Kieler Erinnerungstag:

31. Dezember 1904
Silvester vor 100 Jahren - Sturmflut in Kiel

Schon am 30. Dezember, einem Freitag, regnete es in Kiel heftig, dazu wehte ein starker Wind aus Südwest. Im Laufe des Tages wandelte er sich zu einem Orkan aus Nordost. Die Fischer in der Außenförde mussten ihre Arbeit beenden, der Bootsverkehr außerhalb der Linie Bellevue-Mönkeberg wurde eingestellt, ebenso die Löscharbeiten an den Kais in Kiel.

Schon um Mitternacht war der Wasserpegel höher als üblich. Die ganze Nacht und am letzten Tag des Jahres stieg er unaufhörlich weiter. Bald war die gesamte Hafengegend vom Eisenbahndamm bis zum Seegarten überschwemmt. Die zu Bergen aufgetürmten Kohlenhaufen auf der Mole am Eisenbahndamm ragten als schwarze Inseln aus den Fluten hervor.

Zunächst wurden natürlich die Häuser am Wall in Mitleidenschaft gezogen. Die Keller dort standen unter Wasser, in vielen Räumen schwammen die Möbel unter der Decke. Es war unmöglich, sie zu bergen, denn die Bewohner waren froh, sich selbst mit ein paar Vorräten und Bettzeug in Sicherheit zu bringen.

Unangenehm waren die Verkehrsstörungen an der Holstenstraße Ecke Holstenbrücke. Fußgänger konnten hier nur mit Gummistiefeln passieren, die Straßenbahn nicht mehr durch alle Straßen der Innenstadt fahren. Manch Kieler war froh, wenn er auf einen Wagen, der vom Wochenmarkt kam, aufspringen konnte. Den Hausdiener der „Börse“ sah man seinen Gast huckepack von der einen Straßenseite zu anderen schleppen. Pfiffige Bootsführer und Fischer boten ihre Dienste für zwei Groschen pro Fahrt von Haus zu Haus an.

Die Menschen versuchten mit Sandsäcken, Schotten und Brettern Türen und Fenster abzudichten. Die Feuerwehr leistete ununterbochen mit herkömmlichen Geräten und mit Dampf- und Handspritzen Hilfe, die aber meist wirkungslos blieb, weil das eindringende Wasser nicht zurückzuhalten war. Bis 2,65 m über das Mittelwasser war der Pegel angestiegen.

Am Neujahrsmorgen ging das Hochwasser langsam zurück. Die Schäden waren sehr groß. In der Altstadt waren viele Lagerbestände vernichtet, auch Haus- und Küchengeräte. Von der Seeburg bis Bellevue und weiter nach Norden, wo die Vorgärten in den Fluten versunken waren, breiteten sich Schlamm und Seegras fußhoch aus. Am Düsternbooker Weg lagen um Ufer ungefähr zehn zertrümmerte Boote, einige waren ganz verloren gegangen. Aus den Fördeorten kamen ebenfalls schlimme Nachrichten. Im Laboer Hafen waren fünf Schiffe gesunken, die Besatzung aber glücklicherweise gerettet. In Mönkeberg wurde die Brücke zertrümmert. Weniger Schäden waren in Heikendorf und Holtenau zu verzeichnen.

Auch andere Orte an der Ostseeküste waren betroffen, ebenso die Westküste, da das Unwetter zunächst mit einem orkanartigen Südweststurm begonnen hatte.


Sturmflut 1872




Die Menschen wurden 1904 an die Flut vom 13. November 1872 erinnert, die die Bewohner der gesamten Ostseeküste von Pommern bis Dänemark in Angst und Schrecken versetzt hatte. Die Flut erreichte damals eine Höhe von über 3 Metern über das Mittelwasser. Ähnliches Hochwasser hatte es auch schon in den Jahrhunderten davor gegeben. 1872 wurde z. B. Niendorf völlig vom Wasser eingeschlossen, 12 Häuser zerstört, 123 Personen obdachlos, 4 ertranken. Ein ähnliches Schicksal erlebte Dahme. In Heiligenhafen waren 40 Häuser beschädigt. Sämtliche Einwohner von Hohwacht flüchteten und ließen Hab und Gut im Stich. Die niedriggelegene Probstei geriet ebenfalls unter Wasser, das in Stein und Schönberg große Verwüstungen anrichtete. Von Laboe blieben damals nur noch zwei Häuser erhalten. Eckernförde an der weit nach Nordosten geöffneten Bucht war der Sturmflut schutzlos preisgegeben. Von allen Küstenorten hatte diese Stadt die schwersten Schäden erlitten. Sie war völlig vom Wasser eingeschlossen. 78 Häuser wurden zerstört, 138 beschädigt, 112 Familien obdachlos.


In Kiel waren Schäden durch den hohen Wasserstand (3,40 m über Mittelwasser) entstanden, weniger durch die Gewalt der Wellen. Mehr als 33 Hektar standen unterWasser, 13 Straßen und 341 Grundstücke waren von dem Hochwasser eingeschlossen, Häuser stürzten ein, Hafenanlagen, Brücken und Werften waren beschädigt.


Flutkatastrophen auch in Zukunft?




Die Bedingungen, unter denen Hochwasser mit verheerenden Auswirkungen an der Ostseeküste entstehen, sind immer die gleichen.

„Andauernde westliche Winde hatten das Wasser in das östliche Becken des Baltischen Meeres gedrängt; schon eine Drehung des Windes nach Osten erzeugt in diesem Fall eine heftige Brandung und lässt das Wasser auflaufen. Aber auch in der Nacht vom Freitag auf Sonnabend erhob sich, und zwar urplötzlich und mit außerordentlicher Gewalt, der gefährlichere Nordost, der unaufhörlich neue Massen Wassers durch den Belt in das Ostseebecken hereinwälzt und zu gleicher Zeit die durch den vorhergehenden Westwind nach Osten gedrängten Fluten zurückpeitscht. Die erste Wirkung ist bei solchen Gelegenheiten stets dieselbe. Der bei normalem Wasserstande seicht bedeckte, bei westlicher Windrichtung freigelegte Grund ist binnen weniger Minuten stark überflutet, und nun beginnt das Wasser mit furchtbarer Gewalt strandaufwärts zu arbeiten“. (Kieler Zeitung, 1.1. 1905).

Auch in Zukunft können sich derartige Wetterverhältnisse wiederholen. Niemand aber weiß, wann ein neues Hochwasser und in welchem Ausmaß droht. Bei einer Sturmflut wie 1904 stünden in Kiel wieder die Bereiche des Bootshafens, die Andreas-Gayk-Straße, die Holstenbrücke und die Holstenstraße von der Holstenbrücke bis zum Asmus-Bremer-Platz unter Wasser.



Christa Geckeler



Literatur:




Kieler Nachrichten

vom 15. Januar 1958, vom 17. Dezember 1994

Kieler Zeitung

vom 30. und 31. Dezember 1904, vom 1. und 2. Januar 1905

Mähl

, Albert: Meine Jugendjahre in Kiel. Erinnerungen an die Zeit vor und nach der Jahrhundertwende, veröffentlicht in den Kieler Nachrichten vom 18. Januar bis 9. Februar 1961

Petersen

, Marcus und Hans Rohde: Sturmflut. Die großen Fluten an den Küsten Schleswig-Holsteins und in der Elbe, Neumünster 1977

Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung

vom 3. Januar 1905

Sievert, Hedwig

Kieler Ereignisse in Bild und Wort, Kiel 1973

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