Landeshauptstadt Kiel Wappen der Landeshauptstadt Kiel

Kieler Erinnerungstag: 23. August 1946

Kiel wird Hauptstadt des Landes Schleswig-Holstein

Zurück zur Liste

Kiel wird Hauptstadt des Landes Schleswig-Holstein

Am 23. August 1946 wird Kiel Hauptstadt des Landes Schleswig-Holstein

„Seit wann ist Kiel eigentlich Landeshauptstadt?“ Auf diese Frage wissen erstaunlich wenige eine Antwort. Es war der 23. August 1946, als die preußische Provinz Schleswig-Holstein zum Land erhoben und Kiel zur Landeshauptstadt bestimmt wurde. Die Entstehung Kiels als Landeshauptstadt ist also eng mit der Landesgeschichte verknüpft.

Der Zweite Weltkrieg war seit gut einem Jahr zu Ende, überall herrschte Not. Kiel war zu 75-80% zerstört, auch Lübeck, Neumünster, Oldesloe hatte der Bombenkrieg hart getroffen. Durch Flucht und Vertreibung erhöhte sich die Bevölkerungszahl Schleswig-Holsteins noch um 70%, d. h. um 1,5 Millionen Menschen. Sie lebten z. T. in menschenunwürdigen Notunterkünften, in Scheunen, Baracken, Schulen, Nissenhütten, in überbelegten Wohnungen. Die Versorgung der Bevölkerung gestaltete sich äußerst kritisch, seit im Frühjahr 1946 die Lebensmittelzuteilung auf ca. 1000 Kalorien, d. h. unter das Existenzminimum, gesenkt worden war. Und nichts ging ohne die Briten, die Schleswig-Holstein bei Kriegsende besetzt hatten.

Schleswig-Holstein unter britischer Verwaltung

Schleswig-Holstein war Teil der britischen Besatzungszone, in der die Briten die Regierungsgewalt ausübten. Der Militärregierung in Schleswig-Holstein stand bis 1946 Brigadegeneral G. P. Henderson vor und nach ihm der Regional Commissioner Hugh de Crespigny. Für die Tätigkeit des Militärregierung trug Henderson die Verantwortung gegenüber dem Oberkommandierenden im Befehlsbereich des 8. Britischen Korps, Lieutenant General Sir Evelyn Barker. Barkers Hauptquartier lag in Plön, während Brigadegeneral Henderson seinen „Regierungssitz“ in Kiel hatte.

Theodor Steltzer
Theodor Steltzer

Die deutsche Verwaltung blieb weitgehend erhalten und wurde vom britischen Oberkommando genutzt, um in den wirren Monaten nach Kriegsende für Ordnung zu sorgen und eine – wenn auch minimale – Versorgung der Menschen zu ermöglichen. Die Briten knüpften an die Verwaltungsstruktur an, die sie vorfanden, trafen aber neue Personalentscheidungen.

Kiel war Amtssitz des Oberpräsidenten, des höchsten preußischen Repräsentanten in der Provinz Schleswig-Holstein, der zugleich bestimmte Verwaltungsaufgaben wahrzunehmen hatte. Das Regierungspräsidium für die gesamte Provinz Schleswig-Holstein war die eigentliche zentrale Verwaltungsbehörde. Ihr Amtssitz befand sich in Schleswig. Neben dem Oberpräsidenten und ihm unterstellt gab es die Selbstverwaltung des Provinzialverbandes vor allem für kulturelle und soziale Aufgaben.

Am 14. Mai 1945 wurden Dr. Otto Hoevermann als kommissarischer Oberpräsident eingesetzt, Regierungsrat Werner Mensching als kommissarischer Regierungspräsident und Dr. Hans Müthling als kommissarischer Landeshauptmann mit Wahrung der Geschäfte des Provinzialverbandes.

Fast täglich mussten im Sommer 1945 Dr. Hoevermann und seine Mitarbeiter, die in den Resten des Kieler Schlosses, im Rantzaubau, ihren Amtssitz hatten, bei der Militärregierung im Gebäude der Landwirtschaftskammer erscheinen, um die allgemeine Lage zu erörtern, Rat zu erteilen und Anweisungen entgegenzunehmen. Obwohl Dr. Hoevermann sich bei der Linderung der großen Not im Land sehr verdient gemacht hatte, wurde er am 15. November 1945 von der Militärregierung wieder entlassen, weil er Mitglied der NSDAP gewesen war.

Theodor Steltzer bei H. Champion de Crespigny 1946
Theodor Steltzer bei H. Champion de Crespigny 1946

An seine Stelle trat der Rendsburger Landrat Theodor Steltzer, der sich als Angehöriger des Kreisauer Kreises im Widerstand gegen die Nationalsozialisten hervorgetan hatte.

Theodor Steltzer hatte die Übernahme seines Amtes als Oberpräsident der Provinz Schleswig-Holstein von der Voraussetzung abhängig gemacht, dass eine einheitliche demokratische Provinzialverwaltung anstelle der mehrgliedrigen preußischen geschaffen wurde. Er legte der Militärregierung einen Plan vor, den diese auch genehmigte.

Von November 1945 bis August 1946 wurden neue politische Organe geschaffen, die an die Stelle der preußischen traten. Am 1. Dezember 1945 wurden Oberpräsidium und Regierungspräsidium vereinigt und Anfang 1946 auch die Ämter des Provinzialverbandes eingegliedert. Am 26. Februar 1946 wurde mit einem feierlichen Akt im Kieler Schauspielhaus ein von der Militärregierung ernannter Landtag eingesetzt. Bereits im Dezember 1945 waren neue Landesämter für Inneres, Finanzen, Wirtschaft, Ernährung-Landwirtschaft-Forsten, Volksbildung und Volkswohlfahrt eingerichtet, im Mai 1946 aus der Mitte des Landtages eine Landesregierung unter Leitung des Oberpräsidenten gebildet worden. Die von dem Juristen Professor Dr. Hermann Mangoldt entworfene und vom Landtag am 12. Juni einmütig verabschiedete vorläufige Landesverfassung legte die Kompetenzen von Landesregierung, Landesverwaltung und Landtag fest.

Eröffnung des Landtags am 26.2.1946
Eröffnung des Landtags am 26.2.1946

Kiel oder Schleswig als Landeshauptstadt?

Wo aber sollte der Sitz der Landeshauptstadt sein?

Oberpräsident Steltzer schlug vor, für eine Übergangszeit wegen der schwierigen räumlichen Verhältnisse nach dem Krieg die verschiedenen Verwaltungsabteilungen teils in Kiel, teils in Schleswig unterzubringen, letztlich dann aber Schleswig zum Sitz der gesamten Landesverwaltung zu machen. Er begründete seine Auffassung damit, dass bisher der Schwerpunkt der preußischen Provinzialverwaltung beim Regierungspräsidenten in Schleswig gelegen habe, außerdem sei dort von 1879 bis 1917 der Amtssitz des Oberpräsidenten gewesen. Auch sprächen historische Gründe für Schleswig. Denn die Stadt sei als Residenz der Gottorfer Herzöge „seit Jahrhunderten im Bewusstsein der Bevölkerung der Provinz als Verwaltungssitz verankert“. Hinzu komme, dass Schleswig eher als das stark zerstörte Kiel in der Lage sei, die Behörden aufzunehmen.

Dieser Argumentation folgte die britische Militärregierung nicht. Sie entschied, dass Kiel Landeshauptstadt würde und blieb. Kiel sei zum Zeitpunkt der Übernahme der Verantwortung durch die Briten Sitz des Oberpräsidenten gewesen. Außerdem sei die geographische Lage Kiels zentraler als die von Schleswig. „The capital is Kiel“: Diese Entscheidung teilte Colonel Ainger am 16. August 1946 in einer Turnusbesprechung Dr. Müthling mit, der damals der deutsche Verbindungsmann zur britischen Militärregierung war. Colonel Ainger handelte im Auftrag von Brigadegeneral Henderson, der seinerseits an die Instruktionen des Generalleutnants Sir Evelyn Barker gebunden war. Diese Entscheidung der Briten unterstützten auch die meisten politischen Persönlichkeiten in Schleswig-Holstein.

Für Kiel sprachen auch die zahlreichen bereits in Kiel ansässigen Behörden und Institutionen. Schon 1917 war der Amtssitz des Oberpräsidenten von Schleswig nach Kiel verlegt worden. Die Verlegung wurde unter anderem damit begründet, dass in Kiel bereits die Landwirtschaftskammer ansässig war und hier im Ersten Weltkrieg viele Behörden zur Versorgung der Bevölkerung eingerichtet wurden: die Provinzial-Kartoffelstelle, die Provinzial-Fettstelle, die Provinzial-Eierverteilungsstelle, die Provinzial-Futtermittelstelle. Der Oberpräsident residierte zunächst im Schwanenweg 24, später im Rantzaubau des Schlosses. Von 1866 bis 1879 war das Schloss schon einmal Amtssitz des Oberpräsidenten gewesen. Die kriegsbedingte Verlegung des Amtes nach Kiel wurde in der Weimarer Republik nicht rückgängig gemacht. Hier entwickelte der Oberpräsident vielfältige Kontakte zu anderen Behörden und Körperschaften, die in der Stadt ansässig waren: die meisten staatlichen Mittel- und Unterbehörden, die Organe der kommunalen Selbstverwaltung und die Kirchenverwaltung mit beiden Bischöfen, die Landwirtschafts- und Ärztekammer, die schleswig-holsteinische Höfebank, der Sparkassen- und Giroverband und viele Kreditinstitute. Zur Zeit des Nationalsozialismus befand sich in Kiel auch die Parteiverwaltung der NSDAP für Schleswig-Holstein. Kiel war „Gauhauptstadt“ und Sitz des Gauleiters Heinrich Lohse, der zugleich das Amt des Oberpräsidenten ausübte.

Kiel wird Landeshauptstadt

Für die britische Militärregierung war es eine selbstverständliche Entscheidung, dass Kiel Hauptstadt des neuen Landes Schleswig-Holstein würde und die Behörden, die noch in Schleswig arbeiteten, schnellstens nach Kiel verlegt werden müssten. Dr. Hans Müthling berichtet über die Unterredung mit der Militärregierung: „Ich habe dann Gelegenheit gehabt, den genannten Offizieren der Militärregierung das Problem der Verlagerung nochmals im Zusammenhang darzulegen. Drei Teile des Problems: Beschaffung der Büroräume in Kiel, Beschaffung der Wohnungen in Kiel und wirtschaftlicher und prestigemäßiger Ausgleich zugunsten der Stadt Schleswig“.

Die Militärregierung teilte darauf mit, dass sie noch für das Rechnungsjahr 1946 800.000 RM bereitstelle, damit die z. T. zerstörte ehemalige Marineakademie am Düsternbrooker Weg, das heutige Landeshaus, wieder aufgebaut und der Landesregierung und dem Landtag zur Verfügung

gestellt werden könne.

Marineakademie um 1905: Heute Landeshaus
Marineakademie um 1905: Heute Landeshaus

Am 23. August 1946 trat die entscheidende britische Verordnung Nr. 46 in Kraft, die den in der britischen Zone gelegenen preußischen Provinzen den Landesstatus verlieh. Aus der Provinz Schleswig-Holstein wurde das Land Schleswig-Holstein, aus Kiel wurde die Landeshauptstadt und aus dem letzten Oberpräsidenten Theodor Steltzer der erste Ministerpräsident Schleswig-Holsteins.

In Kiel arbeiteten Landesregierung und Landesparlament. Der Wiederaufbau der ehemaligen Marineakademie verzögerte sich aber. Die Landesregierung, die bis April 1947 im Rantzaubau ihre Sitzungen abgehalten hatte, zog am 6. Mai 1947 ins Landeshaus ein, der Landtag erst am 2. Mai 1950 in den Plenarsaal des Hauses. Im Laufe der Jahre entstand hier am Düsternbrooker Weg ein Regierungsviertel für die einzelnen Ministerien.

Wiederaufbau für das Finanzministerium
Wiederaufbau für das Finanzministerium

Auch die Landesuniversität und die Landesbibliothek behielten ihren Standort in Kiel.

Die wirtschaftliche Situation für Schleswig gestaltete sich 1945/46 mit der Auflösung des Regierungspräsidiums Schleswig sehr schwierig. Wie konnte ein Ausgleich für die Stadt geschaffen werden? Nach langwierigen Verhandlungen wurde am 1. Oktober 1948 das Oberlandesgericht von Kiel nach Schleswig in den verlassenen Regierungsbau verlegt. Auch die Landesmuseen, das ehemalige Kieler Thaulow-Museum und das Landesarchiv erhielten in Schleswig im Schloss Gottorf einen neuen Standort.

Christa Geckeler

Literatur

Jensen, Jürgen, Karl Rickers (Hg.): Andreas Gayk und seine Zeit, 1893-1954. Erinnerungen an den Kieler Oberbürgermeister, Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 61, Neumünster 1974

Jürgensen, Kurt: Die Gründung des Landes Schleswig-Holstein nach dem Zweiten Weltkrieg 1945-1947, in: Geschichte Schleswig-Holsteins, im Auftrage der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte, hrsg. von Olaf Klose, 8. Band, Beiheft, Neumünster 1969

Jürgensen, Kurt: Schleswig-Holstein vor 25 Jahren. Dr. Hoevermann wurde erster Oberpräsident der Nachkriegszeit, in: Kieler Nachrichten vom 18. August 1970

Jürgensen, Kurt: Schleswig-Holstein vor 25 Jahren. Der erste Provinziallandtag wurde feierlich eröffnet, in: Kieler Nachrichten vom 26. Februar 1971

Jürgensen, Kurt: 35 Jahre Land Schleswig-Holstein, in: Kieler Nachrichten vom 10. Juni 1981

Jürgensen, Kurt: Die Briten in Schleswig-Holstein 1945-1949, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 22, Neumünster 1989

Jürgensen, Kurt: Kiel – von der gottorfschen Residenz zur Landeshauptstadt, in: 750 Jahre Kiel. Beiträge zu Geschichte und Gegenwart der Stadt, Kiel 1992, S. 49-83

Jürgensen, Kurt: Schleswig-Holstein nach dem Zweiten Weltkrieg. Kontinuität und Wandel, in: Ulrich Lange (Hg.): Geschichte Schleswig-Holsteins. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Neumünster 1996, S. 591ff.

Jürgensen, Kurt: Gründung Schleswig-Holsteins als eigenes Land, in: Labskaus Nr. 10. Die Anfangsjahre des Landes Schleswig-Holstein, Landeszentrale für Politische Bildung Schleswig-Holsteins, Kiel 1998, S. 14-25

Kieler Nachrichten vom 1. Dezember 1970, vom 21. August 1971, vom 30. August 1983, vom 21. August 1996

Weitere Infos:


Nach oben