Kieler Erinnerungstag:

Dezember 1924
Erster Spendenaufruf für den „Kieler Weihnachtsbaum„

Am 6. Dezember 1924 fand sich in den Kieler Neuesten Nachrichten, eingerahmt von „kleinen politischen Nachrichten“ und der „Bücherschau“, der Aufruf zu Spenden für den „Kieler Weihnachtsbaum“:

„Das Weihnachtsfest rückt immer näher. Die Theater spielen Weihnachtsmärchen. Die Läden ermuntern zu Weihnachtseinkäufen. Weihnachtsbäume kommen in die Stadt. Wie mancher aber vergißt im Treiben und Jagen städtischen Lebens an diejenigen zu denken, die keinen Weihnachtsbaum, keine Weihnachtsfreude haben. Für sie will der Weihnachtsbaum der Arbeitsgemeinschaft der öffentlichen und privaten Wohlfahrtspflege sorgen. Geldspenden, von den kleinsten Beträgen an, sind dazu willkommen. Gebe jeder, so viel er irgend kann. Sie werden angenommen von der städtischen Spar- und Leihkasse und ihren Nebenstellen, von der städtischen Hauptkasse und der städtischen Wohlfahrtskasse. Auch wird von Personen, die mit Ausweis versehen sind, eine Sammelliste vorgelegt. Laßt sie nicht vergebens anklopfen, damit durch die Organisation den Aermsten und Bedürftigsten durch Spende von Lebensmitteln und Kleidung zu Weihnachten eine Freude gemacht werden kann. Man kann auch bestimmen, daß die Gabe einem bestimmten Zweig der Wohlfahrtspflege zugeführt werden soll. Vergeßt zugleich auch nicht der Bedürftigen, die ihr persönlich kennt. Wer Notleidenden durch den Kieler Weihnachtsbaum half, der hat ein rechtes Weihnachtswerk getan.“ Unterzeichnet hatte diesen Appell eine „Stimme aus dem Leserkreis“. Ins Leben gerufen aber hatte die Aktion des „Kieler Weihnachtsbaumes“ der Stadtmedizinalrat Dr. Franz Klose.

Weihnachtsfreude durch den „Kieler Weihnachtsbaum“

Die Arbeitsgemeinschaft der öffentlichen und freien Wohlfahrtspflege in Kiel veranstaltete 1924 zum ersten Mal den „Kieler Weihnachtsbaum“, um die Not der Armen in der Stadt zu lindern. Der Spendenaufruf wurde verbunden mit dem Bild eines Weihnachtsbaums, den die Spender von Woche zu Woche mit mehr gedachten Lichtern, Kuchen und Nüssen behängen sollten: „Stiftet Lichter!“ „Jedes Licht soll eine Mark gerechnet sein; gib 10 Mark, dann hast Du 10 Lichter gestiftet, gib 100 Mark und mehr, wenn Du kannst. Und 50 Pfg. soll ein Pfefferkuchen gerechnet sein und 20 Pfg. eine Nuß!“

Durch öffentliche Sammlungen, Gabenkarten in Betrieben und Firmen mit der Bitte, Spenden einzutragen, und durch Postkartenverkauf wurden Geld, Lebensmittel und Kleidung für Bedürftige gesammelt. Der Chor des Oberlyzeums veranstaltete ein Weihnachtskonzert in der Aula der Hebbelschule, dessen Erlös der „Kieler Weihnachtsbaum“ erhielt.

Das Sammelergebnis lag in den ersten Jahren zwischen 9000 und 12 000 Reichsmark, eine beachtliche Summe in der Notzeit nach dem Ersten Weltkrieg und der anschließenden Inflation. Beim ersten „Kieler Weihnachtsbaum“ kamen 11 736.35 RM zusammen, die den Mitgliedern der öffentlichen und freien Wohlfahrtspflege zur Verfügung gestellt wurden, um ihre Weihnachtsbescherung für Bedürftige zu bereichern. Außer Geld wurden viele Geschenke in Naturalien, vor allem Lebensmittel und Bekleidung, gespendet. Einige Beispiele mögen verdeutlichen, wie damit geholfen werden konnte. Das Rote Kreuz bedachte 20 Familien Lungenkranker mit Lebensmittelpaketen. Die Insassen des Obdachlosenasyls wurden an zwei Tagen mit 200 Portionen Essen versorgt, außerdem bekamen sie 425 Weihnachtsstollen und 100 Paar neue Socken. Der Elisabethverein Kiel besuchte 50 Familien mit einem Lebensmittelpaket und Kleidungsstücken für Kinder, hauptsächlich Unterwäsche und Strümpfe.

Seit 1927 wurde auf dem Alten Markt vor den Persianischen Häusern tatsächlich ein Weihnachtsbaum aufgestellt, der einzige in der Stadt. Diese Sitte breitete sich von Kiel in Schleswig-Holstein und darüber hinaus in Deutschland und im Ausland aus. Kaum einer weiß heute, wenn die Tannenbäume zur Weihnachtszeit in den Städten leuchten, dass der Anstoß dazu aus Kiel kam.

Effektive Zusammenarbeit von öffentlicher und privater Wohlfahrt

Dr. Franz Klose, der am 1. Dezember 1923 seinen Dienst im städtischen Gesundheitsamt angetreten hatte, initiierte nicht nur den „Kieler Weihnachtsbaum“. Er war aus Wittenberge gekommen und hatte dort schon eine Arbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtsverbände gegründet. In Kiel setzte er sein Werk fort und fand in Dr. Fritz Gradenwitz, dem Wohlfahrtsdezernenten, einen verständnisvollen Partner. Am 14. März 1924 entstand in Kiel die Arbeitsgemeinschaft der öffentlichen und freien Wohlfahrtspflege. Der unmittelbare Anlass war der Werftarbeiterstreik zu Beginn des Jahres, bei dem es um die Frage der Arbeitszeit ging. Da es zu keiner Einigung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern kam, wurden im Februar 1924 13 000 Werftarbeiter ausgesperrt. Sie waren damit ohne Lohn. Hier waren die Wohlfahrtsverbände gefordert, um die Not der Familien zu lindern.

Um effektiver zusammenarbeiten zu können, schlossen sich fast alle in der Wohlfahrt tätigen Kieler Vereine, von der evangelischen Frauenhilfe, über die Stadtmission, den Vaterländischen Frauenverein, vom Roten Kreuz bis zu den Guttemplern, der Heilsarmee, der jüdischen Gemeinde bis zur Inneren Misssion, zu einer großen Gemeinschaft zusammen. Nur die Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde und die Arbeiterwohlfahrt traten der Arbeitsgemeinschaft nicht bei, um ihre Unabhängigkeit zu wahren, arbeiteten aber eng mit ihr zusammen.

Die Arbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtsverbände half den einzelnen Organisationen, in enger Zusammenarbeit miteinander ihre sozialen Aufgaben wahrzunehmen und mit der öffentlichen Wohlfahrtspflege der Not in Kiel zu begegnen. Besonders wichtig wurde ihre Hilfe während der Weltwirtschaftskrise, in der viele Familien in große finanzielle Schwierigkeiten gerieten. In Kiel waren allein 50% der Werftarbeiter arbeitslos geworden.

Gleichschaltung der Wohlfahrtsverbände im Nationalsozialismus

In der Zeit des Nationalsozialismus erfuhr die Wohlfahrtspflege eine tiefgreifende Veränderung. 1936 erfolgte der „Reichszusammenschluss der öffentlichen und freien Wohlfahrtspflege“ unter Vorsitz der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt). NSV und WHW (Winterhilfswerk) wurden zum Inbegriff der nationalsozialistischen Wohlfahrt. Kai Detlev Sievers und Karin Stukenbrock kommen zu folgendem Ergebnis: „Die bisher tragenden Kräfte der Wohlfahrt, die Kommunen und die freien Verbände, büßten ihren innovativen Charakter ein. Durch vehemente Kritik an der traditionellen Wohlfahrt, durch Propagierung ihrer eigenen nationalsozialistischen Vorstellungen von ’Volkspflege’, aber auch durch gewaltsame Übergriffe versuchten die Nationalsozialisten, ihre Ziele durchzusetzen“.

Der „Kieler Weihnachtsbaum“ hilft Bedürftigen nach dem Zweiten Weltkrieg

Aber schon ein knappes halbes Jahr nach Kriegsende organisierte Dr. Franz Klose erneut die Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege, und damit konnte auch der „Kieler Weihnachtsbaum" seine segensreiche Tätigkeit fortsetzen.

Die Not war in Kiel besonders groß. Die Stadt war zu 75% zerstört. Kieler und Flüchtlinge hausten z. T. in Kellern und Barackenlagern, froren und hatten wenig zu essen. Auch Kleidung fehlte.

In der konstituierenden Sitzung der Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege am 22. Oktober 1945 wurden fünf Unterausschüsse gebildet, die den Schwerpunkt der Arbeit verdeutlichen: ein Ausschuss für Schulkinderspeisung, für Näh- und Wärmestuben, für Mütter- und Säuglingsfürsorge, für Flüchtlingsfürsorge und für den „Kieler Weihnachtsbaum“. Bereits im Oktober wurden Privatpersonen und Firmen angeschrieben und um ihre Mitarbeit beim „Kieler Weihnachtsbaum“ gebeten. Vom 20. November bis zum 20. Dezember wurden wieder Spendenaktionen veranstaltet. 28 500 RM konnten an besonders bedürftige Personen verteilt und Kindern, alten und einsamen Menschen inmitten von Trümmern und Not ein paar festliche Stunden bereitet werden. Bei Kerzenlicht in einem warmen Raum erhielten sie einen Apfel und ein Stück Stollen als Geschenk.

Kiel war dabei auf Auslandshilfe angewiesen. Als 1946 die britische Militätregierung die für die Kieler Kinder zugesagten Süßigkeiten nicht geben konnte und bereits erwogen wurde, die Weihnachtsfeiern für bedürftige Kinder abzusagen, da sprang das Mennonite Central Committee mit 10 000 Weihnachtesstollen ein. Aber auch die Kieler waren zur Hilfe bereit und folgten dem Aufruf vom November 1946: „Willst Du da abseits stehen, wenn es darum geht - nicht diese Not abzuwenden, das vermögen wir nicht, - aber eine Hand zu reichen, eine Freude zu machen, eine Hilfe in der Not zu geben? Wir glauben das nicht. Und Du willst das auch nicht! Also gib Deine Gabe. Große und kleine Gaben, wir nehmen sie dankbar an. Sie sollen sich in frohe Stunden für die Kinder, in Gaben für Alte und Kranke, in Hilfe für die Einsamen verwandeln“.

Dein Groschen entzündet ein Licht

Über die Nachkriegszeit hinaus wurde der „Kieler Weihnachtsbaum“ eine feste Einrichtung. An Kino- und Theaterkassen lagen grüne Blocks mit 10-Pfennig-Bons aus, auf denen stand: „ Dein Groschen hat ein Licht am Weihnachtsbaum der Notleidenden entzündet der Kieler Weihnachtsbaum dankt dir dafür.“ Durch Sammlungen auf Straßen und in Betrieben, durch die Weihnachtslotterie am Berliner Platz und eine zusätzliche Arbeitsstunde in manchen Firmen konnte Freude zu Weihnachten bereitet werden. Auf Feiern in verschiedenen Stadtteilen nahmen bis zu 2000 Einsame und Arme an gemeinsamen Essen bei Weihnachtsmusik und Gesprächen teil. Hier sollten sie ihre Nöte vergessen. Außerdem wurden besonders bedürftige Familien mit Sach- und Geldspenden bedacht.

„Kieler Weihnachtsbaum“ - heute unbekannt

Den „Kieler Weihnachtsbaum“gibt es in der alten Form nicht mehr und nur wenigen sagt dieser Name noch etwas. Im Jahre 2000 fand die letzte Weihnachtslotterie statt. Der Verkauf der Lose in der Holstenstraße hatte nur einen kleinen Teil der Lotterie ausgemacht. Hauptabnehmer der Lose waren die Wohlfahrtsverbände gewesen, die diese z. B. auf Weihnachtsfeiern verkauften. Es wurden aber immer weniger Lose abgenommen, weil sich kaum ehrenamtliche Helfer fanden, die bereit waren, Lose zu verkaufen. So kam die Lotterie in Schwierigkeiten, weil von den Einnahmen die Gewinne und die Weihnachtsessen finanziert werden mussten. Die Lotterie wurde aufgegeben. Aber das Essen für Bedürftige und Einsame gibt es noch. Es heißt „Weihnachten in Gemeinschaft“ und wird von der Kreisarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtsverbände organisiert. Die 4000€ für 600 Essen werden durch Spenden aufgebracht.

Autorin: Christa Geckeler (1937 - 2004)


Quellen

Akte Nr. 65856 a, Stadtarchiv Kiel

Akte Nr. 65856 b, Stadtarchiv Kiel

Bericht über die Verwaltung und den Stand der Gemeindeangelegenheiten der Stadt Kiel in der Zeit vom 1. Januar 1919 bis 31. Dezember 1924, Kiel 1926, S. 304-307

Literatur

Kiel, Stephanie

Aufbau des sozialen Netzes in Kiel nach 1945. Eine Analyse der Bedingungsfaktoren, Beteiligten und der Durchführung unter besonderer Berücksichtigung der Problematik von Kindern und Jugendlichen, Examensarbeit, Kiel 2001, Stadtarchiv Kiel

Mennonite Central Committee,

zusammengestellt von Pastor Plath für Ev. Hilfswerk/Innere Mission, Caritasverband, Arbeiterwohlfahrt, Deutsches Rotes Kreuz in Kiel, Kiel 1950

Schaumann, Christoph

Die Entwicklung der freien Wohlfahrtspflege unter besonderer Berücksichtigung der Reorganisation nach 1945 in Schleswig-Holstein, Examensarbeit, Kiel 1995, Stadtarchiv Kiel

Sievers, Kai Detlev und Karin Stukenbrock

„Christliches Wohlwollen und braver Bürgersinn.“ Private und öffentliche Fürsorge in Kiel und ihre Bemühungen um die Lösung sozialer Probleme. Festschrift zum 200jährigen Bestehen der Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde Kiel, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 27, Heide 1993, S. 69, S. 76-87, S. 91

Stüber, Gabriele

Kieler Hungerjahre 1945-1948, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 69, 1983-1985, S. 189-238

Zeitungen

Kieler Express

vom 29. September 1983

Kieler Nachrichten

vom 9. Dezember 1949, vom 7. November 1951, vom 24. Dezember 1973

Kieler Neueste Nachrichten

vom 6. Dezember 1924

Kieler Wohlfahrtsblätter

. Verkündigungsblatt des städtischen Wohlfahrtsamtes und der Arbeitsgemeinschaft der öffentlichen und privaten Wohlfahrtspflege in Kiel, 1. Jahrgang, Nr. 2, Dezember 1924, Nr. 3, Januar 1925

Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung

vom 3. Dezember 1955, vom 18. Januar 1956, vom 27. Dezember 1958



Dieser Artikel kann unter Angabe des Namens der Autorin Christa Geckeler, des Titels Kieler Erinnerungstage: Dezember 1924 | Erster Spendenaufruf für den „Kieler Weihnachtsbaum„ und des Erscheinungsdatums 06. Dezember 2009 zitiert werden.

Zitierlink: https://www.kiel.de/erinnerungstage?id=108

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