließ. Auch dieser Betrieb wurde 1944 zerstört. Die KZ-Häftlinge, hoch qualifizierte Facharbeiter, erledigten die Hauptarbeiten an den Steuergeräten für Raketen, die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter waren dagegen für einfachere Arbeiten zuständig. Obwohl die KZ-Häftlinge, da sie Geheimnisträger waren, damit rechnen mussten, gegen Kriegsende erschossen zu werden, kamen fast alle mit dem Leben davon. Zwei von ihnen starben wahrscheinlich eines natürlichen Todes, ein weiterer wurde vermutlich auf der Flucht erschossen.

Auch die Anschütz-Fabrikgebäude an der Schwentinemündung blieben von den Bomben nicht verschont, der Altbau wurde völlig zerstört, der Neubau schwer getroffen. In den Fabrikhallen, notdürftig repariert, lief die Produktion aber bis Kriegsende eingeschränkt weiter. Dann aber war Schluss.

Da die Kreiselkompassfabrik ein Rüstungsbetrieb gewesen war, wurde der noch stehende Rest von der Militärregierung beschlagnahmt, das Vermögen der Firma gesperrt, jegliche Produktion, selbst Reparaturen, verboten, das Werk demontiert. Die Firma existierte nur noch auf dem Papier.

Fast das gleiche Schicksal erlebte die Zeiss-Ikon AG in Dresden, die ebenso wie Anschütz zur Carl-Zeiss-Stiftung gehörte. Soweit das Dresdner Werk nicht zerstört worden war, unterlag es ebenfalls der Demontage. Daher suchte die Zeiss-Stiftung nach geeigneten neuen Fabrikationsräumen für den Bau von Kino-Vorführapparaten und Schmalfim-Wiedergabegeräten. In Kiel gab es ungenutzte Marinebauten. Hinzu kam, dass ehemalige Anschütz-Facharbeiter vorhanden waren, die es aufzufangen galt, bevor sie in fremde Betriebe abwanderten. Damit war die Grundvoraussetzung für den Wiederaufbau der Firma Anschütz geschaffen. Außerem zeigte sich die Stadt Kiel sehr hilfsbereit, die Zeiss-Ikon AG in ihrem Vorhaben zu unterstützen.

Als dann 1950 die Vermögenssperre für die Firma Anschütz entfiel und das verhängte Fertigungsverbot gelockert wurde, konnten die ersten Geräte dem neuen Zeiss-Ikon-Werk in der Wik in Auftrag gegeben und Vorbereitungen für eine eigene Produktion aufgenommen werden. Da der Wiederaufbau der zerstörten Fabrik an der Schwentinemündung sehr teuer geworden wäre, entschied die Geschäftsleitung von Anschütz, einen modernen Neubau, der den neuesten Fertigungsmethoden entsprach, neben dem Werk von Zeiss-Ikon zu errichten Nach Ankauf eines städtischen Geländes in der Zeyestraße konnte hier 1953 eine neue Fertigungshalle und das Betriebsbüro bezogen werden. Erweiterungsbauten folgten.

Das neue Werk Kiel-Wik, 1954
Das neue Werk Kiel-Wik, 1954

Die Entwicklung der Firma verlief günstig Durch Konstruktionen neuer und Verbesserung vorhandener Geräte für die Handelsschifffahrt konnten die Kapazitäten der Firma erweitert werden. Mitte 1955, zum 50. Jubiläum, hatte die Zahl der Mitarbeiter mit 250 den Vorkriegsstand wieder erreicht.

Ein alter Firmenname geht unter – ein altes Fabrikgebäude wird unter Denkmalschutz gestellt

Das Unternehmen profitierte in seiner Entwicklung von der weltweit günstig verlaufenden Schiffbau-Situation. Aber auch militärische Aufträge lagen vor. Hauptkunden waren die Marinen kleinerer Nato-Staaten, einige Entwicklungsländer und Ostasien.

1976 übernahm Anschütz die Zeiss-Ikon AG in der Wik mit deren Produktionsbereich und Personal. Denn als in den 1960er Jahren den Japanern der große Einbruch in die Foto- und Kinotechnik gelang und Aufträge für Zeiss-Ikon weniger wurden, der Absatz bei Anschütz aber florierte , beschäftigte Anschütz rund 40% der Zeiss-Ikon-Mitarbeiter. Anschütz erhielt eine 46prozentige Beteiligung der Zeiss-Ikon AG, deren Aktienkapital zu 94 % bei Carl Zeiss lag. Die Produktionspalette wurde beibehalten.

Die neue Montagehalle mit Prüffeld, 1954
Die neue Montagehalle mit Prüffeld, 1954

Aber die Firmensituation verschlechterte sich mit der Krise im nationalen und internationalen Schiffbau. Anschütz, immer noch ein weltweit führender Hersteller von Kreiselkompassen und Schiffsnavigations- und Steueranlagen, musste erstmalig in den 1980er Jahren Personal abbauen.

Und dann überraschte die Kieler 1994 die Nachricht, dass die angeschlagene Zeiss-Gruppe sich strategisch neu ausrichten und 3000 von 15 900 Mitarbeitern abbauen wolle. In dem Optikkonzern galt Anschütz mit seiner Produktion ohnehin als Exot.

1994 übernahm der amerikanische Rüstungs- und Elektronikkonzern Raytheon (Lexington/Massachusetts) die traditionsreiche Firma Anschütz. Die Navigationbereiche von Anschütz wurden Bestandteil der Raytheon-Tochter Raytheon Marine Company mit Sitz in Manchester/ New Hampshire, die auf die Produktion von Radar- und Sonartechnik spezialisiert ist. Das Unternehmen gilt auch als ein weltweit bekannter Anbieter von Navigationstechnik für Yachten. Allerdings musste Raytheon die in eigene Produkte integrierten Kreiselkompasse von anderen Firmen beziehen. Die Übernahme von Anschütz, immer noch der zweitgrößte Anbieter von Kreiselkompassen, versetzt Raytheon nunmehr in die Lage, komplette Navigationssysteme zu verkaufen. Für Anschütz bot sich der Vorteil eines noch weiter verzweigten Betriebsnetzes und zu einem wirtschaftlich starken Unternehmen zu gehören. Nach mehreren Namensänderungen erhielt die Firma den heutigen Namen Raytheon Marine GmbH. Der Name Anschütz ist aus Kiel verschwunden.

Die alte und vom Krieg beschädigte Fabrik im Heikendorfer Weg an der Schwentinemündung hatte die Firma Anschütz schon lange verkauft. Das Gebäude, 1937 nach Entwürfen des Berliner Architekten Hans Hertlein von der Hamburger Firma Dyckerhoff & Widmann in Backstein mit schlichter Fassade erbaut, ist eines der wenigen z. T. gut erhaltenen Zeugnisse der Architektur der 1930 Jahre. Darum steht es auch heute unter Denkmalschutz.

1962 wurde der Gesamtbau saniert und später von der Möbelfirma Schröder als Lagerraum genutzt. Seit 1975 verfiel das Gebäude immer mehr, bis Ende der 1980er Jahre der Kaufmann Günter Bresse es erwarb, um es als Hotel umzubauen. Der Baukörper wurde behutsam restauriert, zur Schwentine das alte Treppenhaus abgerissen und durch ein gläsernes ersetzt. Dieser Trum bietet auf jeder Etage einen faszinierenden Ausblick auf die Schwentine und die Förde. Als die Planung fast abgeschlossen war, entschied sich der Bauherr, die ehemalige Fabrik als Rehaeinrichtung für Herz-Kreislauf-Kranke zu nutzen. So ist heute nach dem Umbau von 1991/92 das Compass Rehabilitationszentrum in der ehemaligen Anschütz-Fabrik entstanden. Nicht nur der Name der Klinik, sondern auch ein Kreiselkompass und verschiedene Bilder in der großen Eingangshalle erinnern an die ehemalige Nutzung des Gebäudes.

Christa Geckeler

Literatur

Baade, Jürgen: Die Anschützfabrik, in: Tradition und Aufbruch im Schwentinetal, Hg. Gert Kaster,Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 38, Husum 2001

Bludau, Dietrich, Peter Kaltenbach: Anschütz & Co. GmbH 1905-1955, Kiel 1955

Broelmann, Jobst: „Die Kultur geht so gänzlich flöten bei der Technik“. Der Unternehmer und Privatgelehrte Hermann Anschütz-Kaempfe und Albert Einsteins Beitrag zur Erfindung des Kreiselkompasses, in: Kultur & Technik, 1/1991, S. 50-58

Eine Weltmarke, in: Kiel im Wiederaufbau, Norddeutscher Wirtschaftsverlag, Rendburg 1955, S. 41-43

Kieler Nachrichten vom 23. Juli 1956, vom 12. März 1976, vom 14. Oktober 1980, vom 17. Dezember 1981, vom 11. Oktober 1986, vom 20. August 1987, vom 25. März 1991, vom 12. Dezember 1994, vom 23. Februar 1995, vom 2. Mai 2001, vom 15. Januar 2005

Kleines Kompassbrevier, Anschütz Kiel, o. J.

Klußmann, Jan, Zwangsarbeit in der Kriegsmarinestadt Kiel 1939-1945, Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 81, Bielefeld 2004

Lohmeier, Dieter, Bernhardt Schell (Hg.): Einstein, Anschütz und der Kieler Kreiselkompass. Der Briefwechsel zwischen Albert Einstein und Hermann Anschütz-Kaempfe und andere Dokumente. Mit einem Beitrag von Jobst Broelmann, Heide 1992

Romig, Bernd: Hintergrund-Information zur Hinweistafel im Kurpark auf das Konzentrationslager Hohwacht, Hohwacht 1999

Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung vom 5. August 1954, vom 23. Juli 1956

75 Jahre Anschütz, (Kiel 1980)

Fotos: Archiv der Fa. Raytheon Marine GmbH, Kiel


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