Kieler Erinnerungstag:

2. November 1800
Gründung der Gesellschaft Harmonie - Treffpunkt der Gebildeten und Wohlhabenden

Aufnahmebogen in die Gesellschaft Harmonie 1834



Kiel war um 1800 eine kleine Stadt, die ihren Einwohnern wenig Zerstreuung zu bieten hatte. Es gab keinen Hof, kein Theater, keine Badeanstalt, keine Kaffeehäuser, in denen Zeitungen auslagen, und auch keine Restaurants und Bierhäuser. Gesellige Treffen fanden zu Hause statt. In gebildeten Kreisen kam man am Spätnachmittag bei Kuchen und Tee zusammen, für die Herren gab es vielleicht ein Glas Wein, plauderte oder machte Spiele und ging dann am frühen Abend wieder auseinander. Als die Gesellschaft Harmonie gegründet wurde, trat das häusliche gesellige Leben in den Hintergrund, denn nun hatte man einen neuen Treffpunkt für Vergnügen und Unterhaltung.

Eine angenehme und nützliche Erholung von den Berufsgeschäften

Am 2. November 1800 wurde von einer Gruppe namhafter Kieler die Gesellschaft Harmonie gegründet. In ihrem Wesen fußte sie auf den Gedanken der Aufklärung. Der Mensch sollte sich von Traditionen, Institutionen und Konventionen durch Erkenntnisse der Vernunft befreien und sich zu einem mündigen Bürger entwickeln. In dieser Tradition war 1773 schon die literarische Sozietät in Kiel gegründet worden, die aber nicht lange bestand. Die erste Anfänge der Gesellschaft Harmonie gehen wahrscheinlich auf die täglichen Zusammenkünfte von Professoren, Offizieren, Geistlichen, städtischen Beamten und Studenten in Dorfgaarden zurück.

Bei ihrer Gründung formulierte die Harmonie als Ziel ihrer Vereinigung: „Durch anständige Unterhaltung und Vergnügungen und durch ein Leseinstitut Männern aus allen Ständen eine angenehme und nützliche Erholung von ihren Berufsgeschäften zu verschaffen und diese dergestalt einzurichten, daß die Kosten dafür so sehr als möglich ermäßigt werden, auch, so sehr es sich tun läßt, von der Willkür eines jedes Mitgliedes abhängen. Zur Erreichung dieses Zweckes wird es als notwendig befunden, daß jedes Mitglied der Verbindung stets dahin strebe, das Vergnügen und die Zufriedenheit seiner Mitgenossen zu fördern und sich alles dessen enthalte, was die Harmonie auf irgend eine Weise stören kann. Sittlichkeit und Wohlanständigkeit sollen jedem zur Richtschnur dienen und nie aus den Augen gesetzt werden, denn nur dann kann diese Verbindung das Vergnügen und den Nutzen gewähren, den jeder, welcher derselben beigetreten ist und noch künftig beitritt, sich davon verspricht.“

Dass Männer aller Stände Mitglied der Gesellschaft werden konnten, trifft jedoch nicht zu. Unter den Gründungsmitgliedern waren 25 Angehörige der Universität, 15 Offiziere, die übrigen Beamte, Kaufleute und ein Gutsbesitzer. Angestellte in Kaufmannshäusern und Handwerker wurden in die Harmonie nicht aufgenommen. So war sie ein Treffpunkt der Gebildeten und Wohlhabenden in Kiel.

Die Harmonie - Kiels Kulturzentrum im 19. Jahrhundert

Die Vereinsräume befanden sich zunächst im „Gasthof zum Adler“ in der Vorstadt (jetzt südlicher Abschnitt der Holstenstraße), dann von 1810 an im Haus des Weinhändlers Juels in der Schuhmacherstraße 4, bis 1834 ein eigenes Gebäude in der Faulstraße 7 bezogen werden konnte.

In den Klubräumen konnten die Mitglieder der Harmonie eine Anzahl von Zeitungen und Journalen lesen, die sonst in Kiel nicht zu haben waren. Dazu gehörte u. a. die „Allgemeine Deutsche Bibliothek“, die „Frankfurter Gelehrte Zeitung“, „Voigts Magazin für das Neueste in der Physik und Naturgeschichte“, das „Staatsbürgerliche Magazin“. Neun deutsche und dänische Wochenblätter und sechs führende in- und ausländische Tageszeitungen lagen im Lesezimmer aus. Selbstverständlich entstanden nach der Lektüre politische Diskussionen unter den Mitgliedern. Und so war die Harmonie auch Mittelpunkt des politischen Lebens in Kiel. „Für die Herausbildung nationaler und liberaler Standpunkte hatte diese Gesellschaft eine erhebliche Bedeutung als Vermittler und Multiplikator“ (Ulrich Lange).

Im Laufe der Jahre wurde auch eine umfangreiche Bibliothek aufgebaut, die mehr zeitgenössische Literatur enthielt als die Universitätsbibliothek. Sie umfasste Bücher der Philosophie, Geschichte, Kunst, der Natur- und Geisteswissenschaften, der Literatur, auch Biographien.

Geselligkeit durch Konzerte und Bälle

Einfluss hatte die Harmonie auch auf das musikalische Leben der Stadt. Bisher hatte es Konzerte zumeist nur während des Umschlages durch durchreisende Künstler in der Kirche, im Rathaus oder Ballhaus gegeben. Unmittelbar nach ihrer Gründung entstand in der Harmonie eine Konzertkommission. Neben dem „Singverein“ und dem „Instrumentalverein“, deren Konzerte in der Harmonie stattfanden, veranstaltete die Gesellschaft auch eigene Konzerte. Höhepunkte des Musikprogamms waren die „Schöpfung“ und die „Jahreszeiten“ von Haydn und Sinfonien von Beethoven und Mozart. Verheirate Mitglieder konnten ihre Frauen mitbringen, die Töchter und unverheiratete Damen durften jedoch nur auf Einladung erscheinen. Das galt auch für die neun Tanzbälle im Jahr, die die Harmonie veranstaltete. Zur Geselligkeit gehörten an verschiedenen Tischen auch Kartenspiele, die aber nur von nachmittags um fünf Uhr bis abends neun stattfinden durften. 1804 wurde die Anschaffung eines Billards beschlossen, 1812 eine Kegelbahn eingerichtet.

In der Harmonie fanden die Angehörigen besserer Kreise also alles, was ihnen ein Bedürfnis war: Zeitungen lesen, sich mit der neuesten Literatur vertraut machen, Karten- und Billardspiel, ein gutes Glas Wein, anregende Gesellschaft und Töchter auf Bälle führen. Wer in Kiel gesellschaftlich auf sich hielt, musste Mitglied in der Harmonie sein.

Die Gesellschaft Harmonie hat sich überlebt

In ihrer Blütezeit vor 1880 hatte die Gesellschaft über 1200 Mitglieder, deren Anzahl danach aber stetig zurückging. U. a. lagen zahlreiche Austrittmeldungen von Offizieren vor, „durch höheren Befehl genötigt“. Durch Einführungen neuer Vergnügungen, durch Aufnahme unselbständiger Kaufleute, selbständiger Damen, von Referendaren, Assessoren und Ingenieuren der Kaiserlichen Marine versuchte man dem Mitgliederschwund zu begegnen. Aber vergeblich. Größere häusliche Gesellschaften ersetzten die Harmoniebälle, Professoren nutzten vorhandene akademische Lesehallen, Lokale schafften Billardspiele an und legten Zeitungen aus. Außerdem war es nicht mehr notwendig, in die Harmonie einzutreten, um in die Kieler Gesellschaft aufgenommen zu werden. Die Mitgliedschaft im Kaiserlichen Yacht-Club entschied nun über die Zugehörigkeit zur Kieler Oberschicht, ebenso wie die im Tennis-Club oder im Ersten Kieler Ruder-Club. Die Zeit hatte sich gewandelt, die Gesellschaft Harmonie aber nicht. Sie hatte sich überlebt.

Schwindende Mitgliedszahlen und gleichzeitige Ausgaben für die Instandsetzung des Hauses gestalteten die Finanzlage der Gesellschaft schwierig. Die Verpachtung der Wirtschaft, die Vermietung von Räumen und Aufnahme von Krediten verbesserte die finanzielle Situation nicht. So entstand Anfang der 1890er Jahre der Gedanke, die Gesellschaft aufzulösen, nachdem die Defizite immer größer geworden waren.

Die Gesellschaft löst sich auf

1893 betrug die Mitgliederzahl nur noch 116. Im Laufe des Jahres waren 50 Personen ausgeschieden, jedoch nur eine eingetreten. Nach Abzug der Unkosten für Kreditzinsen, das Gehalt des Boten und für Steuern hatte die Gesellschaft nur noch 2800 Mark im Budget. Deshalb beschloss die Generalversammlung 1893, das Grundstück der Harmonie zu veräußern, was 1895 an die vereinigten Innungen geschah. Gleichzeitig wurde die Auflösung der Gesellschaft bestimmt, die am 11. April 1896 erfolgte. Der Überschuss aus dem Vermögen wurde für den Bau eines neuen Theaters gestiftet, das Archiv der Harmonie der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte nebst 800 Mark überwiesen mit der Bedingung, eine Geschichte der Harmonie zu schreiben. Die Bibliothek erhielten die Stadt und staatliche Büchereien. So verschwand die Gesellschaft Harmonie aus dem Kieler Leben, in dem sie fast ein Jahrhundert eine zentrale geistige und künstlerische Rolle gespielt hatte.

Autorin: Christa Geckeler (1937 - 2004)


Literatur

Eckardt, Johann Heinrich

Geschichte der Gesellschaft „Harmonie“ in Kiel, Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 20, Kiel 1903

Eckardt, Johann Heinrich

Alt-Kiel in Wort und Bild, Neudruck, Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte. Band 62, Neumünster 1975, S. 273-281

Klewin, Ferdinand

Die „Harmonie“ - Alt-Kiels Kulturzentrum, in: Aus Kiels Stadtgeschichte, Kiel 1986, S. 33 f.

Lange, Ulrich

Vom Ancien Régime zur frühen Moderne (1773-1867), in: Geschichte der Stadt Kiel, hrsg. von Jürgen Jensen und Peter Wulf, Neumünster 1991, S. 148. S. 191 f.



Dieser Artikel kann unter Angabe des Namens der Autorin Christa Geckeler, des Titels Kieler Erinnerungstage: 2. November 1800 | Gründung der Gesellschaft Harmonie - Treffpunkt der Gebildeten und Wohlhabenden und des Erscheinungsdatums 02. November 2010 zitiert werden.

Zitierlink: https://www.kiel.de/erinnerungstage?id=119

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