Kieler Frauenportraits

Charlotte 'Lotte' Hegewisch

Foto Lotte Hegewisch
Lotte Hegewisch | Foto: Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek

Geboren am 17. April 1822 in Kiel

Charlotte (Lotte) Friederike Dorothea Hegewisch zählt zu den bemerkenswerten Kieler Persönlichkeiten des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Heute verbindet man ihren Namen hauptsächlich mit der Kieler Kunsthalle, als deren Fördererin wir sie hier vorstellen möchten.

Lotte Hegewisch wächst in einem wohlhabenden Elternhaus auf. Sie ist die erste Tochter des Professors für Medizin an der Universität Kiel und politischen Schriftstellers Franz Hermann Hegewisch und seiner Frau Caroline. Die angesehene Familie gehört zu den Repräsentanten des aufgeklärten, liberalen Kieler Bürgertums.

Lotte bleibt dennoch ohne staatliche Schulbildung. Sie erhält bruchstückhaft Unterricht im Elternhaus, wenn Zeit und Umstände es zulassen. Zeit ihres Lebens empfindet sie ihre mangelnde Bildung als Defizit: „Auch hatte ich oft den brennenden Wunsch, etwas, ja, viel hätte es sein müssen, noch zu lernen, weil ich nur zu sehr fühlte, wie lückenhaft ich unterrichtet war, um recht folgen zu können, wenn ich die Herren um mich sprechen und disputieren hörte.“

Ihre Eltern besitzen ein großes Anwesen am Düsternbrooker Weg mit der Villa Klein Elmeloo, zunächst Sommerresidenz, später Hauptwohnsitz der Familie. Klein Elmeloo entwickelt sich zu einem gesellschaftlich offenen Haus, in dem einflussreiche Persönlichkeiten des Landes ein und aus gehen. Zeitgenossen beschreiben es als den bedeutendsten, wenn nicht sogar einzigen Salon in Kiel. Hier treffen sich Angehörige sowohl des Adels als auch des gebildeten Bürgertums aus Stadt und Land sowie Gelehrte der Kieler Universität.

Lotte Hegewisch genießt das Treiben im Hause und hört aufmerksam den politischen Gesprächen und Diskussionen zu. Nach und nach übernimmt sie die Haushaltsführung von ihrer eher zurückhaltenden Mutter und mischt sich in die politischen Debatten ein.

Im Jahr 1846 schlägt sie den Heiratsantrag ihres Vetters Hermann Dahlmann aus. Sie bleibt unverheiratet, und nach dem Tod der Eltern und Schwester lebt sie alleine in Klein Elmeloo.

Tischgesellschaften, Bälle und Hausgäste gehören weiterhin zu ihrem Alltag; sie führt nun die Tradition ihrer Eltern fort. Als erfahrene Gastgeberin und Veranstalterin geselliger Unternehmungen ist Lotte Hegewisch sehr beliebt. Sie lässt die Villa nach eigenen Vorstellungen umbauen und führt den Salon souverän und selbstbewusst. So pflegt sie zum Beispiel eine enge Freundschaft mit Klaus Groth, einem der bekanntesten plattdeutschen Dichter und Schriftsteller.

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Lotte Hegewisch (rechts) mit Marianne von Witzleben | Foto: Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek

Sie engagiert sich für den Schleswig-Holsteinischen Kunstverein, der 1854 die Kunstsammlung der Kunsthalle zu Kiel begründet. In diesem Zusammenhang erteilt sie sogenannten „höheren Töchtern“ Zeichen- und Malunterricht. Fragen zur Kommunal- und Sozialpolitik sowie des technischen Fortschritts beschäftigen sie weiterhin.

Die Schwierigkeiten, die eine unverheiratete Frau in halböffentlicher Stellung hat, bewältigt Lotte Hegewisch geistreich und resolut. Die typische „höhere“ Tochter ihrer Zeit muss nie dem gewöhnlichen Broterwerb nachgehen, sondern kann sich ganz ihrer Leidenschaft, dem Malen (Aquarell und Gouache), und sonstigen Neigungen widmen.

Eine künstlerische Ausbildung erhält sie nicht. Als Autodidaktin malt und zeichnet sie Kiel und das Kieler Umland in romantischer Verklärung. Aus akademischer Sicht wird sie als „begabte Dilettantin ohne künstlerischen Anspruch“ beschrieben, was ihrem Selbstbewusstsein keineswegs schadet. Im Jahre 1889 erscheinen beispielsweise die Gedenkblätter an Kiel. Aquarelle nach der Natur, eine Sammlung von 12 Chromolithografien, die nach Hegewischs Aquarellen gefertigt werden. Ihre gesammelten Werke vermacht sie später der Universität.

Dass Kunst und Kultur Raum gegeben werden muss, ist Lotte Hegewisch ein zentrales Anliegen. Als 1887 die erste Kieler Kunsthalle dem Ausbau des Rantzaubaues weichen muss und abgerissen wird, verfügt sie testamentarisch, dass das gesamte Anwesen Klein Elmeloo nach ihrem Tod als Stiftung an die Universität Kiel als Trägerin der Kieler Kunsthalle übergehen solle. Daran knüpft sich die Bedingung, dass vor ihrem Tod an keiner anderen Stelle ein Museumsbau als neue Kunsthalle errichtet werden darf. Da ihr ein langes Leben beschieden ist, kann die Kunsthalle tatsächlich erst 20 Jahre später (1907-1909) neu entstehen.

Kurz vor ihrem Tod gibt Lotte Hegewisch 1902 ihre Lebenserinnerungen heraus: Erinnerungen früherer Stunden für letzte Stunden. Darin beschreibt sie die vielen Besuche, die sie auf Klein Elmeloo empfangen hat, und berichtet von ihren Reisen zu Freunden und Verwandten. Über ihre eigenen künstlerischen bzw. intellektuellen Interessen und Präferenzen verrät sie in ihren zum Teil fragmentarischen Erinnerungen jedoch fast nichts.

Lotte Hegewisch gilt als außergewöhnlich selbstsicher und respektlos für ihre Zeit und Gesellschaftsschicht. Sie orientiert sich am Habitus der Männer, mit denen sie sich im ständigen Austausch befindet, erkennt aber die Benachteiligungen von Frauen, die bereits in den unterschiedlichen Bildungs- und Ausbildungsvorgaben sowie den jeweils zugeordneten Tätigkeitsfeldern gesellschaftlich vorbestimmt sind. Sich ihrer Bildungsdefizite bewusst, geht sie ihren Weg selbstverständlich, zielstrebig und entscheidungsfreudig in einer weitgehend männlich dominierten Gesellschaft.

Sie stirbt am 3. Dezember 1903 in Kiel im Alter von 81 Jahren.



(aus: Nicole Schultheiß: "Geht nicht gibt's nicht ..."
24 Portraits herausragender Frauen aus der Kieler Stadtgeschichte. Kiel 2007)

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