Kieler Erinnerungstag:

15. März 1930
Vor 75 Jahren Neubau des Arbeitsamtes auf dem Wilhelmplatz

„Ein Wahrzeichen der Not“

Am 15. März 1930 wurde das Arbeitsamt auf dem Wilhelmplatz feierlich eingeweiht.

Zu der Zeit gab es wenig erfreuliche Ereignisse und eigentlich gar nichts zu feiern, denn in Deutschland herrschte eine düstere Stimmung. 1929 war die Weltwirtschaftskrise in den USA ausgebrochen und hatte 1930 auch Deutschland erfasst, das wegen seiner Waren- und Kapitalströme eng mit den Staaten verbunden war. Der wirtschaftliche Zusammenbruch hatte schwere soziale Folgen für die Bevölkerung. Die Arbeitslosigkeit stieg sprunghaft an und erreichte in Kiel im Winterhalbjahr 1922/23 mit 28 500 Arbeitslosen, das waren mehr als 30% der Erwerbstätigen in der Stadt, ihren Höchststand. Diejenigen, die noch Arbeit hatten, mussten Gehaltskürzungen hinnehmen, während die Steuern in alter Höhe erhalten blieben oder sogar neue hinzukamen. Durch Arbeitslosigkeit und Lohnsenkungen verringerte sich die Kaufkraft und damit auch der Umsatz in Handel und Gewerbe. Weitere Entlassungen und Schließung von Betrieben waren die Folge. Das neue Arbeitsamt stand vor nicht zu lösenden Aufgaben.

Erster Arbeitsnachweis durch die Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde

Eine Arbeitsvermittlung in Kiel gab es nicht erst mit dem Bau des Arbeitsamtes auf dem Wilhelmplatz, sondern schon seit 1895, als die Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde auf Vorschlag des damaligen Direktors der Torpedowerkstatt in Friedrichsort, Korvettenkapitän Harms, den ersten gemeinnützigen Arbeitsnachweis eingerichtet hatte. Mit der Industrialisierung Deutschlands trat ein Bedarf an überregional zu beschaffenden Arbeitskräfte auf. Außerdem führte die einseitige Ausrichtung der Kieler Wirtschaft auf den Schiffbau und seine Zulieferbetriebe immer wieder zu kurzfristigen wirtschaftlichen Notständen und Engpässen, die Massenarbeitslosigkeit nach sich zogen. Kalte Winter hatten im Baugewerbe und wirtschaftliche Einbrüche im Schiffbau trotz grundsätzlich steigender Konjunktur Entlassungen zur Folge. Bei 85 000 Einwohner gab es Anfang der 1890er Jahre 2500 bis 3000 Arbeitslose in Kiel. Z. B. entließ die Germaniawerft 1894/95 etwa 50 % ihrer Beschäftigten.

Hier sprang nun die Gesellschaft der freiwilligen Armenfreunde ein und versuchte die Not zu lindern. Ihre Arbeitsnachweisstelle in der Gartenstraße war der „Herberge zu Heimat“ angegliedert. Der Herbergsvater war gleichzeitig der Arbeitsvermittler. Zwar trug die Stadt Kiel einen finanziellen Anteil, aber bei hoher Arbeitslosigkeit stiegen die Kosten, die die Gesellschaft kaum tragen konnte. Daher drang sie wiederholt darauf, dass die Stadt Kiel die Arbeitsnachweisstelle in eigene Regie übernehmen sollte. Weitere Stellen für die Arbeitsnachweise wurden vom Arbeitgeberverband Kiel sowie dem Verband der Eisen- und Metallindustrie unterhalten.

Die kommunale Arbeitsvermittlung

Am 1. April 1918 entschloss sich die städtische Kollegienversammlung schließlich, die Arbeitsvermittlung auf kommunaler Ebene durchzuführen. Die Dienststelle wurde zunächst im Schloss untergebracht, 1923 dann im Buchwaldtschen Hof in der Dänischen Straße. Hier befindet sich heute das Landeskirchenamt.

Die Behörde hatte nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg einen großen Besucheransturm zu bewältigen, denn Kiel trafen die wirtschaftlichen und militärischen Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages im innersten Lebensnerv. Die Stadt war in ihrer Wirtschaftsstruktur einseitig auf die Marine und Werften ausgerichtet. Nun gab es für Deutschland Rüstungsbeschränkungen, die auch die Marine und damit den Schiffbau und seine Zulieferbetriebe betrafen. Die Zahl der Erwerbslosen stieg in Kiel zunächst stark an. 1920 stabilisierte sich die wirtschaftliche Situation in Kiel ein wenig, denn die Werften bekamen Aufträge für den Handelsschiffbau. Aber dennoch blieb die Arbeitslosigkeit eines der zentralen Probleme in der Weimarer Republik. Durch die Inflation 1923 verschlechterte sich die Lage rapide und erreichte ihren Höhepunkt in der Werftenkrise 1925, die eine Folge von Überkapazitäten, Konkurrenzdruck, Mangel an Betriebskapital und hohen Zinsen war. Die Howaldtswerke z. B., die noch 1921 4500 Arbeiter hatten, beschäftigten 1926 jedoch weniger als 300.

Die schlimmsten Auswirkungen auf die Stadt aber hatte die Weltwirtschaftskrise 1930-1933, deren Ursache und Auswirkungen eingangs beschrieben wurden. In der Stadt gab es 28 500 Arbeitslose, viele von ihnen reagierten völlig verzweifelt. So ist 1930 in den Zeitungen zu lesen:

„Mittwoch-Abend wurde vor der Kinderklinik am Lorentzendamm ein Kindersportwagen mit einem kleinen Mädchen vorgefunden. Da keine Angehörigen zu ermitteln waren, wurde das Kind in der Klinik untergebracht. Im Wagen wurde ein Schreiben der Eltern gefunden, in dem sie um Aufnahme ihres Kindes bitten, da sie zur Zeit obdachlos seien und keine andere Unterkunft für ihr Kind finden konnten.“ Oder:

„Bei der Schwimmanstaltbrücke wurde am gestrigen Sonntag gegen 5.50 Uhr morgens eine Frau von einem Polizeibeamten angetroffen, die im Begriff war, sich das Leben zu nehmen. Die Beamten hinderten die Verzweifelte an ihrer Absicht. Sie gab an, diesen Schritt wegen Nahrungssorgen unternommen zu haben, da ihr Mann bereits seit drei Jahren arbeitslos sei und die Unterstützung für beide Eheleute und ihre sechs Kinde nicht reiche.

Nachdem die Frau von einem mildtätigen Wächter etwas Brot und einige Mark zugesteckt bekommen hatte, wurde sie in ihre Wohnung geführt.“

In dieser Situation war der Andrang bei der Arbeitsvermittlung im Buchwaldtschen Hof unvorstellbar, die räumliche Enge für Beamte und Besucher in gleicher Weise unerträglich, obwohl schon Abteilungen in andere Gebäude der Stadt ausgelagert worden waren. Außerdem hatten sich die Aufgaben der Arbeitsverwaltung erweitert, denn durch das Reichsgesetz von 1927 über Arbeitslosenvermittlung und Arbeitslosenversicherung wuchsen einerseits die Aufgaben über die reine Arbeitsvermittlung hinaus, andererseits wurden die kommunalen Arbeitsämter in die Reichsanstalt für Arbeitslosenvermittlung und Arbeitslosenversicherung integriert.

Der Neubau eines Arbeitsamtes in Kiel wurde zur Notwendigkeit.

Das neue Arbeitsamt auf dem Wilhelmplatz

Im März 1930 zog das Arbeitsamt auf den Wilhelmplatz in den neuen Klinkerbau um, der unter dem Einfluss des "Bauhauses" enstanden war und in seiner modernen Architektur ganz der inneren Organisation der Arbeitsabläufe in dem Haus Rechnung trug. Der Träger der Baumaßnahmen war die Reichsanstalt, die Pläne erarbeiteten Stadtbaurat Dr. Willy Hahn und Magistratsbaurat Rudolf Schroeder.

Das dreigeschossige Haus mit Laubengängen zwischen den halbrunden weitgehend verglasten Treppenhäusern wurde der reibungslosen Abwicklung des Massenverkehrs von durchschnittlich 8000 bis 10 000 Arbeitslosen pro Tag gerecht.

„Über Außengänge gelangt das Publikum durch Drehtüren in die Warteräume, die nach Berufsgruppen getrennt sind. Von hier aus führen zahlreiche Klapptüren in kleine Sprechkojen zur Einzelabfertigung am Arbeitsplatz des Beamten. Die unfreundlichen Schalterklappen und die Einzelzimmer sind damit verschwunden. Die Forderung nach individueller Behandlung des Publikums, modernster Arbeitsweise, Übersichtlichkeit, Licht und Luft und vor allem Anpassungsfähigkeit an die Lage auf dem Arbeitsmarkt sind in dem Bau, der ein neues Wahrzeichen Kiels ist, zum ersten Mal voll erfüllt worden“ (Berliner Illustrierte Zeitung Nr. 45).

Der Bau fand vielseitige Beachtung und galt überregional als vorbildliche Lösung für ein Arbeitsamt.

Im Nationalsozialismus war die Hauptaufgabe der Arbeitsverwaltung die Lenkung der Arbeitskräfte im Sinne des Regimes und ab 1936, die kriegsvorbereitende Wirtschaft mit Arbeitskräften zu versorgen.

Die Arbeitsvermittlung nach dem Zweiten

Weltkrieg

Der Verlorene Zweite Weltkrieg traf Kiel als Rüstungsstandort erneut in besonderem Maße. Die Werften waren z. T. zerstört und die Rüstungsbetriebe demontiert, Tausende von Arbeitsplätzen gingen in der Stadt verloren. Das bedeutete Massenarbeitslosigkeit auch ohne die hinzukommenden Flüchtlinge. In den ersten Nachkriegsjahren war die Arbeitsverwaltung daher erheblich gefordert.

Laut Kontrollratbefehl Nr. 3 vom 17. Januar 1946 mussten sich alle arbeitsfähigen Männer im Alter von 14 bis 65 Jahren und Frauen zwischen 15 und 50 Jahren bei den Arbeitsämtern registrieren lassen. Nur aufgrund dieser Bescheinigung bekamen sie dann Lebensmittelkarten. Außerdem durften die Arbeitsämter Arbeitsverpflichtungen vornehmen und mussten sich auch um die Integration von Flüchtlingen und Jugendlichen kümmern.

Mit der Einführung der Währungsreform 1948 stieg die Zahl der Arbeitslosen stark an, denn die Betriebe begannen im Zeichen der stabilen und harten Währung zu rationalisieren und trennten sich deshalb von überflüssigen Arbeitskräften. Das Arbeitsamt kehrte zu seinen traditionellen Aufgaben Arbeitsvermittlung, Berufsberatung und Arbeitsbeschaffung zurück. Es war ein langer, schwieriger Weg, bis die Arbeitslosigkeit beseitigt und Ende der 50er Jahre die Vollbeschäftigung erreicht war. Das Wirtschaftswunder hatte begonnen.

Das Arbeitsamt musste sich nun darum kümmern, Arbeitskräfte zu beschaffen. Dies gelang in den 1960er Jahren durch Anwerbung von Ausländern und die verstärkte Integration von Frauen in die Arbeitswelt. Die Aufgaben der Arbeitsverwaltung hatten sich also grundlegend verändert.

Veränderungen erfuhren auch das Gebäude auf dem Wilhelmplatz. 1955 wurde ein Staffelgeschoss hinzugefügt und 1967/68 die Großraumbüros aufgeteilt, denn sie entsprachen nicht mehr dem modernen Prinzip der individuellen Beratung und Betreuung. Außerdem wurden die Fenster vergrößert, die man als zu klein und hoch liegend empfand. Die Denkmalbehörde erhob gegen diese Veränderungen Einwände, konnte die Umbauten jedoch nicht verhindern. Am 21. März 1979 gelang es ihr aber, das Arbeitsamt unter Denkmalschutz zu stellen.

Das Arbeitsamt an der Hörn

Mit der ersten Ölkrise von 1973 war es mit dem Wirtschaftswunder vorbei. Von 1975 an stieg die Arbeitslosenzahl bis auf wenige Ausnahmen ständig an. Gesteigert wurde die hohe Arbeitslosigkeit durch den Zuzug von Aussiedlern aus Osteuropa. Das Arbeitsamt war als Arbeitsvermittler wieder gefordert. In Kiel lag die durchschnittliche Jahresarbeitslosigkeit 1973 bei 3000 Personen, 1982 bei 16 800 und 1994 bei 21 000 Personen.

Das Arbeitsamt auf dem Wilhelmplatz wurde zu klein, zumal neue Aufgabenbereiche, z. B. die Bearbeitung des Kindergeldes, hinzugekommen waren. Einige Geschäftsstellen mussten in andere Häuser der Stadt ausweichen. Ende der 70er Jahre begann die Planung eines neuen Gebäudes auf dem Gelände des ehemaligen Schlachthofes an der Hörn. 1989 wurde der Bau, in dem sich wiederum Funktionalität und Ästhetik verbinden, fertiggestellt.

In dem ehemaligen Arbeitsamt auf dem Wilhelmplatz wurde das Sozialamt Kiel-Mitte untergebracht und seit dem 1. Januar 2005 in diesem und anderen Gebäuden der Stadt das Sozialzentrum nach dem Gesetzbuch 2 (Hartz IV), d.h. hier werden Arbeitslose nach Hartz IV betreut.

Autorin: Christa Geckeler (1937 - 2004)


Literatur

Zum Arbeitsamt:

Arbeitsamt Kiel,

Sonderdruck aus dem „Zentralblatt Bauverwaltung“, 50. Jahrgang 1930, Nr. 34,

hrsg. im Preußischen Finanzministerium

Das Neue Arbeitsamt

Kiel, Kiel o. J.

Freudenberg,

Mechthild und Ingaburgh Klatt, Vom Buchwaldtschen Hof über den Wilhelmplatz

an die Hörn – Standorte des Kieler Arbeitsamtes, in: Die Heimat, Zeitschrift für Natur- und

Landeskunde von Schleswig-Holstein und Hamburg, Heft 11, 1989

Kesseböhmer,

Nina: Bauhaus-Einfluß in Kiels Architktur an zwei Beispielen, Seminararbeit 1994

Kieler-Expreß

vom 24. März 1977, vom 15. März 1989, vom 5. April 1995

Kieler Nachrichten

vom 31. Oktober 1955, vom 3. November 1965, vom 22. Februar 1967,

vom 18. September 1981, vom 25. September 1984, vom 30. Januar 1988, vom 17. März 1989,

vom 8. März 1995

Kieler Neueste Nachrichten

vom 16. März 1930

Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung

vom 31. Oktober 1955

Wilde,

Lutz: Denkmaltopographie, Landeshauptstadt Kiel, Sonderveröffentlichung der

Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Neumünster 1995

100 Jahre Arbeitsvermittlung in Kiel und Umgebung,

Herausgeber: Arbeitsamt Kiel, Presse- und

Öffentlichkeitsarbeit, 1995, verantwortlich für Text und Bild Rolf Koettlitz


Zur Wirtschaft:

Freudenberg,

Mechthild: Verwaltung der Not oder Not der Verwaltung. Arbeitsverwaltung

zwischen Weimarer Republik und dem Ende des Wirtschaftswunders, hrsg. von der Zentralstelle

für Landeskunde (SHHB), Kiel 1991

Graber,

Erich: Kiel und die Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde 1793-1953, ihr soziales,

kulturelles und wirtschaftliches Wirken, Kiel 1953

Jensen,

Jürgen und Peter Wulf (Hg.): Geschichte der Stadt Kiel, Neumünster 1991

Paetau,

Rainer: Konfrontation und Kooperation. Arbeiterbewegung und bürgerliche Gesellschaft

im ländlichen Schleswig-Holstein und in der Industriestadt Kiel zwischen 1900-1925,

Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 74, Neumünster 1988

Sievers,

Kai Detlev und Karin Stukenbrock: „Christliches Wohlwollen und braver Bürgersinn“.

Private und öffentliche Fürsorge in Kiel und ihre Bemühungen um die Lösung sozialer

Probleme, Festschrift zum 200jährigen Bestehen der Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde in

Kiel, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Neumünster 1993

Stahmer-Wusterbarth,

Sabine: Die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in Kiel während der

Weimarer Republik unter besonderer Berücksichtigung der Maßnahmen der Kieler

Stadtverwaltung, Dissertation, Kiel 1996

Zottmann,

Anton: Kiel, Die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt von der Mitte des 19.

Jahrhunderts bis zur Gegenwart und die Grundlagen ihres ökonomischen Neuaufbaus,

Schriftenreihe der Stadt Kiel, Kiel 1947







Dieser Artikel kann unter Angabe des Namens der Autorin Christa Geckeler, des Titels Kieler Erinnerungstage: 15. März 1930 | Vor 75 Jahren Neubau des Arbeitsamtes auf dem Wilhelmplatz und des Erscheinungsdatums 15. März 2005 zitiert werden.

Zitierlink: https://www.kiel.de/erinnerungstage?id=32

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