Kieler Erinnerungstag:

1758
Anfänge der Kieler Fayencemanufaktur

Fayencen: der einheimische Porzellanersatz

Mit dem Begriff Fayencen bezeichnet man Tonwaren, die mit einer undurchsichtigen weißen Zinnglasur überzogen sind, so dass sie bei flüchtigem Besehen wie Porzellan wirken.

Das 18. Jahrhundert war in ganz Europa die Blütezeit der Fayencen. Das hing mit dem Wandel der Tischsitten zusammen. Durch die Einführung der exotischen Getränke Kaffee, Tee und Schokolade waren die bisherigen Trinkgefäße aus Metall und Glas wenig brauchbar. Andere Materialien wie Holz oder Keramik verboten sich in den gesellschaftlich höheren Kreisen. Sehr geeignet war Porzellan. Aber das Porzellanangebot aus den wenigen europäischen Manufakturen und den chinesischen Importen war sehr teuer, so dass sich in Schleswig-Holstein nur der Gottorfer Herzog und wenige Adelige diese Kostbarkeiten leisten konnten. Jedoch aus heimischem Ton und Lehm konnte man rötliche oder gelbe Tonwaren brennen, diese mit Zinnglasur überziehen und hatte damit einen Porzellanersatz.

Das Fayencegeschirr des 18. Jahrhunderts, prächtig bemalt, war auch teuer und wurde daher keineswegs täglich benutzt. Es blieb gehobenen Ansprüchen vorbehalten, d. h. dem wohlhabenden Bürgertum und Adel.

Schwieriger Start der Fayencemanufaktur in Kiel

In der Blütezeit der Fayenceherstellung entstanden auch in Schleswig-Holstein Manufakturen, die früheste 1755 in Schleswig. Es folgten Eckernförde, Kiel, Stockelsdorf, Altona und Kellinghusen.

1758 erschien der „Porzellanbrenner“ Peter Graf in Kiel und richtete an den Magistrat der Stadt folgendes Gesuch: „Da ich in dem Nahmen Gottes entschlossen bin, mich hieselbst wohnhaft nieder zu lassen und eine Porcellain und Ofen Fabrique anzulegen, so habe Ew. Wohl und Hoch Edel Gebohrenen ich hiemittelst gantz gehorsamst ersuchen wollen, mir zu solchem Behuef die erforderliche Consession Hochgeneigt zu ertheilen, der ich mit schuldiger Ehrerbietung jederzeit verharre ...Peter Graf.“ Der Magistrat entsprach der Bitte Grafs, knüpfte daran aber die Bedingung, dass er das Bürgerrecht erwirbt. Das tat er jedoch nicht, so dass es fraglich ist, ob er in Kiel überhaupt einen Betrieb eröffnet hat, denn wenig später etablierte er sich in Plön. Möglich ist, dass Graf dem Konkurrenzdenken der Töpfer und Ofensetzer erlegen war, die der neuen Fayenceproduktion Widerstand entgegensetzten.

Im selben Jahr erwarb der Kanzleisekretär Friedrich Nissen vom russischen Großfürsten Peter als dem Landesherren von Holstein die Erlaubnis, in dem zum Kieler Schloss gehörenden Jägerhof eine Fayencemanufaktur einzurichten. Sogleich soll eine großfürstliche Bestellung von drei Fayenceöfen erfolgt sein. Die neue Forschung bezweifelt jedoch, dass Graf und Nissen in Kiel überhaupt Manufakturen errichteten. „Sie hatten offensichtlich nur den Charakter von Absichtserklärungen. ... Es kann mit Recht bezweifelt werden, ob diese beiden Werkstätten überhaupt produziert haben; jedenfalls fehlt jegliche dingliche Überlieferung“ (Paul Zubek).

1760 verkauft Nissen das Werkstattinventar an einen „Porcellain-Frabriquer Johann Tobias Kleffel“, der nachweislich Fayencen herstellte, belegt durch eine Terrine im Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum mit der Bezeichnung „Kiel/Kleffel“. Die eigene Tätigkeit im Winter 1762/63 gab Kleffel bald wieder auf, nachdem im Auftrag des großfürstlichen Statthalters, Herzog Georg Ludwig von Schleswig-Holstein-Gottorf, in Kiel eine Fayencemanufaktur errichtet wurde. Ernst Schlee meint, dass die wenig erfolgreichen Vorgänger doch „das Ihre dazu beigetragen haben, dass die Fayenceherstellung in Kiel schließlich doch Fuß fassen und gedeihen konnte.“

Geld der Zarin in Fayencemanufaktur investiert

Herzog Georg Ludwig, jüngster Sohn des Herzogs der jüngeren Gottofer Linie, konnte sich wegen seiner älteren Brüder keine Hoffnung auf die Thronfolge machen. So wählte er die Offizierslaufbahn und war im Siebenjährigen Krieg vom preußischen in den russischen Militärdienst gewechselt, weil er in Preußen in Ungnade gefallen war. Seine Neffe Peter, Herzog von Holstein-Gottorf und russischer Großfürst, ernannte ihn zum Generalfeldmarschall und zum Statthalter in Holstein. Nach dem Sturz Peters III. 1762 wollte Zarin Katharina II. nicht länger einen Günstling des Gemahls am Hofe dulden. Sie „verbannte“ Herzog Georg Ludwig an den Sitz der großfürstlichen Regierung in Kiel, fand ihn aber mit einem beträchtlichen Jahresgehalt und einer einmaligen hohen Summe ab. Der Herzog beabsichtigte, das Kapital Gewinn bringend in der Gründung einer Fayencemanufaktur anzulegen. 1763 erwarb er den „Schnackenkrug“, auch Schnackenburg genannt, auf dem heutigen Grundstück Sophienblatt 32-34 gegenüber dem Bahnhof, damals weit vor der Stadt gelegen. Hier wurden 1982 bei Grabungen auf 40 Quadratmetern wertvolle Scherben aus der Manufaktur gefunden.

Zum Leiter der Manufaktur ernannte der Herzog den sächsischen Porzellanmaler Johann Samuel Friedrich Tännich, der unverzüglich an die Errichtung der Manufaktur ging, die ein arbeitsteiliger handwerklicher Großbetrieb war. Nicht nur Brennöfen mussten gebaut werden, sondern auch Spezialisten von außerhalb angeworben werden: Dreher, Former, Brennmeister, Glasierer, Maler. Mitten in dieser Aufbauphase starb der Herzog 1763, nur kurz nach dem Tod seiner Gemahlin. So wurde durch die Großfürstliche Regierung als Nachlassverwalterin der beiden unmündigen Söhne der Betrieb 1766 verkauft. Neuer Besitzer war eine Aktiengesellschaft, deren Aktionäre ausschließlich Beamte der Großfürstlichen Regierung waren.

Wie das kostbare Geschirr entsteht

Erfunden wurde die keramische Technik der Fayenceherstellung in Babylonien. Über Persien und Spanien kam die Technik nach Europa. Spanische Waren wurden über Mallorca nach Italien eingeführt, daher hatten sie die Bezeichnung Majolica. Italien nahm dann selbst die Produktion auf, besonders in Faenza. Von dort gelangte im 16. Jahrhundert die Technik nach Frankreich, wo die Waren dann Fayence genannt wurden. Von Holland griff die Entwicklung auf Deutschland über. Hier entstanden gegen Ende des 17. Jahrhunderts in rascher Folge Manufakturen.

Für die Herstellung der Fayencen gebraucht man Ton, Mergel und Sand in einer richtigen Mischung. Ton und Sand wurden in Kiel am Fördeufer in Düsternbrook gewonnen. Auf der Tonscheibe oder durch Ausformung im Gipsmodell entstanden Teller, Tassen, Kaffeekannen, Schüsseln, Terrinen, Tafelaufsätze, Vasen, Kachelöfen. Nachdem die Gegenstände luftgetrocknet waren, gelangten sie in den ersten Brand und wurden dann in das Glasurbad eingetaucht, das aus einer fein abgestimmten Mischung aus Sand, Pottasche, Blei und Zinn bestand. Dann erfolgte die Bemalung mit „Scharffeuerfarben“ . Die Farben, meist nur blau, violett, gelb, schwarz und grün, fein pulverisiert und in Wasser aufgelöst, wurden mit Pinseln auf die Glasur aufgetragen. Jeder Strich musste sitzen, denn eine Korrektur war nicht möglich, da die Feuchtigkeit sofort vom Scherben und der Glasur aufgesaugt wurde. Danach erfolgte der zweite Brand, der Glattbrand. In Kiel liebte man die Bemalung mit Muffelfarben, die nach dem zweiten Brand aufgetragen wurde und feine Farbnuancen und eine freiere Art der Bemalung zuließ. Eine derart verzierte Fayence kam dann in den „Muffelbrand“, einen schwächeren Brand in einer Tonkapsel. Die Muffelmalerei sitzt also auf der Glasur und ließ sich bei Gebrauch abreiben.

Kieler Fayencen von höchster Qualität

Die große Zeit der Kieler Fayencemanufaktur lag zwischen ihrer Gründung 1763 und 1772. Ihre Direktoren waren von 1763 bis 1768 Johann Samuel Friedrich Tännich, der aus Sachsen kam und einige Jahre an der bedeutenden Straßburger Manufaktur gearbeitet hatte, und von 1769 bis 1771 Johann Buchwald, der von der Eckernförder Manufaktur geholt wurde.

Die Kieler Fayencemanufaktur stellte vornehme, edle Waren her, weniger Gebrauchsgüter des täglichen Bedarfs. Zu den Kunden gehörten die einheimischen adligen Gutsherren, Dänemark und auch Hamburg.

Durch Tännich, der in Straßburg gearbeitet hatte, wurde der Straßburger Stil in Form und Farbe bestimmend. Tee-, Kaffeegeschirr, Teller, Terrinen, Tafelaufsätze, Vasen u. a., die edel geformt waren, erfuhren eine Steigerung ihrer Kostbarkeit durch die Bemalung. Vereinzelt kamen auch unbemalte Stücke vor. Wertvoller jedoch war eine Fayence mit einfacher Scharffeuermalerei, noch teurer diejenige mit anspruchsvoller Muffelmalerei, durch die die Kieler Manufaktur ihre eigentliche Bedeutung erhielt. In einem Standardwerk aus dem Jahre 1879 von Friedrich Jaennicke über Keramik heißt es: „Die Fayencen von Kiel gehören zu den bemerkenswertesten neuerer Zeit. Sie zeichnen sich durch dünne, gut bearbeitete Masse, sowie durch gewählte, zu den Goldschmiedearbeiten neigende Formen aus, während die Malerei an Reinheit der von Höchst gleicht und die von Straßburg noch übertrifft.“

Beliebte und häufige Motive der Malerei auf den Kieler Fayencen waren Blumen, z. B. Blütenranken, Rosen, Schwertlilien, Winden. Häufig ist eine vorherrschende große Blüten mit Blättern und Nebenblüten zu sehen. Ein bedeutender Blumenmaler in Kiel war Johann Andreas Rühl, dessen großartigste Arbeit unter den erhaltenen Stücken ein Wandbrunnen ist, der sich im Hambuger Museum für Kunst und Gewerbe befindet. Ebenso zeichneten sich die Maler Johann Andreas Gottfried Adler, Johann Leihamer und sein Sohn Abraham als Meister ihres Faches aus.

Ludwig Peter Rühl, Bruder von Johann Andreas Rühl, war nicht auf Blumen spezialisiert, sondern malte auch häufig mythologische Szenen oder Landschaften, in denen auch Personengruppen auftauchen.

Ungleich bedeutender als sein Vater war Abraham Leihamer. Passarge nannte ihn „einen der besten und vielseitigsten Maler, die die deutsche Fayencekunst überhaupt aufzuweisen hat.“ Die Auswahl seiner Motive war groß . Er malte galante Gesellschaftsszenen, Schäferidylle, Seestücke, Blumen, Landschaften, dann später in Stockelsdorf Chinoiserien, religiöse Motive und antike Historien.

Heute eine Rarität: die Bischofsmütze

Einer der schönsten Arbeiten von Abraham Leihamer ist die Bemalung der Bischofsmütze, eines Bowlengefäßes in Form einer Bischofshutes, in dem damals ein beliebter Punsch aus Rotwein, Zucker und Pomeranzensaft namens „Bischof“ serviert wurde.

In bunten Muffelfarben ist auf dem Untergefäß auf beiden Seiten eine Trinkgesellschaft dargestellt: Um einen Tisch sitzt eine fröhlich zechende Gesellschaft, unter der sich auch zwei Damen befinden. Auf dem Deckel ist zum einen ein Reitergefecht, zum anderen wiederum eine Trinkszene zu sehen: Zwei Herren sitzen trinken an einem Tisch und flirten mit einer Dame. Auf dem Tisch steht eine Bischofsbowle. Die Signatur des Gefäßes, deren Besonderheit man in Kiel wahrscheinlich erkannte, lautet: „Kiel Buchwald Directeur Abr. Leihamer fecit.“ Schon früh fand diese Fayence in der ausländischen Literatur Beachtung, bereits 1871 wurde sie in einem französischen Buch über Keramik erwähnt. Heute befindet sich die Bischofsmütze im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg.

Purer Luxus – Potpourrivasen

Ein ausgesprochener Luxusgegenstand waren Potpourrivasen, die es deshalb in nur sehr vornehmen Häusern gab. Sie waren Vasen nicht im üblichen Sinne für Schnittblumen, sondern sind Behälter für getrocknete Blumen oder Kräuter, z. B. Rosen, Lavendel, Thymian, manchmal auch ein Gemisch aus mehreren Sorten, daher der Name Potpourri. Die Vasen dienten als Zimmerschmuck und vor allem dazu, die Räume mit einem angenehmen Duft zu füllen, der durch Öffnungen im Deckel entweicht.

In Kiel entstand unter Tännich eine besondere Form der Potpourrivasen. Sie sind hohe, auf einem runden Fuß stehende, bauchige, nach oben schmal auslaufende Gefäße. Der „Deckel nimmt die Schwingung des Gefäßhalses spiegelbildlich auf und schließt mit einer flachen Wölbung ab. Die flache Deckelkuppe ist regelmäßig besetzt mit einem vollplastischen Zweig, daran Blätter, Blüten, auch kleine Früchte hängen“ (Ernst Schlee). Die meisten Potpourrivasen waren bemalt. War der Künstler Abraham Leihamer, so galten sie als „Glanzstücke der Manufaktur“. Die Motive ähnelten denen auf anderen Fayencen: Blumenbuketts, Landschaften, Seestücke, Gesellschafts- und mythologische Szenen. Diese Deckelvasen, soweit sie überhaupt noch auf dem Kunstmarkt erscheinen, sind bei Sammlern sehr begehrt. Auch andere Kieler Fayencen, von denen heute nur noch etwa 200 Stück erhalten sind, gehören zweifellos „zu dem Qualitätsvollsten, was auf diesem Gebiet im 18. Jahrhundert geschaffen worden ist“ (Zubek).

Die Glanzzeit der Fayencen geht zu Ende

1771 verließen Buchwald und die beiden Leihamer Kiel und gingen nach Stockelsdorf. Damit war das Schicksal der Kieler Manufaktur besiegelt. Schon im gleichen Jahr wurde der Betrieb stillgelegt, 1775 kaufte der Kieler Kanzleirat Detlev Gerhard v. Kannegießer die Firma. Aber er vermochte sie nicht neu zu beleben, denn spätestens 1787 stellt sie den Betrieb ein.

Die Fayencekonjunktur war überall vorbei, denn Porzellan war reichlich im Angebot und daher billiger geworden. Vor allem das rationalisiert hergestellte sehr preiswerte englische Steingut wurde zur ernsthaften Konkurrenz für Fayencen.

Autorin: Christa Geckeler (1937 - 2004)


Literatur

Hüseler, Konrad

Die Kieler Fayence-Manufakturen, Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 32, 1923

Kieler Express

vom 29. April 1982

Kieler Nachrichten

vom 6. und 14. November 1963, vom 4. Dezember 1976

Passarge, Walter

Alte und neue Keramik in Kiel, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 38, 1935, S. 99-146

Schlee, Ernst

Kieler Fayencen, „Kunst in Schleswig-Holstein“, Band 16, hrsg. für das Schleswig-Holsteinische Landesmuseum, Schleswig/Gottorf, Flensburg 1966

Zubek, Paul

Fayencen aus Kiel. Die erste (vierte) Kieler Fayence-Manufaktur 1763-1787, in: Schleswig-Holstein, Kulturjournal, Nr. 4, Rendburg 1988, S. 14-17


Abb.: Stadt- und Schifffahrtsmuseum Kiel; Bischofsmütze und Wandfontäne aus Schlee


Dieser Artikel kann unter Angabe des Namens der Autorin Christa Geckeler, des Titels Kieler Erinnerungstage: 1758 | Anfänge der Kieler Fayencemanufaktur und des Erscheinungsdatums 01. Oktober 2008 zitiert werden.

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