Kieler Erinnerungstag:

24. März 1848
Ausrufung der Provisorischen Regierung in Kiel

Die Bildung einer Provisorischen Regierung in Kiel steht in engem Zusammenhang mit den europäischen und deutschen Ereignissen im Jahre 1848.


1848 – das Jahr der Revolutionen



Überall in Europa erhoben sich im Frühjahr 1848 die Völker, Franzosen, Deutsche, Italiener, Ungarn, Tschechen, Polen und Südslawen. Sie wollten Freiheit, eine Verfassung, Autonomie oder einen Nationalstaat, wie die Deutschen ihn forderten. In allen deutschen Einzelstaaten lauteten die Parolen: Pressefreiheit, Volksbewaffnung, Schwurgerichte und ein deutsches Gesamtparlament. Die Folge waren Barrikadenkämpfe, Tumulte, Sturz der Minister.

Diese liberale Bewegung ergriff auch Schleswig-Holstein, wo sich zwei liberale Strömungen überschnitten. In Kopenhagen forderten die dänischen Nationalliberalen, die Eiderdänen, eine freiheitliche Verfassung für einen dänischen Nationalstaat, dessen Südgrenze die Eider bilden sollte. Die deutsch gesinnten Schleswig-Holsteiner dagegen wünschten ganz Schleswig-Holstein bis zur Königsau im Norden als Teil eines deutschen Nationalstaates. Durch die revolutionären Ereignisse im März 1848 hofften sie auf die deutsche Einheit und die Lösung der schleswig-holsteinischen Frage im deutschen Sinne.


Der deutsch-dänische Gegensatz verschärft sich



Die Eiderdänen verlangten am 11. März 1848 in Kopenhagen die Einverleibung Schleswigs in den dänischen Staat. Daraufhin forderten in Rendsburg am 18. März die Ständeversammlungen beider Herzogtümer und eine gleichzeitige Volksversammlung u. a. die Aufnahme Schleswigs in den Deutschen Bund. Der Eiderdäne Orla Lehmann hörte am 20. März in Kopenhagen von den Vorfällen in Rendsburg und schloss daraus, dass dort die Revolution ausgebrochen sei. Er rief die Liberalen zusammen, die vom König ultimativ die Entlassung der Regierung und eine freie dänisch-schleswiger Verfassung forderten. Der dänische König musste unter dem Druck der Revolutionen in Europa am 22. März ein neues, vorwiegend aus Eiderdänen bestehendes Ministerium bilden und einen Tag später das eiderdänische Programm, nämlich die Einverleibung Schleswigs in Dänemark, anerkennen.

Gerüchte über das Geschehen in Kopenhagen verbreitete sich am 23. März in Kiel und brachten die Stadt in Aufregung. In den Straßen sah man Zivilisten und Soldaten, die mit der schwarz-rot-goldenen Kokarde der deutschen Einheitsbewegung geschmückt waren. Die Bürgerwehr und sympathisierende Soldaten hatten das Waffendepot im Exerzierhaus am Schloss besetzt. Gewehre wurden ausgegeben, denn man wollte auf dem Markt ein bewaffnetes Korps zur Verfügung haben. Turner und Studenten wurden benachrichtigt, sich vor dem Rathaus am Markt aufzustellen. Behörden und auch das Militär leisteten keinen Widerstand. Im Rathaus hatte sich die Volksbewegung im amtlichen Sitzungszimmer zusammengefunden. Linksliberale und Demokraten diskutierten hier in aufgeregten und weitschweifigen Reden die Einsetzung einer provisorischen Regierung.


Proklamierung der Provisorischen Regierung



Die entscheidenden politischen Persönlichkeiten trafen sich an diesem Tag im Haus des Advokaten Bargum in der Holstenstraße. Es waren dies die Liberalen Wilhelm Hartwig Beseler, von Beruf Advokat in Schleswig, Graf Friedrich Reventlou, Propst des Klosters Preetz und Führer der ritterschaftlichen Opposition, und Prinz Friedrich von Noer, der Einfluss auf die Armee hatte.

Zwischen der im Rathaus versammelten linksliberal-demokratischen Gruppe und den gemäßigten Liberalen im Haus Bargum gingen Abgesandte hin und her und versuchten, zwischen beiden Gruppierungen zu vermitteln. Einer von ihnen war der spätere Kieler Bankier Dr. Wilhelm Ahlmann, der eine Verständigung zwischen beiden herbeiführte.

Am späten Abend trat Beseler im Rathaus vor die dortige Versammlung. Man einigte sich auf die Bildung einer Provisorischen Regierung, die aus Friedrich Graf Reventlou, Wilhelm Hartwig Beseler, Prinz Friedrich von Noer, Theodor Olshausen u. a. bestehen sollte. Große Schwierigkeiten hatte die Formulierung der Proklamation bereitet, die die Provisorische Regierung verkünden sollte.

Sie entstand im Hause Bargum. Reventlou, vielleicht unterstützt von dem Kieler Historiker Johann Gustav Droysen, hatte sie entworfen und gegen radikalere Vorschläge durchgesetzt.

Es war schon nach Mitternacht, als die Mitglieder der Provisorischen Regierung vor die Tür des Rathauses traten. Unter dem Glockengeläut der Nikolaikirche verlas Beseler die Proklamation an die Mitbürger.

Darin hieß es, dass „der Wille des Landesherrn nicht mehr frei und das Land ohne Regierung“ sei. Damit bekannte man sich zum Legitimitätsprinzip und meinte damit den dänischen König, für den man vertretungsweise und vorübergehend die Staatsgewalt übernehmen müsse. Die Verfassungsfrage wurde mit der nationalen Frage verknüpft, wenn es weiter in der Proklamation heißt: „Wir werden es nicht dulden wollen, dass deutsches Land dem Raube der Dänen Preis gegeben werde...Wir werden uns mit aller Kraft den Einheits- und Freiheitsbestrebungen Deutschlands anschließen.“

Der berühmte Chirurg Prof. Friedrich von Esmarch, der bei der Proklamation der Provisorischen Regierung anwesend war, schreibt: „Ernstes Schweigen lag über der vielhundertköpfigen Menge, die sich der bedeutsamen Stunde wohl bewusst war...Ihrem Gefühl Ausdruck gab die Menge im Absingen des als Gebet durch die stille Nacht zum Himmel aufsteigenden Lied ’Schleswig-Holstein meerumschlungen’. Und als wir zu der Strophe kamen, wo es heißt ’Gott ist stark auch mit den Schwachen, wenn sie gläubig ihm vertraun’, entblößten alle ihre Häupter.“

Die Proklamation der Provisorischen Regierung, die Beseler dann noch einmal am Morgen des 24. März den Bürgern vorlas, war ein wohl überlegter Kompromiss aus konservativ-rechtlichen und revolutionären Grundsätzen, um die Anerkennung einer möglichst breiten Bevölkerungsschicht zu erreichen, der Konservativ-Königstreuen, der Liberalen und Demokraten.


Krieg gegen Dänemark



Die Bildung der Provisorischen Regierung musste zum Krieg zwischen Schleswig-Holstein und Dänemark führen. Noch am Morgen des 24. März rollte ein kleines Truppenkontingent unter dem Prinzen von Noer mit Freiwilligen nach Rendsburg, um sich diese stärkste Festung des Landes mit ihren Truppen zu sichern. Auch andere Teile der Armee stellten sich auf Seiten der Provisorischen Regierung. Freiwilligen Verbände bildeten sich aus Studenten und Turnern.

Die Provisorische Regierung erreichte bald die Anerkennung in Berlin und Frankfurt, und preußische und Bundestruppen kamen den Schleswig-Holsteinern im Krieg gegen Dänemark zur Hilfe.

Inzwischen hatte die innere Neuordnung Fortschritte gemacht. Die Provisorische Regierung nahm am 24. März ihren Sitz in Rendsburg, später in Schleswig. Wie sehr es ihr um die Verwirklichung der freiheitlichen Rechte ging, zeigt, dass sie schon am 25. März die Versammlungs- und Pressefreiheit verfügte. Anfang April beschloss die Vereinigte Ständeversammlung die Abschaffung ungerechter und überholter Steuern und Privilegien und im Juli die Wahl eines verfassungsgebenden Parlaments nach allgemeiner und direkter Wahl. Diese Konstituierende Landesversammlung verabschiedete am 15. September 1848 das Staatsgrundgesetz, durch das Schleswig-Holstein zu einer konstitutionellen Monarchie mit dem dänischen König als Herzog erklärt wurde. Dieses Staatsgrundgesetz ist als „die demokratischste Verfassung, die man in Europa bis dahin gesehen hatte“ (H. P. Clausen), bezeichnet worden.

Die Zukunft Schleswig-Holsteins hing aber von der gesamtdeutschen und europäischen Entwicklung ab. Die europäischen Großmächte, insbesondere Frankreich, England und Russland, sprachen sich aus unterschiedlichen Gründen für die Erhaltung des dänischen Gesamtstaates aus. Vor allem wollten sie ein Schleswig-Holstein als Teil eines starken, geeinten Deutschlands verhindern. Diese Lage zwang Preußen zu Verhandlungen und am 26. August zum Waffenstillstand von Malmö. Es musste seine Truppen aus Schleswig-Holstein zurückziehen. Die Provisorische Regierung wurde daraufhin am 21. Oktober aufgelöst.


Das Scheitern der schleswig-holsteinischen Erhebung



Nach Ablauf des siebenmonatigen Waffenstillstandes begannen die Kampfhandlungen erneut. Aber den Schleswig-Holsteinern blieb letztlich der Erfolg versagt. Eine entscheidende Niederlage erlitten sie gegen die überlegene dänischen Streitkräfte 1850 bei Idstedt. Die Schleswig-Holsteiner verloren den Kampf um die Eignständigkeit. Im Londoner Protokoll von 1852 wurden die Herzogtümer wieder der Autorität des dänischen Königs unterstellt.

Sie blieben aber ein europäisches Problem, das schließlich durch die Kriege 1864 und 1866 gelöst wurde, in deren Folge Schleswig-Holstein 1867 preußische Provinz und damit 1871 Bestandteil des neuen Deutschen Reiches wurde. Eigenständigkeit erlangte Schleswig-Holstein aber erst als Bundesland der am 23. Mai 1949 gegründeten Bundesrepublik Deutschland.


Erinnerungen in Kiel an die Märzereignisse 1848



Die Bildung der Provisorischen Regierung am Alten Markt in Kiel ist später Anlass zu Feiern und Umzügen geworden, besonders während der Kaiserzeit (1873, 1898, 1908, 1923).

Zum 25. Jahrestag der Erhebung, am 24. März 1873, wurde am alten Rathaus über dem Mittelfenster des Obergeschosses eine farbige Gedenktafel enthüllt. Von Eichenlaub umrahmt stand folgende Inschrift:

„Im Anschluss an Deutschland übernahm in diesem Hause die provisorische Regierung am 24. März 1848 die Regierung Schleswig-Holsteins zum Schutze der Rechte des Landes.“ Darunter stand: „Up ewig ungedeelt“. Über der Inschrift schwebte die Krone, links davon das Schwert, rechts das Zepter des 1871 neu gegründeten Deutschen Reiches. In die Ecken der Gedenktafel waren die Wappen Schleswigs, Holsteins, Kiels und ein Kreuz eingelassen.

Am gleichen Tage wurde in der Holstenstraße 39 eine zweite Tafel angebracht, ein Oval aus weißem Marmor auf einer grauen Sandsteinplatte: „Zur Erinnerung an die Erhebung Schleswig-Holsteins und an die in diesem Hause zusammengetretenen Männer der provisorischen Regierung am 24. März 1848. Errichtet von den Einwohnern dieser Stadt am 24. März 1873“. Um diese Inschrift standen die Namen: J. Bremer, Th. Olshausen, Prinz Fr. v. Noer, M. T. Schmidt, W. Beseler, F. Reventlou. Diese Tafel erinnerte an die Besprechungen im Hause Bargum, die der Wahl der Provisorischen Regierung im Rathaus vorangegangen waren. Später stellte sich heraus, dass die Gedenktafel am falschen Haus, auf der falschen Straßenseite angebracht worden war, denn der Advokat Bargum hatte sein Büro in der Holstenstraße 42 und nicht 39.

Das alte Rathaus am Markt und das Haus Nr. 39 in der Holstenstraße sind im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Die Gedenktafel am Rathaus existiert nicht mehr, die aus der Holstenstraße ist zerbrochen und befindet sich heute in einigen Resten im Magazin des Stadtarchivs.

Ein großes, farbiges Wandgemälde mit der Proklamation der Provisorischen Regierung vor dem Rathaus entwarf nachträglich der Maler Hans Olde. Es wurde von Julius Fürst vollendet und befindet sich jetzt in der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek.

In einigen Kieler Straßennamen wird die Erinnerung an wichtige Persönlichkeiten der Erhebung von 1848 noch wach: z. B. in Beselerallee, Reventlouallee, Olshausenstraße, Samwerstraße.

Auf dem Nordfriedhof am Westring steht das Schleswig-Holstein-Denkmal, das an die Freiheitskämpfe der Jahre 1848 bis 1850 erinnert. Ursprünglich befand sich der Obelisk auf dem St.-Jürgen-Friedhof am Sophienblatt. Er enthält die Widmung: „Hier ruhen gefallene Krieger der Schleswig-Holstein-Armee 1848-1850“.


Christa Geckeler


Literatur



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Hagenah, Hermann

Der 24. März 1848 in Kiel und seine Bedeutung für die deutsche Geschichte, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 39, 1936, S. 145 ff.

Jensen, Jürgen

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Jessen-Klingenberg, Manfred

Wilhelm Ahlmann 1867-1910. Ein liberaler Politiker und tätiger Mitbürger im Wechsel der Zeiten, in: Wilhelm Ahlmann 1817-1910. Ein Schleswig-Holsteiner aus Nordschleswig, Aabenraa 1998, S. 7 ff.

Jessen-Klingenberg, Manfred

Erhebung, in: Schleswig-Holstein Lexikon, hrsg. von Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt und Ortwin Pelc, Neumünster 2000, S. 133

Kieler Nachrichten

vom 25. März 1948, vom 24. März 1988, vom 21. März 1998

Kleyser, Friedrich

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Scharff, Alexander

Schleswig-holsteinische Geschichte – ein Überblick, Würzburg 1960, S. 51 ff.

Scharff, Alexander

Wesen und Bedeutung der schleswig-holsteinischen Erhebung 1848-1850, Neumünster 1978

Schleswig-Holsteinische Volkszeitung

vom 18. März 1948

Sievert, Hedwig

Gedenktafeln im alten Kiel, in Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 45, Nachdruck, Sonderveröffentlichung 31, 1997, S. 27 ff.

Wilde, Lutz

Denkmaltopographie. Landeshauptstadt Kiel, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 29, Neumünster 1995, S. 322, S. 325


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