Kieler Erinnerungstag:

19. Oktober 1912
Schwertträgerbrunnen vor dem Rathaus eingeweiht

24 Jahre lang hatte Oberbürgermeister Paul Fuß die Geschicke der Stadt gelenkt. An seinem letzten Arbeitstag, am 19. Oktober 1912, durfte er noch eine besonders feierliche Amtshandlung ausführen: Der Schwertträgerbrunnen wurde eingeweiht, der in der Mitte des Neumarktes (heute Rathausplatz) errichtet worden war. Damit fand auch das größte Lebenswerk von Paul Fuß einen symbolischen Abschluss, der Bau des neuen Rathauses am Kleinen Kiel, das am 12. November 1911 nach Entwürfen von Prof. Hermann Billing/Karlsruhe eingeweiht worden war. An der Einweihung des Schwertträgerbrunnens nahmen der künftige Nachfolger von Paul Fuß, Bürgermeister Lindemann, und weitere Vertreter der Stadt teil. Beim Festakt anwesend waren auch Hermann Billing und der in Husum geborene Bildhauer Adolf Brütt, der zu den bekanntesten Künstlern der wilhelminischen Zeit gehörte. Gemeinsam hatten beide die zwölfeckige Brunnenanlage mit gut 16 Metern Durchmesser entwickelt. Der Oberbürgermeister hielt eine kurze Ansprache, enthüllte die Figur und ließ die Wasserkunst in Tätigkeit setzen.

Der Schwertträger

Die Brunnenanlage wurde von zwölf niedrigen Pfeilern aus Muschelkalk begrenzt, die an der Innenseite Wasser speiende Löwenköpfe trugen. Gespeist wurde der Brunnen durch eine Umwälzanlage im Erdgeschoss des Stadttheaters, die das Wasser unterirdisch zur Mitte des Platzes pumpte, wo es sich dann durch die Löwenmäuler in den Brunnen ergoss. Für die Kieler war der Brunnen an heißen Sommertagen ein beliebter Treffpunkt, besonders für die Jugend.

Mittelpunkt des Brunnens war der Schwertträger, ein Werk des Bildhauers Adolf Brütt. Die Preußische Landeskunstkommission hatte für die Provinz Schleswig-Holstein einen Brunnen von „überwiegend plastischem Charakter“ gestiftet. Die Stadt Kiel bewarb sich 1902 mit den Worten des Oberbürgermeisters Paul Fuß: „Ich darf bestätigen, dass Kiel noch keinen Monumentalbrunnen besitzt und dass ein herrlicher Platz für die Aufstellung eines solchen zur Verfügung stehen wird“. Die Kommission übertrug Brütt noch im selben Jahr die Ausführung.

Er entwarf eine bronzene Brunnenstatue von ca. drei Meter Höhe, die einen fast nackten, athletischen, jungen Mann darstellt. Er hält ein blankes Schwert in seiner rechten Hand. Die Nacktheit stellte die Verbindung zu den Aktstatuen im Eingangsbereich des Rathauses her, wo rechts und links des Portals Statuen eines Mannes und einer Frau standen. Der Schwertmann symbolisiert die Rolandsfigur, die sich im Mittelalter auf vielen städtischen Marktplätzen befand, doch hier in einer modernen Auffassung. In der klassischen Darstellung ist der Roland ein gerüsteter, Mantel tragender, barhäuptiger Mann, der ein bloßes Schwert in der Hand hält. Er verkörpert die Marktgerichtsbarkeit.

Die Gestaltung des Roland durch Brütt unterschied sich „von den anderen zeitgenössischen Darstellungen des Roland“ (Michael Richter). „Die Gestaltung menschlicher Urphänomene wie Mann und Weib, Jüngling und Mädchen durchdringt oder verdrängt traditionelle Themen bürgerlicher Selbstdarstellung. Während in anderen, gleichzeitig ausgeschmückten deutschen Rathäusern des Kaiserreiches weiterhin differenzierte Programme mit traditioneller Thematik erdacht wurden, bedeutet das Darstellungsprogramm des Kieler Rathauses gleichsam einen Vorgriff auf künftige Tendenzen, welche die Darstellung in bürgerlichen Monumentalbauten erst nach dem Ersten Weltkrieg bestimmten“ (Kranz-Michaelis: Rathäuser im deutschen Kaiserreich).

Vom Mittelpunkt an den Rand gedrängt

Im Krieg wurde die Brunnenanlage zerstört, die Trümmer nach der Kapitulation beseitigt. Die Figur des Schwertträgers aber war unversehrt geblieben und auf den Hof des Rathauses gelegt worden. Zu Pfingsten 1950 fand sie am Eingang des Ratskellers einen neuen Standplatz.

Als der Rathausplatz zu den olympischen Segelwettbewerben 1972 neu gestaltet wurde, kehrte der Schwertträger ohne Brunnen auf den Platz zurück, aber nicht in die Mitte. Dort wurde der Glaszylinder für das olympische Feuer errichtet. Die Bronzefigur steht an der Ostseite des Rathausplatzes auf einem Sockel und schaut nicht wie ursprünglich zum Kleinen Kiel, sondern zum Rathaus, wodurch die Symbolik des Roland verloren ging.

Autorin: Christa Geckeler (1937 - 2004)


Literatur

Karpf, Eva-Maria

100 Jahre Kieler Rathaus 1911-2011. hg. von der Landeshauptstadt Kiel, Kiel 2011.

Kaufmann, Günter

Schwertträger, in: Kiel Lexikon, hrsg. von Doris Tillmann und Johannes Rosenplänter, Neumünster 2011, S. 332 f.

Richter, Michael

Entwicklung der modernen Architektur: Das Kieler Rathaus von Hermann Billing, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 10. 1979, S. 52 f., S. 75

Sievert, Hedwig

Kieler Ereignisse in Bild und Wort, Kiel 1973, Nr. 18

Steckner, Cornelius

Der Bildhauer Adolf Brütt. Katalog zur Sonderausstellung 1978 im Nissenhaus in Husum, Schriften des Nissenhauses-Nordfriesisches Museum in Husum, Nr. 13. 1978

Zeitungen

Kieler Express

vom 17. Oktober 1985

Kieler Nachrichten

vom 30. Mai 1950, vom 15. August 1972


Dieser Artikel kann unter Angabe des Namens der Autorin Christa Geckeler, des Titels Kieler Erinnerungstage: 19. Oktober 1912 | Schwertträgerbrunnen vor dem Rathaus eingeweiht und des Erscheinungsdatums 19. Oktober 2012 zitiert werden.

Zitierlink: https://www.kiel.de/erinnerungstage?id=202

Kontakt

Landeshauptstadt Kiel
Stadtarchiv
Rathaus
Fleethörn 9
24103 Kiel

0431 901-3422