In Kiel älter werden

Starthilfe für Netzwerke in der Nachbarschaft

Professionelle Strukturen aufbauen und erhalten

„Soll ich mir jetzt vorstellen, ich wäre 55 plus und in einer Netzwerkgründungsveranstaltung?“, fragt die erste Teilnehmerin im Sitzkreis die Schulungsleiterin überrascht. Ja, sie solle kurz etwas zu ihrer Person sagen, erzählen wie sie lebe, welche Wünsche und Erwartungen an den Ruhestand bestehen oder was sie zukünftig mit anderen tun möchte.

„Ich habe so viel zu tun, ich habe keine Kapazitäten für weitere Unternehmungen“, entgegnet eine andere Teilnehmerin direkt. „Vielleicht ist heute jemand hier, der auch Spaß an Technik hat“, sagt der nächste in der Runde. „Gerne würde ich andere im Bereich Medien unterstützen, ich kenne mich zum Beispiel bestens mit Smartphones oder auch Tablets aus.“
 


Schulung zur Netzwerk-Arbeit im Sozialraum

Wünsche werden gesammelt, gleiche Interessen schnell offensichtlich. Ein kurzes Rollenspiel und die Teilnehmenden sind mittendrin in der ersten Veranstaltung eines ZWAR Netzwerks. Die Teilnehmenden, das sind Mitarbeiter*innen der Landeshauptstadt Kiel, der AWO, Diakonie, des DRK, des Stadtteilnetzwerks Niki und der Pflege SH.

ZWAR ist das Akronym für „Zwischen Arbeit und Ruhestand“ und lädt Menschen ab 55 Jahren ein, sich zu vernetzen. „ZWAR ist kein Verein und keiner religiösen oder politischen Richtung verpflichtet. Die Kommune schreibt Einwohner*innen eines ausgewählten Stadtteils an und fragt sie nach ihren Wünschen“, sagt Ute Schünemann-Flake, Mitarbeiterin von ZWAR aus Nordrhein-Westfalen.
 


Herausforderung Ruhestand

ZWAR richtet sich an Menschen zwischen 55 und 65 Jahren, also explizit an den Personenkreis, der noch mitten im Leben steht. Denn oftmals endet der erst als verlängerter Urlaub anmutende Ruhestand für manchen nach Familie, Beruf und damit verbundenen diversen Verpflichtungen in sozialer Isolation.

Gerade wer nicht bereits über ein großes soziales Netzwerk verfügt, kann dieses nur schwerlich ad hoc aufbauen. Außerdem passen die Angebote rund um das Thema für das Alter(n) im Sozialraum häufig nicht mehr zu den Lebenswelten der Menschen, die heute aus dem Erwerbsleben ausscheiden.
   


Miteinander in Eigenregie

Der Kontakt zu ZWAR entstand durch den von der Leitstelle „Älter werden“ organisierten Fachtag zum Thema „Lebendige Nachbarschaften - Kiel auf dem Weg zur Sorgenden Gemeinschaft“.

„Als Kommune gestalten wir mit den freien Trägerinnen und Trägern die sozialräumlichen Strukturen“, sagt Andrea Schnücker-Schulz, Abteilungsleiterin der Leitstelle „Älter werden“ der Landeshauptstadt Kiel, die die Schulung für die Mitarbeitenden der Anlaufstellen Nachbarschaft (AnNa) und Initiativen organisiert hat.

„Durch die Umstrukturierung der offenen Arbeit für Seniorinnen und Senioren eröffnen sich neue Gestaltungsmöglichkeiten, weg von der Komm-Struktur hin zu vielfältigeren, intergenerativen und auch individuellen Projekten und damit verbundenen Aktivitäten.“

Eine Vernetzung nach dem ZWAR-Modell stellt dabei nur eine von vielen Möglichkeiten für basisdemokratische Selbstorganisation dar.


Vernetzungstreffen mit Folgen

Rund drei bis fünf Prozent der Angeschriebenen folgen der Einladung zu einer ersten Auftaktveranstaltung. Dann schließen sich 14-tägige sogenannte Basisgruppentreffen an, in denen zu verschiedenen Themen und Terminen Interessengruppen verabredet werden.

"Natürlich kommen einige nicht mehr wieder“, sagt Ute Schünemann-Flake, „vielleicht auch weil deren ZWAR-Zeit noch nicht gekommen ist. Meistens sieht man aber schon beim ersten Treffen, wie Verbindungen entstehen. Die Menschen kommen zu den vereinbarten Folgeterminen und finden sich in kleineren Gruppen zusammen.“

Naturfreunde, Kulturbegeisterte oder auch passionierte Schachspieler finden sich, lernen sich kennen und erweitern durch die Gemeinsamkeit den Radius an bekannten Gesichtern und schließlich an Freundinnen und Freunden in der Nachbarschaft.

Natürlich gibt es manchmal auch Konfliktpotenzial innerhalb der Gruppen, wenn Menschen mit unterschiedlichen Biographien zusammenkommen. Oft genügt es dann aber schon, wenn sich die Tonangebenden in der Gruppe zurücknehmen und den Ruhigeren der Rücken gestärkt wird. Im Laufe einer längeren Zusammengehörigkeit lernt die Gruppe, gemeinsam mit diesen Problemstellungen immer besser umzugehen.
 


„Was machen Sie am Sonntag?“

Keine externe Obrigkeit, keine hierarchischen Strukturen, sondern schlicht und grundlegend Starthilfe und Begleitung durch die Organisierenden - nach dem Schulungstag inklusive dem ersten selbst durchlebten Netzwerkgründungstreffen, ist die Begeisterung für die Methode groß. Die Teilnehmenden nehmen diese mit in ihre Stadtteile. Die ersten Briefe an die 55plus-Jährigen sind gedanklich bereits aufgesetzt.

Doch woher soll man wissen, ob man bei einem solchen Vernetzungstreffen überhaupt richtig wäre? Darauf stellt Ute Schünemann-Flake zum wechselseitigen Kennenlernen gerne die Frage: Was machen Sie am Sonntag? „Wenn Menschen diese Frage beantworten, wird ihnen schnell klar, was sie noch für sich brauchen und wie ausgelastet sie tatsächlich sind.“

Kontakt

Landeshauptstadt Kiel
Amt für Soziale Dienste
Leitstelle Älter werden
Stephan-Heinzel-Straße 2
24103 Kiel

Öffnungszeiten

 
Kerstin Wilimzig

0431 901-3202

 

Frank Reiser

0431 901-3331