Oberbürgermeister*innen

Paul Fuß (1844 - 1915)

Foto Oberbürgermeister Paul Fuß
Oberbürgermeister Paul Fuß

* 29.06.1844 in Posen
+ 07.01.1915 in Charlottenburg


Amtszeit
1.12.1888 - 3.12.1912

Oberbürgermeister seit 1890

Paul Fuß, Sohn eines Geheimen Revisionsrates, wurde am 29. Juni 1844 in Posen geboren. Nachdem der Vater nach Berlin versetzt wurde, besuchte Fuß dort das Französische Gymnasium. In Berlin und Heidelberg studierte er Rechts- und Staatswissenschaften und schloss die juristische Ausbildung mit 25 Jahren als Gerichtsassessor ab.

Es folgte die kommissarische Verwaltung von Richter- und Staatsanwaltsstellen in Forst und Beuthen. Nachdem Fuß zuletzt Erster Staatsanwalt in Thorn war, wurde er 1876 besoldeter Stadtrat in Danzig. Er erhielt das Dezernat der Wasserleitung und Kanalisation, der Armenverwaltung und später des Schulwesens. 1879 wurde Fuß zum Landesrat der Provinz Westpreußen gewählt, 1883 ins Danziger Stadtverordnetenkollegium.

Von Paul Fuß hängt ein Bild in der Portraitgalerie im Rathaus.
 


Ein Monarchist im Konflikt mit Liberalen & Arbeiterschaft

Im Mai 1888 bewarb er sich um die vakant gewordene Stelle des Bürgermeisters in Kiel. In seiner Vorstellung zur Wahl bekannte Fuß vor der Kieler Bürgerschaft: „Meine innigsten Sympathien gehören in der Tat der Stadtverwaltung, diese Sympathien legen mir den Wunsch nahe, an die Spitze eines städtischen Gemeinwesens treten zu können, um dort die gewonnenen Erfahrungen in selbständiger Weise verwerten zu können“ (Kieler Zeitung, 21. Juli 1888).

Am 25. Juli erfolgte die Wahl von Fuß, am 1. Dezember 1888 der Dienstantritt. Paul Fuß war in seiner politischen Einstellung monarchisch, preußisch, konservativ. Er stand in Opposition zu den Linksliberalen und vor allem zur SPD.

Als 1891 die ersten beiden Sozialdemokraten in das Rathaus einzogen, hegte er die Befürchtung, dass diese Tendenz zunehmen würde und ihr begegnet werden müsse. Wahlberechtigt in Schleswig-Holstein war nur derjenige, der männlich und volljährig war, die deutsche Staatsangehörigkeit besaß, mindestens ein Jahr in der Stadt wohnte und eine gewisse Steuerleistung erbrachte. Ursprünglich war in Kiel ein Minimaleinkommen von 600 Mark festgesetzt. Mit Anwachsen der Arbeiterschaft und steigenden Löhnen befürchteten die bürgerlichen Kreise, dass die SPD die Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung erhalten könnte.

Die Einkommensgrenze wurde 1892 in Kiel daher auf 1200 Mark erhöht. Damit verloren über 5000 Wähler das Wahlrecht, vor allem die Anhänger der SPD. Als 1900 die Wiederwahl von Fuß anstand, kam es im Wahlkampf zu heftigen Angriffen der SPD, die Fuß die Wahlzensuserhöhung anlastete. Er wurde nur mit knapper Mehrheit wiedergewählt. Da Fuß einen weiteren Anstieg der SPD bei den Kommunalwahlen befürchtete, forderte er ein Fünf- beziehungsweise Dreiklassenwahlrecht. In einer heftigen Debatte entschied sich das Stadtverordnetenkollegium 1909 mit 15:13 Stimmen gegen die Änderung des Wahlrechts.
 


Eine großstädtische Infrastruktur entsteht

Paul Fuß, dem 1890 vom preußischen König der Titel eines Oberbürgermeisters verliehen wurde, trat sein Amt an, als Kiel circa 60.000 Einwohner hatte. Bei seinem Ausscheiden 1912 lebten circa 215.000 Menschen in der Stadt, die damit Großstadt geworden war und enorme Verwaltungsaufgaben zu bewältigen hatte. Unter Paul Fuß wurden viele Neuerungen und Veränderungen in Kiel eingeführt, zum Beispiel im gesundheitlichen Bereich, in der Schulverwaltung, im Bau- und Verkehrswesen.

Um Seuchen zu vermeiden, sahen sich Städte veranlasst, für sauberes Trinkwasser zu sorgen. Nach dem Bau des ersten Wasserwerkes mit einem Wasserbehälter im Vieburger Gehölz, wurde ein weiteres Wasserwerk 1889 am Schulensee in Betrieb genommen, 1898 der Wasserturm auf dem Ravensberg und 1910 das Wasserwerk im Schwentinetal. 1899 beschloss man die Vollkanalisation der Stadt, die 1907-29 umgesetzt wurde.

Paul Fuß, der sich durch diese Maßnahmen um die Gesundheit der Kieler Bevölkerung bemühte, veranlasste auch die Erweiterung des Städtischen Krankenhauses, die Einrichtung einer Fürsorgestelle für Lungenkranke und einer Walderholungsstätte für Frauen. Wegen seiner Verdienste auf dem Gebiet der Gesundheitspflege wurde Fuß 1907 von der Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität die Ehrendoktorwürde verliehen.
 


Öffentliche Bauten & Grünanlagen

In der Amtszeit von Fuß entstanden zahlreiche städtische Bauten: zum Beispiel 1897 die Gasanstalt in der Wik, 1901 das Elektrizitätswerk, 1907 das Theater am Kleinen Kiel, 1911 das neue, prächtige Rathaus, zu dessen Einweihung der Kaiser erschien. Notwendig waren auch neue Schulbauten. Gab es in Kiel 1901 nur 7 Mittel- und 22 Volksschulen, waren es 1907 schon 10 Mittel- und 32 Volksschulen. Drei neue höhere Schulen kamen hinzu: 1897 die heutige Hebbelschule, 1907 die Max-Planck-Schule und die Käthe-Kollwitz-Schule für Mädchen.

Die Eingemeindungspolitik, die unter Oberbürgermeister Mölling begonnen hatte, setzte Fuß erfolgreich fort. Bis 1910 gehörten Projensdorf, die Wik, Hasseldieksdamm, Hassee, Gaarden, Ellerbek und Wellingdorf zu Kiel. Damit verbunden war eine Verbesserung der Verkehrsverhältnisse. 1896 fuhr die erste elektrische Straßenbahn, die ein voller Erfolg war und ständig erweitert wurde. 1910 war die Gablenzbrücke fertiggestellt und damit eine schnelle und bequeme Verbindung des West- und Ostufers geschaffen.

Auch für die Erholung der Bürger und die Verschönerung der Stadt setzte sich Paul Fuß ein. 1901/02 wurden der Schrevenpark, früher Hohenzollernpark, 1903 der Schützenpark angelegt, 1904/05 die Fortbaumschule erweitert. 1912 entstanden das Klaus-Groth-Denkmal am Kleinen Kiel und der Schwertträgerbrunnen auf dem Neumarkt, heute Rathausplatz.

Neben seiner Arbeit als Oberbürgermeister von Kiel war Paul Fuß Mitglied des preußischen Herrenhauses, des Provinziallandtages Schleswig-Holstein, Vorsitzender des Schleswig-Holsteinischen Städtevereins und des Vereins für öffentliches Gesundheitswesens.

1912 schied Fuß aus dem Amt aus, am 7. Januar 1915 verstarb er in Charlottenburg. Er war ein bedeutender Oberbürgermeister, der sich den Anforderungen einer Großstadt gestellt und viel geleistet hat. Sein Nachfolger Oberbürgermeister Lindemann urteilte in seinem Nachruf: „Sein Name ist für alle Zeit mit der Geschichte der Stadt Kiel verknüpft, sein Andenken wird in hohen Ehren gehalten werden“ (Kieler Zeitung 20. Januar 1915).

Auch die SPD, die Fuß als Gegner empfunden hatte, bestätigte dieses Urteil und fügte hinzu, „dass er selbst im heißesten Kampfe ein vornehmer Gegner war. ... Persönlich war er von größter Zuvorkommenheit und Liebenswürdigkeit“ (Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung 7. Januar 1915).
 

Text: Christa Geckeler


Literatur & Zeitungen

  • Akte 24713: Personalakte Oberbürgermeister Paul Fuß, Stadtarchiv Kiel
  • Bericht über die Verwaltung und den Stand der Gemeindeangelegenheiten der Stadt Kiel in der Zeit vom 1. April 1901 - 31. März 1906
  • Wenzel, Rüdiger: Bevölkerung, Wirtschaft und Politik im kaiserlichen Kiel zwischen 1870 & 1914, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 7, Kiel 1978, Seite 71-123
  • Wulf, Peter: Kiel wird Großstadt (1867-1918), in: Jürgen Jensen und Peter Wulf (Hg): Geschichte der Stadt Kiel, Neumünster 1991, Seite 223-229
  • Zeitschrift für Kommunalwissenschaft und Kommunalpolitik, Jg. 1915, Heft 2, Seite 45
  • Kieler Zeitung vom 21. Juli 1888, vom 13. Oktober 1912, vom 10. Januar 1915, vom 20. Januar 1915
  • Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung vom 7. Januar 1915, vom 9. Dezember 1966

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