Kieler Erinnerungstag:

30. Mai 1906
Kieler Universitäts-Kinderklinik

Heute ist es für jeden selbstverständlich, dass es für Kinder spezielle Krankenhäuser, die Kinderkliniken, gibt. Das war nicht immer so.

Als die Kieler Universität 1665 gegründet wurde, bestand sie aus vier Fakultäten, der juristischen, theologischen, philosophischen und medizinischen. Bis 1862 gab es aber keinen zusammenhängenden Klinikkomplex, sondern nur an verschiedenen Stellen Kiels gelegene Krankenhäuser, die sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts als zu klein und veraltet erwiesen. Deshalb wurden 1862 in der Brunswik die Anfänge des heutigen Klinikums eröffnet. Diese „Akademischen Heilanstalten“ umfassten ein medizinisch-chirurgisches Krankenhaus, eine Gebäranstalt, ein Pocken- und Leichenhaus sowie ein Wohnhaus für den ärztlichen Direktor der Gebäranstalt, aber keine Kinderklinik.

Diese wurde erst 1906 von Irene, Prinzessin Heinrich von Preußen, als „Heinrich-Kinderhospital“ (Hei-Ki-Ko) gegründet. 1904 hatte die Prinzessin ihren jüngsten Sohn durch die Bluterkrankheit verloren. Auf ihre Anregung wurde daher die Gesellschaft „Heinrich- Kinderhospital“ gegründet. In dem ersten Verwaltungsbericht der Gesellschaft von 1906 heißt es:

„Unter dem Namen „Heinrich-Kinderhospital“ G. m. b. H. in Kiel, (Hospital für innerlich kranke Kinder jeglichen Standes aus der Provinz Schleswig-Holstein) wurde auf Anregung und unter dem Protektorat Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Prinzessin Heinrich von Preußen, die in hochherziger Weise einen namhaften Beitrag zum Zwecke der Errichtung eines Kinderhospitals gespendet hat, die oben genannte Gesellschaft am 27. März 1905 gegründet und als solche am 29. März 1905 beim Königlichen Amtsgericht in Kiel ins Handelsregister unter Nr. 64 eingetragen. ...Zum Zwecke der Errichtung eines Hospitals wurde das am Lorentzendamm Nr. 10 belegene Gewese des Herrn L. von Bremen für die Summe von 125 000 M käuflich erworben. ...Durch die bereits vorgenommenen und noch weiter in Ausführung begriffenen inneren Umbauten wird das Gebäude nach Fertigstellung dieser Arbeiten für den Zweck eines Kinderhospitals sehr passend sein, und der zugehörige Garten wird mit dazu beitragen, dass das Hospital eine wirkliche Heilstätte für kranke Kinder wird.“

Der Staat Preußen sah in dieser Initiative eine Chance, verhältnismäßig „billig“ zu einer Kinderklinik zu kommen. Diese wurde damals dringend gebraucht, weil die Preußische Prüfungsordnung für Ärzte 1901 festlegte, dass ab 1904/05 die Medizinstudenten für die Zulassung zum Staatsexamen eine halbjährige Ausbildung in einer Kinder- oder Kinderpoliklinik nachweisen mussten. 1903 besaßen von den zehn preußischen Universitäten erst drei, Berlin, Breslau und Greifswald, eine eigene Kinderklinik oder Polikinderklinik.

So gab der preußische Staat in Kiel zu den von der Gesellschaft gesammeltem 67 000 Goldmark

32 000 dazu und stellte als Subvention weitere 7000 Goldmark im Jahr in Aussicht. Mit diesen

100 000 Mark konnte die Villa am Lorentzendamm 10 gekauft werden. Am 30. Mai 1906 konnte das „Heinrich-Kinder-Hospital“ feierlich seiner Bestimmung übergeben werden. Das Hospital begann mit vier Zimmern für 16 Säuglinge. Daneben gab es eine gleich große Abteilung für größere Kinder und eine Isolierstation mit acht Betten. Da in diesem Haus also auch Kinder mit Infektionskrankheiten untergebracht waren, bestand eine große Ansteckungsgefahr für die anderen kranken Kinder. Deshalb erwarb die Gesellschaft „Heinrich-Kinderhospital“ mit einem zinslosen Darlehen der Prinzessin von Preußen das Nachbargrundstück Lorentzendamm 8.

Das Heinrich-Kinderhospital wird zur Kinderklinik

Der Währungsverfall im Ersten Weltkrieg und in den ersten Jahren der Weimarer Republik bedeutete für die Gesellschaft, die vorwiegend von Spenden lebte, eine schwere Krise, so dass der preußische Staat die Klinik übernehmen musste und sie 1921 der Universität angliederte.

Obwohl 1925 das Lorentzendamm 6 und 1937 das „Probstenhaus“, Lorentzendamm 12, hinzu kamen, klagte die Klinikleitung immer wieder über die unzulänglichen Möglichkeiten der Unterbringung und den Raummangel.

Die Kinderklinik in Zeiten der Bomben und des Bunkers

Aber an einen Neubau war nicht zu denken, denn 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Kiel, die Stadt der Kriegsmarine und der Werften war seit 1940 das Ziel zahlreicher schwerer Luftangriffe. Aus Sicherheitsgründen wurden Abteilungen der Universität ausgelagert. Die Kinderklinik kam an verschiedenen Orten Schleswig-Holsteins unter, im Nordwesten bis Schleswig, im Südosten bis Behl bei Plön. In Kiel blieben nur die Poliklinik und zwei Stationen, bis die vier Gebäude des alten Hei-Ki-Ko am Lorentzendamm am 22. Mai 1944 Opfer eines Bombenangriffs wurden, bei dem neun Kinder und vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Tod fanden.

Nach dem Krieg holte man die verschiedenen Abteilungen der Kinderklinik wieder nach Kiel zurück und brachte sie provisorisch in der Pädagogischen Hochschule und dem benachbarten Bunker in der Fröbelstraße unter. Auch an ihrem 60. Geburtstag im Jahre 1966 war die Kinderklinik mit 215 Säuglings- und Kinderbetten noch immer an diesem provisorischen Standort. Sogar etwa ein Drittel der kranken Kinder war in dem ehemaligen Luftschutzbunker untergebracht. Hinzu kam, dass die Kinderklinik keinerlei räumlichen Kontakt zu den übrigen Universitätskliniken hatte, was besonders bei dringenden Krankheitsfällen zu großen Schwierigkeiten führte. Ein unhaltbarer Zustand!

Endlich ein Neubau für die Universitäts-Kinderklinik

Fünfzehn Jahre seit der ersten Planung, sieben Jahre seit Baubeginn und fünf Jahre nach dem Richtfest wurde endlich am 2. Juni 1978 die neue Universitäts-Kinderklinik offiziell eingeweiht. Nachträglich eingebrachte Veränderungen und damit verbundene Finanzierungsfragen hatten zwangsläufig zu Zeitverzögerungen geführt.

Im neungeschossigen Hauptbau am Schwanenweg befinden sich in den oberen Etagen die Krankenstationen, in den unteren die Funktions- und Verwaltungsräume. Im dreigeschossigen Flachbau an der Kirchenstraße wurden die Poliklinik, die Röntgendiagnostik, die Kardiologie, die Infektionsstationen und die „Unterrichtszone“ mit einem großen Hörsaal untergebracht. In den Kieler Nachrichten hieß es am 28. Juni 1978: „Nur wenige deutsche Kinderkliniken weisen eine so moderne Ausstattung auf, wie sie hier zu finden ist.“

Moderne Weiterentwicklung der Kinderklinik

Der Klinikaufenthalt ist für Säuglinge und Kleinkinder sehr belastend, ebenso für die Eltern. Als ein großer Fortschritt wurde daher von allen Beteiligten die Eröffnung des „Kieler Hauses“ der Kinderhilfe für Eltern schwer kranker Kinder empfunden. Die „Ronald McDonald Kinderhilfe“, im Frühjahr 1988 als gemeinnützige GmbH gegründet und von der gleichnamigen Fast-Food-Kette finanziell gesponsert, finanzierte den Hauskauf und Umbau in der Lornsenstraße 2. Im Mai 1990 wurde das Haus feierlich eröffnet. Hier können Eltern und Geschwister während des Klinikaufenthaltes eines schwer kranken Kindes leben, in Gesprächen mit anderen betroffenen Eltern Ruhe und Entspannung finden und jeder Zeit ihr Kind schnell erreichen. „Heimat auf Zeit“ soll das Ronald McDonald Haus sein für Familienangehörige von herz- und krebskranken Kindern und von denen, die an Mucoviscidose leiden.

Eine weitere Verbesserung der Kliniksituation wurde 1996 erreicht, als ein Operationssaal in Mobilbauweise für Herzpatienten an der Ostseite der Kinderklinik aufgestellt wurde. Diese Maßnahme war notwendig geworden, weil durch überregionale Zuweisung sich in den vergangenen Jahren die Zahl der Herzoperationen von Kindern mit angeborenen Herzfehlern mehr als verdoppelt hatte. Mit diesem Operationssaal war die Voraussetzung geschaffen, dass „Kiel eines der bundesweit führenden 15 Kinderherz-chirurgischen Zentren“ werden konnte. Bis dahin wurden die kleinen Patienten in der Chirurgie operiert und dann auf einem risikoreichen Transport mit Beatmungsgeräten und Infusionsschläuchen 500 m weit in die Kinderklinik gefahren. Im Jahre 2000 fand dann das Richtfest für den Erweiterungsbau der Kinderklinik statt. Das Gebäude am Schwanenweg erhielt eine zusätzliche Etage mit zwei Operationssälen für die Kinderkardiologie. Das Provisorium im Container hatte für Ärzte und Patienten ein Ende.

In dem neuen Stockwerk wurde aber vor allem die Kinderkrebsstation untergebracht, um die drückende Enge in den alten Räumen zu beenden. Der Neubau wurde möglich durch den großen persönlichen Einsatz des Förderkreises für krebskranke Kinder und Jugendliche. 1,4 Millionen DM an Spenden kamen zusammen.

Die neue Station ist mit Ein- und Zweibettzimmern und eigenen Toiletten und Duschen ausgestattet. In vier Zimmern können auch Angehörige übernachten. Außerdem gibt es einen Aufenthaltsraum, ein Spielzimmer und eine Küche für Eltern und Kinder. Krebskranke Kinder, die Wochen oder Monate auf dieser Station verbringen, „sollen sich hier wenigstens wohl fühlen können“, begründete der Direktor der Kinderklinik den Neubau der onkologischen Station.

Es war ein weiter Weg von dem Heinrich-Kinderhospital 1906 bis zur hochmodernen Kinderklinik in Kiel im Jahre 2006.

Autorin: Christa Geckeler (1937 - 2004)


Literatur

Bericht des Verwaltungsausschusses der Gesellschaft „Heinrich Kinderhospital“

G. m. b. H. in Kiel für die Zeit vom 24. März 1905 bis 31. Dezember 1906, Kiel 1906

Jordan, Karl

Christian-Albrechts-Universität 1665-1965, Neumünster 1965

Kieler Express

vom 22. Mai 1996, vom 26. Oktober 1996, vom 13. Mai 2000, vom 6. Dezember 2000

Kieler Nachrichten

vom 28. Mai 1966, vom 11. November 1972, vom 7. Januar 1975, vom 13. August 1976, vom 3. Juni 1978, vom 28. Juni 1978, vom 4. Januar 1989, vom 12. Mai 1990, vom 25. Mai 1996, vom 31. Mai 1996, vom 21. Oktober 1996, vom 20. Januar 2000, vom 13. Mai 2000, vom 1. Dezember 2000

Weber, Sylvia

Zur Entstehung der Kieler Universitätskliniken im 19. Jahrhundert, in: Historia Hospitalium. Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Krankengeschichte, Heft 13, 1979-1980

Wiedemann, H. R.

Heinrich-Kinderhospital. Universitäts-Kinderklinik einst und jetzt, Kiel 1966

90 Jahre Universitäts-Kinderklinik

1906-1996, Festschrift mit Programm 28.-31. Mai 1996, Tökendorf 1996


Dieser Artikel kann unter Angabe des Namens der Autorin Christa Geckeler, des Titels Kieler Erinnerungstage: 30. Mai 1906 | Kieler Universitäts-Kinderklinik und des Erscheinungsdatums 30. Mai 2006 zitiert werden.

Zitierlink: https://www.kiel.de/erinnerungstage?id=54

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