Was sehen Sie, Frau Lot?
"Was sehen Sie, Frau Lot?" lautete der Titel einer Ausstellung, die im Juni 2003 in der Kieler St. Nikolai-Kirche zu sehen war. Die Bremer Künstlerinnen Renate Bühn, Maria Mathieu und Heike Pich setzten sich in zahlreichen Objekten mit sexualisierter Gewalt an Frauen und Mädchen auseinander.
Die Künstlerinnen wollen das Grauen der Gewalt, aber gleichzeitig ihre Normalität darstellen, die Verletzungen, aber auch den Überlebensmut und die Stärke der Betroffenen für die Betrachterin nachvollziehbar machen. Sie beziehen Stellung nicht nur für die Opfer, sondern gegen das Schweigen der Gesellschaft, das auch heute noch viele Täter schützt.
Als zentrale Symbolfigur der Ausstellung wählten sie die biblische ‚Frau Lot‘, die zur Salzsäule erstarrt, als sie sich nach den zerstörten Städten Sodom und Gomorrha umwendet. Von diesem ‚Nicht-mehr-mit-ansehen-Können‘ ziehen die Künstlerinnen eine Parallele zu Müttern in Familien, deren Kinder von Familienmitgliedern missbraucht werden. Die Erstarrung dieser Frauen, die Unfähigkeit, sich zu wehren und ihre Kinder zu schützen, ist für sie eine der Grundtatsachen von Missbrauch.
Kiels Frauenfacheinrichtungen sowie kirchliche Frauen- und Männerorganisationen - die meisten von ihnen Mitglieder des Arbeitskreises "Gewalt gegen Frauen" - boten in den drei Ausstellungswochen ein umfangreiches Rahmen- und Begleitprogramm an. Finanzielle Unterstützung erhielt die Ausstellung vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein. Pastor Dr. Matthias Wünsche, seine MitarbeiterInnen und der Kirchenvorstand der St. Nikolaikirche ermöglichten, dass das Projekt in Kiels ältester Kirche stattfinden konnte. Dadurch ergaben sich Wirkungen, die in einem normalen Ausstellungsraum nicht möglich gewesen wären. Insgesamt wurden Ausstellung und Rahmenprogramm nach Zählungen der Kirche von ca. 10.000 Menschen besucht. Das Gästebuch gibt einen Eindruck davon, welche nachhaltige Wirkung die Ausstellung erreichte.
Zur Eröffnung am 3. Juni begrüßten Pastor Wünsche und die Frauenbeauftragte die Gäste, Frauenministerin Anne Lütkes eröffnete die Ausstellung. Der Schirmherr, der in Kiel geborene Schauspieler Axel Milberg, schrieb ein Grußwort, und Regina Troschke von der Kunsthalle zu Kiel gab eine kenntnisreiche Einführung zu den Werken. Zum Abschluss führten die Künstlerinnen Renate Bühn und Heike Pich durch die Ausstellung.
Im Begleitprogramm bot unter anderem das Präventionsprojekte PETZE Führungen für Schulklassen ab Klasse 10 an und unterstützte die Jugendlichen dabei, ihre Eindrücke zu verarbeiten. Dabei kam es zu beklemmenden Szenen, etwa wenn ein Jugendlicher in die Runde fragte: "Wer von uns hat denn sowas selbst schon erlebt?" und in das betretene Schweigen seiner KlassenkameradInnen fortfuhr: "Dann bin ich wohl der einzige!"
Die Psychologische Psychotherapeutin Elke Garbe stellte in einem Vortrag dar, was ‚Traumatisierung‘ eigentlich bedeutet und wie eine moderne Traumatherapie für Frauen aussieht. Mehrere Veranstaltungen setzten sich mit den (fast ausschließlich männlichen) Tätern auseinander. Allerdings kamen auch zu diesen Veranstaltungen in erster Linie Frauen.
Herausragend war für viele der Gottesdienst für Betroffene und solche Frauen, die sich mit ihnen solidarisch fühlen. Er soll, wenn möglich, regelmäßig wiederholt werden. An dieser Stelle können nicht alle Veranstaltungen gewürdigt werden. Mittlerweile ist jedoch im Referat für Frauen eine umfassende Dokumentation erhältlich.
Weitere Informationen und Bestellung der Dokumentation beim Referat für Frauen, Tel. 0431 / 901-2056, E-Mail: Referat.Frauen@kiel.de.


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