Landeshauptstadt Kiel Wappen der Landeshauptstadt Kiel

Wilhelmine 'Nanny' Kurfürst

Nanny Kurfürst - das offizielle Foto des Reichstages (Foto: Bayrische Staatsbibliothek)
Nanny Kurfürst - das offizielle Foto des Reichstages
(Foto: Bayrische Staatsbibliothek)

Geboren am 23. August 1892 in Bordesholm

Ihr Geburtsname lautet Wilhelmine Röschmann, aber allgemein kennt man sie nur unter ihrem Rufnamen Nanny. Über Kiel hinaus wird sie bekannt als einzige weibliche Abgeordnete der SPD im Reichstag von 1928 bis 1930.

Nanny Röschmann wird 1892 in Bordesholm geboren und besucht dort von 1898 bis 1907 die Volksschule. Nach Beendigung der Schule folgt 1907 der Umzug nach Kiel, wo sie neun Jahre lang als Hausangestellte arbeitet. 1916 heiratet Nanny Röschmann den Maschinenbauer Hermann Kurfürst.

Zunächst beteiligt sich Nanny Kurfürst an der innerparteilichen Arbeit der SPD und nimmt an etlichen Arbeitsgruppen und Gremien teil. Erst ab 1920 beginnt sie öffentlich politisch tätig zu werden. Zusammen mit Emma Drewanz leitet sie die erste SPD-Frauengruppe Groß-Kiel. Im Jahr 1924 tritt sie der Gewerkschaft bei.

Zu den Reichstagswahlen 1924 wird sie von ihrer Partei als Kandidatin aufgestellt, allerdings nicht für Schleswig-Holstein, sondern für den Wahlkreis Mecklenburg und zunächst ohne Erfolg. Bei der Reichstagswahl 1928 gelingt ihr dann der Sprung zur einzigen weiblichen Abgeordneten der SPD. In dieser Funktion ist sie bis September 1930 tätig. Kurz vor Ende der Legislaturperiode scheidet sie aus, da im August 1930 ihre Tochter Anni zur Welt kommt.

Als Stadtverordnete in Kiel ist Nanny Kurfürst bereits ab 1924 auch auf kommunalpolitischer Ebene tätig. Als die Nationalsozialisten bei der Kommunalwahl im März 1933 an die Macht kommen, trifft das daraus resultierende Verbot der SPD auch Nanny Kurfürst. Noch im Juni wird sie mit sofortiger Wirkung von der Ausübung ihrer Mandate ausgeschlossen. Nanny Kurfürsts Mitgliedschaft im Vorstand der Arbeiterwohlfahrt endet ebenfalls als Folge des SPD-Verbotes.

Nanny Kurfürst (vermutlich 2. v. l. stehend) im Kreis von Genossinnen (Foto: Joh. Mumm, Kiel)
Nanny Kurfürst im Kreis von Genossinnen. Sie ist vermutlich in der hinteren Reihe die zweite von links.
Ganz rechts steht Emma Sorgenfrei, vorn in der Mitte sitzt Emma Drewanz; die anderen Frauen sind
nicht identifiziert. (Foto: Joh. Mumm, Kiel)

Am 5. November 1933 wird Nanny Kurfürst zusammen mit anderen SPD-GenossInnen in „Schutzhaft“ genommen, da anlässlich einer Rede Adolf Hitlers Störungen durch SozialdemokratInnen und KommunistInnen von vornherein verhindert werden sollen. Die Gestapo lässt auch Nanny Kurfürsts Freundinnen und Genossinnen Emma Drewanz und Gertrud Völcker inhaftieren. Nach vier Tagen wird Nanny Kurfürst aus der Kieler Gestapo-Zentrale in der Düppelstraße entlassen.

Während des Zweiten Weltkriegs treffen sich die Genossinnen und ihre Parteifreunde weiterhin heimlich, oftmals in der Gartenlaube von Emma Drewanz.

Nanny Kurfürst betreibt zu dieser Zeit einen kleinen Tabakladen in der Elisabethstraße in Gaarden. Im Juni 1943 verlegt sie ihren Wohnsitz nach Innsbruck.*

Ihr weiteres Schicksal ist nicht bekannt.** Nanny Kurfürst stirbt am 18. Februar 1945 in Schleswig im Alter von 52 Jahren.

 

(aus: Nicole Schultheiß: "Geht nicht gibt's nicht ..."
24 Portraits herausragender Frauen aus der Kieler Stadtgeschichte. Kiel 2007)

 


*Lediglich Tochter Anni wird nach Innsbruck geschickt, um sie vor dem Bombenkrieg zu schützen. Von dort kehrt sie jedoch aus Heimweh bald zurück.

**Anni verliert beide Eltern innerhalb weniger Wochen. Nanny Kurfürst geht im Februar 1945 für eine Krebsbehandlung in ein Schleswiger Krankenhaus, wo sie überraschend stirbt. Hermann Kurfürst stirbt im März 1945 in einem Kieler Krankenhaus an einem durchgebrochenen Magengeschwür. Anni lebt bei den Tanten in Bordesholm, bis Gertrud Völcker sie dort Ende der 40er Jahre findet und ihr zu einer Berufsausbildung verhilft. 
(Mdl. Mitteilungen von Anni Billig, geb. Kurfürst, am 1. Oktober 2011)