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Kieler Erinnerungstag: 2. April 1947

Gründung der "Gesellschaft der Freunde Coventrys"

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Gründung der "Gesellschaft der Freunde Coventrys"

Am 2. April 1947 fand im Gewerkschaftshaus in der Legienstraße die konstituierende Sitzung der „Gesellschaft der Freunde Coventrys“ statt. Etwa 1000 Personen aus allen Teilen der Bevölkerung nahmen daran teil, u. a. Vertreter der Landesregierung, der Kieler Stadtverwaltung, der Universität, der Kieler Schulen, Parteien, der Gewerkschaften, der Industrie- und Handelskreise Kiels, der Geistlichkeit und der Jugendverbände. Auch englische Gäste waren erschienen, z. B. der Reg. Commissioner Henderson. Ziel der Gesellschaft war, nach dem Krieg „endlich wieder Brücken zu schlagen zwischen den Völkern Europas und nach den abgrundtiefen Missverständnissen der jüngsten Vergangenheit wieder Wege der Verständigung zu suchen von Mensch zu Mensch“. Diese Worte an den Bürgermeister der Stadt Coventry gab Kiels Oberbürgermeister Andreas Gayk Anfang 1947 dem Bauoffizier der britischen Militärregierung Williams mit, der aus Coventry stammte.

Oberbürgermeister Andreas Gayk – Initiator der Aussöhnung mit Großbritannien

Zwei Begebenheiten waren es, die Andreas Gayk zur Gründung der „Gesellschaft der Freunde Coventrys“ angeregt hatten: zum einen die Tatsache, dass Mr. Williams aus Coventry den Wiederaufbau Kiels nach Kräften unterstützte. Zum anderen war es die über den Rundfunk gehende Meldung, dass Kinder der Stadt Coventry Schokolade für deutsche Kinder gesammelt hätten.

Coventry: Zentrum 1940
Coventry: Zentrum 1940

Außerdem hatten Kiel und Coventry das gleiche Schicksal, beide Städte waren im Luftkrieg erheblich zerstört worden.

Die englische Industriestadt Coventry wurde in der Nacht vom 14. zum 15. November 1940 von der deutschen Luftwaffe bombardiert. Der Angriff, der den Luftkrieg zwischen England und Deutschland auslöste, galt vor allem der dort ansässigen Rüstungs- und Motorenindustrie. Weitere Bombardierungen folgten zwischen dem 8. und 10. April 1941. Coventry verlor mehr als 1000 Einwohner und einen großen Teil der mittelalterlichen Altstadt mit der historischen Kathedrale St. Michael. Kiel als Stadt der Kriegsmarine war ständiges Ziel englischer Angriffe. 75% der Stadt wurden zerstört.

Andreas Gayk war beeindruckt, dass Mr. Williams sich trotz der Vergangenheit tatkräftig für den Wiederaufbaus Kiels einsetzte. Es war für ihn eine Pflicht der Menschlichkeit, die größte Not zu lindern, u. a. durch die Instandsetzung von Wohnungen. Als Mr. Williams 1947 Kiel verließ, nahm er eine Gruß- und Dankbotschaft des Kieler Oberbürgermeisters Andreas Gayk an Coventry mit:

„Im Dritten Reich war ’coventrieren’ gleichbedeutend mit Hass und Vernichtung, mit der sinnlosen Zerstörung ganzer Städte, mit dem Mord an unschuldigen Frauen und Kindern...Wenn wir in Zukunft von ’coventrieren’ sprechen, dann sollte damit gemeint sein die Pflege freundschaftlicher Beziehungen von Land zu Land, dann sollte damit gemeint sein die Überwindung nationaler Leidenschaften zum Wohle der gemeinsamen Aufgaben aller europäischen Völker. Die Umkehr des Begriffes ’coventrieren’ möge ein Sinnbild für die innere Umkehr des deutschen Volkes sein, der wichtigste Beitrag Deutschlands für den Aufbau einer zerstörten Welt. Wie wäre es, wenn wir uns zu einer Gesellschaft der Freunde Coventrys zusammenfinden, wenn die Namen der geschändeten Städte Kiel und Coventry das Symbol würden für unser geistiges und moralisches Erwachen? Ich bitte alle diejenigen, die die Zeit für diese seelische Wandlung für gekommen halten, um ein Zeichen der Zustimmung.“

Mr. Briggs antwortete umgehend in dem Sinne, dass es nicht nur gelte, zerstörte Städte wieder aufzubauen, sondern der Wiederaufbau müsse auch in den Menschen selbst beginnen. Und er fährt fort: „Ich glaube, dass gegenseitige Besuche und der Austausch der Meinungen viel dazu beitragen können, Missverständnisse aus dem Wege zu räumen und den Geist guten Willens zu fördern.“

Die „Gesellschaft der Freunde Coventrys“

Dies war der Hintergrund, auf dem sich am 2. April 1947 die „Gesellschaft der Freunde Coventrys“ gründete, deren Vorsitz Gayks Amtsvorgänger, der CDU-Politiker und Oberbürgermeister a. D., Willi Koch, übernahm. Präsident wurde Andreas Gayk. Oberstes Ziel der Gesellschaft war der Kontakt von Mensch zu Mensch. Dazu sollte ein Briefwechsel angeregt, Studien- und Besuchsreisen organisiert werden. Bemerkenswert in der Zielsetzung war die Forderung nach einem Lehrauftrag für Friedenswissenschaft an der Universität Kiel.

Im Herbst 1947, zur Septemberwoche „Kiel im Aufbau“, kam die erste Delegation aus Coventry nach Kiel, zu ihr gehörten u. a. Bürgermeister Briggs und Propst Howard.

Gayk und Bürgermeister Briggs auf dem Rathausturm 1947
Gayk und Bürgermeister Briggs auf dem Rathausturm 1947

Dieser überreichte der Kieler Geistlichkeit ein aus Nägeln der zerstörten Kathedrale von Coventry gefertigtes Kreuz, das seit dieser Zeit in der Nikolaikirche hängt. Dieses Nagelkreuz ist das erste, das nach Deutschland kam, denn als Zeichen der Versöhnung und für ein neues Miteinander wurden in alle Welt Kreuze aus den Nägeln der zerstörten Kathedrale in Coventry entsandt.

Coventry: Kathedrale 1940
Coventry: Kathedrale 1940

1948 bekam auch die Kieler Universität eines dieser Kreuze verliehen, das sich in der Universitätskirche befindet.

Dem englischen Besuch in Kiel 1947 folgte erst 1951 ein Gegenbesuch in Coventry. Ein Schüleraustausch fand erstmalig 1956 statt. In den ersten Nachkriegsjahren waren in beiden Städten die Voraussetzungen für eine intensive Zusammenarbeit auf breiter Grundlage noch nicht vorhanden.

Nach dem Tode von Andreas Gayk 1954 löste sich die Gesellschaft 1955 auf. Sie ging später in die Deutsch-Britische Gesellschaft über. Die Freundschaft zwischen den beiden Städten blieb aber bestehen und wandelte sich zu einer Städtepartnerschaft.

Städtepartnerschaft Kiel – Coventry

Im Laufe der Jahre intensivierte sich die Zusammenarbeit beider Städte. Während der Sommerferien gab es den Familienschüleraustausch, außerdem Besuche von Schulklassen und anderen Jugendgruppen, Veranstaltungen und Ausstellungen, die sich unmittelbar an die Bevölkerung beider Städte wandten. Auch Kontakte auf beruflicher Ebene wurden geknüpft. Selbstverständlich war die Teilnahme von Delegationen bei besonderen Veranstaltungen wie z. B. der „Kieler Woche“ oder der „Anglo-German Week“ in Coventry.

Anlässlich des „Tages der Städtefreundschaft“ in Kiel wurde die Partnerschaft zwischen Coventry und Kiel und außerdem zwischen Kiel und Vaasa/Finnland am 10. September 1967 bekundet, nachdem schon 1964 die Städtepartnerschaft mit Brest geschlossen worden war. Die Partnerschaften von Brest und Vaasa waren auf Initiative von außenstehenden Institutionen an die Stadt Kiel herangetragen worden, während die Verbindung zu Coventry, die die älteste nach dem Krieg war, auf persönlichen Kontakten des Oberbürgermeisters Gayk und Mr. Williams beruhte. In der Partnerschaftsurkunde bekräftigen beide Städte „mit allen Kräften dem Werk der Verständigung, der Freundschaft und des Friedens zu dienen.“

Coventry: Neue Kathedrale
Coventry: Neue Kathedrale

Die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Kiel und Coventry wurden ausgebaut, dennoch verliefen sie nicht reibungslos. So kritisierte ein Kieler Oberstudienrat 1969, der für eine Schüleraustauschfahrt nach Coventry günstige Unterkünfte suchte, weder in Kiel noch in Coventry Unterstützung gefunden zu haben. 1972 stellte der Lord B. Luckett fest: „Wir sind der Meinung, dass in der Vergangenheit unsere Verbindung mit Kiel nicht so eng gewesen ist, als sie eigentlich sein könnte, und wir müssen uns bemühen, es zu verbessern.“ Die IHK befürwortete, dass auf wirtschaftlichem Gebiet die Beziehungen vertieft werden müssten, während Oberbürgermeister Bantzer mahnte, die „Städtefreundschaft nun nicht nur unter kommerziellen Gesichtspunkten zu sehen.“

Gab es auch Schwierigkeiten, versuchte die Stadt Kiel sie zu beheben, z. B. durch die Einrichtung eines Auslandsdezernats. So reisten in den vergangenen Jahrzehnten unzählige Kieler nach Coventry. Schulen, Sportvereine, Verbände, Gewerkschaften, die Kirche und die Hochschule, die Johanniter-Unfall-Hilfe sowie die Industrie- und Handelskammer pflegten die Kontakte. Vertreter der Stadt Kiel besuchten Gedenkfeiern zum Jahrestag der Zerstörung Coventrys. Z. B. nahmen 1990 zum 50. Jahrestag der Bundespräsident von Weizsäcker und aus Kiel die Stadtpräsidentin Reyer, Auslandsdezernent Diesel und Propst Hasselmann an einem Gedenkgottesdienst in der neuen Kathedrale in Anwesenheit der Königinmutter teil.

Christa Geckeler

Literatur

Bericht an die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in London, Presseamt der Stadt Kiel, Auslandsbeziehungen/Bevölkerungskontakte, 16. August 1974, Stadtarchiv Kiel

Erlenbusch, Timo: Städtepartnerschaft seit 1947 – ein Beispiel für „kommunale Außenpolitik“?, Magisterarbeit an der Universität Kiel, Kiel 2006

Kieler Nachrichten vom 18. November 1980, vom 14. November 1990, vom 11. September 1997, vom 2. Oktober 1997, vom 5. Juli 2002

Mitteilungen der „Gesellschaft der Freunde Coventrys“ vom 1. Mai 1947, vom 15. Oktober 1947

Prawitt, Torsten: Kieler Kulturleben in der Trümmerzeit 1945-1948, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte Band 70, 1986

Akte 33672: Akte des Oberbürgermeisters Gayk, betr. : die „Gesellschaft der Freunde Coventrys“, 1947-1953, Stadtarchiv Kiel

Akte 41105, darin Kurzbericht über die 1947 begründete Städtefreundschaft Kiel-Coventry, 14. November 1967, Stadtarchiv Kiel

Weitere Infos:


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