100 Jahre Kieler Rathaus

Festrede von Oberbürgermeister Paul Fuß zur Rathauseinweihung

Eure Kaiserliche und Königliche Majestät wollen mir allergnädigst gestatten, im Namen der Stadt Kiel freudig bewegt für die hohe Auszeichnung zu danken, die eure Majestät ihr durch die heutige Anwesenheit bei der Weihe des neuen Rathauses erweisen.

Eurer Majestät bringen wir erneut unsere Huldigung als dem machtvollen Schirmherren des Deutschen Reiches, der uns den Segen des Friedens seit nahezu einem Vierteljahrhundert erhalten hat, auf dessen Ruf wir aber auch bereit sein wollen, Opfer zu bringen und Not zu tragen, wenn dereinst des Reiches Sicherheit und Würde es erheischen sollte.

Wir huldigen Eurer Majestät als unserem König, dem Erben der geistes- und Seelengröße, die dem Geschlecht der Hohenzollern auf Preußens Thron in Glück und Unglück eigen ist. Wir huldigen Eurer Majestät als dem Herzog unseres Heimatlandes und wissen Eurer Majestät besonderen Dank dafür, dass wir heute auch Ihre Majestät unsere erhabene Kaiserin begrüßen dürfen.

Alluntertänigst erbitten wir die Fortdauer der gnädigen Gesinnung Eurer Majestät für unsere Stadt, die stolz darauf ist, ihren Namen an des vornehmsten deutschen Reichskriegshafens geknüpft zu wissen und einem erlauchten Mitgliede des Königlichen Hauses als Residenz zu dienen.

Der ragende Turm, der nach des badischen Baukünstlers Plan mit unserem Rathause verbunden wurde, möge der Stadt nicht als ein Sinnbild des Übermuts gedeutet werden. Wie die Türme der Kirchen die Sehnsucht des Menschen nach dem Überirdischen anzeigen, so soll für unseren weltlichen Bau der Turm ein Ausdruck der Notwendigkeit sein, über den oft kleinen Aufgaben des täglichen Lebens und dem engen Gesichtskreis der einzelnen Stadt die größeren Ziele und die Pflichten gegen die Gesamtheit des Vaterlandes nicht zu vergessen. Dazu soll uns der Anblick vom Turm auf das Meer und seinen Hafen, auf das die Stadt im weiten Bogen umgebende fruchtbare Gelände jederzeit eine Mahnung sein.

Eure Majestät, die deutschen Städte, die vor kurzem in der Residenzstadt Posen tagten, sind einmütig beseelt von Treue gegen Kaiser und reich. Dort im Osten hat der Oberbürgermeister der größten Stadt im deutschen Süden aus vollteilnehmender Freude über den unserer nordischen Stadt verheißenen Kaiserlichen Besuch aus eigenem Antriebe gebeten, für diese Feier den gleichen Wein bereitstellen zu dürfen, den Eure Majestät vor wenigen Jahren im Münchener Rathause zu kosten geruhten.

Dieser Wein aber entstammt der im Westen des Reiches von der Sonne der Rheinpfalz gekochten Traube. In Ehrfurcht harre ich des Befehls Eurer Majestät, wann ich den Pokal darreichen darf, aus dem Eure Majestät die Gnade haben wollen, den Ehrentrunk zur Weihe des Kieler Rathauses anzunehmen.