Kieler Erinnerungstag:

1575
Die Kieler Vorstadt entsteht

Die Vorstadt 1588 (nach Braun/Hogenberg)





Die Stadt Kiel, 1242 gegründet, veränderte sich in ihrem Aussehen über 300 Jahre nur langsam. Sie lag auf der Halbinsel zwischen der Förde und dem Kleinen Kiel, der damals noch halbkreisförmig um die Stadt herumführte, so dass diese nur im Norden an einer schmalen Stelle mit dem Festland verbunden war. Der Grundriss, der im Wesentlichen noch bis heute in der Altstadt erhalten ist, zeigt, dass es sich um eine planvolle Gründung handelte. In der Mitte lagen die Kirche, das Rathaus und der Marktplatz, von dessen Ecken regelmäßig zwei Straßen zum Stadtrand führten.

Wohnungsnot in der Altstadt

Die Stadt hatte im 13. Jahrhundert 1200-1500 Einwohner. Im 16. Jahrhundert, einer Zeit des allgemeinen Wachstums deutscher Städte, lebten in Kiel etwa 1700 Personen. 1565 konzentrierte sich die Besiedlung trotz der Bevölkerungszunahme, bis auf ein Haus „vor dem Holstentor“, noch ausschließlich auf die Altstadthalbinsel. Freie Flächen wie Hofräume, Plätze, Gärten, Felder, deren Wert erheblich gestiegen war, wurden im Laufe der Zeit an neue Ansiedler gegen einen jährlichen Grundzins vergeben. So sind wahrscheinlich die Faul-, Burg-, Kattenstraße und „Hinter der Mauer“ entstanden. Den Bürgern wurde es aber allmählich zu eng in der Altstadt, in der es auch keine neuen Bauplätze mehr gab.

Im Süden entsteht die Vorstadt

Es blieb nichts anderes übrig, als außerhalb der Stadtmauer zu bauen. Dafür kam nur der Süden infrage, denn im Westen und Osten lagen die Wasserflächen des Kleinen Kiels und der Förde, im Norden befand sich die Brunswiker Feldmark, die nicht zu Kiel gehörte.

1572 wurde einem Bürger zum ersten Mal gestattet, sich vor dem Holstentor anzusiedeln. 1575 erließ der Rat der Stadt dann eine Bauverordnung, in der festgelegt wurde, dass die Vorstadt entlang der nach Süden führenden Landstraße mit zweistöckigen Querhäusern ohne Ställe bebaut werden sollte. Sogar die Buden- und Wohnungsbreiten wurden festgelegt. Aber die tatsächliche Bebauung verlief regellos zwischen Landstraße und Hafen. Das Schossregister von 1576 erwähnt 21 Häuser, deren Bewohner durchweg ärmere Leute mit landwirtschaftlichem Nebenerwerb gewesen sein dürften, die wenig Abgaben zu leisten hatten. Die Häuser werden in ihrer Lage als „up dem rosengarde buten dem holstendhore“ bezeichnet. 1586 wird dann die neue Straße von der Holsten- bis zur Schevenbrücke im Kieler Erbebuch als Vorstadt erwähnt.

Im Laufe der Jahrhunderte wuchs die Vorstadt. Jetzt siedelten sich auch wohlhabendere Leute außerhalb der Stadtmauer an. Es waren Kaufleute und Handwerker, die sich unmittelbar an der vorhandenen Straße niederließen. Die Häuser auf der östlichen Seite hatten meist große Gärten, die sich bis ans Wasser oder zu der sich am Hafen hinziehende Rosenwiese erstreckten. Kleine Häuser wechselten sich mit stattlichen Bauten ab.

Im Kriegsfall war die Vorstadt ohne Schutz. Dann mussten ihre Bewohner hinter die Stadtmauern flüchten. Die Vorstadt blieb lange Zeit wirkliche Vorstadt, von der Altstadt abgeschnitten durch das Holstentor, das aus einem kleineren am südlichen und einem größeren am nördlichen Ende der Brücke bestand. Ersteres wurde schon am Ende des 17. Jahrhunderts niedergelegt, letzteres erst 1783 abgebrochen und durch eiserne Pforten ersetzt. Aber auch diese bedeuteten noch eine merkliche Trennung zwischen Alt- und Vorstadt, bis 1831 die Torsperre aufgehoben wurde und der Verkehr sich ungehindert zwischen beiden Stadtteilen bewegen konnte.

Die Vorstadt dehnt sich aus



Die Bebauung außerhalb der Stadtmauern blieb nicht nur auf die Straße „Vorstadt“ beschränkt, sondern dehnte sich langsam in drei Richtungen aus: nach Süden entlang der Straße, die zum St.-Jürgen-Hospital führte, nach Westen parallel zum Kleinen Kiel (Fleethörn) und nach Südwesten zum Hang des Kuhberges. Allmählich wurde der gesamte Stadtteil im Süden und Südwesten der Altstadt als Vorstadt bezeichnet.

Das Kuhbergviertel reichte von der Schevenbrücke bis zum Exerzierplatz und zur Prüne und dehnte sich etwa bis zur Ringstraße aus. Von der Straße „Vorstadt“ gelangte man in dieses Gebiet über die Schevenbrücke, die zwei Abflüsse des Mühlenbaches überquerte. Drei Straßen beherrschten das Kuhbergviertel: im Norden der Kleine Kuhberg, in der Mitte der Große Kuhberg (heute Ziegelteich) und an der Südseite die Lange Reihe, die die wichtige Verbindung der Vorstadt zum alten Fernhandelsweg nach Süden, zur Via Regia (Königsweg) war. Die drei relativ breiten Straßenzüge waren durch schmale Querstraßen verbunden, so dass ein Gewirr von kleinen Gassen, Gässchen, Häusern und Gärten entstand. Das gesamte Gebiet war zu Beginn des 18. Jahrhunderts locker und regellos bebaut. Stellenweise standen Baumreihen vor den Häusern und hinter ihnen erstreckten sich große Gärten.

Das Wachstum der Stadt, Kiel hatte 1781 etwa 5500 Einwohner, konzentrierte sich im 18. Jahrhundert fast ausschließlich auf die Vorstadt. In der Zeit von 1682 bis 1768 hatte die Altstadt nur neun zusätzliche Wohneinheiten aufzuweisen, die Vorstadt dagegen 46. Am dichtesten besiedelt war die Straße „Vorstadt“ mit 56 Wohneinheiten, es folgten der Kleine Kuhberg mit 55 und der Mühlenbach mit 34 Wohneinheiten.

Wohngebiet der kleinen Leute

Kiel war, um Feuerschutz, Verteidigung und Steuereinziehung zu organisieren, in Quartiere eingeteilt. Während die Altstadt in die Quartiere 2 bis 4 zerfiel, wurde die Vorstadt als 1. Quartier bezeichnet, das das größte war. Hier wohnten im 18. Jahrhundert zumeist kleinere Leute. Lediglich in der Straße „Vorstadt“ hatten sich vorwiegend Handeltreibende niedergelassen, die über einen stattlichen und wertvollen Hausbesitz verfügten, der aber nur 7% der Häuser im Quartier ausmachte, was im Vergleich zu den anderen Quartieren wenig war. Das prächtigste Anwesen war das Schweffelhaus, das quer über der heutigen Holstenstraße , etwa zwischen Howe-Haus und der Nordwestecke des Holstenplatzes, stand. Das Haus wurde 1775 von dem Kaufmann Johann Schweffel gebaut.

Mit seinen Landwegen nach Hamburg und Eckernförde und dem Viehmarkt war das 1. Quartier Wohn- und Arbeitsbereich der Schlachter, Gerber und Fuhrleute. Auch Sattler und Riemer wohnten hier, die das Wasser der noch vorhandenen Teiche nutzten. In der Nähe der Ausfallstraßen hatten die Rollfuhrleute und Torführer ihre kleinen Häuser.

Ein wichtiger Stadtteil für ganz Kiel

Die Bevölkerungszahl Kiels wuchs im 19. Jahrhundert weiter. 1867 lebten in der Stadt ca. 24 000 Einwohner, davon ungefähr 60% in der Vorstadt, mit steigender Tendenz. Die lockere Bebauung wurde dichter und ging über die Klinke nach Süden hinaus. Außerdem war das Sophienblatt als Weg nach Hamburg entstanden. Der Königsweg, der bis in die 1830er Jahre ein mit Knicks bestandener Feldweg war, wurde in die städtische Bebauung einbezogen.

Aber nicht nur neue Wohnhäuser und Straßen waren in der Vorstadt entstanden, sondern hier gab es Einrichtungen, die für die gesamte Stadt wichtig waren. Zu den ältesten Gebäuden gehörte das St.-Jürgen-Hospital mit seiner Kapelle am Sophienblatt gegenüber der heutigen Ringstraße, wo sich der Parkplatz am Bahnhof befindet. Ursprünglich war das Hospital Zuflucht für Aussätzige, später dann Armenhaus. Das Hospital wurde 1822 durch das Stadtkloster ersetzt. Die Kapelle aber blieb bestehen, bis sie 1902 abgebrochen wurde, um den Bau der St.-Jürgen-Kirche zu ermöglichen. Bei der St.-Jürgen-Kapelle lag der St.-Jürgen-Friedhof, der 1793 von den Kirchenvorständen der Nikolai- und Heiligengeistkirche gekauft wurde, da die innerstädtischen Friedhöfe an den beiden Kirchen zu klein geworden war. Am Sophienblatt gegenüber dem Bahnhof bestand zwischen 1763 und 1775 die Kieler Fayencemanufaktur, die Tonwaren in höchster Qualität herstellte.

Die erste soziale Einrichtung in der Vorstadt war das Waisenhaus, das aufgrund der testamentarischen Stiftung von Friedrich Gabriel Muhlius 1781 am Kuhberg eröffnete. 1787 entstand in der Prüne das erste akademische Krankenhaus durch Prof. Georg Heinrich Weber, dahinter 1803 auch ein botanischer Garten. Zwischen Sophienblatt und Schülperbaum an der späteren Neuen Straße (heute Herzog-Friedrich-Straße) errichtete man am Anfang des 19. Jahrhunderts das Militärkrankenhaus, 1805 in der Fleethörn die Hebammenschule mit Entbindungsheim, 1831 am Walkerdamm ein Gebäude für die drei Vorstadtschulen.

Mit der Fertigstellung der ersten Eisenbahnlinie in Schleswig-Holstein zwischen Kiel und Altona 1844 und der Errichtung des Kieler Bahnhofgebäudes 1845 an der Klinke auf dem Gelände der heutigen Hauptpost hielt das technische Zeitalter Einzug in die Vorstadt. Die Rosenwiese, der zur Förde gelegene Teil der Vorstadt, der bisher aus Wiesen, Gärten und Badeplätzen bestanden hatte, wurde jetzt für industrielle Zwecke genutzt. Zur Erschließung des Gebietes entstand die Hafenstraße. Die Vorstadt wuchs auch weiter nach Süden. Das bisher mit Pappeln umsäumte Sophienblatt wurde bis etwa zum Rondeel mit Landhäusern bebaut. Von ihm führten zwei neue Straßen ab, die Herzog-Friedrich-Straße und die Lerchenstraße, die bis 1870 bzw. 1890 schon vollständig angelegt waren.

Die Vorstadt wird Teil der Kieler Innenstadt

Seitdem Schleswig-Holstein preußisch und Kiel Reichskriegshafen wurde, setzten in der Stadt eine sprunghafte Bevölkerungszunahme und Industrialisierung ein. 1900 hatte Kiels Einwohnerzahl die Großstadtgrenze bereits überschritten.

Der Bahnhof an der Klinke konnte den veränderten Verkehrsverhältnissen nicht mehr gerecht werden. So entstand am Sophienblatt der neue Bahnhof, dessen imposanter Bau 1899 eingeweiht wurde. Das Sophienblatt als Verbindungsachse zwischen Bahnhof und Altstadt wurde repräsentativ gestaltet. Der Ausbau der Bahnhofsumgebung begann 1902 mit der Errichtung der St.-Jürgen-Kirche. Es folgte auf der Westseite des Bahnhofs das Haus der „Schleswig-Holsteinischen Landgesellschaft“, ein monumentaler Jugendstilbau. Dem schloss sich 1906 der am Sophienblatt gelegene alte Sophienhof an, ein reich verziertes Wohn- und Geschäftshaus. Im Norden des Bahnhofsplatzes entstand das große Hansa-Hotel. Das Sophienblatt entwickelte sich zur Wohn- und Geschäftsstraße, ebenso die Klinke und die Straße „Vorstadt“. Diese erhielt 1901 den Namen Holstenstraße. Die Anwohner hatten es gewünscht, weil sie nicht länger den Anschein erwecken wollten, als wohnten sie weit „buten Dors“.1906 erfolgte schließlich der Durchbruch der Holstenstraße bis zum Ziegelteich. Der neuen Straßenflucht stand die abknickende Klinke mit dem prächtigen Schweffelhaus im Wege. Nach langen Diskussionen wurde es 1907 abgerissen und die Innenausstattung ins Thaulow-Museum gebracht.

Das Kuhbergviertel verzeichnete eine langsame Bevölkerungsabnahme, bedingt durch die schlechten Wohnverhältnisse im Gängeviertel. Es wandelte sich vom Wohn- zum Gewerbeviertel, denn wegen seiner zentralen Lage wurde es von Gewerbetreibenden bevorzugt. Auch kleine Industriebetriebe, Lagerräume und Lagerhäuser waren hier zu finden.

Mit der Entwicklung Kiels zur Großstadt wuchsen die einzelnen Teile Altstadt, Vorstadt/Kuhbergviertel und Brunswik/Düsternbrook zu einem städtischen Ganzen zusammen. Die Altstadt, die Vorstadt mit dem Kuhbergviertel und der ehemalige Vorort Brunswik bilden heute die Kieler Innenstadt. Von der alten Bausubstanz ist durch Abriss für moderne Geschäfts- und Wohnhäuser in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und dann durch den Bombenkrieg wenig übrig geblieben.

Autorin: Christa Geckeler (1937 - 2004)


Literatur

Brockstedt, Jürgen

Stadtentwicklung und innerstädtischer Strukturwandel in Kiel 1773-1867, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 69, 1983, S. 1-24

Eckhardt, Heinrich

Kiels’s bildliche und kartographische Darstellung in den letzten dreihundert Jahren, Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 13, 1895

Eckhardt, Heinrich

Alt-Kiel in Wort und Bild, Neudruck, Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 62, 1975, S. 17, S. 97 ff., S. 128 f., S. 420 f.

Hädicke, Elli

Kiel. Eine stadtgeographische Untersuchung, Mitteilung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 36, 1931

Krüger, Kersten und Andreas Künne

Kiel im Gottorfer Staat (1544-1773) in: Geschichte der Stadt Kiel, hrsg. von Jürgen Jensen und Peter Wulf, Neumünster 1991, S. 65-136

Wilde, Lutz

(bearb.) Denkmaltopographie. Landeshauptstadt Kiel, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 29, Neumünster 1995, S 12-16, S 28-32, S. 162

Zeitungen:

Kieler Zeitung

vom 8. Oktober 1901

Schleswig-Holsteinische-Volkszeitung vom 25. Februar 1961



Dieser Artikel kann unter Angabe des Namens der Autorin Christa Geckeler, des Titels Kieler Erinnerungstage: 1575 | Die Kieler Vorstadt entsteht und des Erscheinungsdatums 01. April 2010 zitiert werden.

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