Kieler Erinnerungstag:

3. Dezember 1980
Dezember 1980 - Besetzung des Sophienhofes

„Bekanntmachung: Der Sophienhof ist besetzt!...

Wir fordern:

die sofortige Freigabe des besetzten und alles leer stehenden Wohnraums im Sophienblatt!!

öffentliche Verhandlungen mit der Stadt und der Neuen Heimat!!...

Wie könnt ihr die Besetzung unterstützen?

Natürlich durch Geld und vor allem durch Sachspenden: Alte Möbel, Matratzen, Lampen, Öfen, Geschirr, Decken, Farben, Essen usw.!

Wir können so ziemlich alles gebrauchen.

Am besten könnt Ihr uns durch persönliche Mitarbeit helfen. Umso mehr Leute sich an unserer Aktionen beteiligen, desto weniger Sorgen müssen wir uns um eine Räumung durch die Polizei machen. Wir brauchen noch mehr Leute, die sich auch nachts in den Wohnungen aufhalten – also packt Eure Schlafsäcke und werdet ’Solidaritätspenner’.

Jeder kann uns unterstützen. Z. B. durch das Schreiben von Briefen oder durch Anrufe bei der Stadt, der Neuen Heimat und der Presse oder durch das Unterzeichnen auf unserer Unterschriftenliste, durch das Sammeln von Solidaritätsadressen...

Wir bleiben drin!

Weil wir nicht mehr bereit sind, den Widerspruch zwischen leer stehendem Wohnraum auf der einen Seite und der offenkundigen Wohnungsnot in Kiel auf der anderen Seite zu ertragen, haben wir am 3. 12. um 18.00 Uhr zwei große Wohnungen im Sophienhof besetzt.

Diese Wohnungen stehen seit mehr als 5 Jahren leer, sie bieten auf mehr als 400 qm Fläche Lebensraum für 15 Leute.

An der Besetzung und der anschließenden Solidaritätsfete haben sich etwa 700 Personen beteiligt. Die Aktion ist vollkommen friedlich verlaufen, ob dies weiterhin so bleibt, liegt in den Händen der Stadt und der Neuen Heimat. Wir haben bereits am Abend der Besetzung damit begonnen, die Wohnungen zu renovieren und wir haben dabei gute Fortschritte gemacht...“

So war es auf einem Flugblatt vom 5. Dezember 1980, herausgegeben von der „Initiative Schöner Wohnen“, zu lesen.

Worum ging es den 50 Auszubildenden, Schülern, Studenten und arbeitslosen Jugendlichen in ihrem Protest? Sie wollten verhindern, dass alte Häuser zwischen Lerchenstraße und Herzog-Friedrich- Straße abgerissen und stattdessen ein großes Einkaufszentrum und ein Hotel gebaut werden.


Von den Hopfengärten zum Hauptbahnhof



Das heutige Geschäfts- und Wohnhaus am Sophienblatt, der Sophienhof, liegt in einem Stadtbereich, der in seiner Bebauung jung ist und erst mit der Bahnverbindung Kiel-Altona (1844) systematisch erschlossen wurde.

Der Straßenname Sophienblatt geht auf die lateinische Pflanzenbezeichnung salvia zurück, eine zum Bierbrauen verwendete Hopfenart, die auf den umliegenden Äckern angebaut wurde. Schon 1665 tauchte der Name Salbienblade auf, dessen Umformung in Sophienblatt für den im 18. Jahrhundert angelegten Hamburger Weg zwischen heutigem Ziegelteich und Rondeel gebräuchlich wurde. 1838 taucht der Name Sophienblatt erstmalig auf einem Stadtplan auf.

Das heutige Sophienhof-Areal lag im Mittelalter in diesen Hopfengärten der Hummelwiese (lat. humulus = Hopfen), wo Kieler Bürger Hopfen anbauten, der für die heimische Biererzeugung große Bedeutung hatte. 1445 besaßen z. B. 35 Kieler Häuser das Braurecht.

Wo früher auf dem heutigen Sophienhof-Gelände ein einsames Gehöft, der Schnackenkrug, gelegen hatte, entstand im 18. Jahrhundert die bedeutendste Kieler Fayencemanufaktur. 1763 hatte der sächsische Fabrikant Johann Tännich sie im Auftrag des Landesherren gegründet. In ihr wurden von Künstlern aus Kopenhagen und Straßburg „Kieler Fayencen“ hergestellt, d. h. bemalte Töpferwaren, die in ihrer Qualität dem Porzellan ähnelten und damals zu den besten Fayencen Europas zählten und heute noch begehrte Sammlerstücke sind. 1982 fand man bei Bauarbeiten des Sophienhofes noch Scherben dieser Manufaktur.

Am Rande des Sophienhof-Areals, an der heutigen Ecke Herzog-Friedrich-Straße und Hopfenstraße, befand sich das 1804 gebaute dänische Militärhospital, das in der Choleraepidemie 1830/31 als Krankenhaus diente. Zum Glück erkrankten nur wenige Kieler, denn die Epidemie drang nur bis Mittelholstein vor.

1844 wurde nun die erste Eisenbahnlinie in Schleswig-Holstein eröffnet, die von Kiel nach Altona führte. Der Bahnhof, 1846 fertig gestellt, lag an der Klinke, dort, wo sich heute der Stresemannplatz vor der Hauptpost und dem Neuen Rathaus befindet. Die Bahnverbindung bedeutete für Kiel Wirtschaftswachstum und auch Stadterweiterung. Das Sophienblatt wurde statt des Königsweges Hauptverkehrsstraße nach Süden.

Bis zum Bahnanschluss Kiels 1844 war das Sophienblatt eine von Pappeln umsäumte Straße, die an der Wasserseite einige Gebäude aufwies, wenn z. T. auch nur Gartenhäuser, auf der Westseite aber nur wenig bebaut war.

Gegenüber der Einmündung der Ringstraße, wo sich heute der große Parkplatz am Bahnhof befindet, war schon 1822 neben der alten St.-Jürgen-Kapelle das Stadtkloster entstanden. Hier lag auch der St.-Jürgen-Friedhof, den die Stadt 1793 gekauft und 1836 erweitert hatte.

Zwischen 1850 und 1880 wurden am Sophienblatt nun zweigeschossige Häuser errichtet. Innerhalb des Sophienhof-Geländes war die Straße um 1870 schon vollständig bebaut, 1890 galt das Gleiche für die Lerchenstraße. Zu den ersten Häusern dieser Zeit gehört das von der Bäckerei Johannsen, das 1848 an dem heutigen Standort errichtet wurde.

Seit 1871 war Kiel Reichskriegshafen, dadurch wuchs die Stadt sprunghaft. 1867 hatte sie 24 000, 1885 dann 51 000 und 1900 schon 108 00 Einwohner und war damit Großstadt. Der Bahnhof an der Klinke konnte den veränderten Verkehrsverhältnissen nicht mehr gerecht werden. So entstand in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts der Entwurf für einen neuen, größeren Bahnhof am Sophienblatt an der Stelle, wo er sich heute noch befindet. 1899 fand die Einweihung des imposanten Baus statt. Das Umfeld des Bahnhofs war aber keineswegs repräsentativ. Dies wollte die Stadt ändern, denn die mit dem Zug Ankommenden sollten beeindruckt und von der Bedeutung der Stadt überzeugt werden. Das Sophienblatt als direkte Verbindungsachse zwischen Bahnhof und Altstadt sollte großstädtisches Format erhalten.


Großstädtische Bauten am Bahnhof



Der Ausbau der Bahnhofumgebung begann 1902 mit Errichtung der St.-Jürgen-Kirche, die das Sophienblatt optisch nach Süden abschloss. Die St.-Jürgen-Kapelle musste deshalb abgerissen werden, ebenso 1909 das Stadtkloster wegen der Erweiterung des Bahnhofs. Im Norden des Bahnhofsplatzes wurde 1908 das repräsentative Hansa-Hotel erbaut. Auf der Westseite des Bahnhofs, auf dem heutigen Sophienhof-Gelände, entstanden große fünfgeschossige Geschäfts-und Wohnhäuser, wo früher einfache zweigeschossige Mietshäuser gestanden hatten. 1905-1907 errichtete die „Schleswig-Holsteinische Landgesellschaft“ einen monumentalen Jugendstilbau. 1903 entstand an der Ecke Herzog-Friedrich-Straße/ Sophienblatt das Sophieneck, das durch seine reich verzierte Fassade in einer Mischung aus „Jugendstil-Gotik“ und „Deutscher Renaissance“ auffiel.

Zwischen Sophieneck und dem Haus der „Schleswig-Holsteinischen Landgesellschaft“ errichtete 1906 die Baufirma Popp für den Fahrradfabrikanten E. Hecht den ersten Sophienhof im Sophienblatt Nr. 22-24. Der Bau kann wahrscheinlich entgegen geltender Meinung nicht dem Architekten Heinrich Stav zugeschrieben werden. Der Sophienhof war ein modernes Geschäfts- und Wohnhaus mit einem geräumigen Treppenhaus und großbürgerlichen Wohnungen. Dahinter schloss sich ein großer Wohn- und Gewerbehof an. Die Fassade des Vorderhauses war hellgelb verputzt, die Fenster mit braunen Steinbalken eingefasst. Die Trennung zwischen der Ladenzone und dem ersten Obergeschoss erfolgte durch einen Flechtbandfries. Die Fassade schmückten zwei Erkerkonsolen, unter denen Groteskmasken aus Sandstein angebracht waren. Noch mehr Aufmerksamkeit fanden die merkwürdigen Fabeltiere an den „Giebelflanken“. Diese maskenhaften Sphinx-Figuren werden als „Mischung von ägyptisierender Sphinx-Symbolik und gleichfalls ägyptisierendem Sonnensymbol des geflügelten Löwen“ gedeutet. So gehörte der Sophienhof, ebenfalls ein Zeugnis repräsentativer Architektur des Jugendstils, zu den Großbauten am Bahnhof, die den Reisenden Kiels Entwicklung zur Großstadt vermitteln sollten. An der Rückseite dieses Areals bis zur Hopfenstraße befand sich die große Kieler Fischfabrik Richter, die während der 30er Jahre zu den größten Fischkonservenproduzenten des Deutschen Reiches gehörte.


Sanierungsgebiet Sophienblatt



Der Innenstadt- und Bahnhofsbereich wurden im Zweiten Weltkrieg stark zerstört. Das Haus der „Schleswig-Holsteinischen Landgesellschaft“ blieb nur zu einem Drittel erhalten, das dahinter stehende zweite Gebäude jedoch ganz. Das Hansa-Hotel gab es nicht mehr. Das Thaulow-Museum Ecke Sophienblatt/Ziegelteich, das 1876-78 nach Plänen von Heinrich Moldenschardt errichtet und 1911 erweitert worden war, zeigte noch Reste des alten Gebäudes. Nur der Anbau war unzerstört geblieben. Daneben aber hatten das Sophieneck und der Sophienhof den Krieg überstanden. Der Sophienhof war bei Luftangriffen beschädigt worden. Zerstört wurden das Pyramidendach und Teile der Obergeschosse. Das Haus erfuhr dann in den 1950er und 1960er Jahren einige Umbauten, so z. B. durch Zusammenlegen von Schaufenstern, wodurch die ursprüngliche Fassade verändert wurde. Außerdem verlor sie dadurch ihre alte Symmetrie.

Der Wiederaufbau des Bahnhofsbereiches begann in den 1950er Jahren. Der Bahnhof mit großen Freiflächen für Kraftfahrzeuge, breiten Fußwegen, mit Anschlüssen an Bus, Straßenbahn und Schiff wurde zu einem Verkehrsknotenpunkt in der Stadt ausgebaut. Um das südliche Sophienblatt zu erweitern, verschwand 1954 die St.-Jürgen-Kirche.

Der vereinfachte Wiederaufbau des Bahnhofs-Empfangsgebäudes sowie der Bahnsteighalle vollzog sich 1950-1956. An der Nordseite des Bahnhofsvorplatzes war 1953 schon der Neubau des Raiffeisenhauses entstanden.

Die Stadt erwog dann die Sanierung des Sophienblattes zwischen Herzog-Friedrich- und Lerchenstraße. Bereits 1970 war der stehen gebliebene Erweiterungsbau des Thaulow-Museums zugunsten des Hertie-Kaufhauses abgerissen und an dieser Stelle die Straßenfront zurückverlegt worden Die Folge war, dass das Sophieneck in den Straßenraum hineinragte.

Grundlage für das Sanierungsgebiet war der Generalverkehrsplan von 1977 und der Bebauungsplan Nr. 631 von 1981. Es war vorgesehen, das Sophienblatt zu erweitern und zwischen Lerchen- und Herzog-Friedrich-Straße eine Flächensanierung vorzunehmen, d. h. die vorhandenen Bauten sollten nicht renoviert, sondern abgerissen werden und Neubauten Platz machen. Die Umgebung des Bahnhofs sollte wieder wie vor dem Ersten Weltkrieg attraktiv gestaltet werden. Dafür sollten jene Gebäude fallen, die 80 Jahre vorher aus demselben Grund entstanden waren.

Die Neue Heimat kaufte seit 1969 in diesem Sanierungsgebiet Grundstücke auf und beabsichtigte, anstelle der alten Häuser neue Wohnungen, Läden, Büros und ein Hotel zu errichten. Im südlichen Bereich dieses Areals plante der Stinneskonzern auf städtischem Grund und Boden ein Geschäftszentrum.


Protest, Protest!



Die Proteste gegen den Abriss der Häuser am Sophienblatt waren vielfältig und am spektakulärsten sicherlich 1980 die Besetzung der Gebäude durch die „Initiative Schöner Wohnen“, deren Flugblatt vom 5. Dezember oben abgedruckt ist. Im Brennpunkt der Haubesetzung standen die zwei Jugendstilgebäude am Sophienblatt, das Sophieneck und der Sophienhof.

Zu den ersten „Besetzern“ des Sophienhofes ist wohl der Künstler Raffael Rheinsberg zu zählen, der seit der 1960er Jahre in einer kleinen Hinterhofwohnung des Sophienhofes wohnte, in dem sein Großvater früher Pförtner gewesen war. Von hier aus hatte sich Rheinsberg, wenn eine Wohnung in dem Haus frei wurde, über große Teile des Gebäudes mit seinen künstlerischen Werken ausgebreitet. Durch die Auseinandersetzung mit vergessenen oder liegen gelassenen Gegenstände der Bewohner, wie z. B. Akten, Briefe, Zeitungen, Photos, alte Strümpfe, Babysachen, Prothesen und krumme Nägeln, verschaffte sich Rheinsberg einen künstlerischen Zugang zu dem Haus und seinen ehemaligen Bewohnern. Dieses „Museum Sophienblatt 22/24“ wurde für einige Zeit zur überregional bedeutsamen Begegnungsstätte für Künstler. Im Zuge der weiteren Besetzung wurden Teile von Rheinbergs Arbeiten zerstört, so dass die Kieler Nachrichten im Dezember 1980 berichteten, dass das „Museum Sophienblatt 22/24“ eine Ruine sei.

Kritik an der Flächensanierung im Sophienblatt kam auch von den Denkmalpflegern und Kunsthistorikern. Letztere forderten noch 1982 in einer Resolution, auch „in Kiel der Vergangenheit eine Zukunft“ zu geben., machten in einer Broschüre auf die kunsthistorische Bedeutung dieser Häuserzeile aufmerksam und forderten, den Generalverkehrsplan und den Bebauungsplan 631 zu überdenken. Vorbild für sie war die Renovierung der Häuser Victoriaeck an der Ecke Stresemannplatz und Sophienblatt 3, das Gebäude des Haus- und Grundeigentümer-Vereins.

Auch die Kieler SPD hatte 1981 die Erhaltung der Altbauten in der südlichen Innenstadt befürwortet, ebenso die Rathausfraktion der Grünen. Sie hatte versucht, dass die Gebäude am Sophienblatt unter Denkmalschutz gestellt werden. Der Landeskonservator Dr. Hartwig Beseler sah 1982 dafür keinen Anlass. Er antwortete den Grünen: „Der Sophienhof würde, wenn er heute – vor Festlegung des grundsätzlichen Verkehrskonzeptes – zu beurteilen wäre, vom Landesamt für Denkmalpflege als einfaches Kulturdenkmal im Sinne des Gesetzes bewertet werden. Da jedoch die Weichen bereits vor 1964 gestellt wurden und damals ein solcher Bau weder im wissenschaftlichen noch im öffentlichen Bewusstsein als bemerkens- oder erhaltenswert galt, konnte die Stadtplanung davon ausgehen, ihn dem Verkehr zu opfern.“ Persönlich bedauerte der Kunsthistoriker den Verlust der Gebäude im Sophienblatt, deren grundsätzliche Erhaltungswürdigkeit ihm gegeben erschien. Er könne seine Entscheidung jedoch nur aufgrund der Rechtslage und in Verantwortung der ihm übertragenen Aufgabe fällen, hieß es abschließend in seinem Brief an die Grünen.

So ging alles seinen Gang. Die Stadt hielt an dem Sanierungsplan fest, denn sie fürchtete Regressansprüche im Falle der Planänderung. Die Neue Heimat hatte vorsorglich Schadenersatzforderungen in Millionenhöhe angekündigt, denn sie war dabei, Detailpläne für das Bebauungsgebiet zu erarbeiten.


Abriss des Sophienhof-Geländes



1981 begann dann mit dem Abbruch zweier Läden die ersten Abrissarbeiten im Sophienblatt. Sie wurden von den Hausbesetzern des angrenzenden Sophienhofes mit Protest begleitet, d. h. sie besetzten die Dächer der Läden und bauten anschließend aus den Trümmern des abgerissenen Hauses eine Straßensperre auf, so dass die Polizei einschreiten musste.

Im Juli 1983 wurden im Sanierungsgebiet Sophienblatt unter riesigem Polizeiaufgebot die letzten Häuser beseitigt. Am Sonnabend, dem 23. Juli, ging der Sophienhof „in die Knie“, wie die Kieler Nachrichten berichteten. Nur die alte Fassade blieb stehen, die anschließend sorgfältig abgetragen wurde, um die Ornamente an der Fassade zur Wiederverwendung zu retten. Ungefähr 500 Personen demonstrierten gegen den Abriss. Nach einem Umzug durch die Innenstadt und der offiziellen Auflösung des Demonstrationszuges ließen sich jedoch noch einige Demonstranten eine Zeit lang auf der Kreuzung Sophienblatt/Stresemannplatz nieder.


Die Errichtung des neuen Sophienhofes



Weit über zehn Jahre wurde im Sanierungsgebiet Sophienblatt geplant, umgeplant, Vorstellungen reduziert und wieder verworfen. Vorgesehen waren in dem Neubaukomplex Geschäfte des gehobenen Bedarfs, Büros, 207 Sozialwohnungen, Freizeiteinrichtungen, Restaurants und ein Hotel mit 250 Betten. Aber das 100-Millionen-Mark-Projekt war in Frage gestellt, als das Land die Zuweisung für die vorgesehenen Sozialwohnungen kürzte. Die Neue Heimat trennte sich von dem Vorhaben und präsentierte einen neuen Investor, das holländische Bauunternehmen der Familien Wilhelmsen und Maas (Wilma), von dem niemand vorher in Kiel gehört hatte. Die Wilma übernahm nicht nur die Investor-Aufgaben der Neuen Heimat, sondern das gesamte Objekt am Sophienblatt, nachdem auch der Stinneskonzern im November 1984 aus dem Bauvorhaben ausgestiegen war.

Eine generelle Neuplanung des Baus wurde nicht vorgenommen, denn die Wilma konnte vieles übernehmen, was die Neue Heimat und die Stadt Kiel schon vorher geklärt hatten. Aber die neue Firma fand keinen Investor für das Hotel. Es sollte auf drei Stockwerken im südlich der Lerchenstraße angesiedelten Komplex untergebracht werden. Die Wilma machte daraufhin der Stadt das Angebot, die Räume zu mieten, anderenfalls sei eine fünfgeschossige Bebauung nicht möglich. Wenn die Stadt Kiel nicht eingesprungen wäre, wäre der Gebäudetrakt unmittelbar gegenüber dem Bahnhof ein zweigeschossiger Torso geblieben und hätte eine hässliche Lücke in der Gestaltung der Fassade hinterlassen. Die SPD Ratsfraktion beschloss also, wenn auch mit „erheblichen Bauchschmerzen“, 2,5 bis 3 Millionen DM in die Gestaltung eines kulturellen Zentrums und einer städtischen Galerie in drei Etagen zu investieren.

Im April 1987 wechselte dann das halbfertige Einkaufs- und Geschäftszentrum Sophienhof erneut seinen Besitzer. Die Wilma verkaufte das Projekt an die „DEGI – Deutsche Gesellschaft für Immobilienfonds mbH-Grundwertfonds“, einer Tochtergesellschaft der Dresdner Bank. Denn die Wilma ist ein Unternehmen, das kauft, plant und wieder verkauft. Sie blieb aber noch für mindestens fünf Jahre Generalmieter am Sophienblatt.

Endlich am Donnerstag, dem 3. März 1988, wurde der Sophienhof feierlich eingeweiht. Kurz vorher waren noch die beiden Sphinxe von der Fassade des alten Sophienhofes nach gründlicher Restaurierung zu beiden Seiten des Portaleingangs am Sophienblatt angebracht worden.

Der Sophienhof mit seinen vielfältigen Geschäften, Büros, Praxen, Restaurants und der Stadtgalerie entwickelte sich zu einem Anziehungspunkt für Kiel, sein Umland und auch für die Gäste aus den nordischen Staaten, die mit Fährschiffen in der Stadt ankommen. Der wirtschaftliche Erfolg stellte sich von Anfang ein. Der Sophienhof ist einer der bedeutendsten Einkaufspassagen Deutschlands und gilt auch heute noch europaweit als Modell für ein erfolgreiches Shopping-Center. Trotzdem trauert noch so mancher Kieler den alten Gebäuden am Sophienblatt nach.


Christa Geckeler




Literatur



Der Fall Sophienblatt

. Ein Dokument Kieler Stadtgeschichte vor der Wende!? Architektur, Städtebau, Neuplanung, Sanierung, (Vorträge und Resolution des Schleswig-Holsteinischen Kunsthistorikerkreises von 22. 3. 1982, Kiel 1982), Stadtarchiv Kiel

Eckhardt, Heinrich

. Alt-Kiel in Wort und Bild, Kiel 1899

Flugblatt

Der Sophienhof besetzt, verfasst von der „Initiative Schöner Wohnen“, 5. Dezember 1980, Stadtarchiv Kiel

Flugblatt

Die Grünen. Frischer Wind ins Rathhaus, Stadtarchiv Kiel

Greiser, Sabine

Großstadtarchitektur für Kiel. Der Sophienhof, Magisterarbeit, Kiel 1990, Stadtarchiv Kiel

Kieler Express

vom 23. Juli 1981; vom 14. Februar 1985; vom 2. April, 18. Juni, 10. Dezember 1987

Kieler Nachrichten

vom 18. Dezember 1973; vom 25. April, 27. April, 17. Dezember 1980; vom 13. März, 5. Mai, 19.Juni, 4. November 1981; vom 5. August, 19. August 1982; vom 21. Juli, 22. Juli, 23. Juli, 25. Juli, 30. Juli 1983; vom 7. Februar, 20. April 1985; vom 24. April, 29. Mai 1986; vom 7. März, 2. April, 31. Dezember 1987; vom 29. Januar, 2. März, 3. März 1988; vom 26. Februar 1998/Beilage; vom 2. September 2004

Klewin, Ferdinand

Stadtbummel durch Alt-Kiel, Kiel 1989

Lang, Manfred

, Horst Peters, Nico Sönnichsen, Heide Ziefuß (Hrsg.): Kiel zu Fuß. 17 Stadtrundgänge durch Geschichte und Gegenwart, Hamburg 1989

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