Urbane Gärten | 100 Jahre Kieler Grüngürtel

In der Geschichte der Gartenkultur nimmt Kiel eine besondere Rolle ein. Hier ist 1669 einer der ersten Botanischen Gärten Deutschlands entstanden. In Kiel entand ab 1779 mit der "Theorie der Gartenkunst" eines der bedeutendsten gartentheoretischen Werke der Aufklärung. Die Stadt verfügt über eine große Vielfalt an Urbanen Gärten, die den Wandel der städtischen Park- und Gartenkultur im Lauf der Geschichte abbildet.

 


Botanische Gärten | Urbane Gärten

Botanische Gärten sind Orte des Wissens. Sie sind erstmals in der Renaissance aus Interesse an exotischen Pflanzen aus der Neuen Welt entstanden. Heute dienen sie in erster Linie dem Erhalt der Artenvielfalt und der universitären Lehre.

Der erste Botanische Garten in Kiel wurde 1669 auf einem Teilgelände des Schloßgartens angelegt. Er diente in erster Linie der Anzucht von Arzneipflanzen für die vier Jahre zuvor gegründete Universität. Später wechselte der Botanische Garten mehrfach seinen Standort und erweiterte zudem seinen Pflanzenbestand über den Arzneimittelgebrauch hinaus. 

Mit dem Wachstum der Großstädte übernahmen Botanische Gärten zunehmend auch die Funktion öffentlicher Parkanlagen. Der vierte Standort des Botanischen Gartens am Schwanenweg wurde ab 1873 im Stil eines englischen Landschaftsgartens angelegt. Er war von Beginn an der Öffentlichkeit zugänglich und bleibt der Stadt auch nach erneuter Verlegung des Standorts als attraktive Parkanlage erhalten. 

Der heutige Standort des Botanische Gartens wurde der Öffentlichkeit 1985 zugänglich gemacht. Er liegt inmitten des Grüngürtels und kann beispielsweise beim Wandern auf dem Stadt.Garten.Wander.Weg erlebt werden. 


 

Alter Botanischer Garten am Schwanenweg
Pavillon im Alten Botanischen Garten


Cay Christian Lorenz Hirschfeld | Urbane Gärten

Cay Christian Lorenz Hirschfeld (1742 - 1972) war der bedeutenste Gartentheoretiker der Aufklärung. Sein Leben und Wirken ist eng mit der Stadt Kiel und ihrer Universität verknüpft.

Hirschfeld wurde 1770 zum Professor für Philosophie und die schönen Künste an die Christian-Albrechts-Universität berufen. Hier lehrte er zunächst Staatswissenschaften und Universalgeschichte, ehe er sich der Gartenkunst und dem Obstanbau widmete. In seinem Hauptwerk, der fünfbändigen "Theorie der Gartenkunst", setzt er sich intensiv mit dem englischen Landschaftsgarten auseinander und entwickelt daraus die Idee des Volksgartens. 

Die Volksgärten sollen dem Grundbedürfnis der städtischen Bevölkerung nach Naturerleben begegnen und gleichzeitig der sittlichen Erziehung dienen. Öffentlich zugängliche Parkanlagen sollten von den lasterhaften Vergnügungen der Großstädte ablenken und dadurch zivilisierend wirken. Die Gestaltung städtischer Park- und Gartenanlagen wird erstmals als staatliche Aufgabe aufgefasst. Parks und Gärten werden nun nicht mehr nachträglich für die Allgemeinheit geöffnet, sondern von vornherein für die städtische Öffentlichkeit gestaltet. 

Seine Vorstellungen zum Obstanbau setzt Hirschfeld ab 1784 in der Fruchtbaumschule in Düsternbrook um, an die seit 1993 an gleicher Stelle der Hirschfeld-Blick erinnernt. 

 

Hirschfeld-Blick in Düsternbrook
Ausblick vom Hirschfeld-Blick auf die Förde


Öffentliche Parks in der Kaiserzeit | Urbane Gärten

Viele Kieler Parkanlagen sind im Zuge der Stadterweiterung während der Kaiserzeit entstanden. Dem damaligen Stil entsprechend, hatten sie oft einen sehr repräsentativen Charakter und orientierten sich am Stil des englischen Landschaftsparks.

Ab 1896 wurde auf dem Gelände der Forstbaumschule die erste öffentliche Parkanlage Kiels angelegt. Auf dem Gelände befand sich ursprünglich die Baumschule der staatlichen Forstlehrschule.  Sie wurde umgewandelt in einen Landschaftspark nach englischem Vorbild mit Wald- und Strauchflächen, dekorativen Einzelbäumen und großen Rasenflächen. Der ursprüngliche Baumbestand ist zum großen Teil erhalten und heute als Naturdenkmal ausgewiesen. 1904 wurde die heute noch an dieser Stelle vorhanden Gastwirtschaft als Ausflugslokal errichtet. 

Ab 1901 wurde unter der Leitung von Stadtgartenbaudirektor Ferdinand Hurtzig der Schrevenpark angelegt, der heute als einziger Park in Kiel noch im Wesentlichen die Gestalt der Landschafsparks der Kaiserzeit trägt. Nach Fertigstellung des Schrevenparks wurden unter Hurtzigs Leitung noch weitere Parkanlagen angelegt, so zum Beispiel der Schützenpark. 


 

Forstbaumschule um 1905
Historische Postkarte von der Forstbaumschule mit Gastwirtschaft 1905


Das soziale Grün | Urbane Gärten

"Die Großstadt braucht Gärten aus Not, und ich glaube auch, dass sie die Kraft und die Neigung hat, aus reiner Freude an Gärten solche zu schaffen. Schafft Gärten!" Mit diesen Worten appelliert Leberecht Migge 1913 für mehr Grün in den Städten.

Migge ist ein Vertreter der sozialorientierten Grünplanung, die im Kontext der rasant gewachsenen Großstädte der Kaiserzeit entsteht. In Anbetracht der beengten Wohn- und Lebensverhältnisse fordert sie eine besser Ausstattung mit Grün- und Freiräumen. Das urbane Grün sollte Raum für Erholung, Sport und Spiel schaffen. 

An den Landschaftsparks der Kaiserzeit werden zudem die stark eingeschränkten Nutzungsmöglichkeiten kritisiert. Städtische Parks sollen nicht nur dem gesitteten Spaziergehen dienen, sondern auch über aktiv nutzbare Bewegungsmöglichkeiten verfügen. 

An diese Gedanken knüpfen auch die Planungen Migges an. Sie sehen begehbare Rasenflächen, so genannt "Tummelwiesen" für die Bewegung sowie vielfältige Spiel- und Sportmöglichkeiten vor. In Kiel setzt Migge seine Vorstellungen vom sozialen Grün sowohl in den Planungen für den Grüngürtel als auch in dem ab 1923 zum Volkspark umgestalteten Werftpark in Gaarden um. 


 

Planschbecken im Volkspark Gaarden
Historische Postkarte vom Planschbecken im Volkspark


Kleingärten | Urbane Gärten

Der Grüngürtel ist bis heute geprägt durch die Vielfalt der städtischen Kleingartenanlagen.

Viele dieser Kleingärten existieren bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg wurden sie zu einem unverzichtbaren Bestandteil von Leberecht Migges Selbstversorgungskonzept.

Heute gibt es in Kiel mehr als 10.000 Kleingartenparzellen auf einer Fläche von rund 480 Hektar. Die meisten Kleingartenanlagen liegen auch heute noch innerhalb des Grüngürtels.

Die Kleingärten sind ein wichtiger Bestandteil der Kieler Grünversorgung. Sie sind Rückzugsraum für Pflanzen und Tiere und wirken auch darüber hinaus als ökologische Nischen. 



 

Rosen am Zaun eines Kleingartens


Stadtgartenwanderweg | Urbane Gärten

Mit dem Stadt.Garten.Wander.Weg wird eine grüne Wegeverbindung geschaffen, die die urbenen Gärten innerhalb des Grüngürtels miteinander verbindet.

Der 44,5 km lange Wanderweg führt entlang von 76 Kleingartenanlagen, deren Parzellen ebenso vielfältig und bunt sind wie die Gesellschaft. Kleingärten sind nicht nur Orte zur Selbstversorgung und zum Pflanzen von Lieblingsblumen, sondern auch Orte zum generationsübergreifendem und interkulturellem Austausch.
Auch entlang der Wohngebiete mit ihren unterschiedlich gestalteten Vorgärten zeigt sich die Vielfalt der Gesellschaft.

Besondere Schmuckstücke der urbanen Gärten sind der Botanische Garten und die Friedhöfe mit den Friedhofsgärten, die in den Wegeverlauf eingebunden sind.


 

Wanderweg durch eine Kleingartenanlage
Weg durch eine Kleingartenanlage