Kieler Erinnerungstag:

27. Januar 1888
Ein Hochzeitsgeschenk für Prinz Heinrich und Prinzessin Irene: der Kiliabrunnen

In der Dänischen Straße vor dem Nordelbischen Kirchenamt steht die überlebensgroße Kilia-Bronzefigur, die fast zu einem Symbol Kiels wurde. Ursprünglich befand sie sich im inneren Hof des Kieler Schlosses und war Figur eines monumentalen Brunnens, den die Stadt Kiel zur Hochzeit des Prinzen Heinrich geschenkt hatte.


Prinz Heinrich von Preußen in Kiel



Prinz Heinrich war Enkel Wilhelms I., der 1871 zum Kaiser des neu gegründeten Deutschen Reiches proklamiert worden war, Sohn des späteren Kaisers Friedrich III. und Bruder des letzten deutschen Kaisers Wilhelms II. Er wurde 1862 in Potsdam geboren, trat 15jährig in die Kaiserliche Marine ein, absolvierte eine Ausbildung zum Seeoffizier und entschloss sich, die Marine zu seinem Beruf zu machen. Damit verband sich sein Leben eng mit Kiel, denn die Stadt war seit 1871 Reichskriegshafen an der Ostsee.

Der Prinz besuchte u. a. für ein halbes Jahr, etwa um die Wende 1877/1878, die Marineschule in Kiel, die sich Ecke Muhlius- und Waisenhofstraße gegenüber der Jakobikirche befand. Im Oktober 1878 ging Prinz Heinrich auf seine erste Weltreise, die zur Ausbildung gehörte und zwei Jahre dauerte. Im Oktober 1880 kehrte er nach Kiel zurück. Inzwischen volljährig geworden, bekam der Achtzehnjährige eine eigne Hofhaltung und das Kieler Schloss als Residenz zugewiesen. Während der Hauptflügel am Wasser für die kaiserliche Familie eingerichtet worden war, hatte man für den Prinzen den größten Teil des oberen Stockwerkes im Mittelbau und einen Teil im linken Flügel an der Dänischen Straße erneuert.

Anlässlich der Hochzeit des Prinzen Heinrich mit Irene von Hessen am 24. Mai 1888 renovierte Hofbaurat Albert Geyer 1887/88 den westlichen und östlichen Flügel des Schlosses und gestaltete die Schlossanlage grundlegend um. Der Prinz und seine Familie verfügten jetzt über eine repräsentative Residenz, in der auch die kaiserlichen Majestäten noch über Wohn- und Schlafräume verfügten.


Ein monumentaler Brunnen: Hochzeitsgeschenk für den Prinzen



Der Umbau des Schlosses war für die Städtischen Kollegien der Anlass, dem Prinzen und seiner Gemahlin zur Hochzeit einen Brunnen für den Schlosshof zu schenken, zumal dort schon im 18. Jahrhundert ein schöner Delphinenbrunnen gestanden hatte. Der Bildhauer Eduard Lürssen, Professor für dekorative Plastik an der Bauakademie in Berlin, bekam den Auftrag, die Brunnenanlage zu gestalten. Der gebürtige Kieler Lürssen hatte in Kiel schon die Muhlius-Büste geschaffen.

Der Künstler und die Stadt Kiel hatten die Aufstellung des Brunnens an der Ecke Dänische- und Burgstraße vorgesehen. Die Schlossverwaltung und Prinz Heinrich bevorzugten dagegen den inneren Schlosshof. Am 27. Januar 1888 beschlossen die städtischen Kollegien „in Anlass der bevorstehenden Vermählung des Prinzen Heinrich mit der Prinzessin Irene von Hessen auf dem inneren Schlosshof einen monumentalen Brunnen errichten zu lassen.“ So entstand der Brunnen im Innenhof des Kieler Schlosses, sehr zur Enttäuschung der Kieler Bürger, denn durch die Mauern des Schlosses lag ihr Geschenk außerhalb ihres Blickfeldes.

Der in Bronze gegossene Brunnen war im Sockel mit Putten und Wasserspeiern versehen, außerdem mit den Porträts des Hochzeitspaares, den Wappen des Prinzen und der Prinzessin und einer Widmungsinschrift. Geschmückt wurde der Brunnen durch eine ideale Frauengestalt, die Kilia, die die Stadt als Spenderin darstellt. Sie ist in ein antikes Gewand mit Brustpanzer gekleidet, mit dem Stadtwappen auf der Brust, trägt ein Mauerkrönchen auf dem Kopf, in der linken Hand einen Lorbeerkranz und in der rechten ein Ruder als Symbol kluger Staatsführung. Die Kilia „symbolisierte das Selbstwertgefühl Kiels und seine offizielle Verbindung zum Herrscherhaus“ (Jürgen Jensen).

Die Übergabe des Brunnens an das Prinzenpaar konnte erst am 1. Mai 1890 erfolgen, weil Lürssen seine Arbeit nicht vorher fertiggestellt hatte. An diesem Tage, so berichtet die Kieler Zeitung, empfingen Ihre Königlichen Hoheiten Prinz und Prinzessin von Preußen am Mittag im Schloss Magistrat und Stadtverordnete von Kiel, um mit ihnen den neuen Brunnen zu besichtigen. Danach sprach Bürgermeister Fuß: „Durchlauchtigster Prinz, gnädiger Prinz und Herr, Durchlauchtigste Prinzessin. Ew. Königlichen Hoheiten wollen gnädigst genehmigen, dass ich den freudigen Empfindungen Worte leihe, welche uns in diesem Augenblick beseelen. Ew. Königliche Hoheit, gnädigster Prinz, haben im Verein mit Ihrer Könglichen Hoheit, der Frau Prinzessin, in so überaus huldvoller Weise die Entgegennahme des aus treuestem Herzen dargebrachten Vermählungsgeschenks dieser Stadt zu bestätigen geruht, dass wir, die Vertreter derselben, namens der ganzen Bürgerschaft unseren unterthänigsten und tief gefühlten Dank dafür aussprechen...“.


Die Kilia gelangt auf das Gut Hemmelmark



Prinz Heinrich lebte mit seiner Familie noch 30 Jahre im Kieler Schloss. 1909 wurde er zum Großadmiral und Generalinspekteur der Marine und 1914 zum Oberbefehlshaber der Streitkräfte in in der Ostsee ernannt. Mit seinem Bruder, dem deutschen Kaiser Wilhelm II., hatte er wenig gemeinsam. Ihm fehlte die Sprunghaftigkeit und das Geltungsbedürfnis des Kaisers. Wegen seines bescheidenen und offenen Auftretens war er allgemein beliebt und konnte z. B. die Amerikaner auf seiner USA-Reise 1912 für sich einnehmen. Der Prinz war ein vielseitiger Sportler, der segelte, Golf und Polo spielte, sich an Autorennen beteiligte und einer der ersten Flugzeugpiloten Deutschlands war. Politisches Gespür dagegen hatte der Prinz weniger. Unbesehen übernahm er die politischen Ansichten seines Bruders und stand ganz in seinem Schatten. 1899 wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Technischen Universität Berlin verliehen, auch im Ausland erhielt er zahlreiche Würdigungen. Kiel ernannte ihn 1911 zum Ehrenbürger der Stadt.

Wenig angetan waren die Kieler von seinem Verhalten während der Revolutionstage 1918. Als am 5. November die Schlosswache durch eine Patrouille des Soldatenrates ersetzt werden sollte, versuchte Prinz Heinrich persönlich, sich der Aufstandsbewegung entgegenzustellen. „Machen Sie, dass Sie rauskommen“, ließ er wissen.

Da der Prinz aber um sein Leben und das seiner Familie fürchtete, entschloss er sich noch am selben Abend, sich auf sein Gut Hemmelmark bei Eckernförde zurückzuziehen. Er versah sein Auto mit einer roten Fahne, steckte sich ein rotes Tuch an und setzte sich selbst ans Steuer, um möglichst unerkannt zu entkommen. An der Levensauer Hochbrücke kam es zu einem Zwischenfall durch einen liegen gebliebenen Lastwagen. Als nach Behebung der Panne, die Fahrt fortgesetzt werden konnte, stellten sich zwei Matrosen auf die Trittbretter des Prinzenautos und baten, nach Eckernförde mitgenommen zu werden. Einer wurde heruntergeschossen, der andere sprang ab. Obwohl der Soldatenrat zunächst Prinz Heinrich beschuldigte, den Soldaten getötet zu haben, konnte später die Behauptung nicht aufrecht erhalten werden. Gustav Noske, in den Revolutionstagen Gouverneur von Kiel, zeigte wenig Verständnis für die Haltung des Prinzen. Als ehemaliger Großadmiral sei er kein Vorbild für die Offiziere gewesen. Diese „üble Flucht“ habe wenig Standhaftigkeit gezeigt.

Nach der Revolution wurde aus nicht geklärten Gründen die Kiliafigur vom Brunnen entfernt. 1923 fragte Prinz Heinrich bei der Kieler Stadtverordnetenversammlung an, ob er sie in der Gutsallee von Hemmelmark aufstellen könne. Im Protokoll der Magistratssitzung vom 22. Januar 1923 heißt es: „Das Standbild...stellt nach der Ansicht der befragten Kunstverständigen kein Kunstwerk dar und es fehlt ein rechter Verwendungszweck dafür; im Gegenteil, bei der geplanten Ausgestaltung des Schlossgartens müsste es besser beseitigt werden. Der Referent will dem Kammernherrn des Prinzen mitteilen, dass es für zweckmäßig gehalten wird, wenn das im Privateigentum des Prinzen stehende Denkmal in Hemmelmark eine würdige Aufstellung findet.“ So trennte sich die Stadt Kiel leichten Herzen von ihrem ehemals bedeutenden Hochzeitsgeschenk.


Die Kilia kehrt in ihre Heimatstadt zurück



Der Brunnen wurde im Zweiten Weltkrieg bei der Zerstörung des Schlosses ein Opfer der Bomben. Die Kilia in Hemmelmark dagegen blieb erhalten. 1977 kehrte sie nach Kiel zurück. Prinzessin Barbara von Preußen, Herzogin zu Mecklenburg und Enkelin des Hochzeitspaares von 1888, willigte auf Vermittlung des Kulturdezernenten und des Kulturreferenten der Stadt ein, dass die Kilia ihren endgültigen Standort in der Nähe des Kieler Schlosses haben sollte.

Der Bildhauer Fritz During aus Raisdorf übernahm die Restaurierung der Plastik. Die Kilia bekam einen neuen Lorbeerkranz in die Hand, die fehlenden Zacken in der Krone wurden ergänzt, die Patina aufgefrischt. Auf einem kleinen Sockel steht sie heute vor dem Nordelbischen Kirchenamt, nicht, wie 1888 vom Magistrat geplant, an der Südwestecke des Schlosses. Der Autoverkehr hätte sie vom Betrachter abgeschnitten. Ihre Figur erscheint leicht verzerrt, da sie nicht mehr auf einem drei Meter hohen Sockel steht. Sie wendet dem Kirchenamt den Rücken zu und blickt aus der Stadt hinaus zum Schloss.

Im neugestalteten Fußgängerbereich der Dänischen Straße/Schlossgarten wurde sie am 10. Juni 1977 feierlich der Öffentlichkeit übergeben. Unter den Klängen des preußischen Präsentiermarsches enthüllte Prinzessin Barbara von Preußen die Bronzeplastik. Die Geschäftsleute der Dänischen Straße sorgten bei hochsommerlichem Wetter für kühle Erfrischungen. Die Kieler Nachrichten berichteten: „...das letzte Stück der Dänischen Straße, das nach den Plänen von Garten- und Landschaftsarchitekt Klaus-Dieter Bendfeldt (übrigens einem Anlieger) umgestaltet wurde, zeigte sich von seiner besten Seite. Die vielen Besucher fanden das Ziel der Planer bestätigt: Die Dänische Straße sollte gemütlicher werden.“


Christa Geckeler


Quellen:

Aufstellung eines Laufbrunnens auf dem Schlosshof, 1887-1889, Akte Nr. 49892, Stadtarchiv Kiel

Magistratsprotokoll vom 22. Januar 1923

Protokoll der Stadtkollegien vom 27. Januar 1888


Literatur



Dähnhardt, Dirk

Revolution in Kiel. Der Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik 1918/19, Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 64, 1978

Eschenburg, Harald

Prinz Heinrich von Preußen. Der Großadmiral im Schatten des Kaisers, Heide 1989

Jensen, Jürgen

Kiel im Kaiserreich. Das Erscheinungsbild der Marinestation der Ostsee 1871-1918, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 9, Neumünster 1978

Kieler Chronik

der Kieler Zeitung 1864-1896, Kiel 1897

Kieler Nachrichten

vom 14. August 1962, vom 20. November 1968, vom 24. Februar 1977, vom 7. Juni 1977, vom 11. Juni 1977

Kieler Zeitung

vom 2. Mai 1890

Lafrenz, Deert

Das Kieler Schloss. Der Fürstensitz Herzog Adolfs von Gottorf in Kiel. Geschichte eines Schlosses, Hamburg 1987

Stamm -Kuhlmann, Thomas

Die „Kilia“ in der Dänischen Straße: Eine Verbannte kehrt heim, in: Begegnungen mit Kiel, Gabe der Christian-Albrechts-Universität zur 750-Jahr-Feier der Stadt, hrsg. von Werner Paravicini in Zusammenarbeit mit Uwe Albrecht und Annette Henning, Neumünster 1992, S. 92 ff.

Wilde, Lutz

Denkmaltopographie. Landeshauptstadt Kiel, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 29, Neumünster 1995, S. 196


Abbildungen:

Abb.1 und Titelbild: Landesamt für Denkmalpflege

Abb. 2-5: Stadtarchiv Kiel

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