Kieler Erinnerungstag:

2. Januar 1910
Einweihung der Synagoge in der Goethestraße

Synagoge nach der Zerstörung 1938



Am Sonntag, dem 2. Januar 1910, feierten die 350 Kieler Juden die Einweihung ihrer neuen, großen Synagoge. Die „Kieler Neuesten Nachrichten“ würdigten dieses Ereignis:

„Die in prächtiger Lage Ecke Goethe- und Humboldt-Straße errichtete neue Synagoge der jüdischen Gemeinde wurde am Sonntag mittag in feierlicher Weise eingeweiht und ihrer Bestimmung übergeben. Unter den geladenen Gästen bemerkte man u. a. Oberbürgermeister Fuß, stellv. Stadtverordnetenvorsteher Rechtsanwalt Döring und mehrere Mitglieder des Magistrats und des Stadtverordnetenkollegiums ... auch war der Oberrabbiner aus Wansbek anwesend. ... Der Erbauer des Hauses, Architekt Theede, hielt eine Ansprache, in der er darauf hinwies, daß die gestellte Aufgabe nicht leicht gewesen sei. Es habe sich darum gehandelt, mit immerhin beschränkten Mitteln ein Gebäude zu schaffen, das doch als monumentales zu gelten habe. Dies sei in bester Weise gelungen. ... Dr. Jacob führte aus, daß das Haus nicht materiellen, sondern lediglich geistigen Zwecken dienen solle; es werde sein ein Lehrhaus und Bethaus. ... Nachdem weiterer Gesang des Vorbeters, Lehrer Katz, und des gemischten Chores verklungen war, sprach Rabbiner Dr. Cohn ein Gebet für den Kaiser und die Obrigkeit, und darauf wurden die Thorarollen in den heiligen Schrein gehoben. ... Dr. Cohn ... führte aus, daß das neue Gebäude einen dreifachen Zweck erfüllen solle. Es enthalte ein Schulhaus, ein Volkshaus und ein Gotteshaus. Ueber den Räumen des Lehrens, des Lernens und des Lebens erhebe sich das Gotteshaus, in dem man Erbauung und Sammlung für den Lebenskampf finden werde.“

Die Synagoge ein imposantes und schönes Gebäude

Die jüdische Gemeinde hatte das Grundstück Goethestraße/Ecke Humboldtstraße von der Stadt zum Vorzugspreis von 13 425 M erworben. Mit der Planung und Durchführung war der bekannte Kieler Architekt Johann Theede beauftragt worden, der die Synagoge gut in die Nachbarbebauung am Hohenzollernpark (seit 1947 Schrevenpark) einfügte. Direkter Nachbar an der Humboldtstraße waren die Städtischen Licht- und Wasserwerke zu Kiel mit dem Elektrizitätswerk. Zur anderen Seite schloss sich das noch stehende Wohnhaus von Dr. Leonhardt an, dem Begründer der Parkklinik.

Theede schuf einen Zentralbau mit Kuppel. In den verputzten Fassaden, die von Dreiecksgiebeln abgeschlossen wurden, waren Sprossenfenster in Gruppen angeordnet. Die Eingangsseite zur Goethestraße war mit überdachter Vorhalle und Rundbogenfenstern aufwendiger gestaltet.

In seinen Erinnerungen beschreibt der Kieler Jude Leo Bodenstein die Synagoge:

„Die Synagoge war ein sehr schönes Gebäude, gleichermaßen imposant von außen wie im Inneren. Über den Eingangstüren waren hohe Fenster und darüber ein hebräischer Spruch in Stein gemeißelt „DA LIVNE MI ATO OMED“ (zu deutsch: „Wisse, vor wem Du stehst“). Drei Türen befanden sich nebeneinander, von denen jedoch nur eine benutzt wurde. Durch diese Türen betrat man eine große Halle, in welcher links und rechts Treppen zur Synagoge aufstiegen. Weiterhin lagen links von der Halle ein Klassenzimmer mit Fenstern zur Humboldtstraße, rechts ein großer Gemeindesaal, durch dessen Fenster man zur Goethestraße hinaussah. Eine Ecke dieses Saales diente zugleich als Unterrichtsraum der Religionsschule. Der Saal wurde wochentags als Synagoge benutzt, außerdem viele Jahre am Samstag als zweiter Betsaal. Links in der Halle waren Garderobenständer und ein Schrank, in dem manche Besucher ihre Zylinder aufbewahrten. Der Synagogendiener gab ihnen dann am Samstag oder an den Feiertagen den Zylinder. Eine Mikwe, ein rituelles Tauchbad, befand sich in den Kellerräumen der Synagoge.

Die Treppen am Anfang der Halle führten in die 1. Etage. Durch große Türen betrat man den großen Synagogenraum, in dem ein breiter, mit Teppichen ausgelegter Gang zum Vorbeterpult führte. Das Pult betrat man über zwei seitliche Treppen. Eine weitere Treppe auf der linken und rechten Seite führte zum Toraschrein, an dessen Seite sich die Sitze des Rabbiners und Kantors befanden. Das Gestühl war aus hellem Holz mit Klappsitz, Pult und einem kleinen Fach, in dem die Gebetbücher bzw. -tücher aufbewahrt wurden.

Die Frauengalerie erreichte man, indem man die Außentreppen weiter emporstieg. Sie befand sich auf drei Seiten, ähnlich den Galerien in einem Theater. Die Brüstung war sehr niedrig. Der Gottesdienst wurde von Frauen kaum besucht, nur an den hohen Feiertagen kamen viele in die Synagoge, die wohl hoffnungslos überfüllt gewesen wäre, wenn dann nicht im Gemeindesaal im Erdgeschoss ein weiterer Gottesdienst stattgefunden hätte. Der Gottesdienst war immer sehr feierlich, und der Kantor wurde von einem Chor unterstützt.“

Die prächtige Kuppel würdigte der ehemalige Kieler Rabbiner Dr. Posner: „Ueber zwei sich schneidenden Tonnengewölben erhebt sich eine mächtige Kuppel, von der aus flimmerndem Blau der goldene Davidstern herabblickt, bewacht von einem Kranz stilisierter Adler. In den Rundbögen erkennt man die Wappen der zwölf Stämme, nach den Angaben des Midrasch teilweise von Dornenarabesken umzogen. Im grossen Rundfenster - von der zionistischen Ortsgruppe Kiel gestiftet - sieht man neben anderen Symbolen die aufgehende Zionssonne.“

Der Betssal im Hauptgeschoss fasste 300 Personen, die Empore im Obergeschoss 68 Personen und 24 Sänger. 1926 wurde der Hof überdacht und ein Steh- und Wannenbad eingebaut.

Die Synagoge in der Kehdenstraße

Diese Synagoge war nicht die erste in Kiel. Obwohl die Geschichte der Juden in der Stadt erst spät begann. Der Politik Christians VII. war es zu verdanken, dass der Kieler Magistrat seine judenfeindliche Haltung einschränkte. So konnte 1693 der durch Herzog Christian Albrecht ernannte Hofjude Jacob Musaphia, Reeder und Bankmann aus Tönning, als erster Jude in Kiel ansässig werden. 1728 kam die zweite jüdische Familie in die Stadt. Aber nur wenige Juden siedelten sich seit Ende des 17. Jahhunderts in Kiel an. 1766 lebten nur 37 Personen in sechs jüdischen Haushalten in der Stadt.

Seit 1752 ist belegt, dass sich die Juden zu Gottesdiensten zusammenfanden und von 1766 bis 1796 über einen von der Stadt geduldeten Betraum verfügten. Dieser bestand aus zwei gemieteten Zimmern, je einen für Männer und Frauen. Einen Rabbiner gab es nicht. Kultusbeamte übernahmen unentgeltlich das Vorsingen und Lesen der Bibel während des Gottesdienstes. Nach 1796 wurde eine Synagoge in einem spätgotischen Wohnhaus in der Kehdenstraße 14 eingerichtet, das ursprünglich als Kaffeehaus der Universität gedient hatte. Im Erdgeschoss befanden sich wahrscheinlich Wohnungen oder Versammlungsräume, im Obergeschoss der Betsaal, eine Mikwe dagegen in Düsternbrook.

Die Synagoge in der Haßstraße

Im Laufe des 19. Jahrhunderts stieg die Zahl der jüdischen Einwohner in Kiel nur langsam an. Vertreter der Regierung und der lutherischen Kirche, der Magistrat und die Krämerkompanie der Stadt standen ihnen ablehnend gegenüber, sperrten sich gegen ihre Gleichberechtigung, plädierten sogar für ihre Ausweisung. 1844 wohnten in Kiel 62 jüdische Personen. Sie waren nach den Katholiken die zweitstärkste religiöse Minderheit in der Stadt, machten aber nur 0,5% der Einwohner aus. Die Familien lebten überwiegend vom Kleinhandel, vor allem mit Textilien und Altwaren.

Über einen Begräbnisplatz verfügten die Kieler Juden nicht. Beerdigungen fanden auf dem jüdischen Friedhof in Rendsburg statt. Nach einer Eingabe wurde der israelischen Bevölkerung in Kiel 1852 erlaubt, einen Friedhof in der heutigen Michelsenstraße anzulegen. Dem Gesuch von 1855, eine jüdische Gemeinde zu gründen, wurde erst 1867 stattgegeben. Die Gemeinde unterstand der Aufsicht des Magistrats, die geistliche Betreuung übernahm der Altonaer Oberrabbiner. Die kleine Kieler Gemeinde konnte sich lediglich für ihre Gottesdienste einen Kultusbeamten leisten, seit 1891 dann aber einen ersten eigenen Geistlichen.

Mit der wachsenden Bedeutung Kiels als Reichskriegshafen und seit der Aufhebung der letzten rechtlichen Beschränkungen für Juden durch ein Gesetz des Norddeutschen Bundes 1869 nahm die Zahl der jüdischen Bevölkerung in Kiel zu, die um 1870 120 Personen betrug

1868 wurde den Kieler Israeliten der Bestsaal in der Kehdenstraße gekündigt. Deshalb nutzten sie vorübergehend einen anderen in der Schumacherstraße. Gleichzeitig beschloss die Gemeinde, eine neue Synagoge zu bauen. Erworben wurde ein Grundstück in der Haßstraße und der Hamburger Architekt Sigmund Selig mit der Planung beauftragt. Für die kleine und arme jüdische Gemeinde in Kiel war dieses Vorhaben eine große finanzielle Belastung. Deshalb rief sie unter ihren Mitgliedern und in jüdischen Gemeinden großer deutscher Städte zu Spenden auf. Am 16. Juni 1869 fand die Grundsteinlegung und am 28. Dezember die Einweihung statt.

Die Synagoge war ein Backsteingebäude gotischer Prägung mit einem Betsaal für 85 Männer und einer Frauenempore. Die Kieler Zeitung vom 29. Dezember 1869 vermittelt einen Eindruck von ihrem Inneren: „Sie ist in einfacher, schmuckloser, aber würdiger Weise eingerichtet, dem Eingange gegenüber findet sich die heilige Lade, in welcher die Gesetzbücher aufbewahrt werden, in der Mitte ein Gang, zu beiden Seiten die Plätze für die Mitglieder der Gemeinde. An der einen Wand hängt ein Gedenkblatt, dem Herrn Bürgermeister Mölling und dem Herrn Dr. Ahlmann in dankbarer Erinnerung von der jüdischen Gemeinde gewidmet.“

Aber schon 1903 wurde die Errichtung einer neuen Synagoge für notwendig erachtet, denn die alte war zu klein geworden für die wachsende jüdische Gemeinde, die 1910 350 Mitglieder zählte und damit die zweitgrößte in Schleswig-Holstein nach Altona war. Die Juden in Kiel waren jetzt nicht mehr Händler und Trödler, sondern Kaufleute, Professoren, Ärzte, Rechtsanwälte und Richter. Damit hatte sich die wirtschaftliche Situation der Gemeinde verbessert. Und so entstand der Wunsch, eine repräsentative und größere Synagoge zu besitzen, die nicht „in einer unscheinbaren Nebenstraße“ lag. Außerdem war die Synagoge in der Haßstraße in einem schlechten baulichen Zustand. Da der Gottesdienst zuletzt wegen Baufälligkeit des Gebäudes nur bei offenen Türen und in Anwesenheit eines Feuerwehrmannes stattfinden durfte, empfahl der städtische Branddirektor 1906, ein neues Gotteshaus zu errichten. Die Gemeinde erwarb 1909 das Grundstück in der Goethestraße für die neue Synagoge und verkaufte das Haus in der Haßstraße, das dann für gewerbliche Zwecke genutzt wurde.

Erinnerungen an die alte Kieler jüdische Gemeinde

Von der ursprünglichen Kieler jüdischen Gemeinde gibt es heute noch kaum Zeugnisse. Das Haus Kehdenstraße 14 existiert nicht mehr. Von der Synagoge am Schrevenpark ist nichts mehr übrig geblieben. Sie wurde in der Pogromnacht am 9./10. November 1938 zerstört und 1939/40 abgebrochen. Nur noch ein Mahnmal erinnert an das ehemalige Gotteshaus. Die Synagoge in der Haßstraße wurde im Zweiten Weltkrieg ein Opfer der Bomben. Erhalten ist ein Teil des früheren Sockelgeschosses, der seit 1986 unter Denkmalschutz steht. Für die Denkmalschützer sind „die Gebäudereste der ehemaligen Synagoge die einzigen baulichen Zeugnisse der jüdischen Gemeinde neben dem noch erhaltenen jüdischen Friedhof in der Michelsenstraße. Sie sind deshalb wegen ihres geschichtlichen Wertes ein Kulturdenkmal von besonderem historischen Wert“, heißt es in ihrer Begründung für die Eintragung in das Denkmalbuch des Landes Schleswig-Holstein. Seit 2003 weist ein Schild neben der Eingangstür auf die Bedeutung dieser Ruine hin.

Die neue Kieler jüdische Gemeinde

1961 lebten in Kiel nur noch 27 Juden, mit abnehmender Tendenz. Das änderte sich seit 1989 mit dem Zusammenbruch des Ostblocks. Durch Zuwanderung von Juden vor allem aus der ehemaligen Sowjetunion bildete sich in Kiel wieder eine jüdische Gemeinschaft, die zunächst der jüdischen Gemeinde in Hamburg unterstellt war. Im ehemaligen Volksbad in Gaarden in der Wikingerstraße entstand 1998 das Kieler jüdische Gemeindezentrum. Die hier ansässige „jüdische Gemeinde Kiel und Umgebung“ gehört zur jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein.

Im April 2004 gründete sich eine zweite, eigenständige jüdische Gemeinde, die Mitglied des Landesverbands der jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein ist. Mit der festlichen Einbringung einer eigenen Thora zog sie am 31. August 2008 in ihr neues Zentrum in der Jahnstraße. Es liegt in der Nähe des Platzes, an dem bis zu ihrem Abriss die Synagoge in der Goethestraße stand.

Autorin: Christa Geckeler (1937 - 2014)


Quellen

Bauakte Goethestraße 13, Nr. 42916, Stadtarchiv Kiel

Literatur

Bodenstein, Leo

Und plötzlich musste ich englisch reden...Warum ein Kieler Amerikaner wurde, Sonderdruck der Landeszentrale für Politische Bildung Schleswig-Holstein; Kiel 1991, S. 33 f.

Dinse, Ursula

Das vergessene Erbe. Jüdische Baudenkmale in Schleswig-Holstein, Gegenwartsfragen 78, hrsg. von der Landeszentrale für Politische Bildung Schleswig-Holstein, Kiel 1995

Maas, Fritz

Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde in Kiel, in: Wort und Wirklichkeit 1, 1976, S. 153-169

Niebergall,Walter

Goethestraße 13 - Zur Geschichte der Kieler Synagoge, in: Dokumentation. Zur Geschichte der Kieler Synagoge und des Mahnmales an der Goethestraße 13, hrsg. von der Versorgung und Verkehr Kiel GmbH (VKK), Kiel 1992, S. 7-32

Posner, Arthur

Zur Geschichte der Jüdischen Gemeinde und der Jüdischen Familien in Kiel, Schleswig-Holstein, Jerusalem 1957, unveröffentliches Manuskript, Stadtarchiv Kiel

Zeitungen

Kieler Express

vom 12. Juni 1996, vom 8. Februar 2006

Kieler Nachrichten

vom 15. Juni 1998, vom 15. September 1998, vom 7. August 2000, vom 3. August 2004, vom 28. Dezember 2007, vom 14. August 2008, vom 2. September 2008



Dieser Artikel kann unter Angabe des Namens der Autorin Christa Geckeler, des Titels Kieler Erinnerungstage: 2. Januar 1910 | Einweihung der Synagoge in der Goethestraße und des Erscheinungsdatums 02. Januar 2010 zitiert werden.

Zitierlink: https://www.kiel.de/erinnerungstage?id=109

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