Kieler Erinnerungstag:

27. Juli 1968
Ein Stück der alten Kieler Stadtmauer wird gefunden

Am 27. Juli 1968 meldeten die Kieler Nachrichten unter der Überschrift: „Ein Stück Stadtmauer kam ans Tageslicht“: „An der Ecke Küter- und Faulstraße, wo die Landesbank [heute HSH Nordbank] jetzt für ihren Erweiterungsbau ausschachten läßt, kam ein größeres Stück Stadtmauer zum Vorschein. Es ist aber bald wieder dem eilig arbeitenden Bagger zum Opfer gefallen.“

Nicht zum ersten Mal wurden Reste der alten Kieler Stadtmauer gefunden, denn die gesamte mittelalterliche Stadt war von einem Mauerring mit Toren und Türmen umgeben. Sichtbare Spuren sind heute nicht mehr vorhanden. Aber den teilweisen Verlauf der Mauer kann man noch an den gekrümmten Baufluchtlinien am Wall, am Martens- und Jensendamm und besonders in der Faulstraße erkennen.

Die älteste Stadtbefestigung

Das mittelalterliche Kiel, dem 1242 das Stadtrecht verliehen wurde, lag auf der von der Natur gut gesicherten Halbinsel zwischen Förde und Kleinem Kiel. An der einzigen Landverbindung im Nordosten schützte die Burg des Landesherrn den Zugang zur Stadt. Trotz der Halbinsellage erhielt die gesamte Stadt schon kurz nach ihrer Gründung einen Befestigungsgürtel. Er diente einerseits der Verteidigung, andererseits war er auch sichtbare Abgrenzung zum Umland und zeigte das Siedlungsgebiet an, in dem das Stadtrecht galt.

1990 stieß man bei Ausgrabungen zwischen Klosterkirchhof und Haßstraße auf Überreste der ursprünglichen Befestigung. Sie bestand aus einer hölzernen Palisade, der nach außen eine flache Böschung und zwei Gräben vorgelagert waren. Diese erste Stadtbefestigung gab den Kielern sicheren Schutz, als die Stadt 1261 von Herzog Albrecht von Braunschweig im Krieg der dänischen Königin Margarethe gegen den Schauenburger Grafen Johann I. zu Wasser und zu Lande belagert wurde. Die Braunschweigische Reimchronik berichtet, dass die Kieler Bürger von den Palisaden große Steine auf die Anstürmenden warfen. Als der Herzog erkannte, dass er die Stadt nicht zu erobern vermochte, ließ er Weinfässer mit Fett, Speck und Schwefel füllen und auf ein großes Schiff bringen, ließ dieses dann in Brand setzen und bei günstigem Wind auf die Stadt zutreiben. In ihrer Verzweiflung holten die Bürger ein Kreuz aus der Nikolaikirche und brachten es auf die Befestigung. Wie ein Wunder drehte der Wind und trieb das brennende Schiff von der Stadt weg. Der Herzog brach daraufhin die Belagerung der Stadt ab. Kiel war gerettet.

Eine Stadtmauer aus Ziegelsteinen

Im 14. Jahrhundert wurde die Palisadenumwehrung der Stadt durch eine steinerne ersetzt. Bei Grabungen stieß man 1990 nordwestlich des Warleberger Hofes auf 24 Meter dieses Backsteinmauerwerkes, das nach eingehender Untersuchung wieder zugeschüttet wurde.

Das Kieler Rentebuch erwähnt diese Stadtmauer das erste Mal für das Jahr 1329. Die neue archäologische Forschung datiert die Ziegelsteinmauer jedoch 15 Jahre früher als die älteste schriftliche Quelle.

Die Stadtmauer begann am Burgberg und umschloss die Stadt in einer Gesamtlänge von ungefähr 1200 Metern. Die Burg selber hatte eine Verteidigungslinie von rund 200 Metern. Am Klosterkirchhof verlief diese steinerne Mauer ein wenig weiter nordwestlich als die alte Palisadenbefestigung. Hier gab es früher eine Bucht des Kleinen Kiels, die im Laufe der Zeit mit Mist und Abfall verfüllt worden war. Die Stadtgrenze konnte somit nach außen verlegte werden, was 1395 an dieser Stelle noch einmal geschah. Reste dieser „Neuen Stadtmauer“ fand man 1928 beim Bau des Wasserwerkes „Pumpe“. Mit der „Neuen Mauer“ im Nordwesten konnte die Siedlungsfläche der Stadt von 10 Hektar zur Zeit der Palisadenbefestigung auf 14 Hektar vergrößert werden. Das bedeutete, zu den schon vorhandenen 240 Grundstücken kamen 60 neue hinzu, was bei der zunehmenden Bevölkerungszahl von Bedeutung war. Aber dennoch blieb Kiel im Mittelalter eine kleine Stadt. Lübeck z. B. hatte damals ein Stadtareal von 107 Hektar, Rostock von 58 Hektar und Stralsund von 45 Hektar.

Die Mauer hatte eine Höhe von ungefähr 3,50 Metern und eine Stärke bis zu 0,90 Metern. Der Fundamentgraben war 1,80 Meter tief in den moorigen Untergrund gegraben und mit Brettern, Bohlen und Pfählen, den alten Palisaden, gesichert. Das Fundament der Mauer ruhte, wie in Abb.1 zu erkennen, auf mehren Lagen aus Feldsteinen, darüber erhob sich die Ziegelsteinmauer, die stadteinwärts mit Blendbögen versehen war. Das brachte den Vorteil, dass man Gewicht auf dem unsicheren Baugrund und außerdem Baumaterial sparte. In die Mauer waren Schießscharten eingelassen. Ob es einen Wehrgang gegeben hat, ist nicht nachzuweisen. Sicher ist aber, dass zur Zeit der militärischen Bedeutung der Platz an der Mauer nicht bebaut werden durfte. Nur an der der Stadt zugewandten Seite standen Häuser.

Die Befestigungsarbeiten, zumindest die nötigen Erdbewegungen, sind sicherlich von den Bürgern in gemeinschaftlicher Arbeit ausgeführt worden. Ebenso war es ihre Pflicht, die Stadt zu verteidigen. Dazu verfügte der Rat, welche Zunft wie viel Bewaffnete mit welcher Ausrüstung zu stellen hatte. Zu den Kosten der Waffenbeschaffung musste jeder neu eintretende Zunftmeister einen Beitrag leisten. Schützengilden waren für die Schulung im Waffengebrauch von Bedeutung.

Stadttore und Türme

Zugänge zur Stadt gab es allein durch die Stadttore und Mauerpforten. Das bedeutendste Tor war das Holstentor im Süden, wo die Hauptzugangsstelle zur Stadt lag. Das Holstentor bestand aus einem inneren und einem äußeren Tor. Beide waren mit einer Brücke verbunden, die über den Wasserarm zwischen der Förde und dem Kleinen Kiel führte. Die Jahreszahlen 1444 für das innere und 1556 für das äußere Tor, die in den Stadtbüchern erwähnt werden, können sich nur auf Umbauten beziehen. An dieser wichtigen Stelle der Stadt müssen die Tore schon seit dem Mittelalter bestanden haben.

Das innere Tor lag am Ausgang der Brückenstraße, heute Holstenstraße. Es war ein Bau mit hohen Treppengiebeln, zwei Stockwerken über der Durchfahrt und Nebengebäuden. In diesem inneren Tor wohnten der Ratsdiener und Stadtmusikanten. Die Lage des äußeren Tores ist nicht genau zu bestimmen. Jedenfalls hat es nicht unmittelbar hinter der Brücke gelegen, sondern etwa 60 Meter von dem inneren Tor entfernt, also zwischen Holstenbrücke und Hafenstraße. Das Tor war mit drei Türmchen geschmückt und hatte über der Durchfahrt ein Wohnstockwerk für den Niedergerichtsdiener. Die Tore wurden jeden Abend geschlossen, von Michaelis (29. September) bis Ostern um 9 Uhr, von Ostern bis Michaelis um 10 Uhr und morgens um 6 Uhr bzw. um 5 Uhr geöffnet. Selbstverständlich war Torgeld zu entrichten.

Nach Norden konnte man die Stadt nur über die Dänische Straße und das Dänische Tor verlassen, das ebenfalls als Doppeltor bestand, zwischen denen der Burggraben verlief. Wie beim Holstentor war auch hier das innere Tor mit einem Treppengiebel versehen.

Bei den übrigen sogenannten Toren handelte es sich zumeist um Mauerpforten oder damit in Verbindung stehende Türme. Dazu gehörte das Kütertor mit einem runden Turm, in dessen Unterbau eine Windmühle eingerichtet werden sollte. Denn in mittelalterlichen Städten mussten für den Fall der Belagerung Mühlen vorhanden sein. Das Projekt wurde aber offenbar aufgegeben.

Ein hoher rechteckiger Turm stand beim Haßtor, der als Gefangenenturm diente. Ein Bericht von 1854, ein Jahr vor Abbruch des Turmes, gibt eine Schilderung dieses Gefängnisses:

„...Steigen wir jetzt noch eine Treppe hinan, so gelangen wir auf einen kleinen dunklen Vorplatz. Nur mit Mühe finden wir durch Hülfe unseres Lichts hier eine dicke, mit Eisen beschlagene Thür, die etwa 4 Fuß hoch und 1 1/2 Fuß breit ist und in die 3te Zelle – das schauerlichste aller Gefängnisse – führt. Ein Loch von kaum 6 Fuß Höhe, Breite und Tiefe, dem der Zugang der Luft und des Lichts total abgeschnitten ist, starrt uns unheimlich entgegen. Hat man sich mit Mühe durch den engen Eingang hindurch gezwängt, tritt man sogleich auf das verfaulte Stroh, worauf wohl der letzte Unglückliche gelegen hat, bis er dem Beile des Nachrichters übergeben wurde. Außerdem findet man noch einige vermoderte Bretter, die ihm als Pritsche dienten, mehrere Tonscherben und die Reste schwerer Ketten. Das Athmen wird uns nach einigen Minuten schon schwer und selbst das Talglicht in unsrer Hand ist vor Dunst dem Erlöschen nahe. Voll Abscheu wenden wir diesem Schreckensort den Rücken und freuen uns, wieder in Gottes frische Luft hinaus zu treten...“

An der Hafenseite gab es insgesamt fünf Mauerpforten, unter denen das Schumacher- und Flämische Tor als Tor ausgebildet waren. Das Flämische Tor hatte einen hohen runden Turm und war von allen am Hafen gelegenen Toren das bedeutendste. Das Fischer-, Pfaffen- und Kattentor waren nur Mauerpforten an der Hafenseite. Hier gab es aber mehrere Türme zur Verstärkung der Mauer.

Verfall und Beseitigung der Stadtbefestigung

Stadtmauer, Tore und Türme wurden laufend verbessert, das letzte Mal umfassend in der 2. Hälfte des 15 Jahrhunderts. Aber nicht immer waren für die häufig notwendigen Reparaturen Mittel vorhanden. So wollte der Rat 1531 den an den König zu zahlenden „Schott“ für die Befestigung der Stadt an der Landseite verwenden. Aber Friedrich III. hielt an dieser Abgabe fest, da er das Geld selber gebrauchte. 1536 beteiligte sich der König dagegen zur Hälfte an den Kosten für Wall und Graben hinter dem Schloss und dem Dänischen Tor zum Kleinen Kiel.

Dass der Rat bis zum 17. Jahrhundert Interesse an einer intakten Stadtbefestigung hatte, zeigen die Auflagen, die er 1621 dem Hofmarschall Egidius von der Lanken machte. Dieser wollte in der Dänischen Straße ein Haus, den späteren Schmoolerhof oder Buchwaldtschen Hof, errichten und dazu einen Teil der Stadtmauer nutzen. Er musste Kellerlöcher und die unteren Fenster des Hauses mit eisernen Stangen versehen, damit „die Stadt nicht offen gelassen werde.“

Aber die Instandhaltung der Mauer, insbesondere die Kosten dafür aufzubringen, blieb schwierig. Die Stadtansicht Kiels aus dem Jahre 1588 zeigt die Stadtmauer z. T. im schlechten Zustand. Auf der Strecke vom Holsten- zum Schumachertor ist sie abgerissen worden oder verfallen. Als die Wehranlagen militärisch bedeutungslos wurden, überließ die Stadt gegen Bezahlung oder baulichen Unterhalt Tore und Türme Privatpersonen. Allmählich verschwanden die Befestigungsanlagen. Türme und Tore wurden vom Ende des 17. Jahrhunderts bis 1869 abgebrochen. Das letzte Stück Stadtmauer an der Straße „Zum Kuhfeld“ verschwand 1902. Die Stadt hatte sich über die alten Mauern und ursprünglichen Vorstädten hinaus erweitert und wuchs mit der beginnenden Industrialisierung rasant in das Umland hinein.

Autorin: Christa Geckeler (1937 - 2004)


Literatur

Eckardt, Johann Heinrich

Alt-Kiel in Wort und Bild, Neudruck, Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 62, Neumünster 1975, S. 7, S. 61 f. S. 125 f.

Feiler, Anke

Kiels Stadtbefestigung im Mittelalter: Von der hölzernen Palisadenwehr zur Ziegelsteinmauer, in: Uwe Albrecht /Anke Feiler, Stadtarchäologie in Kiel. Ausgrabungen nach 1945 in Wort und Bild, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 30, Neumünster 1996, S. 23 ff.

Kieler Nachrichten

vom 27. Juli 1968

Rodenberg, C.

Aus dem Kieler Leben im 14. und 15. Jahrhundert, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 12, Kiel 1894 S. 5 f.

Sievert, Hedwig

Kiel im Mittelalter, Heimat Kiel, Neue Kieler Heimatkunde, Heft 6, Kiel 1956, S. 270 ff.

Volbehr, Friedrich

Beiträge zur Topographie der Stadt Kiel, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 3 und 4, Kiel 1881, S. 43 ff.

Wendrich, Walter und August Klein

Die alte Kieler Stadtmauer, Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 47, 1955

Wilde, Lutz

Denkmaltopographie. Landeshauptstadt Kiel, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 29, Neumünster 1995, S. 23 ff.


Abbildungen:

Abb. 1: Archäologisches Landesamt Schleswig-Holstein

Abb.2-4: Repro Stadtarchiv Kiel


Dieser Artikel kann unter Angabe des Namens der Autorin Christa Geckeler, des Titels Kieler Erinnerungstage: 27. Juli 1968 | Ein Stück der alten Kieler Stadtmauer wird gefunden und des Erscheinungsdatums 27. Juli 2008 zitiert werden.

Zitierlink: https://www.kiel.de/erinnerungstage?id=90

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