„Jedermann Selbstversorger!“ | 100 Jahre Grüngürtel

Die Selbstversorgung der Stadt mit Lebensmitteln war ein wesentlicher Aspekt der ursprünglichen Planungen Leberecht Migges und Willy Hahns.

Noch heute sind die zahlreichen Kleingärten prägend für den Grüngürtel. Aber auch darüber hinaus gibt es inzwischen vielfältige Ansätze für das Gärtnern in der Stadt. Im Mittelpunkt stehen dabei eine nachhaltige und ökologische Gartengestaltung.



Migge und die Selbstversorgung | Jedermann Selbstversorger

Wie viele Gartenarchitekt*innen seiner Zeit suchte auch Leberecht Migge nach Lösungen für die katastrophale Versorgungslage und die zunehmende Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg.

Einen Lösungsansatz erarbeitet Migge 1918 in seiner Schrift "Jedermann Selbstversorger!". Darin legt er ein ausführliches Konzept für die Gestaltung von Selbstversorgersiedlungen vor. Eine Verbindung aus sehr einfach gehaltenen Wohnhäusern und Gärten sollte die Selbstversorgung von Familien mit Wohnraum und Lebensmitteln gewährleisten.  

Intensiver Gartenbau sollte es den Familien ermöglichen, sich vollständig autark zu versorgen und durch den Verkauf von Überschüssen ein zusätzliches Einkommen zu erwirtschaften. 

Migges Konzept ist sehr detailliert und beschäftigt sich unter anderem mit der Frage nach der idealen Grundstücksgröße. Eine fünfköpfige Familie benötigt demnach 400 Quadratmeter für eine ausreichende Lebensmittelversorgung. 

Neben den Selbstversorgungsiedlungen spielen auch Kleingärten eine wesentliche Rolle bei der eigenständigen Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln. 


 

Schema Selbstversorgersiedlung
Gezeichnetes Schema von der Selbstversorgersiedlung von Leberecht Migge

 


Schulung im Gartenbau | Jedermann Selbstversorger

Damit die Selbstversorger*innen ihre Gärten erfolgreich bewirtschaften können, sollen sie im Gartenbau geschult werden. Dafür sieht Migge Kurse und Mustersiedlungen vor. Auch eine vorgegebene Struktur der Gärten soll den Einstieg in die Selbstversorgung erleichtern.

"Die heutigen Bewohner der Großstadt stammen zumeist nicht vom Lande. Das Anlegen von Pflanzen und Gärten ist ihnen neu und ungewohnt, sie ermangeln hier noch der geringsten grundlegenden Erfahrung und Einsichten. [...]. Aus diesen Gründen erscheint es zweckmäßig [...] anregende und unterrichtende Kurse für den Gartenbau einzurichten. Gleichzeitig ist die Schaffung von Mustergärten, wie ich sie u.a. in den englischen Industriekolonien angetroffen habe, vorzusehen. 

Da aber auch nach Erlangen einiger erster Vorkenntnisse im Gartenbau, oder bei ehemaligen Städtern gerade dann, eine förmliche Originialitätssucht in der Errichtung der Gärten zu entstehen pflegt, so dürfte es bis zur Heranreifung eines sicheren Gartengefühls, die Struktur des einzelnen Gartens (Hauptweg, Obst und Begrenzung) im direkten Anschluss an den Hausbau herzurichten; der Gartentyp ist mit dem Haustyp festzulegen" (Leberecht Migge. Die Gartenkultur des 20. Jahrhunderst. Jena 1913). 

 

Gemüseanbau
Zucchinipflanze


Nachhaltige Bepflanzung von Blumenkübeln | Jedermann Selbstversorger

In den Blumenkübeln entlang des Grüngürtels testet das Grünflächenamt nachhaltige und ökologische Formen der Kübelbepflanzung. Die Erkenntnisse sollen ab 2023 in ein neues Konzept für die Gestaltung von Blumenkübeln in den Stadtteilen einfließen. Damit leisten auch die Blumenkübel einen Beitrag zum zeitgemäßem Gärtnern in der Stadt.

Die Blumenkübel erhalten zukünftig eine ganzjährige Staudenbepflanzung. Alle ausgewählten Stauden sind insektenfreundlich und verfügen über einen naturnahen Charakter. Es wurden ausnahmlos pflegeleichte Stauden verwendet. 

Bei der Zusammenstellung der Pflanzen wurde darauf geachtet, dass eine Blüte von Frühjahr bis Herbst stattfindet. Die Stauden sind teilweise wintergrün und stellen auch nach der Blüte noch eine Zierde dar. Dadurch werden Nachhaltigkeit und Ästhetik miteinander verbunden und eine Attraktivität der Kübel auch im Winter erreicht . 




Blumenkübel mit Staudenbepflanzung
Staudenbepflanzung im Blumenkübel


Torffreies Substrat | Jedermann Selbstversorger

Viele Blumenerden enthalten Torf aus Hochmooren. Doch der Torfabbau zerstört die Lebensräume vieler Pflanzen und Tiere. Auch fürs Klima ist der Abbau schlecht: Durch die Entwässerung der Feuchtgebiete entweicht CO2, außerdem entfällt ein wertvoller Speicher für das Treibhausgas.

Um das Klima zu schützen, wurde für die Bepflanzung der Blumenkübel ausschließlich torffreies Substrat verwendet. Zu diesem Zweck wurden für das Grünflächenamt zwei verschiedene Substratmischungen zusammengestellt. Beide Substratmischungen enthalten neben Kompost auch feine Holzfaser, die als Torfersatz verwendet wird. Darüber hinaus verfügen sie jeweils über unterschiedliche Beimischungen. 

Beide Mischungen werden in den Blumenkübeln alternativ ausprobiert. Aus dieser Testphase sollen Erkenntnisse darüber gewonnen werden, welche Substratmischung sich besonders gut für die Gestaltung von Blumenkübeln eignet. Ebenso wie das neue Pflanzkonzept sollen die Erkenntnisse des Substrat-Versuchs ab 2023 in ein Konzept für Blumenkübel in den Kieler Stadtteilen eingehen. 


Nachhaltig bepflanzter Blumenkübel
Blumenkübel mit Staudenbepflanzung