Kieler Erinnerungstag:

17. April 1923
Skandal am Kieler Theater

Am 17. April 1923 fand im Kieler Theater am Kleinen Kiel die Generalprobe des „Eunuchen“ statt.

Das Lustspiel des römischen Dramatikers Terenz aus dem Jahre 161 v. Chr. hatte Carl Zuckmayer, damals Dramaturg an der Kieler Bühne, bearbeitet. Zuckmayer berichtet in seiner Autobiographie: „Ich nahm von dem Stück nur den Grundriss der Handlung und die Personen, schrieb das Ganze völlig neu, im unverblümtesten Deutsch der Nachkriegszeit, packte alles hinein, was wir den Kielern an politischen und sonstigen Aufrichtigkeiten zu sagen hatten, und überzog die saturnalische Erotik des Vorwurfs, in dessen Mittelgrund die große Hure Thais und ihre Liebhaber stehen, ins schlechthin Vulgivage.“ Neben den erotischen Zoten gab es auch politische Anspielungen, indem Zuckmayer den Feldherrn Thraso und seinen Parasiten Gnatho in den angedeuteten Masken von Hindenburg und Ludendorff auftreten ließ.

Skandal um den „Eunuchen“

Die Aufführung fand als geschlossene Vorstellung vor geladenen Gästen der Kieler Gesellschaft, der Universität, der Marine und der Presse statt. Die Herren hatten zumeist ihre Damen mitgebracht. Das Publikum folgte der Aufführung „skeptisch und stumm“ (Zuckmayer), aber keiner verließ das Theater. Zum Schluss erschien eine junge Schauspielerin nackt auf der Bühne, die Brüste orange geschminkt und um den Bauchnabel eine Sonne mit blauen Strahlen. Sie schritt unter dem Johlen des Publikums über die Bühne. Als sie gefragt wurde, woher sie komme, antwortete sie lispelnd: „Aus Lesbos“. „Die geladenen Gäste verließen das Haus im bedrohlichen Schweigen“ (Zuckmayer).

Am folgenden Tag kam die Theaterkommission zusammen. Sie „erklärt, dass sie nach bei der Generalprobe gemachten Wahrnehmungen das Stück „Der Eunuch“ für eine öffentliche Aufführung nicht für geeignet hält und beschließt, dem Intendanten aufgrund ihres Aufsichtsrechts die heutige Uraufführung und jede weitere Aufführung dieses Stückes zu verbieten.“ Die Kieler Zeitung pflichtete der Theaterkommission bei. Auch die überregionale Presse war über die Inzenierung empört. Die Frankfurter Zeitung vom 2. Mai 1923 schrieb: „In Wirklichkeit ist das Kieler Aufführungsverbot des Lustspiels auch nicht auf die Rechnung seines römischen Schöpfers zu setzen, sondern auf diejenige seines Nacharbeiters Zuckmayer, der in seinen Szenen Satire und Zotenreißerei derart zusammengehäuft hat, dass während der Generalprobe, trotz tüchtiger Inszenierung und guten Spiels, die Abgebrühtesten unter den Zuschauern, denen man sonst wirklich kein Moralphilistertum nachsagen kann, erschrocken zurückwichen und heute die Absetzung des „Eunuch“ vom Spielplan nicht für ungerechtfertigt halten.“

Der „Junge Kreis“ provoziert das Kieler Publikum

Im Mai 1922 war Curt Elwenspoek, der vorher Regisseur und Dramaturg in Mainz gewesen war, als Intendant an die Städtischen Bühnen in Kiel berufen worden. Er engagierte für die Spielzeit 1922/23 Carl Zuckmayer als Dramaturg, Regisseur und Schauspieler. Der junge Dichter, der in Berlin sein erstes Stück inszeniert hatte, war damals noch wenig bekannt. Elwenspoek, Zuckmayer, Albrecht Joseph als Opernregisseur und einige Schauspieler bildeten den „Jungen Kreis“, der von Kiel aus das Theater, „vom Theater her die Welt erneuern“ wollte (Zuckmayer). „Kiel war für ein solches Unterfangen der denkbar schlechteste Boden. Es war die Stadt der glanzvollen kaiserlichen Regatten, die Hochburg der Kriegsmarine, deren revolutionäre Matrosen es dort längst nicht mehr gab, sondern nur noch ihre verbittert zurückgebliebenen, pensionierten Vorgesetzten. Der "Skagerrak-Bund" ehemaliger Seeoffiziere und ein bis in den Dickdarm konservatives, geistig verstopftes Handelsbürgertum bestimmten den Ton und die Denkart“ (Zuckmayer).

Elwenspoek setzte moderne Autoren wie Wedekind, Molnar, Grabbe, Barlach, Werfel und Büchner auf den Spielplan. Die neuen Ideen, der moderne Geist wurde dem Publikum alle vierzehn Tage auf Matineen vermittelt. Die Kieler Presse bewertete die Arbeit des „Jungen Kreises“ durchaus nicht negativ. Kritik dagegen kam aus dem Publikum und auch von einigen Schauspielern.

Ein Rieseneklat

Auch in der Theaterkommission gab es Diskussionen über Elwenspoek. Aber sein Vertrag wurde dennoch im März 1923 um ein Jahr verlängert. Elwenspoek seinerseits verlängerte drauf hin unter Umgehung der Theaterkommission die Verträge von Zuckmayer und einiger Schauspieler des „Jungen Kreises“. Das eigenmächtige Vorgehen Elwenspoek und das erneute Engagement von Zuckmayer empfand die Theaterkommission als Provokation. Sie schlug dem Magistrat die Absetzung des Intendanten vor, obwohl sein Vertrag erst fünf Wochen zuvor verlängert worden war. Es musste ein Vorwand gefunden werden, Elwenspoek los zu werden.

Elwenspoek und Zuckmayer waren der Meinung, wenn sie schon gehen müssten, dann unter einem Rieseneklat, dass man „das Theater wenigstens symbolisch in die Luft sprengen sollte“ (Zuckmayer). So wurde in kurzer Zeit „Der Eunuch“ in der Bearbeitung von Zuckmayer auf den Spielplan gesetzt. Der Skandal war da, Elwenspoek wurde entlassen.

Zuckmayer - einer der erfolgreichsten deutschen Dramatiker

Zuckmayer und Albrecht Joseph blieben zunächst am Kieler Theater. In dem Stück „Louis Ferdinand, Prinz von Preußen“ von Fritz Unruh, unter der Regie von Albrecht Joseph, nahm Zuckmayer als Chargenschauspieler teil. Am 23. Mai wurde ihm jedoch von der Theaterkommission gekündigt mit der Begründung, er könne „das übernommene Fach des Chargenschauspielers nicht ausfüllen“. Auch Joseph wurde wegen „unzulänglicher Regieleistung“ entlassen. Der Intendantenstellvertreter Dr. Knoop führte die Spielzeit zu Ende. Er kam zu dem Urteil, dass Kiel „die am stärksten amusische Stadt Deutschlands“ sei und die Bevölkerung insgesamt „nur im allerbescheidensten Maße für ernste Kunst zu haben“.

Zuckmayer ging nach München und dann nach Berlin. Seinen ersten großen Erfolg hatte er 1925 mit dem Stück „Der fröhliche Weinberg“. Berühmt wurden u. a. auch sein „Hauptmann von Köpenick“ (1931) und „Des Teufels General“ (1946).

Autorin: Christa Geckeler (1937 - 2004)


Quellen

Stadtarchiv Kiel,

Akte Nr. 28863: Personalakte Elwenspoek, Joseph, Zuckmayer,

Literatur

Danielsen, Wilhelm

Hundert Jahre Kieler Theater 1841-1944, Kiel 1961, S. 123-127

Dannenberg, Peter

Helden und Chargen zwischen den Kriegen. Dreißig Jahre Theater in Kiel, Hamburg (1983), S. 197-207

Hruschka, Ole

(Hg.):“Halte fest, was dir von allem übrigblieb“. 100 Jahre Theater am Kleinen Kiel, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 57, Kiel 2007, S. 44 f.

Nickel, Gunther

„Geht ihr denn hin und schwängert eure Weiber“. Zur Wiederentdeckung von Carl Zuckmayers Komödie „Der Eunuch“, in: Jahrbuch zur Literatur der Weimarer Republik, Band 3, 1997, in Zusammenarbeit mit Eckhard Faul und Reiner Marx, hrsg. von Sabine Becker, Sonderdruck, S. 101-117

Zuckmayer, Carl

Als wärs ein Stück von mir, Stuttgart 1966, S. 397-415

Zeitungen

Frankfurter Zeitung

vom 2. Mai 1923

Kieler Zeitung

vom 24. April 1923, Morgenausgabe

Kieler Nachrichten

vom 27. Dezember 1996

Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung

vom 24. April 1923

Abbildungen

1: Bundesarchiv, Bild 146-2005-0008 / unbekannt / CC-BY-SA

2: Stadtarchiv Kiel, Postkartensammlung



Dieser Artikel kann unter Angabe des Namens der Autorin Christa Geckeler, des Titels Kieler Erinnerungstage: 17. April 1923 | Skandal am Kieler Theater und des Erscheinungsdatums 17. April 2013 zitiert werden.

Zitierlink: https://www.kiel.de/erinnerungstage?id=222

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