Kieler Erinnerungstag:

24. Oktober 1956
Der längste Streik in der Bundesrepublik begann am 24.Oktober mit dem Streik der Metallarbeiter in Schleswig-Holstein

Am 24. Oktober 1956 traten mit Beginn der Frühschicht um 6 Uhr über 18 000 Metallarbeiter in 15 schleswig-holsteinischen Betrieben in den Ausstand.

In Kiel waren an diesem Mittwochmorgen die normalerweise überfüllten Straßenbahnen und Dampfer fast leer. Die Howaldtswerke und die MaK, ebenso die Firma Bohn & Kähler gehörten zu den bestreikten Betrieben. Vor den Werktoren standen Polizei, Streikposten und diskutierende Gruppen von mehreren hundert Streikenden. Ungehindert konnten Angestellte, Lehrlinge, Schwerbeschädigte und die für dringende Notdienste gebrauchten Belegschaftsmitglieder die Tore passieren.

Wegen der Arbeitsniederlegung der Metallarbeiter musste auf den Howaldtswerken der für den 31. Oktober angesetzte Stapellauf eines deutschen Frachtschiffes abgesagt werden. Auch auf den Werften in Lübeck, Flensburg, Elmshorn, Lauenburg und Rendsburg wurde gestreikt. In Lübeck entfiel der Stapellauf eines Großschraubenbaggers für Indien. In Flensburg kamen die Reparaturarbeiten auf den Werften völlig zum Erliegen. Auf der Kremer-Werft in Elmshorn sprach die Geschäftsleitung von Lieferschwierigkeiten. Und in Lauenburg herrschte auf den drei Werften ebenfalls Arbeitsruhe. Wofür kämpften die Metallarbeiter?

Voller Lohn bei Krankheit auch für die Arbeiter

Die IG Metall forderte Lohnausgleich im Krankheitsfall und damit Gleichstellung mit den Angestellten. Die Gewerkschaft verdeutlichte ihre Forderungen an einem Beispiel: Ein Arbeiter mit Frau und zwei Kindern verdiente für 28 Tage Brutto 406.80 DM. Nach Abzug von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen verblieben ihm 350.30 DM. Wenn dieser Arbeiter krank wurde, bekam er an den ersten 3 Tagen (Karenzzeit) gar kein Geld, dann für 9 Tage Hausgeld von insgesamt 58.86 DM und 16 Tage Krankengeld in Höhe von 116.32 DM. In den vier Wochen seiner Krankheit erhielt er daher nur 175.18 DM. Seine Einkommensminderung betrug also die Hälfte seines normalen Verdienstes, was für die Familie eine große finanzielle Belastung bedeutete.

Die Gewerkschaften argumentierten, technischer Fortschritt, Produktivitätssteigerung, größere Umsätze der Betriebe, die hervorragende Auftragslage – die Werften waren stark ausgelastet, dass z. T. Lieferfristen bis zum Jahre 1962 bestanden – und hohe Gewinne müssten auch einen sozialen Fortschritt bedeuten.

Daher lauteten die drei wesentlichen Forderungen:

― Lohnfortzahlung im Krankheitsfall für gewerbliche Arbeiter für die Dauer von sechs Wochen, also praktisch die Gleichstellung mit den Angestellten;

― Zahlung eines zusätzlichen Urlaubsgeldes von 7.50 DM täglich und

― Verlängerung des Urlaubs auf 18 Tage, für Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr 24 Tage.

Dieses Programm hatte die Gewerkschaft am 21. April 1956 in einem Tarifvertragsentwurf den beteiligten Arbeitgeberverbänden zugesandt, nachdem schon am 31. Dezember 1955 der Rahmentarifvertrag in der schleswig-holsteinischen Metallindustrie auf Beschluss des Vorstandes der IG Metall gekündigt worden war.

Zehn Verhandlungen mit den beiden metallindustriellen Arbeitgeberverbänden Schleswig-Holsteins wurden seit Juli geführt, die jedoch im September scheiterten, weil eine Annäherung der Standpunkte nicht zu erreichen war. Die Arbeitgeber wiesen die Forderungen der Gewerkschaft mit der Begründung zurück, dass diese zu einer starken finanziellen Belastung der Betriebe führten, die Arbeitsplätze gefährden und die gesamte heimische Wirtschaft belasten würden. Z. B. wandte sich der Vorstand der MaK am 9. Oktober an seine Mitarbeiter mit folgender Feststellung: „Alle Forderungen, die von der Gewerkschaftsseite gestellt wurden, machen mehr aus, als das Werk verdient.“ Die IG Metall aber hielt ihre Forderungen für berechtigt. Die Situation spitze sich zu, der Streik war unausweichlich.

In einer Urabstimmung am 11. und 12. Oktober 1956 sprachen sich 77,7 % der Metaller für den Arbeitskampf aus. Am 22. Oktober stimmte der Gesamtverband der IG Metall in Frankfurt dem Streik der Metallarbeiter in Schleswig-Holstein zu.

Der große Streik



Daraufhin traten am 24. Oktober Metallarbeiter zwischen Flensburg und Lauenburg in den Ausstand. Der längste und umfangreichste Streik in der deutschen Gewerkschaftsgeschichte nahm seinen Lauf. Er dauerte 114 Tage, d. h. 16 Wochen. Waren von 1949 bis Herbst 1956 1.110.000 Arbeitstage im Land durch Streiks verloren gegangen, so entfielen allein durch den Metallarbeiterstreik 1956/57 2.230.000 Tage. Er begann als Schwerpunktstreik in den gewerkschaftlich gut organisierten Werftbetrieben und Maschinenfabriken, weil man hier mit wenig Streikbrechern rechnen konnte. Er verursachte auch weniger Kosten und dadurch eine bessere Unterstützung für die Streikenden.

Mitte November ging die zentrale Streikleitung, die ihren Sitz in Kiel im Gewerkschaftshaus hatte, dazu über, kleinere Betriebe in den Streik einzubeziehen. Insgesamt wurde der Arbeitskampf in zehn Schritten bis zum 11. Januar 1957 auf 38 Betriebe mit 34 068 Beschäftigten ausgedehnt. Bei den Howaldtswerken z. B. traten von 11 503 Lohnempfängern 9648 in den Ausstand. Den Umsatzverlust schätzte die Geschäftsleitung auf ca. 100 Millionen DM. Insgesamt streikten Beschäftigte in folgenden Kieler Betrieben: ab 24. Oktober 1956 auf den Howaldtswerken, bei der MaK, in der Firma Bohn & Kähler, ab 5. November die Beschäftigten von Bernhard Kröger, der Elektro-Acustic, von Hagenuk, Vollert & Merkel, ab 14. November in den Firmen Rudolf Prey, Poppe GmbH, Eisen- und Stahlbau, ab 11. Januar 1957 bei Anschütz & Co., Zeiss-Ikon und in dem Betrieb von Fritz Howaldt.

Durch verschiedene Maßnahmen gelang es der Gewerkschaft, die Streikfront aufrechtzuerhalten.

Erstmalig wurden täglich die „Streik Nachrichten“ der IG Metall-Bezirksleitung, die bei der „Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung“ gedruckt wurde, an die Arbeiter verteilt, um sie über den Stand der Verhandlungen zu unterrichten. Auf montäglichen Streikversammlungen sollte die Möglichkeit für Aussprachen und Kontakte zu den Mitgliedern bestehen, ebenso auf Großkundgebungen an den großen Streikorten am 6. und 7. Dezember und am 7. Januar. In diesem Zusammenhang kamen in Kiel am 6. Dezember 1956 um 17 Uhr Streikende zu einer Kundgebung auf dem Kieler Rathausplatz zusammen.

Es gab auch eine Vielzahl von Unterhaltungsveranstaltungen, die den Zweck verfolgten „die Streikenden und ihre Familien zusammenzuführen und ihnen dadurch das Bewusstsein zu geben, dass sie in diesem Kampf nicht allein sind.“ Zu diesem Programm gehörten Streikrevuen, z. B. am 31. Oktober 1956 in der Kieler Ostseehalle, Kabarettveranstaltungen, Operettenabende, kostenlose Kinovorführungen, Skat- und Schachtuniere. Insgesamt fanden in den 16 Streikwochen 49 Veranstaltungen mit 39 620 Besuchern und vier Großveranstaltungen in der Kieler Ostseehalle mit jeweils 8500 Besuchern statt. Für die Ehefrauen wurden Hausfrauennachmittage und Modenschauen, drei davon im Oktober in Kiel, organisiert. Auch die Kinder und Jugendlichen wurden unterhalten. Weil man erwartete, dass die Weihnachtszeit die Haltung der Streikenden negativ beeinflussen könnte, veranstaltete die Gewerkschaft Weihnachtsfeiern. Über zehn Streik-Weihnachtsfeiern fanden allein in Kiel in den einzelnen Stadtteilen statt. Besonders eindrucksvoll war eine Feier im Gewerkschaftshaus, auf der neben dem Gewerkschaftssekretär auch Probst Sonntag sprach. Auf diesen Veranstaltungen verteilten Gewerkschaftsmitglieder Lebensmittelgutscheine, Weihnachtsgeld und im gesamten Bundesgebiet gespendete Geschenke an die Kinder.

Wichtig war natürlich die finanzielle Unterstützung der Streikenden durch die Gewerkschaft. Ca. 60% der Mitglieder erhielten wöchentlich 50-60 DM, außerdem eine Zulage von 10 DM, später von 15 DM. Seit Ende November wurde eine Mietbeihilfe von 45 DM für Verheirate und 25 DM für Ledige gewährt. Kinder konnten einige Tage in einem Ferienheim verbringen, Ledige im Kieler Gewerkschaftshaus ein billiges Mittagessen erhalten. Durch alle diese Maßnahmen kamen die Streikenden fast auf ihren Nettolohn.

Für Streikbrecher hatten die Gewerkschaftler kein Verständnis. Die Unternehmer und Arbeitgeberverbände versuchten, die Streikfront aufzubrechen, indem sie betriebliche Sozialleistungen, vor allem die Werkswohnungen, als Druckmittel gegenüber den Streikenden benutzten, aber auch Entlastungen vornahmen und Streikende diffamierten. Während des Arbeitskampfes wurden nicht mehr als 800 „Arbeitswillige“ gezählt, bei Howaldt nur 16 Streikbrecher registriert. Sie wurden von ihren Arbeitskollegen verachtet.

Tarifverhandlungen und Schlichtungsgespräche

Im Dezember unternahm Ministerpräsident von Hassel zwischen den Konfliktparteien einen Vermittlungsversuch, der aber scheiterte. Ebenfalls im Dezember wurden erste Schlichtungsverhandlungen geführt. Der Einigungsvorschlag der Schlichtungsstelle wurde aber von der Großen Tarifkommission der IG Metall abgelehnt. Auch 97% der im Ausstand befindlichen Metallgewerkschaftler sprachen sich am 7. Januar in einer Urabstimmung gegen den Einigungsvorschlag aus. In diesem scheinbar ausweglosen Konflikt wandte sich Ministerpräsident von Hassel an Bundeskanzler Konrad Adenauer, der daraufhin die Tarifparteien am 17. Januar 1957 zu einer Besprechung ins Kanzleramt einlud. Das Ergebnis der Bonner Verhandlungen wurde in einer Urabstimmung am 30. Januar mit 76% verworfen. Die Gewerkschaftsführung beschloss die Weiterführung des Streiks, rief aber gleichzeitig, um den „Risiken eines ausgedehnten Streiks mit politischen Konsequenzen“ auszuweichen, die freiwillige Schlichtungsstelle an, die am 8. Februar in Kiel zusammentrat und schon einen Tag später einen verbesserten Vorschlag vorlegte. Mit nur zwei Gegenstimmen wurde er von der Tarifkommission befürwortet und den Streikenden zur Annahme empfohlen. Zwar sprachen sich in einer weiteren Urabstimmung am 13. Februar 1957 39,66% der Streikenden für und 57,66 % gegen eine Annahme aus. Da aber 75% der Stimmen für die Fortführung des Arbeitskampfes nach der Satzung notwendig gewesen wären, hatte der Streik nun endlich sein Ende gefunden. Am Freitag, dem 15. Februar, meldeten die Kieler Nachrichten. „Seit heute Morgen wird in den bestreikten Betrieben der schleswig-holsteinischen Metallindustrie wieder gearbeitet“.

Das Ergebnis des Arbeitskampfes

Wie die Urabstimmung vom Februar gezeigt hat, war das Ergebnis der Kieler Verhandlungen bei den Metallarbeitern nicht unumstritten. Es war letztlich zwischen den Tarifparteien zu einem Kompromiss gekommen, der folgendermaßen aussah:

- Bei einer Krankheitsdauer von mehr als einer Woche werden eineinhalb Karenztage voll bezahlt. Nach einer Krankheitsdauer von mehr als zwei Wochen werden drei Karenztage mit dem Nettoverdienst bezahlt.

- Die Höhe des Lohnausgleichs im Krankheitsfall beträgt 90% des Nettolohns. Die Wartezeit wird von sieben auf vier Tage verkürzt.

- Lohnfortzahlung wird bei jedem Arbeitsunfall unabhängig von der Dauer der Betriebszugehörigkeit gewährt.

- Urlaubstage werden vermehrt und eine bessere Urlaubsvergütung gewährt.

Mit dieser tariflichen Regelung hatten die Metallarbeiter in Schleswig-Holstein einen bedeutenden Schritt in der Gleichstellung von Arbeitern und Angestellten erreicht. „Im Rückblick der schleswig-holsteinischen Metallgewerkschafter auf ihre Geschichte nimmt der Arbeitskampf von 1956/57 zweifellos den ersten Rang ein. Im Lichte der Ereignisse vor fast vierzig Jahren erscheinen sie, ähnlich ihrer Rolle beim Matrosenaufstand des Jahres 1918, als Vorreiter einer für ganz Deutschland wichtigen sozialpolitischen Entwicklung“ (Stamp).

Nur wenige Monate nach Beendigung des Streikes in Schleswig-Holstein, am 26. Juni 1957, verabschiedete der Bundestag das „Gesetz zur Verbesserung der wirtschaftlichen Sicherung der Arbeiter im Krankheitsfall“, wobei sich der Gesetzgeber an den Ergebnissen in Schleswig-Holstein orientierte. Ohne den Streik in diesem Bundesland wäre das Gesetz möglicherweise nicht entstanden. So profitierten auch Arbeiter in der gesamten Bundesrepublik von dem Erfolg in Schleswig-Holstein. Am 1. Januar 1970 trat das „Gesetz über die Fortzahlung des Arbeitsentgelts im Krankheitsfall“ in Kraft. Seit dieser Zeit entfallen die als ungerecht empfunden Karenztage.

Autorin: Christa Geckeler (1937 - 2004)


Literatur

Kalk, Wilfried

120 Jahre Metallarbeiterbewegung in Kiel. Die Geschichte der IG Metallverwaltungsstelle bis 1989, Kiel 1989

Kieler Nachrichten

vom 28. Oktober 1956, vom 7. Dezember 1956, vom 28. Oktober 1981, vom 30. Juni 1984, vom 5.Juli 1984

MaK, Rundschreiben

an alle Werksangehörigen, Briefe des Vorstandes vom Oktober 1956 bis Februar 1957, Stadtarchiv Kiel

Ostersehlte, Christian

Von Howaldt zu HDW. 165 Jahre Entwicklung von einer Kieler Eisengießerei zum weltweit operierenden Schiffbau- und Technologiekonzern, Kiel-Hamburg 2004

Stamp, Friedrich

Arbeiter in Bewegung. Die Geschichte der Metallgewerkschaften in Schleswig-Holstein, Malente 1997

Streik-Nachrichten

des Metallarbeiterstreiks in Schleswig-Holstein vom 24. Oktober 1956 bis 14. Februar 1957, herausgegeben und überreicht vom Vorstand der Industriegewerkschaft Metall für die Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt/Main, den 14. September 1976

90 Jahre Industriegewerkschaft

1891 bis 1981. Vom Deutschen Metallarbeiter-Verband zur Industriegewerkschaft Metall. Ein Bericht in Wort und Bild, Frankfurt/Main 1985



Hinweis:

CD: Dokumentarfilm: „Karenztage-Zeitzeugen berichten und Dokumentation eines Arbeitskampfes 1956/57“, Fernsehsendung (1993) über die Lohnfortzahlung, IG Metall VST Kiel


Dieser Artikel kann unter Angabe des Namens der Autorin Christa Geckeler, des Titels Kieler Erinnerungstage: 24. Oktober 1956 | Der längste Streik in der Bundesrepublik begann am 24.Oktober mit dem Streik der Metallarbeiter in Schleswig-Holstein und des Erscheinungsdatums 24. Oktober 2006 zitiert werden.

Zitierlink: https://www.kiel.de/erinnerungstage?id=63

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