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Kieler Erinnerungstag:

Das Kriegsgefangenenmahnmal in der Holstenstraße

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Das Kriegsgefangenenmahnmal in der Holstenstraße

Einweihung 1953

Zur Mittagszeit am 25. Oktober 1953 wurde bei schönem Herbstwetter in der Holstenstraße am ehemaligen Runden Platz, heute Berliner Platz, nach einer Verkehrsstille von zwei Minuten und dem Glockengeläut aller Kirchen das Kriegsgefangenenmahnmal durch den Stadtpräsidenten Max Schmidt eingeweiht. Nach einer Ansprache und der Feier, die im Beisein des Oberbürgermeisters Andreas Gayk, des Rektors der Universität, von Vertretern der Landesregierung, des Magistrats, der Ratsversammlung, des Heimkehrerverbandes und einiger Tausend Kieler stattfand, wurden am Mahnmal Blumen niedergelegt.

Das Denkmal bestand aus einer vier Meter hohen Stele, die der Bildhauer Fritz During geschaffen hatte. Mit nur wenigen angedeuteten Linien hatte der Künstler Arme und Köpfe zweier Menschen herausgearbeitet. Die beiden Köpfe berühren, die Arme umschließen einander. Dafür gibt es verschiedene Interpretationen. Die einen sehen darin die Form von Mutter und Sohn versinnbildlicht, andere zwei trauernde Frauen. Hans Joachim Kaiser meint: „Gerade durch die inhaltliche und formale Reduktion gelingt es dem Künstler, Fritz During, die Situation der Trauer und des Wartens, in der viele Menschen in der Nachkriegszeit standen, intensiv zum Ausdruck zu bringen.“

Die Inschrift des Mahnmal lautete: „Gebt unsere Gefangenen frei. 72 Bürger der Stadt sind aus Kriegsgefangenschaft und Haft noch nicht heimgekehrt.“ Die Anregung zu dieser Inschrift: „Gebt unsere Gefangenen frei“ kam von Oberbürgermeister Andreas Gayk. Denn am Gedenktag der Kriegsgefangenen 1950 hatte er gefordert: „ Solange Recht und Menschenwürde nicht wiederhergestellt sind, solange darf es für jeden von uns nur eine Forderung und einen Ruf an die Welt geben: Gebt endlich unsere Kriegsgefangenen frei.“

Acht Jahre nach Kriegsende immer noch Kriegsgefangene

Anlass für das Aufstellen eines Kriegsgefangenenmahnmals war die Tatsache, dass es immer noch deutsche Kriegsgefangene aus dem Zweiten Weltkrieg gab. Obwohl die Außenminister der vier Besatzungsmächte im Frühjahr 1947 auf einer Konferenz in Moskau entschieden hatten, bis zum 31. Dezember 1948 alle ehemaligen Angehörigen der deutschen Wehrmacht zu entlassen, gab es in der Sowjetunion noch mehrere Tausend Kriegs- und Zivilgefangene. Die Angehörigen hofften noch immer auf ihre Rückkehr.

In der breiten Öffentlichkeit verblasste allerdings die Kriegsgefangenenfrage, denn der wirtschaftliche Wiederaufbau der Bundesrepublik und das beginnende Wirtschaftswunder standen im Mittelpunkt des persönlichen Interesses. Daher sollten Gedenkwochen und Mahnmale die Erinnerung an die Kriegsgefangenen wach halten. Hieran beteiligte sich auch die Stadt Kiel. Ursprünglich war 1953 vorgesehen, an sieben verschiedenen Plätzen und den großen Ausfallstraßen Mahnmale zu errichten. Ein Sonderausschuss der Ratsversammlung beschloss, in der Kriegsgefangenen-Gedenkwoche vom 19.-25. Oktober das erste Mahnmal in der Holstenstraße/Runder Platz einzuweihen. Weitere folgten dann aber nicht.

Das Schicksal des Mahnmals nach Heimkehr der Kriegsgefangenen

Bei der Einweihung des Denkmals hatte Stadtpräsident Schmidt erklärt, dass es nach der Rückkehr auch der letzten Gefangenen zu entfernen sei, denn dann habe es seine Aufgabe erfüllt.

Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer erreichte bei seinem Moskaubesuch im September 1955 durch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der Sowjetunion, dass die letzten Kriegs- und Zivilgefangenen frei kamen. Damit hätte das Mahnmal am Berliner Platz entfernt werden können. Aber der Magistrat der Stadt entschied, das „Heimkehrer-Ehrenmal am Berliner Platz“, wie es jetzt genannt wurde, stehen zu lassen.

Doch in den folgenden Jahren wurde öfter der Ruf laut, das Denkmal zu entfernen. Schüler meinten, ausländische Besucher könnten Anstoß daran nehmen. 1966 stellte der Stadtrat Lindemann jedoch fest, unter der Inschrift „Gebt unsere Gefangenen frei“ müsse man „auch die in der sowjetische besetzten Zone widerrechtlich Inhaftierten“ verstehen. Der Kulturreferent Dr. Arp schloss sich dieser Auffassung an. Anlässlich der olympischen Segelwettbewerbe in Kiel erweiterte er seine Interpretation: „Es gibt in der ganzen Welt Gefangene, die widerrechtlich festgehalten werden. Wir meinen, dass das Mahnmal in dieser Bedeutung noch seine Berechtigung hat.“ Der Inschrift auf der Stele war diese Deutung allerdings nicht zu entnehmen.

1985 kam das Mahnmal erneut in die Diskussion. Fehlende Buchstaben in der Inschrift und Beschmierungen durch Extremisten hatten die Stele verunstaltet. Der Magistrat beschloss, um den zeitlichen Bezug herzustellen, den Zusatz „Errichtet 1953“ anzubringen. So lautete die Inschrift nun: „Gebt unsere Gefangenen frei. Errichtet 1953“.

Heute gibt es dieses zeittypische Dokument der 1950er Jahre nicht mehr. Als 1992 die Baustelle für den Neubau des Kaufhauses Woolworth eingerichtet wurde, sollte das Mahnmal an einen sicheren Platz gestellt werden. Wegen der Größe und des Gewichts konnte dies nur durch einen Kran erreicht werden. Da weder Zeichnungen noch Konstruktionspläne des Mahnmals existierten, misslang die Umsetzung. Es zerbrach in mehrere Teile.

Das zerstörte Denkmal
Das zerstörte Denkmal

Heute befinden sich die Trümmer, einige große Blöcke mit herausragenden Stahlträgern, im Bauhof am Grasweg.

Christa Geckeler

Literatur

Kaiser, Hans Joachim: „Gebt unsere Gefangenen frei“: Erinnerungen an die Nachkriegszeit am Berliner Platz, in: Begegnungen mit Kiel, Gabe der Christian-Albrechts-Universität zur 750-Jahr-Feier der Stadt, Neumünster 1992, S. 312-315

Kieler Nachrichten vom 26. Oktober 1953 und vom 9. Januar 1965

Akten des Stadtarchivs Kiel: Nr. 35665 und 58373

Foto des zerstörten Denkmals: Hr. Leuckfeld

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