Das „Afrikaviertel“ | Schauplätze Kieler Geschichte
Das „Afrikaviertel“ im Stadtteil Neumühlen-Dietrichsdorf wirkt auf den ersten Blick wie viele der Wohnsiedlungen, die in Kiel in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden sind. Doch bei näherer Betrachtung offenbart sich eine facettenreiche Geschichte.
Historische Elemente wie die Statuen von Gazellen, unterschiedlich gestaltete Straßenschilder und sogar Umrisse von Hakenkreuzen im Gemäuer sind noch sichtbar. Sie alle lassen die verschiedenen Zeitschichten des Viertels durchscheinen. Was verbirgt sich hinter diesen Facetten des Viertels?
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Landeshauptstadt Kiel
Werkstatt 20. Jahrhundert
Hopfenstraße 30, 24103 Kiel
Dr. Sabine Moller, Leitung
Rabea Bahr, Pädagogische Leitung
Annalena Steppat, wissenschaftliche Volontärin
N.N., Verwaltung
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Das „Afrikaviertel“ im Nationalsozialismus
Das „Afrikaviertel“ entstand ab 1938 während der Aufrüstungszeit, in deren Zuge auch der Ausbau der Werften vorangetrieben wurde. Dazu gehörten ebenfalls die Howaldtswerke in Neumühlen-Dietrichsdorf, heute ThyssenKrupp Marine Systems GmbH (TKMS). Um den neu zugezogenen Arbeiter*innen Wohnraum zu bieten, wurde direkt neben der Werft eine Siedlung errichtet. Die Straßen des Viertels wurden im Rahmen des nationalsozialistischen Kolonialrevisionismus nach prominenten Vertretern der deutschen Kolonialpolitik benannt.
Eine koloniale Ästhetik prägte das Viertel, unter anderem durch Skulpturen von Gazellen, während Verzierungen wie Hakenkreuze die NS-Propaganda verstärkten. So fand die rassistische Ideologie der Nationalsozialisten, die eine Rückkehr zur Kolonialpolitik propagierten, ihren Weg in den Alltag vieler Kieler*innen.
Für die Sandsteinskulpturen wurden die Bildhauer Alwin Blaue und Erich Schmidt Kabul engagiert. Beide waren zur Zeit des Nationalsozialismus anerkannte Künstler, litten jedoch unter dem repressiven System: Viele Werke von Alwin Blaue wurden als „entartete Kunst“ eingestuft, was ihm ein Berufsverbot einbrachte. Erich Schmidt Kabul erhielt seinen Beinamen aufgrund seiner Mitarbeit an einem Herrschaftspalast in Afghanistan und wurde 1934 nach mehreren Aufenthalten in psychiatrischen Einrichtungen zwangssterilisiert.
Die Straßennamen wurden in Zusammenarbeit mit dem Reichskolonialbund vom Polizeipräsidenten der Stadt Kiel genehmigt. Neben der Lüderitzstraße, Nachtigalstraße, Wissmannstraße und Woermannstraße wurde auch eine Straße nach Carl Peters benannt – einem Mann, der wegen seiner Brutalität gegen die Bevölkerung in den damaligen Kolonien im Kaiserreich unehrenhaft aus dem Dienst entlassen worden war. Zudem erhielt eine Straße den Namen der damals noch lebenden Kolonial- und NS-Größe Franz Ritter von Epp, der mehrfach gemeinsam mit Adolf Hitler in Kiel war.
Deutsche Kolonialgeschichte und Kolonialrevisionismus
Die deutsche Kolonialzeit erstreckte sich hauptsächlich von 1884 bis 1918 und umfasste in Afrika Teile der heutigen Staaten Togo, Kamerun, Tansania, Namibia, Burundi, Gabun, die Republik Kongo, die Zentralafrikanische Republik, Tschad, Nigeria, Ghana und Ruanda.
Während dieser Zeit prägte die deutsche Kolonialherrschaft die genannten Regionen des afrikanischen Kontinents massiv durch Gewalt und Unterdrückung. Die gewaltsame Herrschaft hat bis heute Auswirkungen auf die ehemals kolonisierten Regionen und prägt die deutsche Gesellschaft.
Mit dem Inkrafttreten des Versailler Vertrags im Jahr 1920 verlor das Deutsche Reich seine Kolonien. Nach 1933 begannen die Nationalsozialisten, sich auf den Kolonialismus zu berufen und ihn für ihre Propaganda zu nutzen. Sie idealisierten die koloniale Vergangenheit und präsentierten sie als eine Zeit nationaler Stärke und Überlegenheit. Diese Rückbesinnung auf den Kolonialismus wurde als Teil ihrer Ideologie des Kolonialrevisionismus verstanden.
Durch die Instrumentalisierung der Kolonialgeschichte schürten sie nationalistische Gefühle. Sie diente der Legitimation ihrer Expansionspolitik und der Schaffung eines Feindbildes für ihre eigenen politischen Ziele
Das „Afrikaviertel“ nach 1945
Die Geschichte des „Afrikaviertels“ nach 1945 ist stark von Diskussionen über Straßennamen und den Umgang mit kolonialen sowie nationalsozialistischen Hinterlassenschaften geprägt. Nach der Übernahme durch die britische Militärregierung in Kiel wurden Straßen und Plätze in der gesamten Stadt entnazifiziert. Auf eine Beschwerde von Anwohner*innen hin wurden auch im „Afrikaviertel“ Straßen umbenannt, deren Namensträger bekannte Nationalsozialisten waren.
So wurde am 17. Dezember 1947 die Lettow-Vorbeck-Straße in Hertzstraße umbenannt, nach dem Physiker Heinrich Rudolf Hertz. Auch die Ritter-von-Epp-Straße erhielt einen neuen Namen: Sie wurde zur Verdieckstraße, benannt nach dem SPD-Politiker und Widerstandskämpfer Willy Verdieck . Damit hatte die Ehrung führender NS-Größen ein Ende, während Kolonialherren weiterhin gewürdigt wurden.
In den folgenden Jahren fanden zunächst keine weiteren Straßenumbenennungen statt. Erst Anfang der 1980er-Jahre begannen erneute Diskussionen zu diesem Thema. Ein Kieler Bürger forderte den damaligen Oberbürgermeister auf, die Carl-Peters-Straße umzubenennen. Aufgrund des Widerstands der Anwohner*innen und des Ortsbeirates blieb dieser Vorschlag jedoch erfolglos. Schließlich wurde die Umbenennung im Jahr 2007 vollzogen, seitdem heißt die Straße Albert-Schweitzer-Weg.
Und heute?
Immer wieder wird der Ruf nach der Umbenennung kolonialer Straßennamen und der Aufarbeitung der Geschichte des „Afrikaviertels“ laut. Am 9. Februar 2022 beschloss die Verwaltung, auf Empfehlung der Kommission für historische Stadtmarkierungen und des Kulturausschusses, ein Verfahren zur Diskussion über die Straßennamen mit kolonialem Kontext im „Afrikaviertel“.
Daraufhin entwickelte das Zentrum zur Geschichte Kiels im 20. Jahrhundert ein Beteiligungsverfahren, das die Kieler Stadtgesellschaft einlädt, sich aktiv mit der Geschichte des Viertels auseinanderzusetzen und ihre Meinungen zu den Straßennamen einzubringen.
Unter dem Titel #kielerforschen: „Wen interessieren schon Straßennamen?“ luden wir im Juli 2024 die Kieler Bürger*innen ein, sich mit dem Afrikaviertel und seinen kolonialen Bezügen zu beschäftigen. Im Pop-Up-Pavillon am Alten Markt fanden zahlreiche Veranstaltungen statt, bei denen über 600 Teilnehmende die Hintergründe der Straßennamen erforschten und mögliche Umbenennungen diskutierten. Die Forschungswerkstatt testete den Ansatz des Mitforschens, indem die Teilnehmenden selbst mit Archivalien die Geschichte des Viertels erkundeten und so zu Experten wurden, die eine fundierte Meinung zum Umgang mit den Straßennamen abgeben können.
Mitforschen
#kielerforschen postkolonial
Gemeinsam mit allen interessierten Kieler*innen möchten wir die koloniale Vergangenheit unserer Stadt sichtbar machen, erforschen und diskutieren, wie wir als Gesellschaft zukünftig damit umgehen sollten.
Wie kannst du dich einbringen?
- Teilnahme an der Forschungswerkstatt: Wir bereiten derzeit einen zweiten Durchlauf unserer Forschungswerkstatt vor. Sie bietet dir die Möglichkeit, aktiv an der Auseinandersetzung mit der Geschichte mitzuwirken.
- Hinweise zur Geschichte des „Afrikaviertels“: Wir freuen uns über alle Informationen, historische Fotos oder Berichte, die zur Geschichte des Afrikaviertels beitragen können.
- Suche nach kolonialen Spuren in Kiel: Kennst du weitere koloniale Spuren in Kiel? Teile dein Wissen mit uns!
Für alle Anfragen und Hinweise erreichst du uns unter geschichtszentrum@kiel.de.
Mehr zum Lern- und Forschungszentrum erfährst du hier. Wir freuen uns auf dich!