Ausstellung Stadtmuseum

Walter Kempowski. Echolot

Samstag, 30.4.2005, bis Sonntag, 12.6.2005

Foto: Birgit Rautenberg
Foto: Birgit Rautenberg

”Zentrum des ´Echolot` muß sein das Jahr 1945, der Schlund des Trichters, auf den alles zudringt!” notierte Walter Kempowski am 27. Januar 1989 in seinem Tagebuch. Zum 60. Jahrestag der Kapitulation ist nun der letzte ”Echolot”-Band erschienen: ”Abgesang ´45” – fast 500 Seiten Berichte, Briefe, Erinnerungen und Tagebuchnotizen aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges.

Walter Kempowski setzt damit den Schlußstein zu einem unvergleichlichen, insgesamt zehn Bände umfassenden Unternehmen, das die kollektiven Erinnerungen der Deutschen im Kriege bündelt. Die Kritik feiert das Werk als ”eine der größten Leistungen der Literatur unseres Jahrhunderts”, und der Historiker Ulrich Herbert stellt fest: ”Es entsteht ein Bild des Krieges, wie es keine andere Darstellung, Quellensammlung oder belletristische Arbeit so präzise, plastisch und differenziert bisher gezeichnet hat.”

”Abgesang ´45” beschränkt sich auf wenige Tage: Hitlers letzten Geburtstag am 20. April, den 25. April, als sich erstmals amerikanische und sowjetische Truppen an der Elbe trafen; den 30. April mit dem Tod Hitlers und den 8./9. Mai mit der deutschen Kapitulation. Walter Kempowski läßt Opfer und Täter, Prominente und Namenlose zu Wort kommen; Soldaten, Zwangsarbeiter, Schüler, Ärzte, Schriftsteller, Politiker, Kriegsgefangene, Sekretärinnen; ein Chor des Krieges und seiner Täter und Opfer. So entsteht ein spannendes Zeitpanorama, das der Autor sorgsam zu einem Stimmenchor arrangiert hat.

Die Ausstellung, die bislang erste zum ”Echolot”, zeigt zu den fünf Tagen ausgewähltes Material aus dem umfangreichen Kempowski-Archiv. Zum ersten Mal bietet die Ausstellung damit einen Einblick in die Entstehung des ”Echolot” und in die ”Werkstatt” seines Autors. Während Eigentümer von Tagebüchern dem Kempowski Archiv in vielen Fällen nur Abschriften zur Verfügung gestellt haben, haben sie sich für diese Ausstellung von den Originalen getrennt. Sie fügten zuweilen auch Fotos hinzu und geben den Texten somit ein Gesicht.

Eine beeindruckende Vielfalt von Texten ist zu sehen und zu lesen: der 18jährige Joachim Halfpap beschreibt seine dramatische Gefangennahme durch die Russen nach nur drei Monaten als Soldat; Alfred Pröbstle erreicht gerade noch das letzte rettende Schiff von Hela in den Westen; Elfie Walther muß als 17jährige todkranke ehemalige KZ-Insassen im Lager Sandbostel versorgen; der amerikanische Soldat Ray T. Matheny beobachtet plündernde Kameraden in Hitlers Geburtshaus in Braunau; die 17jährige Hildegard Holzwarth wünscht sich wieder einen Führer und hält die Amerkaner für gewalttätige Gangstertypen: und das alles geschieht gleichzeitig am 8./9. Mai 1945.

Neben den originalen Tagebüchern und Erinnerungen sind auch zahlreiche, noch nie gezeigte Fotos aus dem über 300 000 Fotos umfassenden Archiv für Alltagsfotografie Kempowskis zu sehen.


Das Changieren des “Echolot” zwischen historischer Dokumentation und literarischer Inszenierung wird auch in der Ausstellung zum Gegenstand gemacht. Die weißen Papierfahnen im Ausstellungsraum sollen die literarische Inszenierung anschaulich machen. Erst diese läßt aus der historischen Dokumentation das literarische Werk ”Echolot” entstehen. Die Textpassagen geben Tagebuchnotizen Kempowskis wieder und vermitteln einen Eindruck davon, wie intensiv er nach der angemessenen Form des ”Echolot” gesucht hat.


Die Kieler Fotografin Birgit Rautenberg hat den Schriftsteller in seinem Haus am Rande des Dorfes Nartum nordöstlich von Bremen besucht und dokumentiert mit ihren Fotografien seine Arbeit am ”Echolot”. ”Das Haus ist auch ein Werk von mir, ich habe mir darüber genauso viele Gedanken gemacht wie über jeden meiner Romane”, sagt Walter Kempowski. ”Und das Haus entstand genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte, ein wenig Höhle, ein bißchen Gutshaus, Schule und Kloster.” Die 14teilige Fotodokumentation wurde durch die Sparkassenstiftung Schleswig-Holstein ermöglicht.

Eine aufregend andere Annäherung wählen die Künstler Sven Lütgen und Matthias Meyer: Der von ihnen konzipierte Raum bildet eine räumliche und inhaltliche Klammer um die Ausstellung. Sie haben nach eigenen Gesichtspunkten Texte aus dem historischen Material, aus dem auch das ”Echolot” schöpft, ausgewählt und akustisch in Szene gesetzt. In Kombination mit einer filmischen Endlos-Projektion erweitern sie die Ausstellung um eine metaphorische Ebene.

Zur Ausstellung erscheint die Publikation ”Nun muß sich alles, alles wenden”. Walter Kempowskis ”Echolot” - Kriegsende in Kiel, herausgegeben von Kerstin Dronske (Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, hg. von Jürgen Jensen, Band 50), im Wachholtz Verlag, Neumünster 2005 zum Preis von 6 Euro. Darin enthalten: Interview mit Walter Kempowski, Texte über das Echolot aus literaturwissenschaftlicher (Dr. Wolfgang Struck, CAU Kiel) und historischer Sicht (Prof. Christoph Cornelißen, CAU Kiel), Kiel am Kriegsende.




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