Kieler Erinnerungstag:

25. September 1941
Das Nydamboot verlässt Kiel für immer

Das Nydamboot, heute eine der Hauptattraktionen des Archäologischen Landesmuseums Schleswig-Holstein auf Schloss Gottorf, hatte für fast 70 Jahr seine Heimat in Kiel. Es gehörte zum kostbarsten Besitz des Museums vaterländischer Altertümer in der Kattenstraße südlich des Kieler Schlosses.

Als sich während des Zweiten Weltkrieges die Luftangriffe auf die Stadt häuften, brachte man wertvolle Kunstdenkmäler in Sicherheit. Auch das Nydamboot sollte vor der Zerstörung bewahrt werden. Der Abtransport des wertvollen Großobjekts am 25. September 1941 war aufsehenerregend: Das Boot wurde in einen Gitterträger eingebaut, der 24 Meter lang und 3,85 Meter breit und hoch war. Um das Schiff mit dieser Konstruktion aus dem Gebäude zu ziehen, musste die Außenmauer des Museums zur Hälfte herausgebrochen werden. Auf der Straße stand eine Arbeitsbühne, auf die der Gitterträger mit dem Schiff gezogen wurde. Am nächsten Tag fuhr ihn ein Tieflader zum Sartorikai, wo er von einem Schwimmkran der Kriegsmarine auf eine Kastenschute gehoben wurde. Am 29. September begann die Fahrt des Bootes durch den Kanal, die Elbe, den Elbe-Trave-Kanal zum Großen Ziegelsee bei Mölln. Hier überdauerte das Nydamboot den Krieg.

Das Nydamboot - ältestes erhaltenes germanisches Großschiff

Das Nydamboot hatte eine ursprüngliche Länge von 23 Metern und eine Breite von 3,5 Metern. Der Rumpf ist in Klinkerbauweise hergestellt und hat einen nach oben gezogenen Bug, der mit der Bodenplanke verbunden war. Das schnittige Schiff war ein hochseetaugliches Ruderboot und diente vorwiegend militärischen Zwecken. Es konnte bis zu 45 Mann aufnehmen, von denen 36 Ruderer waren. Die Bauzeit des Bootes wird um das Jahr 320 n. Chr. geschätzt, denn das Alter des genutzten Eichenholzes konnte auf die Zeit zwischen 310 und 320 n. Chr. datiert werden. Das Nydamboot ist somit das älteste erhaltene germanische Großschiff und damit älter als die Wikingerschiffe.

1863 entdeckte der dänische Archäologe Conrad Engelhardt das Boot. Er hatte zwischen 1859 und 1863 Ausgrabungen im Nydam-Moor, in der Nähe von Sonderburg unternommen. Es war Teil von äußerst reichen Opfergaben, die wahrscheinlich zwischen 340 und 350 n. Chr. in einem Opfersee versenkt wurden.

Die geborgenen Gegenstände kamen z. T. in die königliche Sammlung, z. T. auch in die Flensburger Sammlung, die Engelhardt aufbaute. Das Boot fand Unterkunft auf dem Dachboden des Flensburger Gerichtsgebäudes.

Ein Boot mit wechselvoller Geschichte

Zur Zeit der Ausgrabung gehörte die Gegend, in der das Nydamboot gefunden wurde, zu Dänemark. Nach dem Deutsch-Dänischen Krieg 1864, durch den Dänemark auf Schleswig, Holstein und Lauenburg zugunsten von Preußen und Österreich verzichten musste, gelangten das Boot und weitere Funde aus dem Nydam-Moor in preußischen Besitz.

Nach der Reichsgründung 1871 sollten die archäologischen Funde Schleswig-Holsteins, darunter die Flensburger Sammlung, im Kieler Museum für vaterländische Altertümer zusammengefasst werden. So kam das Nydamboot 1877 nach Kiel.

Nach dem Ersten Weltkrieg musste Deutschland 1920 nach einer Volksabstimmung Nordschleswig nördlich der Linie Flensburg-Hoyer an Dänemark abtreten. Dieses forderte nun das Boot zurück, da der Fundort ein kleines Stück nördlich der neuen Grenze lag. Die deutsche Seite war dazu bereit, forderte aber im Gegenzug Kunstschätze zurück, die Dänemark vor 1864 aus den Herzogtümer weggeführt hatte. Auf solche Verhandlungen konnte sich Dänemark nicht einlassen. So blieb das Nydamboot bis 1941 in Kiel.

Dann trat es seine Reise in die Nähe von Mölln an, wo es unversehrt den Krieg überstand. Die Auslagerung erwies sich als richtige Entscheidung: Das Museumsgebäude in der Kattenstraße wurde 1944 durch Bomben vollständig zerstört.

Nach dem Krieg forderte Dänemark neben Urkunden und Dokumenten erneut das Nydamboot zurück. Die britische Besatzungsmacht erklärte, dass man der Herausgabe in den Fällen nicht zustimmen könne, in denen Gegenstände und Dokumente sich bereits vor dem letzten Krieg in Deutschland befunden hätten. Außerdem galt den Engländern das Schiff als archäologische Illustration zur angelsächsischen Landnahme und daher mit der Geschichte Englands verknüpft.

Nach Kiel aber kam das Nydamboot nicht zurück. Schon 1945 wurde Schleswig als sein neuer Standort bestimmt. 1946 nahm es seinen alten Weg über den Elbe-Trave-Kanal, die Elbe, den Nord-Ostsee-Kanal und dann von Holtenau über die Ostsee nach Schleswig. Im Frühjahr 1947 wurde das Schiff in die Exerzierhalle des Schlosses Gottorf gebracht, die seit dieser Zeit „Nydam-Halle“ heißt.

Die Briten hatten entschieden, den Regierungsbezirk Schleswig aufzulösen und Kiel zur Landeshauptstadt des neuen Bundeslandes Schleswig-Holstein zu machen. Zum wirtschaftlichen Ausgleich wurden verschiedene Institutionen von Kiel nach Schleswig verlagert, neben dem Oberlandesgericht und dem Landesarchiv auch die Landesmuseen. 1947 wurde die Sammlung vaterländischer Altertümer ins Archäologische Landesmuseum auf Schloss Gottorf verlegt, zu dem auch das Nydamboot gehört.

Das Schiff geht auf Besuchsreise

Das Nydamboot ging nicht zurück nach Dänemark, aber es war dort zu Besuch. Das Archäologische Landesmuseum machte Dänemark das Angebot, das Nydamboot zu entleihen. Noch nie war ein so großes und teures Exponat weggeben worden. Am 7. April 2003 ging das Schiff für ein Jahr auf die Reise nach Kopenhagen. Wieder musste der Durchlass der Halle wie schon 1941 in Kiel verbreitert werden, wieder wurde es in einer Spezialkiste verpackt und auf einen Sattelzug verladen. Der Versicherungswert des Bootes während des Transportes und der Dauer der Ausstellung betrug 16 Millionen Euro. Am 9. Mai 2003 eröffnete die dänische Königin Margrethe II. die Schau über die Schätze des Nydam-Moores und die gesamte Kultur Nordeuropas in den ersten vier Jahrhunderten. Im April 2004 trat Das Nydamboot seine Heimreise nach Schleswig an.

Autorin: Christa Geckeler (1937 - 2004)


Literatur

Gebühr, Michael

Nydam und Thorsberg Opferplätze der Eisenzeit. Begleitheft zur Ausstellung, Hg.: Archäologisches Landesmuseum in der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf, Schleswig, Schleswig 2000, S. 14-17

Schwantes, Gustav

Das Museum vorgeschichtlicher Altertümer in Kiel, in: Student der Nordmark, Organ des Gaustudentenführers, Kiel, 15. Januar 1938, S. 10 f.

Sievert, Hedwig

Kieler Ereignisse in Bild und Wort, Kiel 1973, Nr. 61, Nr. 62

http://de.wikipedia.org/wiki/Nyda,-Schiff

Zeitungen

Kieler Nachrichten

vom 19. Februar 1947


Abbildungen:

Stadtarchiv Kiel

Nydamhalle: Archäologisches Landesmuseum Schloss Gottorf




Dieser Artikel kann unter Angabe des Namens der Autorin Christa Geckeler, des Titels Kieler Erinnerungstage: 25. September 1941 | Das Nydamboot verlässt Kiel für immer und des Erscheinungsdatums 25. September 2011 zitiert werden.

Zitierlink: https://www.kiel.de/erinnerungstage?id=151

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