Kieler Frauenportraits

Prof. Dr. Elisabeth 'Lilli' Martius

Foto Lilli Martius
Lilli Martius | Foto: Privatbesitz

Geboren am 27. Juli 1885 in Ems an der Lahn

Lilli Martius hat sich als erster Kustos* der Kieler Kunsthalle und als Retterin bedeutender Kunstwerke vor der Zerstörungswut der Nationalsozialisten einen Namen in der Kieler Stadtgeschichte gemacht.

Einen wesentlichen Beitrag zur Kunstgeschichte Schleswig-Holsteins leistet Lilli Martius mit ihrem wissenschaftlichen Hauptwerk "Die schleswig-holsteinische Malerei im 19. Jahrhundert".

Sie wächst in einem großbürgerlichen und sehr vermögenden Elternhaus mit drei Brüdern auf. Ihr Vater wird 1898 Professor für Philosophie und Psychologie und später Rektor der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel; ihre Mutter entstammt der Industriellenfamilie Borsig.

Im Elternhaus herrscht ein liberaler Geist. Im Mittelpunkt des geistigen und gesellschaftlichen Lebens steht die Beschäftigung mit Bildender Kunst, Theater und Musik, weniger mit politischen Fragen. Schon vor dem ersten Weltkrieg macht die Familie ausgedehnte Reisen u.a. nach Spanien, Norwegen und Ägypten.

Lilli besucht zunächst eine Privatschule in Bonn, danach die Höhere Töchterschule in Kiel. Ein Studium traut sie sich jedoch nicht zu. Statt dessen reist sie viel, beschließt Malerin zu werden und nimmt Zeichenunterricht. „Es war also bei mir und einem erheblichen Teil meiner Mitschüler die typische Lebensform der höheren Tochter, denn der Anspruch einer Berufsausbildung begann sich erst leise anzuzeigen [...]“. Es folgen etliche Studien- und Malaufenthalte in Berlin.

Im Ersten Weltkrieg leistet Lilli Martius „freiwillige“ Kriegsarbeit als Operationsschwester beim Deutschen Roten Kreuz, während zwei ihrer Brüder im Krieg fallen.

Mit der Einführung des Frauenwahlrechts 1918 beginnt Lilli Martius sich für Politik zu interessieren und engagiert sich in der konservativen Deutschen Volkspartei.

Ab 1923 ist sie für den Schleswig-Holsteinischen Kunstverein tätig und betreut dessen Sammlungen in der Kieler Kunsthalle. Außerdem verwaltet Lilli Martius für den damaligen Kunsthallendirektor Professor Haseloff das Kupferstichkabinett. Der seit 1843 bestehende Schleswig-Holsteinische Kunstverein begründet 1854 die Kunstsammlung der Kunsthalle zu Kiel. Ein Jahr später wird in der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel ein Träger gefunden.

Mitte der Zwanziger Jahre wird in Berlin die Möglichkeit eines Examens eingerichtet, das für Lilli Martius wie geschaffen scheint: die Prüfung für die Zulassung zum Studium ohne Zeugnis der Reife. Auf Vorschlag Professor Haseloffs beginnt sie 1926 ein kunstgeschichtliches Studium und promoviert 1929, immerhin schon 44-jährig, als Kunsthistorikerin. Im Wintersemester 1932/33 hält sie erstmals Übungen über die Techniken der Künste an der Universität Kiel. Ihre Tätigkeit in der Kieler Kunsthalle setzt sie fort; erst 1939 erhält sie eine Festanstellung als Assistentin.

Im Jahr 1937 erlebt Lilli Martius die Beschlagnahme sogenannter „entarteter Kunst“ durch die Nationalsozialisten. Sie selbst ist von einer allgemeinen humanitären, liberalen Geisteshaltung geprägt und steht den politischen Entwicklungen eher naiv gegenüber. So beschreibt sie es jedenfalls in ihren Lebenserinnerungen: „[...] wie wenig Einblick man damals in die politischen Vorgänge haben konnte“, bzw. „so sind mir maßgebende Geschehnisse mehr als gut gewesen wäre, entgangen, so die Judenverfolgungen, die sich seit 1941 sehr heftig und gefährlich intensivierten [...].“ Während des Krieges zieht sie sich in ihre Welt der Kunst und Wissenschaft zurück.

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Die Kieler Kunsthalle vor dem Zweiten Weltkrieg | Foto: Schäfer/Stadtarchiv Kiel

Als Retterin der Kieler Kunstsammlung tritt sie besonders hervor: Während der Bombenangriffe 1944 gelingt Lilli Martius gemeinsam mit der Sekretärin der Kunsthalle, Friedel Stender, die Evakuierung der Sammlungen des Kunstvereins (vor allem wichtige Graphiken von Emil Nolde und Ernst Barlach sowie dessen Plastiken). Nach dem Krieg wird ihr die Rückführung der Kunstschätze und der Bibliotheken des Kunsthistorischen Instituts und der Kunsthalle übertragen.

Im April 1945 bittet man Lilli Martius, die kunstgeschichtliche Professur an der neu errichteten Universität in Schleswig zu übernehmen. Sie stimmt zu und richtet das Kunsthistorische Institut in einem Zimmer ein, in dem sie zugleich auch wohnt. Im selben Jahr beginnt unter Lilli Martius' Regie die aufwendige Rückführung der in Sicherheit gebrachten Kunstwerke aus den insgesamt sieben Auslagerungsstätten.

Zwei Jahre später wird sie zum Kustos* der Kieler Kunsthalle ernannt. Ihre Tätigkeit ändert sich dadurch zwar wenig, allerdings hat dies Bedeutung für ihre Altersversorgung. Lilli Martius bleibt bis 1950 Kustos, während sie weiterhin bis 1953 Kurse über Techniken der Bildenden und Graphischen Künste an der Kieler Universität hält. Kurz vor der Pensionierung wird ihr 1951 die Universitätsmedaille der Universität Kiel verliehen.

Erst in den 50er und 60er Jahren erscheinen ihre eigentlichen wissenschaftlichen Arbeiten. Lilli Martius, die unverheiratet und kinderlos bleibt, widmet sich nach ihrer Pensionierung ganz der Wissenschaft und verfasst 1965 ihr Hauptwerk Die schleswig-holsteinische Malerei im 19. Jahrhundert.

Sie erhält zahlreiche Würdigungen und Auszeichnungen für ihren Einsatz im Dienste der Kunst: 1955 Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Universität Kiel, 1962 Berufung in den Kultursenat der Stadt Kiel, zudem die Ehrung mit dem Kulturpreis der Stadt Kiel für ihre besonderen Verdienste um das Kieler Kulturleben sowie für ihre grundlegenden wissenschaftlichen Veröffentlichungen zur Kunstgeschichte in Schleswig-Holstein. 1970 folgt die Ernennung zur Honorarprofessorin der Universität Kiel; 1975 wird ihr im Namen der dänischen Königin Margarethe II. das Ritterkreuz des Dannebrog-Ordens verliehen.

Lilli Martius stirbt am 14. Dezember 1976 in Kiel im Alter von 91 Jahren

* Kustos, der: (lat.: „Wächter, Aufseher“), Bezeichnung für wissenschaftliche MitarbeiterInnen an Museen und Bibliotheken. Die weibliche Form der Kustodin wird erst später eingeführt.



(aus: Nicole Schultheiß: "Geht nicht gibt's nicht ..."
24 Portraits herausragender Frauen aus der Kieler Stadtgeschichte. Kiel 2007)


2009 beschloss die Ratsversammlung, im Neubaugebiet Steenbeker Weg Straßen nach herausragenden Kieler Frauen zu benennen. Eine von ihnen heißt Lilli-Martius-Weg.