Kieler Erinnerungstag:

16. Januar 1949
Einweihung der Pauluskirche nach dem Wiederaufbau

Kiel wurde im Zweiten Weltkrieg durch Bombenangriffe zu 75% zerstört. Von den landeskirchlichen Gotteshäusern und Kapellen war 1945 nur noch ein einziges Gebäude zu nutzen. Auch die Pauluskirche am Niemannsweg war beschädigt. Das Dach und die Fenster waren zerstört, die Kirche unbrauchbar geworden. Aber die Kriegsschäden hielten sich in Grenzen. 1948 begannen die Reparaturarbeiten. Das Dach wurde erneuert und die Holzverschalung der zerstörten Fenster entfernt. Bis auf kleine Sehschlitze mauerte man die Fensteröffnungen zu, denn an neue farbige Glasfenster war damals nicht zu denken. So wurde die Pauluskirche relativ früh, am 16. Januar 1949, wieder eingeweiht, während die Nikolaikirche erst 1950 bis 1957 wieder instand gesetzt wurde.


Der Reichskriegshafen braucht eine Garnisonkirche



Die Entstehung der Pauluskirche muss im engen Zusammenhang mit der Stationierung von Marineangehörigen in Kiel gesehen werden.

Am 24. März 1865 hatte der preußische König durch Kabinettsordre die Verlegung der Danziger Flottenstation an die Kieler Förde und Kiel zur Marinestadt bestimmt. 1867 wurde Kiel Hafen des Norddeutschen Bundes und 1871 Reichskriegshafen. Es entstanden Werften auf dem Ostufern; Marineangehörige wurden vorwiegend auf dem Westufer stationiert. Bis 1890 entstanden Kasernenanlagen in Friedrichsort, an der oberen Bergstraße, zwischen dem Langen Segen und der Feldstraße sowie in der Pickertstraße in Gaarden. Ein Marinelazarett gab es in Friedrichsort und auf dem Gelände des heutigen Universitätsklinikums. Die Marineakademie wurde am Düsternbrooker Weg, heute Landeshaus, errichtet. Hinzu kamen Militär- und Verwaltungsbehörden.

Die Marineangehörigen mussten aber auch seelsorgerisch betreut werden. So war 1875 in Friedrichsort eine Garnisonkirche entstanden als Ersatz für den baufälligen Gottesdienstraum in der Festung, die heutige Bethlehemkirche in der Möhrkestraße. Sie war als ein Provisorium gedacht und ist daher ein kleiner, einfacher Fachwerkbau, der innen verputzt und außen holzverschalt ist. Dieses Gotteshaus diente nur den Marinesoldaten in Friedrichsort, das damals noch nicht zur Stadt Kiel gehörte.

Für die Marineangehörigen in Kiel war die Heiligengeistkirche zwischen Falckstraße und Klosterkirchhof zuständig. Sie wurde zur Zeit der Stadtgründung gebaut und war jahrhundertelang neben der Nikolaikirche das einzige Gotteshaus in der Stadt. Wenige Jahre, nachdem Kiel Reichskriegshafen geworden war, gehörten zur Kieler Garnison statt der ursprünglichen 500 Marine- und Seesoldaten bereits 2800 Marine- und 750 Heeressoldaten. Die Forderung nach einer eigenen Garnisonkirche wurde laut.


Suche nach einem geeigneten Grundstück



Marinepfarrer Büttner empfahl für den Standort der neuen Kirche „einen noch nicht bebauten Platz in der verlängerten Muhliusstraße: auf hochgelegenem Terrain sich erhebend“ würde der Bau über Stadt und Hafen ein markantes Zeichen setzen. Sartori & Berger bot ein Grundstück an, das zwischen Hospitalstraße, Feldstraße und Niemannsweg lag, allerdings für 30 000 Thaler. Das war der Intendantur zu teuer. Der Kauf eines Grundstückes zwischen Muhliusstraße und Blocksberg scheiterte ebenfalls an einem zu hohen Preis.

Endlich zeigte sich 1876 ein Ausweg. Durch Tausch eines Teils des ehemaligen Marinedepots am Düsternbrooker Weg konnte vom Kaufmann Voss u. a. ein ca. 6000 qm großes Gundstück am Niemannsweg erworben werden. Mit dem Hohenberg liegt dieses Gelände 30 m über dem Meeresspiegel. Hoch über der Stadt und dem Hafen würde die Kirche weithin sichtbar und als Seezeichen zu nutzen sein. Außerdem befand sie sich in der Nähe der Kasernen an der Feld- und Bergstraße und dem Marinelazarett.


Der Kirchenbau darf nicht zu teuer sein



Auch damals schon gab es Finanzprobleme. Die Einnahmen des Deutschen Reiches aus Steuern und Zöllen waren geringer als die Staatsausgaben. Bei jährlich steigenden Reichsschulden (von 16,3 Millionen Mark Ende März 1877 auf 5 Milliarden Mark bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges) musste sparsam gewirtschaftet werden.

Die Kosten für die neue Kirche wurden auf 391 000 Mark veranschlagt, im Haushaltsplan waren jedoch nur 265 000 Mark vorgesehen. Die Bauverwaltung schlug vor, auf den Turm zu verzichten. Doch damit war die Admiralität in Berlin aus Prestigegründen nicht einverstanden. So wurde beim Baumaterial gespart, was später zu Bauschäden führte.

Der Chef der Admiralität, Generalleutnant von Stosch, hatte zusätzlich den Gedanken, ein im östlichen Mittelmeer befindliches Ausbildungsgeschwader zu bitten, „schönes Baumaterial“ mitzubringen. Im Sommer 1877 schrieb von Stosch an den Geschwaderchef Admiral Batsch: „Der bevorstehende Aufenthalt SM Geschwader in den Gewässern des mittelländischen Meeres, diesem Stapelplatz alter Kultur und schönen Baumaterials, bietet die besonders günstige Gelegenheit, einen Schmuck für die Kirche zu erwerben und nach Kiel mitzuführen.“ Im Herbst konnte Admiral Batsch nach Berlin melden, dass er von der Insel Paros 5cbm weißen Marmor und in Syrakus etwa 1cbm grünen und 10 kleine Stücke roten Marmor günstig gekauft habe. Als dieser 1878 in Kiel eintraf, ordnete die Admiralität an, ihn zur Bearbeitung nach Berlin zu schaffen. Die Kieler Baudienststelle dagegen wollte die Transportkosten von 471 Mark sparen und schlug vor, einen Kieler Bildhauer mit der Bearbeitung des Marmors zu beauftragen.


„Empörende“ Grundsteinlegung



Inzwischen war die Heiligengeistkirche durch die ständig wachsende Zahl der Marineangehörigen für den Marinegottesdienst zu klein geworden. Dieser musste im Exerzierschuppen der Kaserne Feldstraße abgehalten werden. Marinepfarrer Büttner drängte deshalb auf Baubeginn der Kirche.

Endlich am 2. Oktober 1878 fand die Grundsteinlegung statt, „jedoch ohne weitere offizielle Feierlichkeiten“ (Kieler Zeitung). Der Bauführer hatte den Grundstein allein unter der Schwelle des Hauptportals versenkt. Als der Marinepfarrer diese Tatsache aus der Zeitung erfuhr, wandte er sich empört an die Intendantur. Die Marinebaubehörde musste nach Berlin berichten und begründete ihr Vorgehen mit der Einsparung von 35 Mark für die Feierlichkeiten, die den knappen Baufond belastet hätten. Außerdem habe man den Bau nicht verzögern wollen. Die Admiralität entschied, da es „durch Sitte und Herkommen geheiligter Brauch ist, beim Neubau einer Kirche eine solche Grundsteinlegung vorzunehmen“, solle dies auch in Kiel geschehen. Der Grundstein wurde wieder ausgegraben und am 27. Juni 1879 in feierlicher Form in die Schwelle des Hauptportals eingefügt.

Im Sommer 1880 war der Rohbau fertig, und am 8. Oktober 1882 fand die Einweihung der Garnisonkirche in Anwesenheit des Prinzen Heinrich von Preußen statt. Nach dem Weihegottesdienst läuteten die Glocken und schossen die Schiffe im Hafen Salut.


Die Kirche mit dem höchsten Turm in Kiel



Die Garnisonkirche war als Simultankirche für 450 Personen entstanden, d. h. für evangelische und katholische Christen. Die Entwürfe stammen von Architekt von Gotzkow unter Mitarbeit des Oberingenieurs Gießel von der Intendanturstelle. Die Kirche wurde im damaligen Stil als neugotische dreischiffige Halle mit Querschiff und polygonalem Chor gebaut. Mit ihrem 72m hohen Turm und ihrer Lage über 30 m über NN ist sie „Kiels höchster Kirchtum“.

Der Innenraum war ursprünglich auf hellgrauem Grund dekorativ bemalt. Taufstein, Kanzel und Altar entstanden aus dem importierten italienischen Marmor. Breite Stufen mit seitlichen Sandsteinpfeilern führen vom Niemannsweg hinauf zum Westportal der Kirche. Auf dem Zwischenparterre befindet sich ein Denkmal für den 1897 in seinem Torpedoboot in der Elbmündung untergegangenen Herzog Friedrich Wilhelm von Mecklenburg. Auf dem oberen Ende des Aufgangs befindet sich ein großer Granitsockel. Er gehörte zu einer „Kruzifix-Gruppe“, die eine Mutter mit ihrem Kinder zeigte, die vor einem Kruzifix die Hände erhebt. Das Denkmal stiftete Kaiser Wilhelm II. im Jahre 1900. Es sollte an die gefallenen und auf See gebliebenen Angehörigen der Marine erinnern. Im Zweiten Weltkrieg wurde die bronzene Kreuzgruppe demontiert und eingeschmolzen.


Die Garnisonkirche erhält den Namen Pauluskirche



In die Kirche kamen die Marinesoldaten aus den nahe gelegenen Kasernen zum Gottesdienst, hier wurden sie auch vereidigt oder zu Auslandsbesuchen verabschiedet. Während der Kieler Woche hat auch Kaiser Wilhelm II. mehrmals am Gottesdienst teilgenommen. Allgemein scheint die Kirche gut besucht worden zu sein. Denn schon drei Jahre nach ihrer Einweihung mussten 100 Klappstühle als zusätzliche Sitzgelegenheit beschafft werden, da bei der drangvollen Enge während der Gottesdienste mancher Soldat in Ohnmacht gefallen war.

Durch die Flottengesetze von 1898 und 1900 wurde der weitere Ausbau der deutschen Marine beschlossen und damit ihr Personalbestand erhöht. Zwischen 1905 und 1909 entstanden deshalb zwei weitere Garnisonkirchen. In der Wik wurde die evangelische Petruskirche errichtet, in der Feldstraße die katholische St.-Heinrich-Kirche. In diesem Zusammenhang erhielt die Garnisonkirche am Niemannsweg 1907 den Namen Pauluskirche.


Die Pauluskirche wird Gotteshaus der Heiligengeistgemeinde



Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und dem Versailler Friedensvertrag musste Deutschland den Marinebestand auf 15 000 Mann reduzieren. Da genügte als evangelische Garnisonkirche die Petruskirche im Kasernengelände der Wik.

Die Pauluskirche wurde daher 1918 bis 1925 nicht mehr genutzt und verfiel. 1925 überließ der Marinefiskus sie dem Kirchgemeindeverband Kiel, der sie für die Heiligengeistgemeinde bestimmte. Schon seit einiger Zeit war es der Wunsch der Gemeindemitglieder, eine Kirche mehr in der Mitte ihres Wohngebietes zu haben. Die Gemeinde gehört zum Stadtteil Düsternbrook, der das Gebiet nördlich der Altstadt bis zur Forstbaumschule und von der Feldstraße bis zu Förde umfasst, wobei sich Düsternbrook weiter nach Norden ausgedehnt hatte. Daher befand sich die Heiligengeistkirche in der Falckstraße am Rande der Gemeinde.

Am 29. November 1925 wurde die Pauluskirche von der Gemeinde in einem festlichen Gottesdienst in Besitz genommen. Von nun an fanden die kirchlichen Veranstaltungen der Gemeinde nur noch in der Pauluskirche statt, während die Heiligengeistkirche den Universitätsgottesdiensten vorbehalten blieb.

1948 konnten die Kriegsschäden der Pauluskirche nur provisorisch beseitigt werden. 1955 entstand der Kirchenbauverein, der sich für den Erhalt der Kirche einsetzte. Ihre grundlegende Renovierung fand zwischen 1957 und 1960 statt. Das äußere Erscheinungsbild der Kirche ist vereinfacht und damit klarer geworden, indem man Ziergiebel und Ziertürmchen und auch Strebepfeiler des Chores entfernte. Im Inneren wurden ebenfalls Schnörkel und Verzierungen beseitigt.. Besonders vereinfachte man die Empore, die Kanzel und die Orgel. An der Stelle des ehemaligen neugotischen Altars aus italienischem Marmor steht heute ein modernen Altartisch mit einer hölzernen Kreuzgruppe. Darüber drei Chorfenster mit Darstellung der Apostel sowie Allegorie von Glaube, Liebe, Hoffnung. Die weiß gestrichenen Wände mit einer dezenten abstrakten Bemalung an den achteckigen Säulen verleiht der Kirche insgesamt ein helles und freundliches Aussehen. Seit 1988 steht die Pauluskirche unter Denkmalschutz.


Christa Geckeler




Literatur



Clauß, Wolfgang

Die Heiligengeist-Gemeinde. Gestern – heute – morgen, in: Aus der Geschichte der Heiligengeist-Gemeinde und der Pauluskirche [Kiel 1978], S. 2-10

Henning, Friedrich-Wilhelm

Die Industrialisierung in Deutschland 1800-1914, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Band 2, Paderborn 1972, S. 262 ff.

Karge, Heinrich

Kirche kieloben: Die Petruskirche in der Wik und die anderen Marinekirchen, in: Begegnungen mit Kiel. Gabe der Christian-Albrechts-Universität zur 750-Jahr-Feier der Stadt, hrsg. von Werner Paravicini in Zusammenarbeit mit Uwe Albrecht und Annette Henning, Neumünster 1992, S. 197.f.

Kieler Express

vom 28. Oktober 1982, vom 6. Dezember 2000,vom 29. September 2007,

Kieler Nachrichten

vom 1. Februar 1961, vom 26. November 1975, vom 26. Oktober 1982, vom 28. September 2007

Nitzschke, Albert

Die Pauluskirche. Ihre Geschichte als Marine-Garnisonkirche, in: Aus der Geschichte der Heiligengeist-Gemeinde und der Pauluskirche [Kiel 1978], S. 11-23

Wilde, Lutz

(bearbeitet): Denkmaltopographie. Landeshauptstadt Kiel, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 29, Neumünster 1995, S. 304 f.


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