Kieler Erinnerungstag:

18. Dezember 1907
Einweihung der Petruskirche in der Wik

Die Petruskirche ist zum Wahrzeichen der Wik geworden. Sie wurde 1905 bis 1907 errichtet und am 18. Dezember 1907 als Garnisonkirche geweiht. Ihre Entstehung hängt eng mit der Entwicklung Kiels durch die Marine zusammen.


Kiel – die Stadt der Marine



Am 24. März 1865 hatte der preußische König durch Kabinettsordre die Verlegung der Danziger Flottenstation nach Kiel bestimmt und damit Kiel zur Marinestadt gemacht. 1867 wurde Kiel Hafen des Norddeutschen Bundes und 1871 Reichskriegshafen des neu entstandenen Deutschen Reiches. Dies bedeutete einerseits die Entstehung von Werften auf dem Ostufer und andererseits die Stationierung der Marine in Kiel, deren Bauten vorwiegend auf dem Westufer lagen.

In den Jahren 1898 und 1900 konnte Admiral von Tirpitz, damals Staatssekretär im Reichsmarineamt, durch zwei Flottengesetze den Aufbau der deutschen Marine forcieren, indem er dem Reichstag die Vergrößerung des Flottenbestandes mit dem Argument begründete, die deutsche Flotte müsse so stark sein, dass ein Kampf gegen sie für jede Flotte der Welt, auch für die englische, ein Risiko sei.

In Kiel wurden daraufhin die Kaiserliche Werft erweitert, deren Anlagen sich von Gaarden bis Ellerbek erstreckten, und neue Kasernenkomplexe für den erhöhten Mannschaftsbedarf der Marine gebaut.


Neues Kasernengelände in der Wik



Da im Stadtgebiet kein Platz mehr vorhanden war, beschloss die Marine, in dem 1893 eingemeindeten Stadtteil Wik an der Förde die neue Kasernenanlage zu errichten.

Schwierig war zunächst die Beschaffung von Grund und Boden. Das Verhältnis der Marine zum Magistrat der Stadt war durch den Hafenprozess gründlich gestört. Die Stadt hatte diesen angestrengt, um eigene Rechte am Hafenausbau in der Wik zu sichern, denn weite Teile des Fördeufers waren schon von der Marine in Anspruch genommen. In diesem jahrelange Rechtsstreit siegte 1904 letztlich die Marine.

Hinzu kamen Probleme mit der Schlachtermeisterwitwe Ehms, die viele Grundstücke in der Wik besaß, auch dort, wo das Kasernengelände geplant war. Ein Unterhändler berichtete 1900 an Tirpitz: „Eine Mäßigung der Forderung ist als ausgeschlossen zu betrachten, da die Frau sehr wohlhabend ist und glaubt, dass ihr der Fiskus kommen muss.“ Die Witwe bekam den geforderten Preis. 1900 besaß die Marine 25 ha Land in der Wik, aber keine Baugenehmigung, die der Magistrat verweigerte. Die Marine schaltete daraufhin den preußischen Oberpräsidenten in Schleswig ein, so dass die Bauerlaubnis dann doch erteilt wurde.

In der Wik entstand ein großer Torpedobootshafen, heute Tirpitz- und Scheerhafen. Die gesamte Wiker Bucht wurde zu einem der größten Kriegshäfen Deutschlands ausgebaut Zwischen dem Hindenburgufer im Süden, der Adalbert-, Arkona-, Herthastraße im Westen und der Zeyestraße im Norden entstanden seit 1902 umfangreiche Kasernenanlagen, die wie ein geschlossenes Stadtviertel wirkten. In den 16 Kasernen für je 300 Marinesoldaten, um einen großen Exerzierplatz angeordnet, waren damals die I. Werftdivision und die I. Torpedodivision untergebracht. 1905/06 wurde ein großer Werkstattkomplex an der Seeseite, ein Marinelazarett mit Gartenanlagen und 1913 die Ingenieur- und Deckoffizierschule zwischen der Hertha- und Arkonastraße errichtet. In der Nachbarschaft der Kasernen entstanden neue Straßen mit viergeschossigen Wohnhäusern für Marine- und Zivilangehörige. Das Bild der Wik wurde also damals ganz von der Marine geprägt. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg betrug die Zahl des aktiven Militärs 32 000 Mann in der Stadt, das waren über 14% der Kieler Bevölkerung.


Eine zweite Garnisonkirche wird notwendig



Die Erhöhung des Personalbestandes in der Marine wirkte sich auch auf die Seelsorge aus. 1895 waren in der Betreuung der Schiffsbesatzungen und der Marinegemeinden acht evangelische und zwei katholische Pfarrer tätig, 1905 dagegen schon fünfzehn evangelische und sechs katholische Geistliche. Für die Gottesdienste stand der Marine einzig die Garnisonkirche am Niemannsweg zur Verfügung, die 1878 bis 1882 errichtet worden war. Sie war eine Simultankirche, d. h. sie wurde von beiden Konfessionen genutzt. 1904 hatte die evangelische Marinegemeinde 8588 Mitglieder, die katholische 1203. Die Garnisonkirche verfügte aber lediglich über 800 Sitzplätze. Diese reichten nicht aus, denn damals war es üblich, den Sonntagsgottesdienst zu besuchen. Vor dem evangelischen Hauptgottesdienst fand die katholische Messe statt. Für diese Soldaten bedeutete es, im Winter bei Dunkelheit zur Kirche zu marschieren. Auch der Weg war problematisch, denn die Feldstraße reichte von Süden kommend nur bis zum Düvelsbeker Weg, und das Hindenburgufer existierte damals noch nicht. So ging der Weg der Soldaten zur Kirche über die Holtenauer Straße zum Niemannsweg.

Einen Ausweg sah man in dem Bau einer weiteren Simultankirche in der Nähe des neuen Wiker Kasernengeländes. Admiral Prinz Heinrich von Preußen, Chef der Marinestation der Ostsee und Bruder Kaiser Wilhelms II., gab 1904 eine Stellungsnahme über die Kieler „Kirchennot“ an Tirpitz ab und bat, diesen Zustand möglichst bald zu ändern. Tirpitz zeigte sich dem Problem gegenüber aufgeschlossen und stellte im Juni1904 in einem Schreiben an das Reichsschatzamt fest: „Das Bedürfnis nach einer zweiten Garnisonkirche für Kiel ist unabweisbar geworden. Ich habe mich daher entschlossen, den Bau einer 2. Garnisonkirche in Wik zum Etatentwurf für 1905 anzumelden.“

Weil ursprünglich für das Jahr keine finanziellen Mitteln zur Verfügung standen, wurden geplante Garnisonkirchenbauten in Friedrichsort und in Gaarden gestrichen und damit die Bereitstellung des Geldes für die Kirche in der Wik ermöglicht. Tirpitz ordnete an, eine evangelische Garnisonkirche zu bauen, denn aus politischen Gründen ließ sich eine Simultankirche nicht durchsetzen. Tirpitz musste auf die katholische Zentrumspartei im Reichstag Rücksicht nehmen, auf deren Stimmen er angewiesen war. Er versprach für die katholischen Marineangehörigen in Kiel eine eigene Garnisonkirche errichten zu lassen. So entstand 1907/8 an der Feldstraße die St.-Heinrich-Kirche.

Um für die Kirche in der Wik keine neuen Grundstückskosten anfallen zu lassen, teilte Tirpitz mit, dass das Gotteshaus auf dem Kasernengelände nördlich des Lazaretts und westlich der Arrestanstalt liegen sollte.


Die Petruskirche: ein wegweisender Kirchenbau in Norddeutschland



Im August 1904 erhielten die Karlsruher Architekten Curjel & Moser, die sich einen Namen im modernen Kirchenbau gemacht hatten, den Auftrag, einen Entwurf für den Bau der Kirche mit 1100 Sitzplätzen nebst Pfarrhaus und Konfirmandensaal einzureichen. Dass diese süddeutschen Architekten beauftragt wurden, lag einerseits daran, dass die Marinebaubeamten wegen der vielen Neubauten überlastet waren, andererseits wollte man mit dieser Kirche in der Marine ein Zeichen im modernen Sakralbau setzten. Marineoberpfarrer Rogge hatte sich im Vorfeld der Planungen folgendermaßen geäußert: „Ferner scheint es mir eine dem Geiste der Marine entsprechende Forderung zu sein, dass die Verwandschaft der Marine mit den Fortschritten der neuen Technik auch in ihrem Gotteshause zum Ausdruck kommt, also die neue Kirche nicht ohne weiteres nach alten, nicht immer bewährten Mustern gebaut werde.“ Tirpitz verlangte einen Backsteinbau mit guter Akustik des Innenraums und eine Baugruppe von Kirche und Nebengebäuden.

Bei der Planungsarbeit zeigte sich, dass die in der Adalbertstraße entstandenen viergeschossigen Mietshäuser sich auf die Lage der Kirche störend auswirken würden. So schlug der die Bauaufsicht führende Marinebaurat Kelm vor, die Kirche um 90 Grad zu drehen und von der alten kirchlichen Sitte der Orientierung von Gotteshäusern in Ost-West-Richtung abzusehen. Die Entscheidung wurde Admiral von Tirpitz vorgelegt, der den Rat des Marineoberpfarrers Rogge einholte. Dieser erklärte, dass „ohne dringende Not“ von der alten Orientierung der Kirchen nicht abgewichen werden sollte, dass sie jedoch „zwingenden Gründen gegenüber“ keine Notwendigkeit darstelle.

Durch die 90 Grad Drehung wurde die Kirche nicht von den Mietshäusern eingeengt und erhielt sowohl im Nah- als auch auch im Fernbereich eine größere Wirkung. Hartwig Beseler urteilte: „Es gelingt den süddeutschen Architekten der Kirche nicht nur durch die absolute Masse des westwerkartigen Turms, sondern auch gerade durch die weich ausgeschwungenen Konturen des aufgehenden Mauerwerks...städtebaulich die dominierende Rolle gegenüber der trockenen Blockbebauung des Kasernements zu sichern.“

Durch die Drehung konnte der Turm zur Stadt hin seine Fernwirkung gewinnen. Schon von weitem kündigten sich vom Süden kommend die Wiker Kasernenanlage durch den Kirchturm der Garnisonkirche an. Außerdem entstand ein großer Kirchenplatz, der dem Turm auch aus der Nähe eine bedeutende Wirkung verleiht und einen Aufmarschplatz der Truppen inmitten der Garnison schuf.

Die Wiker Kirche wurde als „totaler“ Backsteinbau ausgeführt, für den es damals in Schleswig Holstein noch kein Beispiel gab. Die Architekten sahen sich daher in führenden Ländern des modernen Backsteinbaus um. Der holländische Baumeister Berlage und die Dänen wurden zum Vorbild für den neuen Backsteinbau, „der wieder auf jene ursprünglichen, d. h. im Backstein vorgegebene Einheit von Material und Massenwirkung hinaus will“ (Hans-Günther Andresen). Die Wiederentdeckung der Romanik löste „den Sakralbau aus der Bindung historischer Stilarchitektur“ (Andresen) und wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Kirchenbau bevorzugt, erweckte dieser doch die Assoziation an Wehrhaftigkeit. Andresen charakterisiert die Wiker Kirche als „Fixpunkt oder Wendemarke“ in der hiesigen Kirchenarchitektur: „Die Garnisonkirche verzichtet als erster Kirchenbau im Lande vollständig auf alle geweißten Blenden am Turm und Schiff. Ganz und gar undogmatisch, und darin etwa Berlages Purismus überlegen, zeigt sich jene eigenartlich süddeutsche, schöpferische Unbefangenheit, mit der hier romanische Elemente mit Tudor-Gotischem (Schallöffnungen und Maßwerkfüllungen) und endlich Jugendstilbarockem (z. B. Giebelanschwünge) in der Einheit des Materials verbunden wurden.“

Die Mauern des Turm sind geschlossen bis auf die vergitterten Schallöffnungen. Während Süd- und Nordwand des Kirchensaales ebenfalls geschlossen erscheinen, sind die Seitenwände in große Fenster aufgelöst, durch die das Licht den Innenraum mit dem hölzernen Dachstuhl beleuchtet. „Der Dachstuhl erscheint groß und bergend wie ein kieloben aufgedockter Schiffsrumpf, der schwer, aber nicht lastend auf den kurz-kräftigen Wandpfeilern aufliegt. Selten wird man des sprichwörtliche Kirchen-’Schiff’ bildhafter sehen“ (Andresen). Auch hier ist eine Abkehr vom neugotischen Kirchenbaustil des 19. Jahrhunderts zu erkennen und eine konsequente Gestaltung des Außen- und Innenraums in rotem Backstein: der Chor, der Altar, die Kanzel – „Backstein total“. „Curjel und Moser schufen ein ’Gesamtkunstwerk’ von hohem baukünstlerischen und architekturgeschichtlichen Rang, innen wie außen, im Großen wie im Detail“ (Andresen).

Die Kirche konnte termingerecht fertiggestellt und am 18. Dezember 1907 eingeweiht werden. Weil aber die Kosten um ein rundes Drittel höher als die geplante Bausumme ausgefallen waren, konnten Pastorat und Gemeindesaal erst 1909 bezogen werden. Am 31. Dezember 1907 erhielten die Kieler Garnisonkirchen ihre Namen. Die Wiker Kirche hieß von nun an Petruskirche und die Garnisonkirche am Niemannsweg Pauluskirche. Die katholische Garnisonkirche in der Feldstraße hatte bereits bei der Grundsteinlegung am 8. Juli 1907 den Namen St.-Heinrich-Kirche bekommen.


Gotteshaus und Konzertsaal



1944 schlugen Brandbomben in die Kirche ein und zerstörten Teile des Daches und die Fenster. Durch die Witterungseinflüsse bestand die Gefahr, dass die Kirche so weit verfallen würde, dass ein Wiederaufbau mit verhältnismäßig geringen Mitteln unmöglich geworden wäre. Mit einer Spende der amerikanischen Sektion des lutherischen Weltbundes in Höhe von 35 000 DM konnte die Kirche 1949 wieder aufgebaut und der Kirchengemeinde Kiel-Wik als Gotteshaus überlassen werden.

Der Petrusgemeinde war die Kirche mit 1100 Plätzen letztlich aber zu groß und der Unterhalt zu teuer. 1981 gab sie das Gotteshaus an den Fiskus zurück, denn sie hatte sich inzwischen eine eigene Kirche gebaut, die St.-Lukas-Kirche Holtenauer Straße/Ecke Hohenrade. Die Militärseelsorge der Bundeswehr aber gebrauchte keine Garnisonkirche mehr, da die militärische Seelsorge nicht mehr isoliert von den übrigen Kirchengemeinden betrieben werden soll. So war das Schicksal der Petruskirche, die unter Denkmalschutz steht, jahrelang ungewiss.

Schließlich kaufte der evangelisch-lutherische Kirchenkreis die Kirche 1984 von der Bundesvermögensverwaltung zu einem Vorzugspreis von 250 000 DM, um sie als christliche Begegnungsstätte und Konzertsaal zu nutzen. Der am 31. Oktober 1984 gegründete Förderverein für die Petruskirche bemüht sich um Erhaltung, Pflege und Förderung der Kirche. Nach wie vor finden in der Kirche Standortgottesdienste, Sondergottesdienst, Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten und Trauerfeiern statt. Wegen ihrer hervorragenden Akustik ist die Petruskirche aber auch Konzertsaal, z. B. für die Mozartkonzerte des „Vereins der Musikfreunde“ und für Konzerte im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals.


Christa Geckeler


Literatur



Andresen, Hans-Günther

Die ehemalige Marine-Garnisonkirche in Kiel-Wik, in: Schleswig-Holstein, Jahrgang 1979, Heft 11, S. 2 ff., Heft 12, S. 6 ff.

Clausen, Otto

Geschichte der Wik und ihrer Bewohner, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 50, 1960, S. IV-42 ff.

Jensen Jürgen und Peter Wulf

(Hg.): Geschichte der Stadt Kiel, Neumünster 1991

Kieler Nachrichten

vom 19. September 1949, vom 4. November 1980, vom 3. August 1981, vom 22. November 1983, vom 23. Dezember 1984, vom 16. Dezember 1997

Michel, Ole

Die Petruskirche in Kiel-Wik (ehemalige Marine-Garnisonkirche) 1905-1907, in: Nordelbingen, Beiträge zur Kunst- und Kulturgeschichte Schleswig-Holsteins, Band 64, Heide 1995, S. 97 ff.

Nitzschke, Albert

Geschichte der Petruskirche, in: Kieler Nachrichten vom 24.-29. Dezember 1977

Schleswig-Holsteinische Landeszeitung

vom 27. März 1987

Walle, Heinrich

Marinebauten und -denkmäler in Kiel. Bildende Kunst als Ausdruck politischer Zielsetzung und technischen Selbstverständnisses, 1888-1945, in: Kiel, die Deutschen und die See, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 25, Stuttgart 1992, S. 207 ff.

Wilde, Lutz

Denkmaltopographie. Landeshauptstadt Kiel, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 29, Neumünster 1995, S. 534


Abbildungen: Stadtarchiv Kiel

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