Nachhaltiges Kiel

Wir machen Zukunft

In Kiel gibt es viele engagierte Menschen, die sich mit guten Ideen und viel Tatendrang dafür einsetzen, dass unsere Fördestadt nachhaltig und zukunftsfähig wird.

Jeden Monat stellen wir eine*n Kieler Zukunftsmacher*in in einem Kurzinterview vor. Sie kennen Leute, die unbedingt dazugehören? Dann lassen Sie uns das gerne wissen.

 

Oktober 2020: Boris Woynowski

Portraitfoto
Foto: Gunnar Dethlefsen
Was hat dich nach Kiel geführt?

Das Leben. Vor sieben Jahren bin ich von Berlin der Liebe wegen an die Förde gezogen. Das fühlte sich erstmal so an, wie ein Halt aus voller Fahrt mit dem ICE, irgendwo in der verregneten Pampa ohne Anschlussverbindung. Oder wie angeschwemmtes Treibholz. Na moin. Die Frage ist also eher, was mich in Kiel gehalten hat. Und weiter hält.

Die Antwort ist: Kiel kann mehr. Das das so ist und was das ist, hat allerdings eine ganze Stange Zeit gekostet. Vom passiven Akzeptieren, dass Kiel eben nicht Berlin ist, ins aktive Wertschätzen, dass Kiel eben nicht Berlin ist. Keine laute Stadt, die rastlos ist, ständig etwas von einem will und mit Angeboten zuschüttet. Sondern eine herzlich-leise Stadt, die nicht fragt wo du herkommst, sondern wo du hin willst. Die dafür Zeit gibt und mehr in Bewegung bringt, als es auf den ersten und zweiten Blick wahrnehmbar ist. Ein Zentrum am Rand, nordisch-nobel, voll sanftmütiger Güte, um es mit Herbert Grönemeyer poetisch einzurahmen.

Gleichzeitig erlebe ich Kiel auf eine besondere Art authentisch und wenig verkünstelt. Nicht lang schnacken und mit den Armen rudern. Einfach machen und sich dabei nicht wichtiger nehmen, als man ist. Mit dieser Haltung passen wir ganz gut zusammen und so ist Kiel langsam aber beharrlich der Ort geworden, an dem und von dem aus ich Zukunft gestalte.

Was genau machst du?

Gutes stärken und wachsen lassen. Ich bin eigentlich Forstwissenschaftler, habe aber weder einen Hund noch arbeite ich im Wald. Und doch gibt es für mein Handeln wichtige Parallelen. Im Waldbau ist es offensichtlich, dass vielschichtige Mischwälder langfristig reicher an Biodiversität, wirtschaftlichem Ertrag und stabiler gegen Schadereignisse sind. Anders als reine Monokulturen, die vor allem kurzfristig höhere wirtschaftliche Erträge erzielen, aber artenarm wie anfällig sind. Und es ist klar, dass sich das ändern muss und ändern lässt. So wird eine Fichtenmonokultur mit den geeigneten Maßnahmen in eine standortgerechten Mischwaldkultur umgewandelt und nachhaltig bewirtschaftet.

In meinen Tätigkeiten fernab des Forstes geht es mir daher immer darum, wie sich Strukturen, Prozesse, Produkte und Dienstleistungen, die nicht nachhaltig sind, durch soziale und technologische Innovationen sukzessive positiv verändern lassen. Ich "mache" strukturellen Kulturwandel, nur eben mit Menschen statt mit Bäumen. Dafür beschäftige ich mich auf verschiedenen Raumebenen sowohl mit strategischer Beratung für nachhaltige Organisationsentwicklung, sowie mit ganz konkreter Prozessgestaltung und Projektentwicklung.

Ich möchte drei Beispiele geben, die das weniger abstrakt machen. Für die Anschar GmbH arbeite ich vor Ort in Kiel daran, das Kreativzentrum Anscharcampus zu einem Lern- und Erfahrungsort für innovative Zukunftsgestaltung zu entwickeln, um dort Nachhaltigkeit auch in möglichst vielen Prozessen und Strukturen zu integrieren wie selbst vorzuleben. Für die Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig Holstein entwickele ich überregionale Projekte wie die „Crossborder Innovation Challenge“, bei der im deutsch-dänischen Grenzgebiet nachhaltige Lösungen für das Gemeinwohl gesucht wurden. Und in meiner alten Bergheimat Garmisch-Partenkirchen leite ich - Digitalisierung sei Dank - von Kiel aus den Transformationsprozess des konventionellen Tourismusunternehmens "Alpenferienwohnungen" hin zu nachhaltigem Unternehmertum.

Welche SDGs sind von deinem Engagement besonders berührt?

Da ich thematisch sehr breit aufgestellt bin und die SDGs für mich untrennbar miteinander in Beziehung stehen, bleibt eigentlich kein Ziel so wirklich aussen vor.

Eine Schlüsselrolle haben für mich die SDGs 9 und 11, da Städte und Gemeinden als Lebensorte über weitreichende Gestaltungsmöglichkeiten für nachhaltige Entwicklung verfügen. Etwa indem sie selbst langfristige Pläne fassen und Infrastrukturen für Stadtentwicklung und Industrie schaffen können. Wenn ein Masterplan Klimaschutz, ein Maßnahmenpaket Mobilitätswende oder eine Zero-Waste-Strategie konsequent umgesetzt werden, entstehen so förderliche Strukturen die es den Bürger*innen wie Unternehmer*innen einfacher machen nachhaltiger zu handeln und zu konsumieren  SDG 12.

Gleichzeitig entwickeln sich in kreativen städtischen Nischen auch innovative nachhaltige Ansätze, die das Potential bergen durch Zusammenarbeit oder Partnerschaften mit der Verwaltung und Unternehmen zu skalierbaren Lösungen zu werden, die Ungleichheiten  SDG 10 reduzieren und das Wohlergehen steigern SDG 3.

Wichtig ist mir dabei den Widerspruch von Wohlergehen beziehungsweise menschenwürdiger Arbeit und Wirtschaftswachstum  SDG8 im Blick zu haben. Wie im Waldbau sollte hier erst überlegt werden, welche Art des Wirtschaftens gemeint ist und wer davon profitiert. Nachhaltiges Wirtschaftswachstum bedeutet für mich ein maßvolles und gerechtes Wirtschaften zum Wohle Aller, statt höher, schneller und weiter wie bisher auf Kosten Aller und zum Wohle Weniger.

Warum findest du Nachhaltigkeit wichtig?

Ganz einfach: Es gibt keine Alternative. Ohne nachhaltiges Denken und Handeln zerstören wir uns und zukünftigen Generationen die Lebensgrundlagen. Klimakrise und Artensterben sind für die meisten Menschen weiterhin noch zu abstrakt oder zu weit weg. Aber ich glaube spätestens durch die Corona-Pandemie wird recht eindrücklich klar, dass sich da ganz gewaltig was ändert. Und als Reaktion sich auch grundlegend etwas ändern muss. Wer heute Nachhaltigkeit weiter nicht wichtig nimmt und vorantreibt, wird morgen hinterher laufen.

Um unser globales Wohlergehen und unsere Lebensgrundlagen unter diesen Bedingungen zukunftsfähig zu gestalten, heißt das - nach meinem Nachhaltigkeitsverständnis - wirksame wie skalierbare nachhaltige Entwicklungen zu identifizieren, zu stärken und fortzusetzen. Also auf professioneller Ebene mit dem Fokus auf Innovation, Gemeinwohl und Resilienz das, was an Veränderung möglich ist, gut zu gestalten, nicht perfekt.

Und auch der nachhaltige Umgang mit den eigenen Ressourcen ist wichtig. Dafür müssen wir auch auf persönlicher Ebene lernen, anzunehmen, dass das Gras nicht schneller wächst, wenn man es zieht. Dass eine neue Kultur inmitten der Alten wächst und beides da sein darf. Wandel ist Veränderung über Zeit. Es hilft niemanden, wenn man beim Versuch, die Welt zu retten, auf der Strecke bleibt oder verzweifelt. Der Weg ist lang, er entsteht oft erst beim Gehen und es braucht Geduld, Freude und Zuversicht, um sich nicht davon abbringen zu lassen.

Kiel 2030 - was ist Deine Vision für unsere Stadt?

Eine Vision? Kleiner als drei hab ich es nicht.

Erstens: Kiel ist nachhaltig und smart. In zehn Jahren ist Kiel das innovative Tor zum Norden und als Stadt Vorreiterin für gelebte nachhaltige Entwicklung. Dank einer Vielzahl von kompetenten Pionier*innen gibt es erprobte Strukturen, Methoden, Modelle und Strategien, die gemeinwohlorientiertes Denken und innovatives Handeln erfolgreich mit dem Aufbau resilienter Strukturen kombiniert haben. Die Kreativzentren der Stadt haben sich aus ehemaligen Keimzellen für nachhaltige Entwicklung zu stabilen Lern- und Erfahrungsorten für Zukunftsgestaltung weiterentwickelt. Gemeinsam mit der Verwaltung wird von hier aus die nachhaltige Stadtentwicklung vorangedacht und -gebracht.

Zweitens: Kiel ist gerecht und offen. Nachhaltigkeit darf kein Luxus darstellen, den man sich leisten können muss, sondern für alle einfach zugänglich sein. Kiel hat es geschafft, nachhaltige Maßnahmen zum Wohler aller zu implementieren, wie etwa einen kostenfreien und emissionsarmen öffentlichen Nahverkehr. Als sicherer Hafen heißt Kiel weiterhin alle Menschen willkommen und ermöglicht ein sicheres, selbstbestimmtes und gutes Leben.

Drittens: Kiel ist mehr als Kiel. Unsere Stadt ist Knotenpunkt in einem internationalen Netzwerk für Zukunftsgestaltung und hat ein stabiles überregionales Ökosystem aus kreativen wie innovativen Akteur*innen aufgebaut. Gleichzeitig bleibt sich Kiel in der eingangs beschriebenen Gradlinigkeit treu. Ohne falschen Stolz und stets auf Augenhöhe. Kiel hat es geschafft visionäre nachhaltige Vorstellungen in die Tat umzusetzen und unterstützt Andere dabei, dies ebenfalls bestmöglich zu erreichen. 


Die Interviews der vergangenen Monate

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Kontakt

Stefanie Skuppin
Leiterin des Büros des Stadtpräsidenten

0431 901-3040


 
Frauke Wiprich
Leiterin des Sachbereichs Internationales und Nachhaltigkeit

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