2022 wird der Kieler Grüngürtel 100 Jahre alt. Anlässlich dieses Jubiläums sind alle Kieler*innen eingeladen, den Grüngürtel zu entdecken und zu erleben. Das Programm erhalten Sie ab Mitte Mai 2022 an dieser Stelle.

Historisches Foto von Kiel und seinem Grüngürtel
Die Innenstadt und der Grüngürtel in den 1920er Jahren

 

 

Kontakt

Landeshauptstadt Kiel
Grünflächenamt
Holstenstraße 106-108
24103 Kiel

Dr. Alice Otto
0431 901-3820


1922 entwickelten Stadtbaurat Willy Hahn (1887-1930) und Landschaftsarchitekt Leberecht Migge (1881-1935) den "Grünflächen- und Siedlungsplan der Stadt Kiel". Sie entwarfen damit eine grundlegend neue städtebauliche Vision für Kiel.

Kernelement war die Anlage eines Grüngürtels rund um die heutige Innenstadt. Bestehend aus Kleingartenanlagen, Sport- und Spielmöglichkeiten für alle Altersgruppen sowie Parkanlagen und Friedhöfen sollte der Grüngürtel der Erholung und der Gesunderhaltung der Bevölkerung dienen und zugleich eine Selbstversorgung mit Lebensmitteln gewährleisten.

Heute hat der Grüngürtel zusätzlich zum Erholungsnutzen eine wichtige Funktion für den Umweltschutz. Er wirkt ausgleichend auf das Stadtklima und ist ein wichtiger Raum für den Natur- und Artenschutz.

 

Der Grünflächen- und Siedlungsplan von 1922
Historischer Grünflächen- und Siedlungsplan


Kiel nach dem 1. Weltkrieg

Vor dem ersten Weltkrieg war Kiel in nur wenigen Jahren von einer Kleinstadt zu einer durch kaiserliche Marine und Werftindustrie geprägten Großstadt gewachsen. Die Bevölkerung war von 16.000 Personen im Jahr 1855 auf 243.248 Einwohner*innen im Jahr 1918 gewachsen.

Wirtschaftlich war die Stadt nahezu ausschließlich von der Marine und dem militärischen Schiffbau auf den Werften abhängig. Von der Not nach dem ersten Weltkrieg wurde Kiel besonders hart getroffen. Vor allem die Zerschlagung der kaiserlichen Marine führte zu Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot und Hunger.

Diese Situation stellte auch städtebaulich eine Herausforderung dar. Die in der Kaiserzeit angelegten Landschaftsparks und Schmuckplätze waren sehr formal geprägt und hatten neben der Erholungsfunktion auch einen sehr repräsentativen Charakter. 

Blick vom Werftpark auf die kaiserliche Werft 1905
Historische Postkarte der kaiserlichen Werft


Das soziale Grün

1920 wurde Emil Luecken zum Oberbürger­meister gewählt. Er suchte nach städtebaulichen Antworten auf die veränderte wirtschaftliche und soziale Situation und holte dazu den Landschafts­architekten Leberecht Migge nach Kiel.

Migge erhielt zunächst den Auftrag, ein künstlerisches Konzept für die städtischen Gartenanlagen zu erstellen. Als Vertreter der sozialorientierten Grünplanung betrachtete Migge die Grünplanung vor allem unter sozialen Aspekten. Die ausreichende Versorgung von Großstädten mit Grünanlagen war aus seiner Sicht elementar für die Gesunderhaltung der Bevölkerung. 

An diesen Gedanken knüpften seine Vorstellungen von der Funktionalität und Gestaltung öffentlicher Grünanlagen an. An den Landschaftsparks der Kaiserzeit kritisierte er vor allem die stark eingeschränkten Nutzungsmöglichkeiten. Städtische Parks sollten nicht nur dem gesitteten Spaziergehen dienen, sondern auch über aktiv nutzbare Bewegungsmöglichkeiten verfügen.  

Die Planungen Migges sahen daher zum Beispiel begehbare Rasenflächen, so genannte "Tummelwiesen" für die Bewegung sowie vielfältige Spiel- und Sportmöglichkeiten vor. Exemplarisch umgesetzt sind seine Vorstellungen vom sozialen Grün in dem ab 1923 zum Volkspark umgestalteten Werftpark in Gaarden. 

Umgestaltung des Werftparks zum Volkspark
Historischer Plan vom Werftpark 1925

 

 


Selbstversorgung mit Lebensmitteln

Nach dem Krieg wurde nach Lösungen für die schlechte Versorgungslage der Bevölkerung gesucht. Leberecht Migge schlug ein Selbstversorgungskonzept vor. In Pachtgärten und genossenschaftlich verwalteten Siedlungen sollte die Bevölkerung sich eigenständig mit Lebensmitteln versorgen.

Migge machte sehr weitreichende Vorschläge zur Selbstversorgung. So entwarf er beispielsweise ein ganzheitliches neues Abfall- und Kompostierungssystem, die die Gärten mit Naturdünger versorgen sollten. 

Beim Ausbau des Kieler Grüngürtels konnte er seine Ideen sehr weitreichend umsetzen. So sollten im gesamten Grüngürtel Selbstversorgersiedlungen eingebettet werden. Der heutige Stadtteil Hammer diente Migge dabei als Mustersiedlung. 

Umgeben waren die Siedlungen von einem Wald und Wiesengürtel, an den Trabantenstädte anschließen sollten. Das gesamte Modell orientiert sich an der Gartenstadtidee, die Ende des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf die ungesunden Lebensverhältnisse in den Großstädten entstanden war.

 

Tomatenernte im Kleingarten
Strauch mit grünen und roten Tomaten

 


Der Grüngürtel heute

In den vergangenen 100 Jahren wurden viele Flächen des Grüngürtels bebaut. In seiner Grundstruktur ist er aber erhalten geblieben. Er ist auch heute noch ein wichtiger Erholungsraum für die städtische Bevölkerung und hat zusätzlich eine wesentliche Funktion für das Klima in der Stadt sowie für den Natur- und Artenschutz.

Impressionen aus dem Grüngürtel
Blühende Kirschbaumallee
Viele Friedhöfe befinden sich innerhalb des Grüngürtels. Neben dem hier abgebildeten Alten Urnenfriedhof sind auch der Nordfriedhof, der Ostfriedhof sowie der Neue Urnenfriedhof und der Friedhof Eichhof im Grüngürtel gelegen.
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Drei Wildschweinfrischlinge kuscheln im Stroh
Der Grüngürtel ist auch Lebensraum vieler Tiere - unter anderem in den Tiergehegen, wo auch diese drei Wildschweinfrischlinge leben.
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Waldweg
Rund 30 Prozent des Grüngürtels bestehen aus Waldfläche. Dazu zählen beispielsweise das Vieburger Gehölz und der hier abgebildete Wald am Langsee.
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Kleingarten mit Bauernrosen
Kleingärten dienten nach dem ersten Weltkrieg unter anderem dazu, eine Selbstversorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln sicherzustellen und waren daher von Beginn an ein wesentlicher Bestandteil des Grüngürtels.
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Ruderboot am Ufer der Schwentine
Auch Gewässer, wie hier die Schwentine, sind ein wichtiger Bestandteil des Grüngürtels. Besonders charakteristisch sind die eiszeitlichen Seen: der Russee, der Drachensee, der Langsee und der Tröndelsee.
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Heißluftballons werden für den Aufstieg vorbereitet
Von Beginn an waren im Grüngürtel Flächen für Sport und Spiel vorgesehen. Noch heute sind zahlreiche Sportanlagen im Grüngürtel gelegen - so wie beispielsweise das Nordmarksportfeld, hier während der Balloon Sail.
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Verlauf des Grüngürtels im Stadtgebiet
Stadtplan mit eingezeichnetem Grüngürtel

Noch heute ist der Grüngürtel geprägt durch Kleingartenanlagen,  Wälder, Sportanlagen und Friedhöfe. Zudem liegen einige Natur- und Landschaftsschutzgebiete im Grüngürtel. Insbesondere die eiszeitlichen Seen wie z.B. der Tröndelsee und der Langsee dienen dem Schutz und der Entwicklung von Arten und Biotopen. 

Der Naturerlebnisraum „Alte Stadtgärtnerei Kollhorst“, zwei der Tiergehege sowie der botanische Garten der Universität laden ebenfalls dazu ein, die Stadtnatur in ihrer ganzen Vielfalt zu entdecken.