Stadtbücherei

Der Bundesweite Vorlesetag

Die Stadtbücherei feiert Deutschlands größtes Vorlesefest mit kleinen und großen Geschichtenliebhabern digital.

Denn: Kindern, denen viel vorgelesen wird, werden in ihrer persönlichen Entwicklung und sozialen Kompetenz gestärkt. (Vorlesestudie 2020)

Das Team der Stadtbücherei lädt alle Kinder zwischen 6 und 11 Jahren ein, bei dem digitalen Literaturquiz mitzumachen. Bei dem Video kann erraten werden, welche Figur, welche Geschichte vorliest. Die Ergebnisse werden an   geschickt und alle richtigen Einsendungen nehmen an einer Verlosung für einen Büchergutschein teil.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als das Mädchen das Schloss des Prinzen vor sich sah und sich auf die prächtige Marmortreppe setzte. Der Mond schien wunderbar hell und klar. Sie trank den scharfen Saft und da war ihr, als würde ihr Körper mitten durchgeschnitten. Ohnmächtig wurde sie vor Schmerz und lag da wie tot.
Als die Sonne aufging und ihre Strahlen übers Meer warf, erwachte das Mädchen wieder. Sie fühlte einen brennenden Schmerz.
Aber siehe da, vor ihr stand der schöne junge Prinz. Er blickte sie mit seinen kohlschwarzen Augen so eindringlich an, dass sie ihre Augen niederschlug. Und da entdeckte sie, dass ihr Fischschwanz verschwunden war und sie dafür zwei schöne weiße Beine hatte. Der Prinz fragte, wer sie sei und woher sie komme, und sie schaute ihn mit ihren dunkelblauen Augen sanft und traurig an, denn sprechen konnte sie ja nicht. Da nahm er sie an der Hand und führte sie ins Schloss. Bei jedem Schritt, den sie machte, war es ihr, als ob sie auf spitze Stacheln und geschliffene Messer träte, doch sie ertrug es gerne.

Das Mädchen war die Schönste im ganzen Schloss, aber sie war und blieb stumm. Sie tanzte, wie vor ihr noch keine getanzt hatte. Alle waren hingerissen und am meisten der Prinz, der sie ein liebes kleines Findelkind nannte. Er erklärte, sie müsse immer um ihn sein, und sie durfte vor seiner Tür auf einem weichen Samtkissen schlafen.

Tag für Tag wurde das Mädchen dem Prinzen lieber - aber sie zu seiner Königin zu machen, das fiel ihm im Traum nicht ein. Wenn der Prinz sie in die Arme schloss und auf die schöne Stirne küsste, schienen ihre Augen zu fragen: "Liebst du mich denn nicht am allermeisten?" "Ja du bist mir die Liebste." Sagte der Prinz. "Du hast das beste Herz von allen und du siehst einem Mädchen ähnlich, das ich einmal gesehen habe und das ich sicherlich nie mehr in meinem Leben wiederfinden werde. Ich fuhr auf einem Schiff, das im Sturm scheiterte, und die Wellen trugen mich an Land, nahe bei einem heiligen Tempel, in dem viele junge Mädchen Tempeldienst taten. Die Jüngste von ihnen fand mich am Ufer und rettete mir das Leben. Ich habe sie nur zweimal gesehen und sie wäre die Einzige auf der Welt, die ich lieben könnte."
Das Mädchen dachte: Ach, er weiß nicht, dass ich es war, die ihn das Leben gerettet hat! Aber ich will ihn lieben, mein ganzes Leben lang.


Beim nächsten Mal, als Gerda mit Kay ein Bilderbuch anschauen wollte, sagte er, es sei albern und nur etwas für kleine Kinder. Er machte sich über die Großmutter und Gerda lustig und hörte nicht auf, beide zu hänseln. Als der Winter mit dem ersten Schnee zurückkehrte, schaute Kay sich die Flocken unter der Lupe an. "Sind perfekt, viel schöner als echte Blumen."

Tags darauf nahm Kay seinen Schlitten und lief mit anderen Jungen zu dem Marktplatz, wo die Bauern und Händler ihre Waren anboten. Das Spiel bestand darin, sich mit einem Strick an einen der großen Schlitten der Bauern zu binden und sich ein gutes Stück weit mitziehen zu lassen. Kay hängte sich an einen großen weißen Schlitten, der von einer Person in einem zottigen weißen Pelzmantel und passender Mütze gelenkt wurde. Der große Schlitten wurde schneller und schneller; ab und zu drehte sich die Person auf dem Kutschbock um und nickte Kay zu. Weiter und weiter jagten der große und der kleine Schlitten. Sie waren schon weit aus der Stadt heraus. Kay versuchte das Band seines Schlittens zu lösen, aber es gelang ihm nicht. Er fürchtete sich, er wollte beten, aber es fielen ihm die Worte nicht ein.

Endlich hielt der Schlitten an und die Person auf dem Kutschbock drehte sich zu dem Jungen um: "Wir sind gut vorangekommen! Aber ich sehe, du frierst. Komm in meinem Pelzmantel." Sie zog ihn zu sich und er versank darin wie in einer Schneewehe. "Ist dir noch kalt?", fragte sie und küsste ihn auf die Stirn. Ihr Kuss war kälter als Eis, so kalt wie Eisklumpen in seinem Herzen und er dachte, er müsse sterben.

Dann ging die Fahrt weiter und als sie ihn nochmal küsste, vergaß er sein Zuhause, die Großmutter und auch Gerda.
"Nun bekommst du keine Küsse mehr, sonst küsse ich dich tot", sagte sie. Er fühlte sich geborgen und erzählte ihr aus seiner Schule, vom Kopfrechnen, von Länderkunde, und sie lächelt dazu. Sie flogen hoch über den Wolken, der Sturm brauste, es hörte sich an, als sänge er uralte Lieder.

Unter ihnen lagen Länder und Meere, Wälder und Seen. Der Wind tobte, die Wölfe heulten, der Schnee glitzerte und sie hörten die krächzenden Rufe der Krähen. Oben leuchtete silbern und hell die Mondsichel. Kay konnte den Blick nicht von ihr wenden, aber als der Morgen graute war er zu ihren Füßen eingeschlafen.

Als das Mädchen eine ganze Weile über die Ziegelsteinstraße gewandert war, dachte es, es wäre gut, eine kleine Pause einzulegen. Sie kletterte auf einen nahen Zaun und setzte sich zum Ausruhen darauf. Vor ihr dehnte sich ein weites Kornfeld, in dem - nur wenige Meter entfernt - eine Vogelscheuche stand. Das kleine Mädchen betrachtete sie nachdenklich: Den Kopf bildetete ein strohgefüllter Sack, auf den Nase, Mund und Augen aufgemalt waren.

Plötzlich schien eines der gemalten Augen das Mädchen bedächtig anzublinzeln. Zuerst dachte sie erschrocken, sie hätte sich geirrt aber als der sonderbare Strohmann auch noch freundlich nickte, kletterte sie von dem Zaun und ging ein paar Schritte näher

"Guten Tag."
"Ja, kannst du denn sprechen?"
"Natürlich. Wie geht es dir?"
"Danke gut. Und dir?"
"Nicht so besonders. Es ist ziemlich langweilig, an einer Stange aufgespießt zu sein und Krähen wegscheuchen zu müssen, weißt du..."
Das Mädchen nickte und sah ihn mitfühlend an. "Ja, kannst du dich denn nicht befreien?"
"Nein. Die Stange sitzt fest an meinem Rücken. Meinst du vielleicht, du könntest sie herausziehen? Das wäre wunderbar!"
"Ich will es gern versuchen, Stroh wiegt ja zum Glück nicht viel!" Sie streckte ihre Arme aus und hob die leichte Gestalt vorsichtig von dem Gestell herunter. "So - ist es nun besser?"
"Danke tausendmal. Jetzt fühle ich mich wie neugeboren."
Der Strohmann reckte und streckte sich, dann gähnte er ausgiebig, und schließlich fragte er: "Und was tust du hier?"
"Ich gehe in die Smaragdstadt, um den großen Zauberer zu bitten, dass er mich heim nach Kansas schickt."
"Die Smaragdstadt? Wo liegt die denn und wer ist der große Zauberer?"
"Nanu, das weißt du nicht?"
"Nein natürlich nicht. Ich weiß nichts - überhaupt gar nichts. Ich bin ja bloß ausgestopft und habe kein Gehirn."
"Ach so ... Das tut mir aber leid für dich!"
Der Strohmann starrte sie aus seinen gemalten Augen eindringlich an. "Was meinst du, soll ich mit dir zur Smaragdstadt gehen? Vielleicht könnte dieser große Zauberer mir ein bisschen Verstand geben?"
"Das kann ich natürlich nicht sagen. Aber wenn du willst, kannst du gern mit mir kommen."


"Haut ihn in Stücke."
"Los Jungs, immer drauf!" Schon im nächsten Augenblick hörte man auf dem Schiff nur noch das Klirren der Waffen. Hätten die Piraten gemeinsam zugeschlagen, dann hätten sie sicher gewonnen, aber der Angriff überraschte sie, als sie vereinzelt herumstanden. Sie rannten kopflos hin und her, schlugen wild um sich, und jeder dachte, er sei der letzte Überlebende der Mannschaft.

"Die Degen weg, Jungs dieser Mann gehört mir!"
So standen der Piratenkapitän und der Junge sich plötzlich von Angesicht und Angesicht gegenüber.
"Also das ist alles dein Werk."
"Ay, das ist alles mein Werk."
"Stolzer, unverschämter Jüngling, rüste dich für deinen Untergang."
"Unheilvoller, finsterer Mann, ... das ist dein Verhängnis."
Ohne weitere Worte begannen sie den Kampf, und für eine Weile war keine Klinge im Vorteil. Der Junge war ein hervorragender Degenfechter und parierte mit verblüffender Geschwindigkeit. Der Piratenkapitän, kaum weniger brillant, aber nicht ganz so flink, drängte ihn zurück und hoffte ein schnelles Ende herbeizuführen mit einem besonderen Stoß, den der vor langer Zeit von gelernt hatte. Aber der Junge wich aus, machte einen kühnen Verstoß und durchbohrte ihm die Rippen. Nun war er der Gnade des Jungen ausgeliefert.

"Jetzt!" Mit großer Gebärde forderte der Junge den Gegner auf, seinen Degen wieder aufzuheben. Das tat der Piratenkapitän sofort - aber mit dem unbehaglichen Gefühl, dass der Junge 'guten Stil' bewiesen hatte. Bisher hatte der Piratenkapitän geglaubt, er kämpfe mit irgendeinem Feind, aber nun kamen ihm Zweifel.
"Junge, wer und was bist du?"
"Ich bin die Jugend, ich bin die Freude. Ich bin ein kleiner Vogel, der aus dem Ei geschlüpft ist."
Das war natürlich Blödsinn, aber für den unglücklichen Piratenkapitän war es der Beweis, dass der Junge nicht im Geringsten wusste, wer oder was er war - was bekanntlich der Gipfel des guten Stils ist.
"Weiter!"

Die Raupe und das Mädchen sahen sich eine Zeitlang schweigend an; endlich nahm die Raupe die Wasserpfeife aus dem Mund und sprach mit müder, schleppender Stimme.
"Wer bist denn du?"
Als Anfang für eine Unterhaltung war das nicht ermutigend.
"Ich - ich weiß selbst kaum, nach alldem - das heißt wer ich war, heute früh beim Aufstehen, das weiß ich schon, aber ich muss seither wohl mehrere Male vertauscht worden sein."
"Wie meinst du das?". "Erkläre dich!"
"Ich fürchte, ich kann mich nicht erklären, denn ich bin gar nicht ich, sehen Sie."
"Ich sehe es nicht."
"Leider kann ich es nicht besser ausdrücken", denn erstens begreife ich es selbst nicht; und außerdem ist es sehr verwirrend, an einem Tag so viele verschiedene Größen zu haben."
"Gar nicht."
"Nun, vielleicht haben Sie diese Erfahrung noch nicht gemacht. Aber wenn Sie sich mal verpuppen - und das tun Sie ja eines Tages, wie sie wissen - und danach zu einem Schmetterling werden, das wird doch gewiss auch für Sie etwas sonderbar sein oder nicht?"
"Keineswegs."
"Nun vielleicht empfinden Sie da anders, ich weiß nur: für mich wäre das sehr sonderbar."
"Für dich! Wer bist denn du?"
Und damit war sie wieder zum Anfang ihrer Unterhaltung zurückgekehrt. Sie war etwas ungehalten darüber, dass die Raupe so überaus kurz angebunden war, richtete sich empor und sagte in sehr erstem Ton: "Ich finde, Sie sollten mir zuerst einmal sagen, wer Sie sind."
"Warum?"
Wieder eine verwirrende Frage; und da ihr kein passender Grund einfallen wollte und die Raupe mehr als schlecht aufgelegt schien, wandte sie sich zum Gehen.


Der Bundesweite Vorlesetag ist eine gemeinsame Initiative von DIE ZEIT, Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung. Sie hat zum Ziel, mit Vorleserinnen und Vorlesern aus ganz Deutschland an jedem dritten Freitag im November ein öffentlichkeitswirksames Zeichen für die Bedeutung des Vorlesens zu setzen.

Weitere Informationen auf den Seiten der Aktion Der Bundesweite Vorlesetag.

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