Kieler Erinnerungstag:

3. Mai 1950
Das Landeshaus wird Sitz des Landtages

„Das Wandern des Schleswig-Holsteinischen Landtages ist nun vorbei; wir haben unseren eigenen Plenarsaal“, stellte Landtagspräsident Karl Ratz fest, als der Landtag zu seiner 34. Sitzung am 3. Mai 1950 im Landeshaus zusammenkam.

Schleswig-Holstein war nach dem Krieg Bundesland und Kiel durch entscheidenden Einfluss der Briten Landeshauptstadt geworden. Die Stadt war damit Sitz der Landesregierung und des Landesparlaments geworden. Geeignete Gebäude für diese Institutionen waren in Kiel aber nicht vorhanden. Die Stadt war einerseits zu 75% zerstört, andererseits gab es kein historisches Parlamentsgebäude. Der Provinziallandtag der preußischen Provinz Schleswig-Holstein hatte von 1905 bis 1918 im alten Rathaus, 1919 im Haus der Landwirte und von 1920 bis 1933 im neuen Rathaus getagt.

Die erste Sitzung des noch von den Briten ernannten Provinziallandtages am 26. Februar 1946 fand im Neuen Stadttheater in der Holtenauer Straße (heute Schauspielhaus) statt. Der Landtag musste in den ersten Nachkriegsjahren ein Nomadendasein führen. Er tagte im Theater am Wilhelmplatz, ohne Tische und unbeheizt, im Hörsaal der Milchforschungsanstalt und im Festsaal der Pädagogischen Hochschule in Hassee. 1947 gab es Sondersitzungen im Hotel Seegarten in Eckernförde, im Festsaal der „Neuen Harmonie“ in Flensburg und im Ratssaal von Lübeck. 1946

aber stellte die britische Militärregierung finanzielle Mittel bereit, um die ehemalige zerstörte Marineakademie am Düsternbrooker Weg wiederaufzubauen. Sie sollte Sitz der Landesregierung und des Landtages werden.

Die Seebadeanstalt - Treffpunkt der Kieler Gesellschaft

An der Stelle der Marineakademie hatte im 19. Jahrhundert die Seebadeanstalt gelegen, der Treffpunkt der Kieler Gesellschaft. Nachdem um 1800 erste Seebadeanstalten in Deutschland eröffnet worden waren, erwog man auch in Kiel derartige Einrichtungen, denn Kenner meinten: „der von vornherein in Aussicht genommene Platz in Düsternbrook“ vereinige „alle Vorteile der berühmtesten Seebäder Deutschlands und selbst in England“ und besitze „keine Nachteile, welche das Aufkommen mancher deutschen Seebäder so sehr verhindere.“

Eine Aktiengesellschaft errichtete zwischen 1820 und 1822 die Seebadeanstalt in Düsternbrook. Das Hauptgebäude mit den „Kursaal“ war zur Wasserseite mit ionischen Säulen unter einem Tempelgiebel geschmückt. Glastüren ermöglichten den Besuchern einen wundervollen Blick auf die Förde. Zu beiden Seiten des Hauptgebäudes schlossen sich hinter Kolonnaden halbrunde Flügel an mit Hallen für die Warmbäder, auf der einen Seite für die Damen, auf der anderen für die Herren. Etwas entfernt war auch das Baden in der Förde möglich. Bevor man sich von einem Badekarren oder Floß in die Ostsee begab, wurde eine Art Paravent heruntergelassen.

In der Badeanstalt mit Tanzsaal, Restaurant, Fremdenzimmern und später errichtetem Logierhaus fanden Gartenfeste, Vereinsfeiern, Bälle, Vortrags- und Musikabende statt. Hier traf sich die Kieler Gesellschaft: Professoren, Advokaten, Offiziere, Kaufleute.

Von der Seebadeanstalt zur Marineakademie

Nach dem deutsch-dänischen Krieg 1864 ergriff Preußen die Möglichkeit, die Marine auszubauen und Kiel zum Kriegshafen zu erklären. 1866 wurde Kiel Kriegshafen des Norddeutschen Bundes, 1871 Reichskriegshafen.

1865 waren preußische Kriegsschiffe in Friedrichsort stationiert. Um Wasser und Proviant zu bunkern, segelten sie zur Schiffbrücke am Kieler Schloss oder zur der an der Seebadeanstalt. Der damalige Besitzer Konsul Schloßbauer beschwerte sich, weil der „rege Bootsverkehr die Badenden geniert“ und untersagte die Benutzung seiner Brücke. Noch im Sommer verkaufte Schloßbauer die Seebadeanstalt an den preußischen Fiskus, der auf dem Gelände ein Marinearsenal mit Werftgelände errichtete. Als dann in Ellerbek die Königliche, später die Kaiserliche Werft entstand, fand man für das Gelände des Marinedepots eine andere Verwendung. Prinz Adalbert von Preußen, Oberbefehlshaber der Preußischen Marine, erklärte: „Dagegen würde ich es nicht für angemessen halten, diesen im Westen erlangten günstigen Platz wieder aufzugeben, sondern ich schlage vor, dort die Marineschule in einem der Gegend zur Zierde gereichendem Style zu bauen.“

Vorerst aber zog die Marineschule in die Muhliusstraße.

Die Marineakademie - ein Gebäude nationalen Stolzes und nationaler Selbstbestätigung

Die staatliche Anordnung von 1872, in Kiel eine Marineakademie zu gründen, war die Reaktion auf die preußische Unterlegenheit zur See im Krieg gegen Dänemark und Frankreich. Ziel war eine bessere Schulung der Seeoffiziere und Ausbildung von Führungskräften. Die Akademie zog zunächst mit in das Gebäude der Marineschule in der Muhliusstraße ein.

1879 bis 1883 fand dann eine intensive Planung für das neue Gebäude der Marineakademie und der Schule statt, und zwar am Düsternbrooker Weg auf dem Gelände des ehemaligen Marinedepots, wo vorher die Seebadeanstalt gelegen hatte. Eine örtliche Studienkommission war beteiligt. Der Geheime Rat G. F. Thaulow, Mitglied dieser Kommission, gab folgende Empfehlung: „Das will sagen, die Marineakademie des deutschen Reiches muss ein majestätisches Gebäude sein, ein Gebäude wahrhaft schöner Architektur, das durch seine Form, seine äußere Gestalt sofort auf den ersten Blick jedem imponiert und höchstes Wohlgefallen erregt. Geld genug ist ja vorhanden.“

Es entstand eine repräsentative Vierflügelanlage aus rotem Backstein von 100 m Länge, 50 m Breite und 24 m Höhe in einem damals üblichen Mischstil aus romanischen, gotischen und Renaissance-Elementen. Die künstlerische Ausgestaltung des Gebäudes „war bestimmt von Elementen nationaler Selbstbestätigung und nationalen Stolzes, die zugleich einen repräsentativen und appellativen Charakter hatten. Repräsentativ im Sinne des stolzen Bewusstseins des Erreichten, appellativ in dem Sinne, die Größe und die Einheit des Reiches zu wahren“ (Peter Wulf). So zeigte das Maßwerk der Fenster über dem Hauptportal die Wappen von neun Bundesstaaten des Deutschen Reiches, während der Terrazzofußboden der Eingangshalle mit dem Reichsadler geschmückt war. Die Dachfronten der Mittelrisalite trugen zur Wasser- und zur Landseite Bronzefiguren. Auf der Wasserseite befand sich die Statue Germania, auf der Landseite die Siegesgöttin Victoria. Beide wurden von Seitenfiguren flankiert, von denen die eine die Kriegsmarine, die andere die Landmarine darstellte. Die vier Ecken der Mittelrisalite waren mit bronzenen Adlern geschmückt. „Das große quaderförmige Backsteingebäude, versehen mit Schmuckelementen nach dem Geschmack der damaligen Zeit, war gleichsam das steingewordene Zeichen für die Bedeutung, die die kaiserliche Marine inzwischen im Deutschen Reich gewonnen hatte“ (Peter Wulf).

Zur Anlage gehörte auch das Wohnhaus des Kommandeurs der Marineakademie. Im Park befanden sich Tennisplätze, eine Turnhalle und ein kleines Observatorium. Außerdem gab es dort eine Sammlung von Kanonen und „Siegestrophäen“ von der Niederschlagung eines Eingeborenenaufstandes in Ostafrika. 1901 wurde im Park auch die Statue des Großen Kurfürsten aufgestellt, der als erster Landesfürst eine Flotte gegründet hatte.

Am 6. Oktober 1888 fand die feierliche Einweihung der Marineakademie am Düsternbrooker Weg in Anwesenheit der militärischen Spitzen der Marine statt. Ein Mitglied der Bauleitung trug ein Gedicht vor, in dem das Gebäude „als eine Warte der Macht“ bezeichnet wurde, das „zu Feindes Trutz am Meeresstrand“ errichtet worden war. Zum Abschluss der Feier gab es ein „dreifaches Hoch“ auf den Kaiser, dann erklang die Nationalhymne und anschließend ein Marsch aus Richard Wagners „Tannhäuser“.

Das Gebäude war Sitz der Marineschule und Marineakademie bis 1910. Dann trennten sich beide organisatorisch. Die Schule zog nach Flensburg- Mürwik, wo sie sich noch heute befindet. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges 1914, als die Ausbildung auf den Schulschiffen und den Bildungsanstalten eingestellt wurde, endete die Zeit der Marineakademie. Im Zuge des Versailler Friedenvertrages wurde sie aufgelöst und das Gebäude Sitz des kommandierenden Admirals der Marinestation der Ostsee, die dort bis 1945 blieb.

Die Marineakademie wird zum Landeshaus

Im Zweiten Weltkrieg blieb auch das Gebäude der Marineakademie von den Bomben nicht verschont. Die Dachkonstruktion, der Südostflügel und die ehemalige Säulenhalle erlitten schwere Schäden. 1947 bis 1950 wurde das Gebäude, für das 1948 zum ersten Mal die Bezeichnung „Landeshaus“ aufkam, in vereinfachter Form wiederhergestellt. Insbesondere die Silhouette verlor wesentliche Merkmale. Statt der verzierten Attikazone mit den von Reichsadlern flankierten Statuengruppen wurde ein Kupfer verkleidetes viertes Geschoss gesetzt. Im Inneren verschwand die über mehrere Etagen reichende Halle mit Freitreppe, Galerie und Oberlichtern.

In das Gebäude zogen 1950 der Schleswig-Holsteinische Landtag, Abteilungen mehrerer Landesministerien und die Staatskanzlei ein. Aber schon bald wurde die Raumsituation als „unerträglich“, „unhaltbar“, unzulänglich“, „unzumutbar“ als „Interimslösung“ und als „eines Parlaments unwürdig“ empfunden. 1958 fand eine Diskussion statt, ob das Landeshaus um- oder angebaut oder ein Landtagneubau geplant werden sollten. Aus Kostengründen und mit Rücksicht auf die Stimmung der Bevölkerung, die immer noch nicht über ausreichenden Wohnraum verfügte, konnte keiner der vielen Pläne für einen Parlamentsneubau realisiert werden. Man einigte sich auf einen Umbau.

Als das Innenministerium Anfang der 1980er Jahre einen Neubau erhielt und verschiedene andere Ressorts aus dem Landeshaus ausgezogen waren, konnte das Raumangebot für Parlament und Staatskanzlei verbessert werden. Zusätzlich fand 1984 bis 1988 eine Grundinstandsetzung des Gebäudes statt. Der Abschluss der Sanierung begann 2001 mit dem Bau eines neuen Plenarsaales. Auf der Wasserseite des Landeshauses entstand ein gläserner Würfel, der direkt an den Altbau anschließt. Der Landtagspräsident Heinz-Werner Arens schwärmte: „Es ist alles so, wie wir uns das vorgestellt haben: Schleswig-Holsteins Parlament hat jetzt einen angemessenen neuen Plenarsaal sowie funktionsgerechte Arbeits- und Veranstaltungsräume.“ Die erste Sitzung im neuen Plenum fand am 2. April 2003 statt. Zum ersten Tag der offenen Tür 2004 feierte die Politik die Saalarchitektur: Sie stehe „sinnbi ldlich für Demokratie und Transparenz“.

Inzwischen ist auch die Staatskanzlei aus dem Landeshaus ausgezogen, und damit ist das für einen bundesdeutschen Flächenstaat unübliche Zusammenleben von Parlament und Regierung unter einem Dach beendet.

Autorin: Christa Geckeler (1937 - 2004)


Literatur

Hardenberg, Joachim Graf von

Hundert Jahre Landeshaus - Eine Baugeschichte, in: 100 Jahre Haus an der Förde, von der Marineakademie zum Landeshaus, 1888-1988, Kiel 1988, Hg.: Die Präsidentin des Schleswig-Holsteinischen Landtages, S. 9-20

Jensen, Jürgen

„Badeergötzlichkeiten“ am Fördestrand, in: Alt-Kiel und die Kieler Altstadt, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 31, Heide 1998, S. 62-66

Klewin, Ferdinand

Vom Landeshaus, in: Stadtbummel durch Alt-Kiel, Kiel 1989, S. 11-14

Lange Ulrich

Ein Haus für den Landtag - Der lange Weg des Parlaments vom Untermieter zum Hausherrn, in: 100 Jahre Haus an der Förde, a. a. O., S. 44-71

Schmidt-Jortzig, Edzard

Das Landeshaus: Von der Vergangenheit des politischen Herzens Schleswig-Holsteins, in: Begegnungen mit Kiel. Gabe der Christian-Albrechts-Universität zur 750-Jahr-Feier der Stadt, hrsg. von Werner Paravicini in Zusammenarbeit mit Uwe Albrecht und Annette Henning, Neumünster 1992, S. 156 f.

Wulf, Peter

Die Einweihungsfeier am 6. Oktober 1888, in: 100 Jahre Haus an der Förde, a. a. O., S.21-24

Wulf, Peter

Das Haus der Marineschule und Marineakademie 1888-1914/18, in: 100 Jahre Haus an der Förde a. a. O., S. 25-43

Wilde, Lutz (bearb.)

Denkmaltopographie. Landeshauptstadt Kiel, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 29, Neumünster 1995, S. 264 f.

Zeitungen

Kieler Nachrichten

vom 7. Oktober 1988, vom 8. Oktober 1988, vom 2. Februar 2001, vom 2. April 2002, vom 26. März 2004, vom 11. Juni 2004


Dieser Artikel kann unter Angabe des Namens der Autorin Christa Geckeler, des Titels Kieler Erinnerungstage: 3. Mai 1950 | Das Landeshaus wird Sitz des Landtages und des Erscheinungsdatums 03. Mai 2010 zitiert werden.

Zitierlink: https://www.kiel.de/erinnerungstage?id=114

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