100 Jahre Kieler Rathaus

Festrede von Kaiser Wilhelm II. zur Einweihung des Rathauses

Mein lieber Oberbürgermeister!

Ich danke Ihnen und der Stadt Kiel in meinem und der Kaiserin Namen herzlich für die Einladung zu de heutigen Feier und die freundliche Begrüßung. Ihrem neuen Rathause die Weihe zu geben, ist mir eine besondere Freude. Die großartige Entwicklung, welche Ihre ehrwürdige Stadt mit ihrer mehr als 1000jährigen Geschichte in den letzten 50 Jahren erfahren hat, hängt mit dem Wachstum meiner Marine und dem Aufblühen der Schiffbaukunst und -Industrie aufs engste zusammen.

Hier, an dem größten Hafen der deutschen Ostseeküste sind die mustergültigen Werftanlagen entstanden, auf denen für deutsche Panzer der Kiel gestreckt und der Körper gefügt und gesichert wird. Hier werden Sie nach glücklichem Stapellauf mit Ausrüstung und Bemannung versehen; hier ist der Mittelpunkt der rastlosen Arbeit, die diesen Panzern Leben einhaucht und sie schließlich zu dem macht, was sie sein sollen: zum starken Schutz und Schirm des deutschen Vaterlandes und Volkes.

Es sind wahrlich erhebende Vorgänge und eindrücke, die Ihre Stadt erlebt; welches deutsche Herz sollte nicht höher schlagen bei einem Schauspiel, wie wir es erst gestern wieder gesehen haben, als wir ein neues Erzeugnis der Kieler Werften seinem Elemente übergeben konnten.

Als Wahrzeichen einstiger Zugehörigkeit zur Hansa führt Ihre Stadt im Wappen ein Boot. Als Wahrzeichen des engen Zusammenhanges mit der Flotte erscheint mir der weit hinausragende Turm Ihres neuen Stadthauses, der meinen Schiffen bei der Rückkehr in den Heimathafen einen Willkommensgruß der Kieler Bürgerschaft zurufen wird.

Ich beglückwünsche Sie zu dem neuen monumentalen Schmuck Ihrer Stadt. Möge das neue Rathaus alle zeit sein eine Städte ernster Arbeit, unermüdlicher Pflichterfüllung und liebevoller Fürsorge für die geistigen und leiblichen Bedürfnisse der Bürger, eine Stätte echter deutscher Gesinnung, die in der Gottesfurcht, der Treue zum Herrscherhause und der Liebe zum Vaterlande wurzelt.

Ich ergreife den Pokal und trinke den Saft der deutschen Rebe, gespendet von Bayerns treuer Hauptstadt, auf das Wohl der Stadt Kiel.