Kieler Erinnerungstag:

1. April 1952
Die britische Besatzungsmacht räumt das Kieler Hotel "Bellevue"

Bellevue als Clubhaus britischer Soldaten



Anfang Mai 1945 besetzten britische Soldaten Kiel. Kampflos fand der 2. Weltkrieg in der zerstörten Stadt ein Ende. Mit den Streitkräften zog die britische Militärregierung in Kiel ein, dazu das Personal der zahlreichen Hilfsorganisationen. Und im Sommer 1946 konnten auch Familienmitglieder aus England, vor allem Frauen und Kinder, zu ihren in Kiel stationierten Angehörigen ziehen. Sie alle mussten untergebracht und versorgt werden. Und alle wollten in ihrem Alltag fern der Heimat nicht auf Annehmlichkeiten eines britischen „way of life“ verzichten.

Freizeitangebote für die Briten

Nach und nach entstand deshalb in Kiel ein Netz von britischen Einrichtungen zur Freizeitgestaltung, mit Angeboten zur Unterhaltung, Weiterbildung und sportlichen Betätigung. Bereits am 12. Mai 1945 beschlagnahmten die Besatzer das Gewerkschaftshaus in der Legienstraße und machten es zum "Empire Building". Mit Kino, Theater und Kantine, mit Räumen für Konzerte, Shows und Clubs sowie mit Fotostudio, Frisör, Läden für Parfum und Schmuck wurde das Haus das Zentrum der britischen Truppenbetreuung. Beschlagnahmt wurden auch Sportstätten wie der Nordmark-Sportplatz oder der Kieler Yachtclub samt Segelbooten. Verschiedene britische Organisationen, manchmal auch in Konkurrenz zueinander, führten die Einrichtungen und boten der british community in Kiel einen zumindest halbwegs britischen Alltag.

Häufig jedoch mussten die Streitkräfte zunächst mit schwerem Gerät anrücken, um die beschlagnahmten Gebäude instandzusetzen und zu renovieren. Das war auch bei dem Hotel Bellevue erforderlich. Sein Restaurant, oberhalb des Fördeufers gelegen, war im Krieg zerstört worden. Ohnehin hatte das einst zu den führenden Hotels Kiels zählende Haus seine besten Tage lange hinter sich gelassen.

Das Bellevue: Club für gehobene Ansprüche

Nach der Kapitulation betrieb die NAAFI (Navy, Army and Air Force Institutes) das Bellevue, eine 1921 von der britischen Regierung gegründete Organisation, die sich bis heute um Freizeit- und Erholungsangebote für Angehörige der britischen Streitkräfte kümmert. Unter dieser neuen Regie wurde das Bellevue neben dem Empire Building zu einem zweiten Zentrum der Truppenbetreuung. Diesmal jedoch für gehobene Ansprüche: Die Mahlzeiten, von uniformierten weiblichen Servicekräften serviert, überstiegen das übliche Kantinenniveau, dazu spielten Musiker Klassisches. Im November 1945 wurde ein Club für Unteroffiziere eröffnet, der "W.O’s And Sergeants’ Club", ein kleiner Fährbetrieb sorgte für eine schnelle Verbindung zu den britischen Kasernen in Holtenau. Und für ausreichend Bier im Ausschank sorgte die NAAFI ebenfalls. Die Organisation betrieb nämlich gleichzeitig die stark zerstörte Holsten-Brauerei in der Holtenauer Straße und braute bis zu 200 000 Liter wöchentlich.


Der beliebte Treffpunkt für die Briten in Kiel wurde erst am 1. April 1952 aufgegeben, als sich die Besatzungsmacht zunehmend auf eine Kontrollfunktion zurückzog und den Personalbestand in Kiel erheblich reduzierte. So blieb die Zeit der britischen Beschlagnahmung eine kurze Episode in der traditionsreichen Geschichte des Hauses.

Ein elegantes Hotel mit berühmten Gästen

Düsternbrook war für die Kieler ein beliebtes Ausflugsziel, besonders Bellevue, ein steil zur Förde abfallender Hügel mit einem herrlichen Blick auf den Hafen und seine Ufer. Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte der Volksmund für diese Stelle den Namen Bellevue, „schöne Sicht“, geprägt. 1822 schrieb der Kieler Professor Falck: „Ein Punkt auf einer der höchsten Stellen am Ufer hat wegen seiner schönen Aussicht den Namen Bellevue erhalten. Links an der westlichen Seite der Bucht erblickt man von hier die Mündung des bekannten Kieler Kanals - die Reihe der großen Packhäuser längst demselben - , in größerer Ferne die kleine Festung Friedrichsort, auf der entgegengesetzten Seite, am östlichen Ufer, die bis an das Ufer mit Holz bewachsenen malerischen Hügel des Gutes Schrevenborn, weiter hin das Dorf Laboe, und zwischen beiden Ufern die unbegrenzte See, und fast immer mehrere Schiffe, deren geschwellte Segel im Sonnenglanze auch noch vom fernsten Horizonte her deutlich erscheinen“.

Hier entstand 1869 das stattliche Hotel und Logierhaus „Bellevue“. Es war ein elegantes Hotel mit einem großen Saal und einem Badehaus für warme Seebäder. Außerdem gab es am Strand die mit Markisen versehenen Badekarren. Vor fremden Blick geschützt, kleidete man sich in ihnen um und stieg dann von dort ins Wasser. Das „Ostseebad und Hotel Bellevue“ war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein weithin berühmtes Haus, „das alljährlich zahlreichen wohlhabenden Sommerfrischlern Aufenthalt bietet und an den Konzertnachmittagen viele Gäste in seinen schattigen Garten lockt“, vermerkt der „Führer durch Kiel und Umgebung“ 1898. Große Feste wurden dort gefeiert und bekannte Persönlichkeiten, die Kiel besuchten, stiegen dort ab. Kaiser Wilhelm I. logierte mehrfach dort, das letzte Mal zur Feier der Grundsteinlegung der erste Schleuse des Nord-Ostsee-Kanals. Ein glänzendes Fest gab es dort, als das englische Geschwader 1884 Kiel besuchte. 1896 war der chinesische Vizekönig Li-Hung-Tschang Gast im Hause. Die großen Zeiten des Bellevue endeten am Anfang des 20. Jahrhunderts.

Vom „Krusenhaus“ zum Luxushotel

Auf der Höhe des Bellevue lag vor 1769 die Brunswiker Bauernstelle „Krusenhaus“, in der man bald eine einfache Wirtschaft zur Erfrischung der Spaziergänger, die nach Düsternbrook gekommen waren, eröffnete. 1782 machte der Professor der Philosophie, der schönen Wissenschaften und der Gartentheoretiker Hirschfeld der Regierung den Vorschlag, hier eine Fruchtbaumschule anzulegen. 1786 wurde die erste Obstbaumschule der Herzogtümer auf dem Gelände zwischen den späteren Bellevue und Forsteck angelegt. Die Gastwirtschaft „Krusenhaus“ wurde nicht weiter geführt, sondern das Gebäude als Wohnhaus für Hirschfeld hergerichtet. Sein Nachfolger in der Obstbaumschule war Moldenhawer, Professor der Ostbaumzucht und Botanik. 1829 ging die Fruchtbaumschule in Privatbesitz über. Der Gärtner Christian Eckhardt kaufte und vergrößerte sie und nahm den gastronomischen Betrieb wieder auf. 1846 entstand in der Scheune eine einfache Wirtschaft und wegen der schönen Aussicht oben am Hang mehrere Aussichtspunkte, u. a. ein Aussichtspavillon. Viele Besucher, besonders auswärtige, äußerten damals den Wunsch, an dieser herrlichen Stelle der Kieler Förde übernachten zu können. Als die Scheune 1849 abbrannte, entstand ein stattliches Logierhaus. Eckhardts Schwiegersohn, der den Betrieb zunächst pachtete, wurde nach Eckhardts Tod 1859 Eigentümer. Er errichtete das neue, große Hotel, das zu einem der besten Deutschlands gehörte. 1861 wurde der schon lange gebräuchliche Name „Bellevue“ für die Gaststätte vom dänischen König genehmigt.

Vom Hotel zur Jugendherberge

1905 ging das Bellevue in den Besitz der Stadt Kiel über. Sie vergrößerte und baute einiges um. Das Hotel verfügte jetzt über 63 Logierzimmer und einen Musikpavillon. Während des Ersten Weltkrieges diente das eigentliche Hotel als Hilfslazarett, von 1922 bis 1927 war es Studentenheim, und während des Zweiten Weltkrieges wohnten hier 400 angehende Marineärzte. Die Gaststätte wurde während des Krieges stark beschädigt. Nach der Kapitulation beschlagnahmten die Briten das Bellevue. Nachdem es 1952 wieder frei gegeben worden war, diente es als Jugendherberge der Stadt Kiel. Nach einem Dachstuhlbrand war das Gebäude zu einer Ruine geworden, die man 1964 abriss. 1957 war aber schon am Abhang ein neues Restaurant mit Terrasse entstanden. Besucher konnten sich wieder an dem herrlichen Blick über den Kieler Hafen erfreuen. Zu den olympischen Segelwettbewerben 1972 entstand dann an dieser Stelle das Hotel Maritim-Bellevue.


Co-Autorin: Kerstin Dronske

Autorin: Christa Geckeler (1937 - 2004)


Literatur

Eckhardt, Heinrich

Alt-Kiel in Wort und Bild, Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 62, 1975, S. 146-148, S. 498-501

Führer durch Kiel und Umgebung,

hrsg. und überreicht vom Verein zur Förderung des Fremdenverkehrs in Kiel, Kiel 1898, S. 23

Hübner, Hans

Düsternbrook und das Düvelsbeker Gehölz, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 53, 1958-1962, S. 6-9

Martins, Barbara

Fruchtbaumschule, Forstbaumschule, Düsternbrooker Gehölz, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 77, 1994, S. 213-223

Sievert, Hedwig

Einer der sehenswertesten Punkte Norddeutschlands. Hotel Bellevue vom „Krusenhaus“ über ein Logierhaus zur Jugendherberge, Kieler Nachrichten vom 19. Juni 1952

Sievert, Hedwig

Kiel einst und jetzt. Vom Kanal bis zur Schwentine, Kiel 1964, Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 52, Teil 2, Kiel 1964, Nr. 12 a-15

Weißer, Gunter

Das Alltagsleben der britischen Besatzungsmacht in Kiel 1945-1947. Hausarbeit für die wissenschaftliche Prüfung für das Lehramt an Gymnasien, Keil 1994.


Abbildungen:

Aufnahme Club für britische Soldaten: Nordmarkfilm/Landesarchiv Schleswig-Holstein

alle weiteren: Stadtarchiv Kiel


Dieser Artikel kann unter Angabe des Namens der Autorin Christa Geckeler, des Titels Kieler Erinnerungstage: 1. April 1952 | Die britische Besatzungsmacht räumt das Kieler Hotel "Bellevue" und des Erscheinungsdatums 01. April 2012 zitiert werden.

Zitierlink: https://www.kiel.de/erinnerungstage?id=162

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