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Anni Wadle

Anni Wadle 1943 (Foto: Familienbesitz)
Anni Wadle 1943 (Foto: Familienbesitz)

Geboren am 18. Juli 1909 in Itzehoe

Ein beeindruckendes Lebensbild ist das von Anni Wadle, die sich ein Leben lang gegen Faschismus, Rassismus und Krieg engagiert und trotz Verfolgung, KZ-Haft und Misshandlung ihren Idealen treu bleibt.

Anni Kreuzer wächst ab ihrem fünften Lebensjahr in Kiel auf und besucht hier die Volksschule. Als Kind erlebt sie den Ersten Weltkrieg und erfährt frühe Prägung durch die sozialdemokratische Überzeugung ihres Vaters. Den Besuch der höheren Handelsschule können ihr die Eltern nicht ermöglichen; so geht sie als Haus- und Kindermädchen in verschiedene Stellungen. Die erste Arbeitsstelle als Haushaltshilfe verliert sie wegen Teilnahme an einer Anti-Kriegs-Demonstration.

In Abendkursen bildet sich Anni Kreuzer für eine Bürotätigkeit weiter und wird 1921 als Schreibhilfe im Kieler KPD-Büro angestellt. 1924 nimmt sie an der proletarischen Jugendweihe teil, 1928 geht sie mit dem Kommunistischen Jugendverband (KJVD) auf eine sechswöchige Reise durch die Sowjetunion. Viele Jahre leitet Anni Kreuzer im KJVD Pioniergruppen in Kiel und Gaarden, wo sie auch ihren künftigen Ehemann Hein Wadle kennen lernt, der wegen seines Einsatzes für die KPD arbeitslos ist. Beide versuchen mit Gleichgesinnten eine Massenbewegung gegen die drohende faschistische Diktatur zu mobilisieren.

Im Herbst 1930 beginnt Anni Kreuzer ein Redaktionsvolontariat bei der Hamburger Volkszeitung, deren schleswig-holsteinische Ausgabe die Norddeutsche Zeitung ist. Sie gestaltet zusätzlich die Frauen- und Jugendseiten der Hamburger Ausgabe. Wegen angeblicher „Beleidigung durch die Presse“ wird sie mehrfach verurteilt. Da die Zeitung die meisten der Geldstrafen nicht zahlen kann, sitzt Anni Kreuzer sie im Gefängnis ab.

Ende 1932 beteiligt sie sich an der Herstellung der illegalen Arbeiterwelt, die Zeitung der Kieler KPD. Im Oktober 1932 wird Anni Kreuzer aufgrund eines Haftbefehls des Amtsgerichtes Eckernförde wegen „Beleidigung durch die Presse“ erneut zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Im Zuge der „Schleicher-Amnestie“ kommt sie jedoch vor Weihnachten wieder frei.

Die Arbeits- und Lebensbedingungen für aktive AntifaschistInnen verschlechtern sich zunehmend. Ab dem 30. Januar 1933 muss auch die Hamburger Volkszeitung illegal produziert werden.

Hein Wadle wird am 13. April 1933 in Kiel verhaftet; fünf Monate später wird Anni Kreuzer von der Hamburger Gestapo in „Schutzhaft“ genommen. Bei ihrer Festnahme ist sie bereits dreizehnmal vorbestraft. Es folgen mehrfach schwere Misshandlungen während der Verhöre; zurück bleiben ein Hörschaden, Rückenschäden und lebenslange Schmerzen. Trotz der Folterungen kann die Gestapo keinerlei Namen oder Wissen über illegale KPD-Führer erpressen. Nachdem man auch Anni Kreuzers Eltern inhaftiert, um so mehr Druck ausüben zu können, beginnt Anni Kreuzer einen achttägigen Hungerstreik; ihre Mutter kommt frei.

Wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ aufgrund ihrer KPD-Aktivitäten wird Anni Kreuzer nach sieben Monaten Gestapo-„Schutzhaft“ zunächst ins Frauengefängnis Lübeck-Lauerhof, dann ins Berliner Frauengefängnis Moabit verlegt.

Anni Wadles Ausweis als ehem. politische Gefangene (Foto: Familienbesitz)
Anni Wadles Ausweis als ehem. politische Gefangene (Foto: Familienbesitz)

Obwohl Anni Kreuzer im April 1936 ihre Strafe verbüßt hat, kommt sie nicht auf freien Fuß, sondern wird der mittlerweile eingerichteten Frauenabteilung des Konzentrationslagers Fuhlsbüttel überstellt. Zwei Wochen später bringt man sie in das KZ Moringen am Solling (nördlich von Göttingen). Moringen ist das erste zentrale KZ für weibliche „Schutzhaftgefangene“. Ein großer Teil der Häftlinge kommt aus dem politischen Widerstand und aus den Parteien der politischen Linken, im Wesentlichen aus der KPD. Die größte Häftlingsgruppe bilden die Zeugen Jehovas.

Ab März 1938 werden die inhaftierten Frauen in das KZ Lichtenburg (bei Halle) und in das KZ Ravensbrück deportiert. Anni Kreuzers Gesundheitszustand, bereits durch die Gestapo-Misshandlungen angeschlagen, verschlimmert sich durch die schwere Arbeit auf den Feldern und die schlechte Unterbringung. Insgesamt bleibt Anni Kreuzer vier Jahre interniert.

Auf Vorschlag eines frei praktizierenden Arztes, der zwangsverpflichtet für das KZ Moringen zuständig ist, wird sie am 2. April 1937 nach Hamburg entlassen und mit dem Verbot belegt, „ehemalige Gesinnungsgenossen“ zu treffen oder zu kontaktieren. Sie kehrt nach Kiel zurück und findet schließlich in einer Seifenfabrik Arbeit, die sie nur mit großer Mühe bewältigt, immer noch geschwächt und krank.

1938 heiraten Anni Kreuzer und Hein Wadle. Als Folge der KZ-Haft führt ihr schlechter Gesundheitszustand dazu, dass sie im Juli 1939 ihr erstes Kind verliert, von dem sie operativ entbunden werden muss (Totgeburt).

Hein Wadle, Mitglied einer illegalen antifaschistischen Widerstandsgruppe auf der Germania-Werft in Kiel, wird dort am 2. November 1942, zeitgleich mit anderen Mitgliedern der Hamburger Bästlein-Jacob-Abshagen-Widerstandsgruppe, erneut von der Gestapo verhaftet und schwer gefoltert. Er kommt erst nach Kriegsende frei.

Anni Wadle bewirbt sich bei der Germaniawerft um Arbeit, auch, um die Werkswohnung während der Inhaftierung ihres Mannes halten zu können. Ihre eigene „Vorgeschichte“ sowie die politische Gefangenschaft ihres Mannes verhindern eine Anstellung, und auch die Wohnung muss geräumt werden.

Gemeinsam mit den Schwiegereltern gelingt es Anni Wadle, den Teil einer Weide in der Nähe des Einfelder Sees bei Neumünster günstig zu erwerben; in mühsamer Kleinarbeit und mit viel Bettelei entsteht dort eine Holzbude als Notunterkunft, die jedoch nicht für die gesamte Familie ausreichend Wohnfläche bietet. Der Nachmieter der Wadle'schen Wohnung zeigt sich (sehr) verständnisvoll und teilt seine Wohnung vorübergehend mit Anni Wadle und deren Schwiegermutter.

Im Mai 1943 findet Anni Wadle eine Anstellung in einem Schuhgeschäft, dessen Inhaber weder ihre Vorgeschichte missbilligt noch mit der gesundheitlichen Einschränkung Schwierigkeiten hat.

Anfang August 1943 wird Hein Wadle für zwei Monate beurlaubt, jedoch nach drei Wochen bereits wieder von der Gestapo abgeholt (wegen der schweren Bombenangriffe ist die Versorgung der Gefangenen für die SS unmöglich).

Anni Wadles Bruder Erich fällt im Alter von 27 Jahren vor Leningrad; der Vater leidet sehr unter dem Tod seines Sohnes, erkrankt und stirbt am 13. Mai 1944.

Hein Wadle wird im Rahmen der Hamburger Kommunistenprozesse am 6. Mai 1944 zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt.

An Anni Wadles 35. Geburtstag 1945 kommt ihre Mutter bei einem schweren Bombenangriff im Luftschutzkeller der Kieler Ringstraße ums Leben, ihr Bruder Kuno fällt einen Tag nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands. Im Juli 1945 erfährt Anni Wadle, dass ihr Mann überlebt hat. Nach seiner Rückkehr beziehen beide die Notunterkunft am Einfelder See. 1949 wird ihr Sohn Heiner geboren.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sind die Eheleute weiterhin in der Arbeiterbewegung und der KPD aktiv, bis zum Verbot der Partei 1956. In den Städten bilden sich Komitees ehemaliger politischer Gefangener, um sich gegenseitig zu helfen und für politisch, religiös und rassistisch Verfolgte des Naziregimes Unterstützung bei Behörden durchzusetzen. Daraus entsteht 1947 die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (nach 1973 VVN/Bund der Antifaschisten), Hein und Anni Wadle sind von Beginn an mit dabei.

Anni und Hein Wadle ca. 1980 (Foto: Familienbesitz)
Anni und Hein Wadle ca. 1980 (Foto: Familienbesitz)

Anni Wadle bleibt aktive Antifaschistin, engagiert sich in der Friedens- und in der Anti-Atomkraft-Bewegung. Am 14. November 1985 stirbt Hein Wadle nach einem Krebsleiden. Die Frage des Sohnes „Mutti, warum lachst du nie?“ zeigt, wie sehr ihr Leben überschattet ist von der Zeit des Nazi-Terrors. Im Alter von 76 Jahren entschließt sich Anni Wadle, ihre bisher nur wenigen Menschen erzählten Lebenserinnerungen auch schriftlich festzuhalten.*

Sie stirbt am 9. April 2002 in Neumünster im Alter von 92 Jahren.


*Mutti, warum lachst Du nie? Erinnerung an Zeiten der Verfolgung und des Krieges, hg. von Loretta Walz, Drensteinfurt 1988

 

(aus: Nicole Schultheiß: "Geht nicht gibt's nicht ..."
24 Portraits herausragender Frauen aus der Kieler Stadtgeschichte. Kiel 2007)