Kieler Erinnerungstag:

30.11.1884
Einweihung der neugotisch restaurierten Nikolaikirche

Am 30. November 1884, dem 1. Adventssonntag, fand in der Nikolaikirche ein Einweihungsgottesdienst statt: Die Kirche war umfassend renoviert worden – und war kaum wiederzuerkennen.

Pastor Becker nahm in seiner Predigt auf den Umbau Bezug und führte aus: „Eine fast 7jährige Bauperiode mit all’ den unvermeidlichen Störungen unseres gottesdienstlichen Lebens liegt hinter uns; nach einer letzten, mehrmonatlichen Unterbrechung eröffnet heute uns unser altes Gotteshaus seine schönen Pforten. Was die Väter Eurer Stadt in der grauen Vorzeit des 13. Jahrhunderts begründet: die Urenkel haben es mit pietätsvoller Opferfreudigkeit wieder aufgenommen um es nicht nur vor sicherm Verfall zu schützen und zu erhalten, sondern um es im Geist und Sinn, mit den Mitteln und Kräften ihrer Zeit zu schmücken und zu verherrlichen. Die Unterlassungssünden vergangener Jahrzehnte hat die heutige Gemeinde mit einer That ausgeglichen und wieder gut gemacht. Was war im Laufe der Zeit aus der alten Pfarrkirche Kiels geworden? Ihr Mauerwerk war vom Zahn der Zeit zerfressen und baufällig geworden; gefahrdrohend hingen ihre Gewölbe über den ausgewichenen Mauern; unschön war ihre Außenseite durch planlose Anbauten entstellt, der Blick im Inneren durch stützendes Gebälk gehemmt - eine gründliche Restauration war zum unabweisbaren Bedürfniß geworden.“


Die neugotische Restaurierung - fast ein Neubau



Schon 1867 kam die Anregung zur Restaurierung der Nikolaikirche. Stadtbaumeister Gustav Ludolf Martens wies darauf hin, dass in erster Linie Konstruktionsfehler beseitigt werden müssten, die die Sicherheit der Kirche gefährden. Er legte 1867 Bestandspläne und Vorschläge für die Restaurierung vor, die der Baurat und Architekt Conrad Wilhelm Hase in Hannover begutachtete und befürwortete. Aber zunächst geschah nichts. Martens starb 1872, und sein Nachfolger kam in der Sache nicht weiter, weil es Kontroversen über die Dachkonstruktion gab.

Stadt- und Kirchenbaumeister Friedrich Wilhelm Schweitzer nahm dann die Planung 1876 wieder auf. Er empfahl die Beseitigung des hohen Kirchendaches, das einen unverhältnismäßig schweren Druck auf das Gebäude ausübe. Außerdem werde der Abbruch der am Chor außerhalb der Kirche befindlichen Grabkapellen für die Verstärkung der Strebepfeiler notwendig sein. Ebenso müssten das äußere Mauerwerk erneuert und der Turm restauriert werden. Das Innere der Kirche bedürfe auch der Sanierung, denn das geschmacklose und unbequeme Gestühl biete einen unschönen Anblick.

Die umfassende Restaurierung von 1877 bis 1884 veränderte insbesondere das Äußere der Kirche im Sinne der Neugotik. In gleichem Stil entstand in diesen Jahren auch die 1882 eingeweihte Pauluskirche. Das Ergebnis der Umgestaltung der Nikolaikirche „war ein nunmehr im Sinne der damaligen Auffassung von gotischer Baukunst bereinigter, späterer Stilformen entledigter und akademisch trocken geformter Kirchenbau“ (Lutz Wilde).

Sämtliche Anbauten, die den Chor der Kirche im Laufe der Jahrhunderte umgeben hatten, wurden beseitigt, die Stützpfeiler vom Chor entfernt und vermauerte Fensteröffnungen wieder freigelegt. Die Fassade wurde gleichmäßig gegliedert und mit Maschinenziegel neu verblendet. Das hohe Satteldach verschwand und wurde durch ein niedriges Dach mit Schieferdecke ersetzt. Die Seitenschiffe erhielten quer zum Hauptschiff stehende Giebeldächer mit kleinen Ziertürmchen. Der Dachreiter wurde auf den Chor versetzt. Während der Turm im mittelalterlichen Bau ganz in die Kirche integriert war, hob er sich jetzt aus dem Bauwerk heraus. Die äußere Restaurierung der Kirche kam fast einem Neubau gleich. Auch im Inneren gab es Veränderungen. Der Putz musste ausgebessert und erneuert werden, anschließend wurden eine Bemalung im Stil der Zeit vorgenommen, der Lettner entfernt und neue Bänke angeschafft.


Eine geglückte Renovierung?



Die Urteile über den Umbau der Nikolaikirche fallen unterschiedlich aus. Pastor Becker kommt in seiner Predigt zu einem positiven Ergebnis. Geert Selig, der die Zeit auch miterlebte, schreibt in seinen Erinnerungen: „Von außen war der Bau [der alten Kirche] allerdings aller Regelmäßigkeit und Formenregelung beraubt, auch innen durchquerte weiß gekalktes Balkenwerk die Hallen der Schiffe, Einbauten wie der Professorenchor, Grabstellen, Epitaphien, Schnörkel und Schnitzwerk beengten ungebührlich das Innere. Die Kirche ist daher auch den Baubeflissenen, die es verstehen, und der Stilreinheit nicht entgangen. Ob sie dadurch schöner geworden ist, will ich dahin gestellt sein lassen, das mir vertraute geschichtliche Bild, namentlich die Silhouette des steilen Daches und des Turmes mit seinen vier Nebentürmchen ist verschwunden.“ Und der damalige Provinzialkonservator Richard Haupt urteilte: „Durch den Umbau Schweitzers hat die Kirche ein ganz neues Wesen erhalten, Mörtel schwarz, das Ganze recht taub, fremdgotisch. Das Innere ist in gleicher Weise behandelt und fast allen Wertes als Baudenkmal beraubt [...]auch der herrliche Reichtum der Ausstattung ist dahin!“ Klaus Thiede meinte: „Das Ganze machte schließlich einen überladenen Eindruck und entsprach ganz der Vorstellungswelt von würdigem Prunk, wie es der wohlsituierte Bürger jener Jahrzehnte in der Hauptkirche seiner Stadt vor Augen haben wollte“.


Die Nikolaikirche ein Bau aus vielen Jahrhunderten



Die Nikolaikirche wurde also nicht nur renoviert, sondern der in sechs Jahrhunderten gewachsene Bau in seiner Vielfalt bereinigt und beseitigt.

Über die genaue Entstehungszeit der Kirche wissen wir nichts. Sicherlich stammt sie aus der Gründungszeit Kiels. In der Gründungsurkunde der Stadt von 1242 wird als einer der Zeugen ein Geistlicher der Kirche erwähnt. Zumindest bestand zu der Zeit schon die Pfarrgemeinde, die sich möglicherweise mit einem provisorischen Bau begnügen musste. 1264 wird die Kirche in Kiel zum ersten Mal im Zusammenhang mit einer Stiftung urkundlich erwähnt.

Vermutlich war der ursprüngliche Bau eine dreischiffige Hallenkirche im Stil der frühen Gotik mit vorgesetztem Westturm und kurzem Kastenchor in der Fortsetzung des Mittelschiffes. Vom Turm bestanden um 1300 nur die unteren Teile. An der Ostseite war er an die Kirche angeschlossen, mit den anderen Seiten stand er frei. Schon im 13. Jahrhundert muss der Chor durch einen längeren ersetzt worden sein. Er wurde jedoch nicht mit in die Halle einbezogen, sondern blieb als schmaler Bau vor dem Langhaus erhalten. Mit Hilfe von Stiftungen wurde vor 1400 das Langhaus nach dem Vorbild von St. Petri in Lübeck fertiggestellt und ebenso der Turm mit Spitzhelm und Ecktürmchen im 15. Jahrhundert. Zu der Zeit entstanden auch mehrere Kapellen. Professor Haupt kommt zu folgendem Urteil über die Kirche: „So steht denn mit dem Beginn des 16. Jahrhunderts und dem Anfang der Reformation die Nikolaikirche in einer großen Vollendung da, liegt breit und bewußt an dem schönen Marktplatz der Menschen, im Aeußeren schlicht, einfach städtisch, aber kernig, gesund, im Inneren geschmückt mit köstlicher Zier und strahlend im Glanze der Kunst einer großer Zeit.“

Im 16. und 17. Jahrhundert erfuhr die Kirche eine starke Veränderung durch den Bau der Turmkapellen, der Rantzaukapelle an der nördlichen, der Ratskapelle an der südlichen Turmseite. Der Turm, der bisher nur durch seine Ostseite mit dem Langhaus verbunden war, wurde nun von drei Seiten umfasst. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts kamen noch eine Reihe von niedrigen, eingeschossigen Grablegen dazu. Schließlich waren es zehn, zwei auf der Südseite, sechs am Chor und zwei auf der Nordseite. Das Äußere der Kirche wurde dadurch „verunstaltet“ und „entstellt“ (Klaus Thiel).


Reiche und kostbare Innenausstattung



Auch im Inneren erfuhr die Kirche Veränderungen. 1495 wurden Chor und Langhaus weiß gestrichen und damit die mittelalterliche, gotische Bemalung übertüncht. Im 17. Jahrhundert wurde die Kirche wieder ausgemalt und zu Beginn des 18. Jahrhunderts erneut geweißt.

Im Laufe der Jahrhunderte erhielt das Gotteshaus eine reiche Innenausstattung. Vieles ist bis heute erhalten geblieben. Das älteste Ausstattungsstück der Kirche ist die Bronzetaufe von 1344. Das Taufbecken in St. Nikolai ist „eines der bedeutendsten Zeugnisse mittelalterlichen norddeutschen Bronzegusses“ (Lutz Wilde). Der ursprüngliche Taufdeckel ging verloren. Er wurde im 17. Jahrhundert durch einen hölzernen in Form einer Kuppellaterne ersetzt. Das aus dem Jahre 1490 stammende mächtige Triumphkreuz trennte früher zusammen mit dem Lettner den Chor von dem Gemeinderaum. Der fünfflügelige Hochaltar von 1460 ist einer der besterhaltenen und größten mittelalterlichen Flügelschreine in Schleswig-Holstein. Er wurde von Johann Ahlefeldt gestiftet und stand ursprünglich in der Kirche des Kieler Franziskanerklosters. Als dies im Zuge der Reformation aufgelöst wurde, gelangte der Altar 1541 in die Nikolaikirche. Die reich geschmückte hölzerne Kanzel aus dem Barock wurde 1705 von Henning von Wedderkop als Ersatz für eine Kanzel von 1522 gestiftet. Ebenfalls aus dem Barock stammen die beiden großen Kronleuchter. Erwähnenswert sind außerdem das Rantzau-Gestühl von 1543, Epitaphien und Pastorenbilder.


Der größte Versammlungsraum der Stadt



Über viele Jahrhunderte war St. Nikolai die einzige Pfarrkirche Kiels und der zur Gemeinde gehörenden Dörfer. Sie hatte den größten Versammlungsraum der Stadt, der auch, wie in anderen Städten überall, vielfach zu nicht kirchlichen Zwecken verwendet wurde. Am 5. Oktober 1665 fand hier der feierliche Gründungsakt der Christian-Albrechts-Universität statt, später auch Promotionsfeiern. Die Kirche war der neutrale Boden, auf dem sich Mitglieder des Rates und der Universität trafen, um Rang- und Rechtsstreitigkeiten auszutragen. Auch war es Brauch, bei Messen und Jahrmärkten um die Kirche und in ihrem Inneren Verkaufstische aufzustellen für Buch- und Bilderhändler und Verkäufer anderer Waren.


Neuanfang nach Schutt und Asche



Das renovierte Gotteshaus, das am Ende des 19. Jahrhunderts ein neues Aussehen erhalten hatte, bestimmte das Bild der Altstadt bis 1944. Nach geringen Schäden bei einem Bombenangriff im Dezember 1943 vernichteten Bomben die Kirche am 22. Mai 1944, so dass nur noch einige Schiffspfeiler und kaum ein Fünftel der Umfassungsmauern stehen blieben. Die wertvolle Innenausstattung war schon vorher nach Bordesholm ausgelagert worden.

Einig waren sich die Kieler, dass die Nikolaikirche ihren Platz in der Mitte der Altstadt behalten musste. Erst 1949 wurde mit der Enttrümmerung der Ruine begonnen, 1950 dann aber schon der Hamburger Architekt Gerhard Langmaack mit dem Wiederaufbau beauftragt. Nach einigen Diskussionen entschied man sich, keine Rekonstruktion der zerstörten Kirche vorzunehmen, sondern das zu hüten, was von der Kirche noch vorhanden war. Alles Neue aber sollte nach der Formensprache der Gegenwart gestaltet werden. In Proportionen, Chorgrundriss und Dächern hielt man sich an das Aussehen der spätmittelalterlichen Kirche. Das zerstörte Gewölbe im Chor und im Langhaus wurde durch ein Betonflachdach auf schlanken Säulen ersetzt. Am 2. Pfingsttag 1951 konnte der Hauptraum der Kirche feierlich eingeweiht werden. Zum Advent des selben Jahres erklangen die alten Glocken wieder. Zwar mussten sie im Krieg zum Einschmelzen abgeliefert werden, konnten aber der Vernichtung entgehen, da Sachverständige sie als besonders wertvoll angesehen und sie mit List gerettet hatten.1953 wurde dank einer Spende des Kieler Reeders Karls Grammersdorf mit dem Ausbau des Turmes begonnen, danach mit dem Aufbau des steilen Satteldaches. 1954 fand an der Ecke zum Markt Barlachs „Geistkämpfer“ seinen Platz an der Kirche, der bis 1937 an der Heiligengeistkirche gestanden hatte.

Das Innere der Kirche ist hell und licht durch weiß gestrichene Wände und farbige Glasfenster. Parallel zum Wiederaufbau kehrten die alten Ausstattungsstücke zurück. Beherrscht wird das Innere des Gotteshauses durch das Triumphkreuz von 1490. „Heute empfängt den Eintretenden ein moderner Raum, dessen größte Qualität es ist, den bedeutenden Kunstwerken, die über alle Zeitläufte hinweg gerettet werden konnten, eine unpretentiöse Heimstatt zu geben, die sich dem Bekenntnis ihres Architekten Gerhard Langmaack: ’Mut zum Neuschaffen, ohne die bindende Kraft der Tradition zu verlieren’, als würdig erweist“ (Uwe Albrecht).


Christa Geckeler




Literatur



Albrecht, Uwe

St. Nikolai. Die Pfarrkirche des städtischen Zentrums, in: Begegnungen mit der Stadt Kiel. Gabe der Christian-Albrechts-Universität zur 750-Jahr-Feier der Stadt Kiel, hrsg. von Werner Paravicini in Zusammenarbeit mit Uwe Albrecht und Annette Henning, Neumünster 1992, S. 30-34

Becker

(Hg): Die Nikolaikirche in Kiel. Ein Gedenkblatt ihrer Restauration in den Jahren 1878-84, Kiel 1884

Habich, Johannes

Die Nikolaikirche zu Kiel, 3. verbesserte Auflage, Kiel 1996

Habich, Johannes

Die Nikolaikirche in Kiel und das Kieler Kloster, DKV Kunstführer Nr. 323/5, fünfte, neu bearbeitete Auflage, Deutscher Kunstverlag GmbH München Berlin

Haupt, Richard

Die Bau und Kunstdenkmäler der Provinz Schleswig-Holstein, Band I, Kiel 1887, S. 547-560

Kaufmann, Gerhard

Das alte Kiel. Von der Gründung der Stadt bis an die Schwelle zur Gegenwart, Hamburg 1975, S. 71

Seelig, Geert

Eine deutsche Jugend. Erinnerungen an Kiel und den Schwanenweg, Nachdruck Kiel 1981, S. 84 f.

Thiede, Klaus

St. Nikolai in Kiel. Ein Beitrag zur Geschichte der Stadtkirche, Kiel 1960

Volbehr, Friedrich

Beiträge zur Topographie der Stadt Kiel in den letzten drei Jahrhunderten: Erste Hälfte: Schloss und Altstadt, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 3 und 4, 1881, S. 93-115

Wilde, Lutz

Die Nikolaikirche. Zur Baugeschichte und Ausstattung, in: Kirche in Kiel. 750 Jahre Kiel. 750 Jahre St. Nikolai, hrsg. im Auftrage des Ev.-Luth. Kirchenkreises Kiel von Karl-Behrnd Hasselmann, Neumünster 1991, S. 27-47

Wilde, Lutz

(bearb.): Denkmaltopographie, Landeshauptstadt Kiel, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 29, Neumünster 1995, S. 220-222

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