Kieler Erinnerungstag:

26. Juli 1932
Untergang der "Niobe"

Das Segelschulschiff „Niobe“ der Reichsmarine war als Viermastschoner 1913 im dänischen Frederikshavn gebaut worden. Das 42 Meter lange und 9,2 Meter breite Schiff lief zunächst unter dänischer Flagge als „Morten Jensen“, dann unter norwegischer als „Tyholm“. Im Ersten Weltkrieg wurde es auf einer Englandfahrt von einem deutschen U-Boot aufgebracht und nach Kiel geschickt. Bis 1921 diente es unter verschiedenen Namen als Ausbildungsfahrzeug, als Charterschiff und als Statist für Filmgesellschaften.

1922 kaufte die Reichsmarine das Schiff, überholte es, baute es zu einer Dreimastschonerbark um und stellte es als Segelschulschiff in ihren Dienst. Es erhielt den Namen „Niobe“, wie schon zuvor ein Segelschulschiff in der Kaiserzeit hieß. Mehrmonatige Übungsfahrten unternahmen die Kadetten zumeist von Kiel, dem Heimathafen, in die Ost- und Nordsee.

Eine Gewitterbö wurde zum Verhängnis

Am 25. Juli 1932 hatte die „Niobe“ mit 109 Mann Besatzung Kiel zu einer Ausbildungsfahrt in die Ostsee verlassen. Am Morgen des 26. Juli lichtete das Schiff vor Fehmarn die Anker. Die Fahrt ging in Richtung Warnemünde.

Um 10 Uhr empfängt der Kommandant, Kapitänleutnant Rufus, den Wetterbericht für den Raum Fehmarn: „Frische böige Südost- bis Südwestwinde, zunehmende Bewölkung mit leichten Niederschlägen, mäßige bis gute Sicht ... .“ Die Wettervorhersage von 11.30 Uhr lautet: „Gefahr auffrischender Südwestwinde ... .“ Das ist nichts Besonderes für die „Niobe“, hat sie doch auf einer Norwegenfahrt Windstärken 10 und 11 getrotzt. Um 13.50 Uhr segelt sie im Abstand von einer halben Seemeile am Feuerschiff Fehmarnbelt vorbei. Über der Insel türmen sich Gewitterwolken. Auf See nimmt der Wind zu. Es beginnt leicht zu regnen. Der Kommandant lässt sicherheitshalber die Obersegel bergen. Ölzeug wird ausgegeben. Um 14 Uhr gehen die Kadetten der Backbordwache zum Unterricht in ihren Wohnraum unter Deck. Die Bullaugen sind an diesem schwül-heißen Tag mit Erlaubnis geöffnet. Der Kommandant beobachtet weiter die Wetterwand über Fehmarn. Gibt es Staubwolken oder hefige Bewegungen der Baumkronen? Er erkennt nichts Gefährliches.

Dann plötzlich, ohne Vorwarnung, fällt eine heftige Bö aus Südsüdwest schräg von vorn auf das Schiff. Masten und Rahsegel werden völlig unter Wasser gedrückt. Die „Niobe“ legt sich 45 bis 50 Grad nach Backbord über. Trotz Gegensteuerns kann sie sich nicht mehr aufrichten, sondern liegt nach wenigen Sekunden ganz auf der Seite. Wasser bricht durch die Luken und Niedergänge in das Schiff ein. Nur sieben Matrosen gelingt es, aus den Unterdecksräumen zu entkommen. Dann versinkt die „Niobe“ in die Tiefe. 69 Seeleute, zumeist Offiziers- und Unteroffizieranwärter, sind verloren.

Boote des Feuerschiffes Fehmarnbelt und die „Theresia L. M. Russ“, ein in der Nähe sich befindlicher Dampfer der Hamburger Schifffahrtsgesellschaft, nehmen die 40 Überlebenden auf. Claus Korth, ehemaliger Matrose auf dem Schiff, erinnerte sich an das Unglück: „Alles ist eine Sekunde lang hocherfreut, dass das Wasser durch die Speigatts rauscht, doch in der nächsten Sekunde steigt es über die Reling. Es wird Zeit, von Deck wegzukommen. Ich entere mit anderen Kameraden, zuletzt auf allen vieren, auf die Back. Großes Gedränge. Ich denke noch an nichts Schlimmes. Klettere auf die Steuerbord-Außenbordwand, im Glauben, dass die Sache nun sich klärt. Da springt mein Korporal, Anzug, Unterhose, über Bord. Da jumpe ich auch, wie ich bin, nach Lee ins Wasser, schwimme über die Vorsegel weg, fort von dem Schiff. Versuche treibende Schwimmwesten zu bekommen, doch andere Kameraden bekommen sie vor mir. Als ich mich umdrehe, ist nichts mehr von unserem ’stolzen Schwan der Ostsee’ zu sehen als der Klüverbaum und auf diesem der Matrosengefreite Lammers, der nicht schwimmen kann ...“

Schwierige Bergung des Schiffes

Die gesunkene „Niobe“ lag in 27 Meter Tiefe auf dem Meeresgrund. Eine Bergungsgesellschaft aus Hamburg beabsichtigte, das Schiff zunächst vom Grund abzuheben und es dann in flacheres Wasser zu schleppen, wo es aufgerichtet werden sollte. Aber die Bergung bereitete große Schwierigkeiten wegen der Wassertiefe und der Strömung. Nach vielen Bemühungen entschloss man sich dann, die Masten abzusprengen und die „Niobe“ mithilfe eines Hebeschiffes unter Wasser Richtung Kiel zu schleppen. Am 15. August war die Fahrt in die Heikendorfer Bucht beendet. Es dauert mehrere Tage, bis die Hebeschiffe „Kraft“ und „Wille“ das Wrack gehoben hatten. Nun begann man die vermissten Seeleute zu bergen. Nach der Hebung wurde die „Niobe“ ins Marinearsenal geschleppt und am 18. September 1933 im Beisein fast der gesamten Flotte auf der Stolpe-Bank in Hinterpommern durch ein Torpedo versenkt.

Trotz großer politischer und wirtschaftlicher Probleme am Ende der Weimarer Republik nahm die Bevölkerung mit tiefer Betroffenheit am Schiffsunglück teil. Innerhalb weniger Monate brachte sie eine Millionen Mark für die „Volksspende Niobe“ auf. Außerdem wurde eine „Niobe-Gedenkmünze“ verkauft. So konnte die Dreimastbark „Gorch Fock“ als neues Segelschulschiff schon am 3. Mai 1933 in Hamburg bei Blohm + Voß vom Stapel laufen.

Würdige Trauerfeier auf dem Nordfriedhof

69 Menschen waren bei dem Schiffsunglück umgekommen. 19 von ihnen blieben auf dem Grund des Ostsee, 17 wurden in ihre Heimat überführt, 33 fanden ihre letzte Ruhe auf dem Garnisonfriedhof (heute Nordfriedhof).

Die Trauerfeier fand am 23. August 1932 statt. Schon lange vor Beginn strömten Tausende von Kielern zum Friedhof. Aus Platzgründen harrten sie in den benachbarten Straßen aus. Die Särge in den beiden Grüften waren von der Kriegsflagge der Reichsmarine gedeckt. Eine unendliche Zahl von Kränzen trafen aus dem In- und Ausland ein, u. a. von Kaiser Wilhelm II., dem Reichspräsidenten, der englischen und japanischen Marine, von Parteien, Verbänden, Behörden. Zu den Trauergästen gehörten die Überlebenden des Unglücks mit ihrem Kommandanten Rufus, die Spitzen der Marine, des Heeres, Beteiligte an den Rettungsarbeiten und natürlich die Angehörigen der Toten. Mit Beginn der Trauerfeier läuteten die Glocken der Kieler Kirchen. Alle deutschen Sender übertrugen die Zeremonie im Rundfunk. Es sprachen der evangelische und katholische Stationspfarrer und der Chef der Marineleitung Admiral Raeder. Zum Schluss: „Gedämpfter Trommelwirbel ertönt, Kommandos erklingen. Dann krachen die drei Ehrensalven über die Gräber. Die Fahnen senken sich und die Kapelle spielt das Lied vom guten Kameraden.“ Anschließend wird die endlose Liste der Toten verlesen und danach die erste Strophe des Deutschlandliedes gesungen.

Erinnerungsstätte an die „Niobe“

Heute erinnern die 33 Gräber und eine Grabmalwand auf dem Nordfriedhof an das Unglück. Auf dem Gedenkstein für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges liegt der originale Anker des Segelschiffes „Niobe“. In der ehemaligen Garnisonkirche in der Wik, der Petruskirche, wurde 1956 des Namensschild der „Niobe“ erneut enthüllt. Es war während des Krieges verloren gegangen, als die Kirche durch Bomben teilweise zerstört wurde. Der Küster hatte es im Keller eines Hauses wiedergefunden.

An der Nordküste der Insel Fehmarn befindet sich ein Niobe-Denkmal. Ihr dort aufgestellter Mast und ein Gedenkstein erinnern in Sichtweite der Unglücksstelle an das Geschehen von 1932.

Wer trägte die Schuld an dem Unglück?

Drei Monate, nachdem die „Niobe“ gesunken war, stand der Kommandant Rufus vor dem Kriegsgericht in Kiel. Die Anklage lautete, dass er „hinreichend verdächtig [sei], aus Fahrlässigkeit das Sinken des Schiffes bewirkt zu haben.“ Ihm wurde vorgeworfen, die Gefährlichkeit des Wetters nicht erkannt und nicht genügend Druck aus den Segeln genommen zu haben und dass er außerdem Bullaugen und Niedergänge nicht schließen ließ. Zeugen und Gutachter wurden angehört. Rufus habe sorgfältig das Wetter beobachtet und die Obersegel geborgen. Das Schließen der Luken und Niedergänge hätte des Unglück nicht verhindern können. „Schuld“ sei die Gewitterbö. Aber die „Niobe“ könne auch falsch konstruiert gewesen sein und zu viel Segel geführt haben.

Am 3. November 1932 gaben die Richter das Urteil bekannt. Rufus habe richtig gehandelt und werde daher freigesprochen. „Er ist Opfer einer höheren Gewalt geworden, der er machtlos gegenüberstand.“.

Heute urteilen Experten anders. Nicht der Kommandant, sondern die Konstrukteure des Schiffes hätten vor Gericht stehen müssen. Kapitän Hans Engel, alter Windjammer-Kapitän und lange Kommandant der „Gorch Fock“ war überzeugt: „Die Niobe war für ihre Größe übertakelt. Der ’stolze Schwan’ war kopflastig“.

Autorin: Christa Geckeler (1937 - 2014)


Literatur

Sievert, Hedwig

Kieler Ereignisse in Bild und Wort, Kiel 1973, Nr. 49 und 50

Zeitungen

Die Welt

vom 26. Juli 1952

Kieler Nachrichten

vom 31. Juli 1956, vom 25. Juli 1972, vom 24. Juli 1982, vom 26. Juli 1997, vom 25. Juli 2002

Kieler Neueste Nachrichten

vom 25. August 1932

Segeberger Zeitung

vom 26. Juli 1972


Abbildungen: 1 und 2: Stadtarchiv Kiel/Wilhelm Schäfer; 3: aus Hedwig Sievert: Kieler Ereignisse in Wort und Bild, Kiel 1973; 4: Landeshauptstadt Kiel/Grünflächenamt



Dieser Artikel kann unter Angabe des Namens der Autorin Christa Geckeler, des Titels Kieler Erinnerungstage: 26. Juli 1932 | Untergang der "Niobe" und des Erscheinungsdatums 26. Juli 2012 zitiert werden.

Zitierlink: https://www.kiel.de/erinnerungstage?id=191

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