Kieler Erinnerungstag:

1. Juli 1796
Gründung der Kieler Spar- und Leihkasse

Die Kieler Spar- und Leihkasse, heute Förde Sparkasse, ist nach der 1795 eingerichteten Sparkasse auf Gut Dobersdorf die älteste in Schleswig-Holstein und eine der ältesten deutschen Sparkassen überhaupt. Als am 1. Juli 1796 die Kieler Spar- und Leihkasse gegründet wurde, geschah dies nicht mit der Absicht, aus Geldgeschäften Gewinn zu erzielen, sondern um der Verarmung breiter Bevölkerungsschichten vorzubeugen.

Die Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde hilft den Armen

Die Armut war damals weit verbreitet, vor allem bei Handwerkern und Gesinde. Es war üblich, dass Handwerker erst zu Neujahr ihre Rechnungen einreichten, die dann im Januar beim Kieler Umschlag beglichen wurden. War der Handwerker nicht kapitalkräftig, musste er die Zeit durch Kredite, häufig zu Wucherzinsen, überbrücken, was seinen wirtschaftlichen Ruin bedeuten konnte. Im Schiffbau und in der Schifffahrt war die Beschäftigung nur auf die milden Jahreszeiten beschränkt. Wenn es Herbst und Winter wurde, kamen Hunger und Not über viele ohnehin arme Familien. Außerdem beklagte 1794 der Kieler Professor der Rechte Ludwig A. G. Schrader den Leichtsinn „der die Handwerker, Tagelöhner und Dienstboten beiderlei Geschlechts dazu verleite, unbekümmert um die Zukunft ihren gegenwärtigen Verdienst zu verschleudern und nichts zu späteren Bedürfnissen zurückzulegen.“ Die Folge war, dass die Bettelei für die Stadt zu einem Problem wurde.

Da die Prinzipien des Sozialstaates damals noch nicht galten, setzten sich Angehörige der wohlhabenden und gebildeten Stände, dem Humanitätsideal verpflichtet, für die Armenhilfe ein. 1793 gründeten sechs Kieler Bürger, darunter der Ratsapotheker Konrad Christiani und der Professor der Kameralwissenschaften (Volkswirtschaft) August Christian Heinrich Niemann, die „Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde“. Zweck der Gesellschaft war, die Armut zu lindern und ihr vorzubeugen. Um diese Ziele zu verwirklichen, wurden zunächst eine allen armen Kindern zugängliche Freischule, eine Arbeitsschule für Kinder und eine Arbeitsanstalt für Erwachsene gegründet.

„Ein göttliches Werk“ – Die Gründung der Sparkasse

Um der Verarmung vorzubeugen, statt später den Verarmten zu helfen, entstand die Idee, eine Spar- und Leihkasse ins Leben zu rufen. Kanzleirat Johann Carl Cirsovius, ein Mitglied der Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde, legte dieser am 18. März 1796 folgenden Antrag vor: „Ob nicht zur Erreichung unseres, der Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde allgemeinen Zweckes, der Verarmung zu wehren, und den Hang zur Sparsamkeit in demjenigen Theil des Kieler Publikums, welcher uns besonders am Herzen liegt,...rege zu machen und mehr und mehr zu verbreiten, eine Sparkasse für Dienstboten und alle diejenigen, welche der Classe gleich zu achten, errichtet und solche zugleich für angehende und durch Unfälle zurückgekommene und kommende Handwerker brauchbar und nützlich gemacht werden könnte.“

Der Vorschlag des Kanzleirates wurde genehmigt und die Gründung der Spar- und Leihkasse am 3. Juni 1796 beschlossen. Voller Stolz schrieb Cirsovius an diesem Tag an seine Familie: „Vergebens bemühe ich mich, Euch diejenigen Empfindungen deutlich zu machen, welche ich am Montag hatte, als unsere neue Spar-Anstalt eingeweiht ward. Noch nie hat sich mein Herz so innig und so stark zu Gott emporgehoben, als damals. Herrlich! Das war kein Gefühl von Weichlichkeit, sondern das große Bewußtsein, mit braven Männern ein göttliches Werk gegründet zu haben.“

Nachdem die Vorbereitungen abgeschlossen waren, nahm die Sparkasse am 1. Juli 1796 mit acht Annahmestellen, u. a. in der Schumacherstraße 18, ihre Tätigkeit auf. Als Sparziel formulierte die Gesellschaft: „Jeder kann sich selbst belehren, wieviel ihm frühe Sparsamkeit für sein Alter wert ist; wie er sich durch eigene Kräfte vom Ertrage seines eigenen Erwerbes eine würdige selbsteigene Versorgung für seine alten Tage sichern kann. Ein braves Dienstmädchen kann in unserer Sparkasse zu einem Bette oder einem anderen nutzbaren Hausrate, ein fleißiger Geselle zu seiner ersten Einrichtung als Meister, ein guter Lehrbursche zu einem Gesellenkleide den ersparten Pfennig sammeln und sich durch Zinsen und Aufzinsen nutzbar machen. Auch auf kürzere Zeit, vom Sommer, in den Monaten des besseren Erwerbes, kann jeder für die arbeitslose Zeit des nächsten Winters, da sein Gewerbe stille liegt, einlegen und das Hinterlegte bis zur Zeit des Bedürfnisses zinsbar machen.“

Eingezahlt werden konnten mindestens fünf Schilling und höchstens 100 Taler. Die Verzinsung lag bei 4%. Gesichert wurden die Einlagen durch eine Stadtobligation von 1000 Reichstalern, die Cirsovius persönlich hinterlegt hatte. Die eingezahlten Beträge wurden zunächst gegen Ausstellung einer Interimsquittung in Empfang genommen, der Kommission zugeleitet, die dann die von ihr unterzeichneten Schuldscheine, auch Obligation genannt, gegen Rückgabe der Interimsquittung aushändigte. Das Geld übernahm der Kassierer Cirsovius, der auch das Kassenbuch führte.

Eine Leihkasse für Gewerbetreibende

Schon 1796 war auf die Einrichtung einer Leihkasse hingewiesen worden, doch erst 1799 durfte die Sparkasse Kreditgeschäfte aufnehmen, nachdem der dänische König die „Spar- und Leihkasse“ anerkannt hatte und jeden Missbrauch der Kasse unter Strafe gestellt wurde. Sie war zunächst nur zur Unterstützung Gewerbetreibender bestimmt.

Bei gleichem Zins von 4% für Einlagen und Darlehen musste die Kieler Spar- und Leihkasse zunächst Einbußen hinnehmen. Um diese auszugleichen, gab man Verlustaktien heraus, deren Besitzer keinen Anspruch auf Verzinsung und Rückzahlung der Beträge hatten. Trotzdem wurden von wohltätigen Kielern und Auswärtigen 1796 insgesamt 136 Aktien im Wert von 1360 Reichstalern gezeichnet. Als man 1805 die Zinsen für Kredite auf 5% erhöhte, war die Kasse in der Lage, nicht nur die Kosten der eigenen Verwaltung zu tragen, sondern auch noch Überschüsse zu erzielen und ein Vermögen anzusammeln, das als Deckung für die steigenden Einlagen erforderlich war.

Rasante Entwicklung im 19. Jahrhundert

Die Geschäfte der Sparkasse begannen in sehr bescheidenem Umfang und wurden zunächst von den Leuten, für die sie eingerichtet worden waren, nur zögerlich genutzt. Um die Kasse ins Bewusstsein der Kieler zu bringen, begann man ab 1800 eine intensive Werbearbeit.

Von 1806 bis 1812 verneunfachten sich dann die Spareinlagen. Dieser Aufschwung wurde erreicht, indem man sich über Vorschriften hinwegsetzte. Jede Summe wurde angenommen, jedes Darlehen gewährt, 1806/07 die ersten Gelder gegen Hypotheken gegeben. 1812 begann dann die große Krise durch eine galoppierende Inflation im dänischen Gesamtstaat. 1813/14 betrug das Vermögen der Sparkasse nur noch 30 Reichstaler. Nach den Befreiungskriegen begann aber wieder eine Aufwärtsentwicklung. Die Einlagen stiegen, die Kreditgeschäfte konnten erweitert werden, die Überschüsse sammelten sich an.

1842 hatte die Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde dann Gelegenheit, sich mit diesen Überschüssen zum Wohle der ganzen Gemeinde zu betätigen. Als zum Bau der Eisenbahn Kiel-Altona der notwendige Verkauf von Aktien nicht zusammenkam, sprang die Sparkasse ein und übernahm die Zinsgarantie für 1000 Aktien zu je 100 Speziestalern, die die Stadt zu den bereits erworbenen 2000 noch zeichnete. Außerdem überwies die Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde 1847 aus den Überschüssen der Sparkasse wegen einer Missernte 5000 Mark an die Stadt zur Beschaffung billiger Lebensmittel. 1852 wurde vereinbart, dass die Gesellschaft ein Drittel und seit 1863 sogar zwei Drittel der Überschüsse der Spar- und Leihkasse zur Behebung der Armut in der Stadt erhielt.

Als Kiel Marinestadt und 1871 Reichskriegshafen wurde, nahmen die Bevölkerungszahl und die Wirtschaftskraft der Stadt stark zu und ebenfalls das Geschäftsvolumen der Kieler Spar- und Leihkasse. 1873 hatte sie nur drei Mitarbeiter, 1895 waren es bereits zwölf.

Es war an der Zeit, an ein eigenes Gebäude zu denken. Die Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde beschloss, das alte Werkhaus in der Schumacherstraße abzureißen und durch ein neues zu ersetzen, das nach den Wünschen und Bedürfnissen der Kasse gestaltet wurde. Von 1875 bis 1886 hatte sie hier ihre Geschäftsräume, die sich aber schon nach wenigen Jahren als zu klein erwiesen. Die Gesellschaft erwarb ein Grundstück am Eisenbahndamm, auf dem ein größeres Gebäude entstand, das Sitz der Kieler Spar- und Leihkasse von 1886 bis 1910 war.

Die Kieler Spar- und Leihkasse in Zeiten von Kriegen und Krisen

Die Jahrhundertwende wurde zu einem wichtigen Datum der Kieler Spar- und Leihkasse. Die Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches am 1. Januar 1900 macht es nötig, das Geldinstitut der Stadt zu übergeben, um ihr den Charakter einer öffentlichen Anstalt und die Rechtsfähigkeit zu sichern.

Die zweite Neuerung trat schon wenige Jahr später ein. In den Räume der Kasse am Eisenbahndamm herrschte wegen zunehmender Geschäfte Platzmangel. 1906 konnte das Grundstück am Lorentzendamm erworben werden und die Kieler Spar- und Leihkasse im Oktober 1910 in das neue, große Gebäude am Kleinen Kiel einziehen.

Der Erste Weltkrieg bedeutete für das Geldinstitut gute Geschäfte. Es war daher in der Lage, sich an den Kriegsanleihen mit 48 Millionen Mark zu beteiligen. Aber die Inflation, die schon während des Krieges begonnen hatte und 1923 ihren Höhepunkt erreichte, machte Besitzer von Geld, also auch die Sparkasse, immer ärmer. Auch die Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde gehörte zu den Verlierern. 1920 hatte sie bei der endgültigen Trennung von der Spar- und Leihkasse 1,5 Millionen Mark in bar und 2 Millionen in Kriegsanleihen erhalten. Dieses Geld hatte durch die Inflation seinen Wert verloren.

Die Kieler Spar- und Leihkasse musste 1924 neu anfangen mit einem Einlagenbestand, der dem von 1803 entsprach. Sie konnte sich wirtschaftlich aber wieder erholen, bis die Weltwirtschaftskrise erneut geschäftliche Einbrüche brachte. Während der Zeit des Nationalsozialismus nahmen die Spareinlagen zu. Das Darlehensgeschäft aber stagnierte. Mit zunehmenden Kriegsjahren wurde es für die Kasse immer schwieriger, ihren normalen Geschäftsbetrieb aufrecht zu erhalten. 1944 erlitt das Haupthaus am Lorentzendamm, das 1935 noch einen Anbau erhalten hatte, durch Bombenangriffe schwere Schäden. Nur die Kellerräume waren noch zu benutzen.

Von der Kieler Spar- und Leihkasse zur Förde Sparkasse

Nach dem Zweiten Weltkrieg, erneuter Inflation und Währungsreform war der Wiederaufbau des Geldinstituts schwierig. Erst 1952 konnte es den ersten kleinen Gewinn erwirtschaften. Mit der Konsolidierung der Wirtschaft und dem beginnenden Wirtschaftswunder in der Bundesrepublik begann dann eine stürmische Entwicklung des Sparkassengeschäftes. Das Zweigstellennetz wurde ausgebaut, moderne Techniken eingeführt, ein neues Verwaltungsgebäude, eine neue Kassenhalle am Kleinen Kiel gebaut und die Hauptfassade restauriert. Um die Zuordnung des Geldinstitutes klar zu kennzeichnen, erhielt die Kieler Spar- und Leihkasse am 1. Oktober 1990 den Namen Sparkasse Kiel. Zum 1. Januar 2007 fusionierte die Sparkasse Kiel mit der Sparkasse Eckernförde und Sparkasse des Kreises Plön, um wettbewerbsfähig im Geldgeschäft zu bleiben. Seitdem trägt sie den Namen Förde Sparkasse

Autorin: Christa Geckeler (1937 - 2014)


Literatur

Graber, Erich

Die Gründung der Kieler Spar- und Leihkasse im den Jahren 1796 bis 1799 durch die Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde in Kiel. Tätigkeitsbericht der Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde in Kiel für das Jahr 1938, Kiel 1939

Mau, H.

Die Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde in den Jahren 1793 bis 1893. Festschrift zur Feier des hundertjährigen Bestehens der Gesellschaft, Kiel 1893, S. 149-202

Meißner, Betina

200 Jahre Kieler Spar- und Leihkasse, Göttingen 1996

175 Jahre Kieler Spar- und Leihkasse,

wirtschaftliche Entwicklung, Kiel 1971

Zeitungen

Kieler Express

vom 1. Juli 1971; vom 3. Juli 1996; vom 26. September 1996

Kieler Nachrichten

vom 30. Juni 1971; vom 14. August 1975; vom 17. September 1986; vom 1. Juli 1996 (Beilage); vom 28. Juni 2005

Kieler Neueste Nachrichten

vom 18. März 1936

Nordische Rundschau

vom 17. März 1936




Dieser Artikel kann unter Angabe des Namens der Autorin Christa Geckeler, des Titels Kieler Erinnerungstage: 1. Juli 1796 | Gründung der Kieler Spar- und Leihkasse und des Erscheinungsdatums 01. Juli 2011 zitiert werden.

Zitierlink: https://www.kiel.de/erinnerungstage?id=132

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