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Kieler Erinnerungstag: 4. November 1918

Matrosenaufstand in Kiel: Beginn der deutschen Revolution

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Matrosenaufstand in Kiel: Beginn der deutschen Revolution


Kiel stand zweimal im Mittelpunkt revolutionärer Ereignisse, die ganz Deutschland bewegten. 1848 beeinflusste die schleswig-holsteinische Erhebung von Kiel aus die politischen Vorgänge in der Frankfurter Nationalversammlung. Besonders bedeutsam waren aber die Kieler Aufstände der Matrosen und Arbeiter im November 1918, die das Signal zur deutschen Revolution gaben und zum Untergang des deutschen Kaiserreiches führten.


Matrosen meutern in Wilhelmshaven
Im Oktober 1918 war der Erste Weltkrieg militärisch entschieden. In der Nacht vom 3. zum 4. Oktober hatte der Reichskanzler Prinz Max von Baden auf Drängen der OHL eine Note an den amerikanischen Präsidenten gesandt, die die deutsche Kapitulation und die Waffenstillstandsverhandlungen einleitete.

Dennoch wollte die Admiralität die in Wilhelmshaven liegende Hochseeflotte noch einmal zum Einsatz bringen, obwohl dieser das Kriegsgeschehen nicht mehr beeinflussen würde. Es war für die Offiziere „eine Ehren- und Existenzfrage der Marine, im letzten Kampf ihr Äußerstes getan zu haben“ (Lagebericht der Seekriegsleitung vom 16. 10. 1918). Außer in der Skagerrakschlacht hatte die Flotte im Ersten Weltkrieg nur eine defensive Rolle gespielt und keine strategische Entscheidung herbeigeführt. Ihre Daseinsberechtigung schien den Offizieren in Zukunft in Frage gestellt. Daher traf die Seekriegsleitung ohne Wissen und Willen der Regierung die Entscheidung für einen letzten Flotteneinsatz, um einen Erfolg zur See zu suchen. Ein derartiger Kampf „sollte die geistige Grundlage einer neuen Flotte werden (Werner Rahn).

Auf Kreuzern und Großkampfschiffen vor Wilhelmshaven leisteten Teile der Besatzungen schon am 27. Oktober Widerstand, um das Auslaufen der Schiffe zu verhindern. Die Gehorsamsverweigerungen kulminierten am 29. Oktober, sodass die Vorbereitungen zum Auslaufen abgebrochen werden mussten. In einem Flugblatt der Matrosen hieß es: „Schmeißt die Arbeit nieder! Wir wollen Frieden oder nicht? ...Nieder mit dem Krieg!“ Die Mannschaften waren nicht gewillt, sich kurz vor Kriegsende sinnlos opfern zu lassen. Hinzu kam, dass schon seit 1917 das Vertrauen in die Führung verloren gegangen war. Es hatte Befehlsverweigerungen gegeben wegen des eintönigen Dienstbetriebes, der schlechten Verpflegung und der als ungerecht empfundenen Behandlung durch die Offiziere.


Das III. Geschwader kommt in seinen Heimathafen Kiel
Die Anführer der meuternden Matrosen wurden gefangen gesetzt. Um die Unruhen einzudämmen, die sich bisher nur im I. und III. Geschwader bemerkbar gemacht hatten, entschloss sich die Flottenleitung, die Verbände auseinanderzuziehen. Vizeadmiral Kraft, Chef des III. Geschwaders, setzte sich dafür ein, dass seine Schiffe in den Heimathafen Kiel auslaufen sollten. Hier werde sich die Mannschaft schon beruhigen. Ein folgenschwerer Irrtum.

Kiel war seit 1871 Reichskriegshafen und daher Stadt der Marine und der Werften. 1918 gab es hier
50 000 Marineangehörige und 70 000 Arbeiter, von denen die Hälfte auf den Werften beschäftigt war. Von den 100 000 Erwerbstätigen der Stadt entfielen 70% auf die Arbeiter und nur 30% auf Angestellte und Selbständige. In keiner anderen deutschen Großstadt gab es dies „Missverhältnis zwischen Arbeiterschaft sowie Angestellten und Selbständigen“ (Dirk Dähnhardt). Dieser soziale Faktor hatte entscheidenden Einfluss auf die revolutionären Vorgänge nach dem 3. November in Kiel.


Erste Proteste
In der Nacht zum 1. November lief das III. Geschwader mit den Schiffen „König“, „Bayern“, „Großer Kurfürst“, „Kronprinz“ und „Markgraf“ mit über 5000 Mann Besatzung in den Kieler Hafen ein. Vorher waren 47 Rädelsführer festgenommen und von Holtenau aus in die Arrestanstalten Fort Herwarth im Norden und in die Feldstraße gebracht worden.

Noch am Abend des Tages trafen sich 250 Matrosen im Gewerkschaftshaus, um über Hilfe für die Inhaftierten zu beraten. Inzwischen hatten weitere Marineangehörige an Bord und an Land, Mitglieder der MSPD, USPD und der Gewerkschaften Kenntnis von den Vorgängen im III. Geschwader bekommen. Am 2. November sammelten sich 500 Personen vor dem Gewerkschaftshaus. Dieses war aber vom Gouverneur, der seit Kriegsbeginn die militärische und zivile Gewalt in der Stadt in seiner Person vereinigte, abgeriegelt worden war, um weitere Versammlungen der Soldaten zu unterbinden.

Demonstration auf dem Wilhelmplatz am 10.11.
Demonstration auf dem Wilhelmplatz am 10.11.

Darauf zogen die Soldaten zum Exerzierplatz im Vieburger Gehölz. Die Redner forderten vor allem Freilassung der Gefangenen. Karl Artelt, Oberheizer und mit der USPD sympathisierend, ging aber darüber hinaus. Er forderte die Beseitigung des Militarismus und der herrschenden Klassen. Wenn dieses Ziel nicht auf friedlichem Wege zu erreichen sei, dann „müsse Gewalt angewendet werden“. Danach rief er für den nächsten Tag, dem 3. November, zu einer großen Volksversammlung auf dem Exerzierplatz im Vieburger Gehölz mit einem anschließenden Demonstrationszug auf. In der Nacht wurden Flugblätter vervielfältig, um vor allem die Arbeiter Kiels auf diese Veranstaltung aufmerksam zu machen.


Verletzte und Tote in den Straßen Kiels
Am Sonntagmorgen, dem 3. November, fand im Kieler Stationsgebäude des Gouverneurs eine Konferenz hoher Marineoffiziere statt, auf der beschlossen wurde, die Soldaten durch einen allgemeinen Stadtalarm um 16 Uhr an der Versammlung zu hindern. Gleichzeitig berichtete der Gouverneur, Admiral Wilhelm Souchon, dem Reichsmarineamt in Berlin von den „äußerst gefährlichen Zuständen“ in der Stadt und bat, einen „hervorragenden sozialdemokratischen Abgeordneten hierher zu schicken, um im Sinne der Vermeidung von Revolution und Revolte zu sprechen“.

Der Vollalarm zwischen 15.30 Uhr und 16 Uhr blieb ohne Wirkung auf die Matrosen, rief aber Neugier und Unruhe bei der Zivilbevökerung hervor, die sich z. T. denjenigen anschloss, die auf dem Wege zum Vieburger Gehölz waren. Als die Versammlung gegen 17.30 Uhr begann, hatten sich 5000 bis 6000 Teilnehmer eingefunden, vor allem Matrosen. Die Redner forderten wiederum die Freilassung der Gefangenen und „Beendigung des Krieges, Frieden, Freiheit, Brot“.

Die Menge war sehr aufgebracht, konnte gerade daran gehindert werden, die Kompanieunterkunft „Waldwiese“ zu stürmen, schlug aber Fenster ein und erbeutete Gewehre. Dann marschierte der Demonstrationszug über Rondeel, Sophienblatt zum Bahnhof, wo nicht verhindert werden konnte, dass Demonstranten einer Patrouille bei einem Handgemenge Gewehre entriss. Weiter ging es über die Holstenstraße, Markt, Dänische Straße, in die Brunswiker Straße. Ziel war die Arrestanstalt in der Feldstraße. An der Ecke Brunswiker-/Karlstraße (heute ungefähr Brunswiker-/Feldstraße) kam es zu einem blutigen Zwischenfall.
Gouverneur Souchon hatte befohlen, den Demonstranten „mit allen Mitteln entgegenzutreten“ und „rücksichtslos von der Waffe Gebrauch zu machen“. In der Brunswiker-/Karlstraße stießen die Matrosen auf eine Ausbildungskompanie der Torpedo-Division, davor stand eine Sperrkette aus Polizisten. Die Demonstranten überrannten die Polizei und rückten näher an die Rekruten heran. Nach einigen Warnschüssen gab der kommandierende Leutnant den Befehl zu schießen. Die Aufständischen erwiderten das Feuer. Die Menschen flohen in alle Richtungen. Zurückblieben 7 Tote und 29 Verletzte.

Gustav Noske
Gustav Noske

Die Unruhen weiten sich aus
Das Blutvergießen löste große Empörung, aber auch eine Welle der Solidarität aus. Die Unzufriedenheit ergriff am 4. November die Landmarine. Die Torpedo-Division und die U-Boot-Division in den Kasernenanlagen der Wik schlossen sich den Aufständischen an, ebenso Arbeiter der Germaniawerft und der Torpedowerkstatt Friedrichsort. Für den 5. November wurde der Generalstreik ausgerufen. Die Meuterei der Matrosen hatte sich zu einer politischen Massenbewegung ausgeweitet.

Der Gouverneur und der Militärpolizeimeister waren nicht mehr Herr der Lage. Kaum eine Kompanie in Kiel war noch intakt und hörte auf die Befehle der Vorgesetzten. In dieser Situation sah sich der Gouverneur gezwungen, um weiteres Blutvergießen zu hindern, mit den Aufständischen zu verhandeln. Matrosen und Vertreter beider sozialdemokratischen Parteien (MSPD und USPD) erreichten die Zusicherung, dass ein Teil der Inhaftierten entlassen werden sollte. Mehrere Tausend Matrosen zogen in einem Triumphzug von der Wik zur Arrestanstalt in der Feldstraße und empfingen die freigelassenen Kameraden. Zu Zwischenfällen kam es nicht. Am Abend trafen Staatssekretär Haußmann und der SPD-Abgeordnete Gustav Noske in Kiel ein, wo sie stürmisch begrüßt und dann zum Wilhelmplatz gefahren wurden. Vor Tausenden von Menschen hielt Noske eine Ansprache, die er mit der Ermahnung zur Ruhe und Ordnung beendete. Die entstandene Situation ändern konnte er nicht.


Rote Fahnen auf den Schiffen in der Förde
Noch am Abend des 4. November fanden Verhandlungen im Stationsgebäude zwischen Noske, Haußmann, hohen Offizieren, Vertretern der sozialdemokratischen Parteien und der Gewerkschaft statt. An demselben Abend versammelten sich Matrosen und Arbeiter im Gewerkschaftshaus. In der Nacht zum 5. November bildeten die Soldaten einen Soldatenrat, die Arbeiter am Morgen einen Arbeiterrat. Damit übernahmen die Aufständischen die Organisationsform der russischen Revolution von 1917, ohne bolschewistische Ziele zu verfolgen. Aber sie bekundeten damit eine „revolutionär-sozialistische Einstellung“ (Peter Wulf). Zwischen beiden Räten gab es keine organisatorische Zusammenarbeit. Der Soldatenrat war für den militärischen Bereich, der Arbeiterrat für den zivilen Bereich in der Stadt zuständig, wo sie jeweils eine Kontrollfunktion ausübten. Noch in der Nacht zum 5. November hatte der Soldatenrat einen Forderungskatalog, die 14 „Kieler Punkte“, zusammengestellt. Das Programm war weniger politisch orientiert, ging es doch vor allem um die Freilassung aller Inhaftierten und politischen Gefangenen und die Reform des militärischen Dienstes.

Ansprache von Gustav Noske 29.11.
Ansprache von Gustav Noske 29.11.


Am Morgen des 5. November setzten alle Schiffe die rote Fahne, das Symbol der Räte, statt die Kriegsflagge zu hissen. Lediglich an Bord der „König“ kam es zu einem blutigen Zwischenfall, als der Kommandant mit zwei Offizieren die Kriegsflagge verteidigte. Zwei Offiziere und ein Matrose wurden getötet, der Kommandant schwer verletzt. Alle anderen Kommandanten der Schiffe gaben in Resignation und ohne Initiative den Matrosen nach.

Der gesamte Tag war von Hektik und Nervosität geprägt. Unter den Matrosen war das Gerücht entstanden, die Offiziere planten einen Gegenschlag. Es kam zu mehreren Schießereien, bei denen es 10 Tote und 21 Verletzte gab. Da die Offiziere verdächtigt wurden, auf Matrosen gezielt zu haben, rächten sich diese durch unangenehme Belästigungen der Vorgesetzten. Diese Situation zeigt, dass der Soldatenrat nicht in der Lage war, durch eine straffe Organisation die Bewegung der Matrosen zu kontrollieren und lenken. Daraufhin ließ sich Noske in einer eilig berufenen Versammlung auf dem Wilhelmplatz zum Vorsitzenden des Soldatenrates wählen mit dem Hinweis, „dass die Bewegung von fester Hand geleitet werden müsse“.


Das Chaos in Kiel legt sich
Noske, der ein strikter Gegener jedes gewaltsamen Umsturzes und des Bürgerkriegs war, verfolgte das Ziel, in Kiel für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Da ihm klar war, dass die alten Zustände nicht wiederhergestellt werden konnten, ging er nicht mit Gewalt vor. Ein geregelter Patrouillendienst, Abgabe aller Waffen, Anerkennung der Räte und Vermittlung zwischen Offizieren und Mannschaften hatten das Ergebnis, dass die Schießereien am 6. November fast aufhörten und die Straßenbahn endlich wieder fuhr.

Am 7. November wurde Noske, dem die Matrosen vertrauten, vom Soldatenrat zum Gouverneur von Kiel gewählt. Noske schrieb später: „Zum ersten Mal wohl in der Weltgeschichte“ hatte ein Zivilist ein militärisches Kommando übernommen. Dirk Dähnhardt kommt zu folgendem Urteil: „Ein Repräsentant des Parlaments hatte den Repräsentanten des Kaisers abgelöst. Der Wandel vom Kaiserreich zur Republik wurde in Kiel am 7. November vollzogen“.

Beerdigung der Revolutionsopfer 11.11.
Beerdigung der Revolutionsopfer 11.11.


Der revolutionäre Funke springt von Kiel auf ganz Deutschland über
Kiel kehrte allmählich zum normalen Leben zurück und stand seit dem 7. November nicht mehr im Mittelpunkt des Interesses.

Aber Matrosen hatten bereits am 3. und 4. November die Stadt verlassen und berichteten überall von den Kieler Ereignissen, ebenso die Presse, trotz der Zensur. Am 5. und 6. November entstanden in den norddeutschen Küstenstädten Arbeiter- und Soldatenräte, im Binnenland am 7. November. Einen Tag später rief Kurt Eisner in München die Republik aus. Am 9. November erfasste die Revolution Berlin. Der Thronverzicht Kaiser Wilhelms II. wurde bekannt gegeben, Philipp Scheidemann rief die Republik aus. Das deutsche Kaiserreich war zusammengebrochen.

Die Meuterei der Matrosen in Wilhelmshaven gegen ein letztes, sinnloses Auslaufen der Flotte hatte sich in Kiel verstärkt durch die vielen Landmarineangehörigen und die Arbeiter, die es in der Stadt gab. Jetzt war es keine Meuterei mehr. Nach Meinung Dirk Dähnhardts kann man die Ereignisse in Kiel „als einen Aufstand mit revolutionärem Charakter und über Kiel hinausweisender revolutionärer Tendenz bezeichnen.“ Der revolutionäre Charakter zeige sich in der Bildung des Arbeiter- und Soldatenrates, die über die politische und militärische Macht in Kiel verfügt hätten, und in den 14 „Kieler Punkten“, die die Forderung nach einer Umgestaltung der kaiserlichen Militärstruktur beinhalteten. Die revolutionäre Tendenz der Kieler Vorgänge liege darin, dass sich von hier aus sehr schnell die Umsturzbewegung ausgebreitet habe.

Revolutionsdenkmal am Kleinen Kiel 1983
Revolutionsdenkmal am Kleinen Kiel 1983


Die deutsche Revolution 1918/19 war eine politische, denn die Erbmonarchie wurde durch das Prinzip der Volkssouveränität ersetzt. Durch ein demokratisches Wahlrecht der Weimarer Republik wählte das Volk den Reichstag und das Staatsoberhaupt. Eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Umwälzung aber unterblieb.


Christa Geckeler

Literatur
Dähnhardt, Dirk: Revolution in Kiel. Der Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik 1918/19, Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 64, Neumünster 1978
Erdmann, Karl-Dietrich: Rätestaat oder parlamentarische Demokratie. Neuere Forschungen zur Novemberrevolution 1918 in Deutschland, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 68, 1981-1983, S. 182-200
Kieler Nachrichten vom 3. November 1988, vom 30. Oktober 1993
Prinz, Ernst: Die Revolution in Kiel 1918 nach Tagebucheintragungen vom 6. November 1918, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 58, 1968-1972, S. 131-134
Rahn, Werner: Krise und Zusammenbruch der Kaiserlichen Marine im November 1918, in: Informationen für die Truppe, hrsg. vom Bundesministerium der Verteidigung, Nr. 11, 1978, S 94-109
Reimers. Horst: 3. November 1918 16.15 Uhr. Weltgeschichtlicher Augenblick in Kiel, in: Kieler Jahrbuch 1972, hrsg. von Hans-Joachim Herbst, Kiel 1972, S. 107-110
Wette, Wolfram: Die Revolution in Kiel 1918, in: Geschichte der Stadt Kiel, hrsg. von Jürgen Jensen und Peter Wulf, Neumünster 1991, S. 287-294
Wulf, Peter: Die Stadt auf der Suche nach ihrer neuen Selbstbestimmung (1918 bis 1933), in: Geschichte der Stadt Kiel, hrsg. von Jürgen Jensen und Peter Wulf, Neumünster 1991, S. 312-314

Weitere Infos:


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